Haben sich die Versprechen der Aufklärung in der Moderne erfüllt?

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3 Antworten

Nehmen wir als Maßstab für die Ziele der Aufklärung Immanuel Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“. Da heißt es:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

Wenn ich Horkheimer und Adorno richtig verstehe, sind sie vor allem durch die Erfahrung des Nationalsozialismus geprägt. Ihrer Meinung nach hat vor allem dieser – und natürlich auch die nationale „Begeisterung“ zu Beginn des 1. Weltkriegs – gezeigt, dass das „Projekt Aufklärung“ gescheitert ist. Wie leicht war es doch für die Strategen der Nationalsozialisten, sich zu Vormündern der Deutschen aufzuwerfen. Die „vermeintlichen Medien der Aufklärung“ wie Zeitungen und Rundfunk waren erstaunlich schnell zu „Medien der Verdummung!“ zu missbrauchen und die „süffige“ emotionale Begeisterung hat sich wie ein Schmierfilm über alles kritische Denken gelegt. Wie später Hannah Arendt enttäuscht feststellte, ließen sich gerade die sogenannten Intellektuellen viele Gründe einfallen, warum eine Kooperation mit dem Nationalsozialismus „vernünftig“ war, wo sie doch nur ihre Aussichten auf Karriere besser einschätzten als in einer mühsamen Wettbewerbswirtschaft. Selbst ein Heidegger war von solchen Träumen nicht frei.

Wenn sich allerdings Horkheimer und Adorno in die Falle der marxistischen Interpretation begeben haben und den Nationalsozialismus mit einer „kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft“ identifizierten, haben sie übersehen, dass selbst „freie Unternehmer“ bereit waren, sich einer staatlichen Wirtschaftslenkung zu unterstellen, wenn ihnen nur sichere Profite im Tausch gegen das Risiko des Wettbewerbs versprochen wurden. Prägend war die staatliche, von NSDAP-Ideologie und –Zielen gesteuerte Wirtschaftslenkung. Menschen aller Schichten haben sich ihrem Potential gemäß als gierige Mit-Räuber korrumpieren lassen, die einen als kleine, die anderen als große Mittäter. Anderen nicht die eigene Leitung des Lebens abzugeben bedeutet letztendlich, sich keinen Illusionen IRGENDEINES ISMUS hinzugeben. Vielleicht hat Adorno diese Einsicht zum Höhepunkt der „revolutionären 68er-Studentenwirren“ auch gehabt, als er davon überrollt wurde. Wir wissen es nicht.

Es gibt die (meiner Meinung nach begründete) Theorie, dass die französische und englische Aufklärung ihren Anstoß aus der Wiederentdeckung des Epikureismus in der Renaissance bekam. Bei nahezu allen Aufklärern lässt sich zeigen, dass sie „De Rerum Natura“ von Lukrez kannten oder gar Epikur in Übersetzung durch Pierre Gassendi (1592-1655). In Loslösung von der Scholastik ist aber eine Überbetonung der Ratio geblieben (einzig David Hume ist da kritischer), erst recht bei Immanuel Kant. Auswüchse des rationalistischen, utilitaristischen Kalküls zeigen, wie sich die Nutzung des Verstandes einseitig auf die Schiene der Effektivität, der Funktionalität begeben hat. Die Pflege eines sensiblen, mitmenschlichen Gemüts mit dem Kern der Freundschaftspflege ist nie wirklich tradiert worden und liegt heute in Händen von auflagegierigen Medien, umsatzgierigen Werbern und Verkaufs- wie Propagandastrategen. Wissenschaft ist öffentlich zum Instrument der Selbsttäuschung geworden. Das haben allerdings auch Horkheimer und Adorno „heraufziehen“ sehen.

Zur Aufklärung an sich: Ziel der Aufklärung war zum einen die Förderung der Vernunft, des vernünftigen und selbständigen Denkens(siehe Kant), zum anderen wollte man eine Gesellschaft erschaffen, in der die Grundrechte jedes einzelnen gewährleistest waren, in der es nicht zur Tyrannei kommen kann.

Adorno und Horkheimer behaupten nun, hinter dier Aufklärung haben die instrumentelle Vernunft gestanden, also das Streben, die Natur zu beherrschen. Außerdem reflektiere die instrumentelle Vernunft nur die Mittel, nicht das Ziel selbst.

