Haben Pflanzen einen Willen?

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12 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Würden die Pflanzen über keine Vorrichtungen verfügen, um ihr eigenes Überleben zu sichern, wären sie heute schon lange ausgestorben. Reaktionen auf Umwelteinflüsse sind ein Merkmal, das alle Lebewesen, ob Tier oder Pflanze oder etwas anderes, gemeinsam haben. Die Fähigkeit, die Wuchsrichtung zum Licht hin zu ändern, durch symbiotische Verbindungen mit Raubtieren Fressfeinde abzuhalten oder bei verwandten Pflanzen durch Hormone Abwehrmechanismen gegen Parasiten auszulösen, stellt einen evolutionären Vorteil dar und bleibt deshalb für die folgenden Generationen vorhanden.

Einen Überlebenswillen würde ich Pflanzen dennoch nicht unterstellen, da dies bewusstes Handeln voraussetzt. Pflanzen haben aber im Gegensatz zu Tieren (bzw. nur Zweiseitentieren) kein zentrales Nervensystem oder etwas Vergleichbares, sondern verarbeiten die eingehenden Reize völlig dezentral. Ohnehin könnte ich mir nicht vorstellen, was einem immobilen Lebewesen wie einer Pflanze Planungs- und Abstraktionsvermögen, welches über ein simples Reiz-Reaktions-Schema hinausgeht, für Vorteile verschaffen sollte. So könnte sie z.B. auf Schmerzen durch Verletzungen überhaupt nicht angebracht reagieren.

Das heißt, du würdest einer Fliege auch keinen Überlebenswillen unterstellen? Oder Planungs- und Abstraktionsvermögen?

Das die Reizverarbeitung dezentral abläuft, sagt doch nur, dass die Reizverarbeitung dezentral abläuft. Warum schließt du daraus auf das Fehlen eines Willens? Vielleicht funktioniert Willen bei Pflanzen oder Tieren ohne Zentralnervensystem einfach nur anders?

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@Imago8

Wieso schließt du von Pflanzen auf Fliegen? Letztere haben ein ZNS, nämlich das Bauchmark. Deshalb ist es durchaus denkbar, dass sie zumindest ein rudimentär ausgeprägtes Bewusstsein haben, mitsamt den dazugehörigen Fähigkeiten.

Aber nach allen Erkenntnissen der Neurobiologie ist es nun einmal nicht möglich, dass ein komplexes Lebewesen ohne ZNS seine sämtlichen Aktionen koordiniert und damit als ganzes handelt oder ein Bewusstsein ausbildet.

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@DiegoderAeltere

Ich wusste nicht, dass ein Strickleiternervensystem auch zum ZNS gezählt wird. Wieder was gelernt.

nicht möglich, dass ein komplexes Lebewesen ohne ZNS seine sämtlichen Aktionen koordiniert und damit als ganzes handelt


Was bedeutet denn "als Ganzes handeln"? Wie koordiniert eine Pflanze sonst Stoffwechselvorgänge, Wachstum, Fortpflanzung usw. wenn nicht "als Ganzes"? Verstehe nicht, was das Gegenteil dazu sein soll. Ist die Pflanze ein Konglomerat aus "autonomen" Teilen?

Und zum Bewusstsein: es gibt noch keine Methode, die Bewusstsein direkt messen kann. Mit wissenschaftlichen Methoden kann man nur beobachten. Aber wie das interpretiert wird, ist wieder vom Menschen und seinem Bild von der Natur abhängig. Also immer vollkommen anthropozentrisch. Deswegen ist der Begriff "unmöglich" in meinen Augen unangebracht, denn er gaukelt Objektivität vor. Es müsste eigentlich lauten: "für die Wissenschaftler, die die Messergebnisse interpretiert haben, nicht vorstellbar."

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@Imago8

Die Nervensysteme von Gliederfüßern und ähnlichen Tieren sind zwar nicht so zentralisiert wie die von Kopffüßern oder Wirbeltieren, aber sie weisen trotzdem übergeordnete Nervenknoten auf, die die gleichen Funktionen erfüllen.

Meine Formulierung "als ganzes handeln" mag missverständlich sein. Damit meinte ich, dass das zentrale Nervensystem die höchstgeschaltete Steuerungseinheit des Körpers ist. Sämtliche Reize werden zum ZNS getragen, und sämtliche Aktionen und Reaktionen gehen von dort aus. Bei Pflanzen ohne ZNS erfolgt die Reizweiterleitung über chemische Signale ungerichtet von einer Zelle zu den Nachbarzellen.

Als Beispiel: Wenn du auf eine heiße Herdplatte fasst, registrieren die Sinneszellen in deiner Haut die Hitze und leiten diesen Reiz an dein Rückenmark weiter. Dort wird der Reiz verarbeitet und als Antwort an die Muskeln in deinem Arm der Befehl gesendet, die Hand von der Platte zu nehmen.