Diese Behauptung ist jedoch angesichts der eben erläuterten Ziele der Aufklärung nicht haltbar: Mit der Natur befassten sich die Aufklärer nicht, ihr Ziel war auch nicht, irgend etwas anderes zu beherrschen. Auch war bei ihnen durchaus auch eine Reflektion über die Ziele an sich zu erkennen; denn Teil der Lehre der Aufklärer war es ja, kritisch zu denken, alles zu hinterfragen.

Insofern kann die Kritik Adornos und Horkheimers zurückgewiesen werden, da sie auf einer Fehleinschätzung der Aufklärung basiert.

Ansonsten hat die Aufklärung vor allen Dingen eine humanere Welt versprochen, eine Welt, in der die Grundrechte geachtet werden. Diese Welt ist zwar noch nicht erreicht, dennoch zeigt der Blick in die Geschichte, dass wir ihr gerade seit der Aufklärung stetig näherkommen. Die Phase des Nationalsozialismus und andere kurze Unterbrechungen haben dies nicht verhindern können.

Ein anderes Versprechen der Aufklärung war, dass wir die Welt verstehen werden. Auch diesem noch nicht verwirklichten Versprechen sind wir seit der Aufklärung immer näher gekommen.

Zusammenfassend lassen sich also zwei Dinge festhalten:

  1. Adornos und Horkheimers Kritik an der Aufklärung verfehlt ihr Ziel.

  2. Die Versprechen der Aufklärung sind noch nicht verwirklicht, aber sie sind auf dem besten Weg dazu.

fechi333 09.12.2013, 13:59

Du liest da Adorno wohl ein wenig zu konkretistisch. Du hast schon ganz Recht, wenn du rekonstruierst, dass die Ansprüche der Aufklärung in einem starken Bezug auf die Vernunft bestehen und dass das sich verkehrende Verhältnis in der Form instrumenteller Vernunft wiederfindet. Jedoch darfst du ja nicht das Scheitern damit abwatschen, dass die Ziele ja andere gewesen wären - die Du hier übrigens salopp selbst gesetzt hast. Es geht doch genau darum, dass die Dialektik der Aufklärung in einem sich prozesshaften Unterminieren ihrer eigenen Ansprüche besteht.

Anderseits den naturwissenschaftlichen Duktus und deren Verfahrensweisen im Projekt der Aufklärung zu leugnen ginge doch glatt an der Realität vorbei. Wenn du dir doch mal den ersten Essay in der DdA anguckst und die Rekonstruktion über Bacon, in dem die harschen Ansprüche des "Wissens" die die "Mythen und Einbildungen" stürzen sollen, dann erscheint es mir doch sehr evident. Die generelle Emphase der Aufklärer auf Naturwissenschaften und ihre Methoden äußert sich doch in ihren Schriften virulent (hierzu als nur Beispiel und sehr interessant: E. Cassirer "Die Philosophie der Aufklärung" über Kants Adaption der Newton'schen Methode).

Und selbst Du kommst auch nicht umhin, dir sozusagen eine immanente Falle zu legen, wenn Du unten in deiner Formulierung sagst, dass das "andere Versprechen" das Verstehen der Welt wäre. Damit kaufst Du dir genau den Anfang der dialektischen Bewegung ein. Denn die Welt verstehen ist ein Anspruch, der innerhalb der Geschichte vom Wunsch nach gesicherten Wissen zum unreflektierten - insofern instrumentellen - wissenschaftlichen Gebahren führt. Von hier aus gelangt die Bewegung nach Adornos Meinung vermittelt in KZ, zu Mengele, und zur Atombombe: "Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." - Wobei diese Vermittlungen erst einmal aufgedröselt werden müssten.

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grundsätzlich ja. wir haben einen höheren bildungsgrad, weniger xenophobie, viel mehr demokratie etc.

der größte dämpfer dürften aber die beiden weltkriege gewesen sein, in denen die wissenschaft eben nicht zu frieden und brüderlichkeit sondern zu noch größeren kriegsverbrechen geführt hat.

so gesehen gibt es diese wissenschaftsgläubigkeit nicht mehr. wir glauben zwar immernoch, dass man mit ihr viele probleme lösen kann, aber die wirklich großen wie kriege, hunger und gesellschaftliche unterschiede müssen vorallem von politik und philosophie angegangen werden.

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