Wenn hingegen eine Pflanze, z.B. ein Strauch, an einer Stelle angefressen wird, wird durch die registrierten Reize beispielsweise die Produktion von Bitter- oder Giftstoffen angeregt. Während das im verletzten Pflanzenteil abläuft, ist der Rest der Pflanze aber völlig ahnungslos. Die Signale, die vom betroffenen Teil ausgesendet werden, erreichen nach einiger Zeit die benachbarten Pflanzenteile, die nun ebenfalls mit einer Produktion von Giftstoffen reagieren, während der Großteil der Pflanze immer noch keine Reizung wahrnimmt. Das meinte ich, als ich sagte, dass die Pflanze nicht als ganzes agieren kann, weil sie nicht von einem zentralen Nervenorgan aus gesteuert wird.

Wegen diesen beiden grundsätzlich verschiedenen Arten der Reizverarbeitung halte ich es also für sehr unwahrscheinlich, dass Pflanzen irgendetwas haben, was mit dem tierischen Bewusstsein vergleichbar wäre.

Aber mit deinem letzten Absatz hast du natürlich recht. Deswegen habe ich auch geschrieben "nach allen Erkenntnissen der Neurobiologie". Der Kenntnisstand kann sich immer ändern, aber alles, was darüber hinausgeht, ist reine Spekulation.

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@DiegoderAeltere

Ok. Jetzt verstehe ich, wie du darauf kommst, dass die Pflanze nicht als Ganzes handelt.

Nur noch ein Aspekt zur Gerichtetheit: bei einer Pflanze gehen die Signale zwar nicht hin zu einem Zentrum und von dort aus wieder weg, aber die Signale breiten sich ja trotzdem aus. Die Richtung könnte also "nach außen" lauten. Das geschieht natürlich viel langsamer als bei einem Tier. Aber nach einer gewissen Zeit ist auch so die ganze Pflanze "informiert".

Aber wie auch immer. Danke für deine nachvollziehbare Darlegung. Bin gespannt, was in Zukunft an Erkenntnissen dazukommt.

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Alle Lebewesen besitzen Instinkte und Mechanismen, um sich vor Gefahren zu schützen - selbst die weniger komplexen.

Der Unterschied zu uns Menschen ist der, daß wir uns dessen bewusst sind. Die Pflanzen nicht.

Zu einem Bewusstsein gehören mehrere Sinne, um seine Umwelt wahrzunehmen, eine komplexes Zentralnervensystem und die Fähigkeit, kausale Zusammenhänge aus der Umwelt zu erkennen, zu verarbeiten, zu abstrahieren und vor allem die Ergebnisse seiner Umwelt mitteilen zu können.

Ein Willen setzt ein gewisses Maß an Bewusstsein voraus, über das die Planzen nicht verfügen.

Danke für die Antwort. Ich frage mich allerdings, warum sich viele so sicher sind, dass Pflanzen kein Bewusstsein haben.

Woher nimmt man diese Sicherheit?

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@Imago8

Ich spreche nur für mich. Ich jedenfalls bin mir sicher.

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@Roderic

Okay, aber warum?

Weißt du wie es ist, eine Pflanze zu sein?

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@Imago8

Lies nach bei Descartes.

Bewusstsein bedeutet (für mich), daß man seine Umwelt mit einem komplexen Sinne (vorzugsweise dem Sehsinn) wahrnimmt

UND

seinen eigenen Körper darin. Und in der Lage ist, beides voneinander zu unterscheiden und daraus die eigene Existens als eine abstrakte Eigenschaft seines Körpers und seines Wesens abzuleiten.

Pflanzen haben keinen solchen komplexen Sehsinn.

Und wenn sie es mit ihren anderen Sinnen trotzdem schaffen eine Form von Bewußtsein in diesem Sinne zu entwickeln, dann ist es ein völlig anderes als das, was wir Menschen darunter verstehen.

Dafür wäre in meinen Augen der Begriff Bewusstsein dann nicht mehr gerechtfertigt. Es wäre etwas komplett anderes.

Aber darum ging es ja primär in deiner Frage nicht. Es ging um den Willen.

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@Roderic

Das würde bedeuten, dass ein blinder Mensch kein Bewusstsein haben kann? Wie würdest du das dann nennen?

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@Imago8

Nein. Das bedeutet es nicht.

Degradiere diese Debatte bitte nicht zu einer rhetorischen Rabulistikschlacht, indem du mir Aussagen in den Mund legst, die ich nicht gemacht habe.

Ein blinder Mensch hat noch andere Sinne, die das Fehlen des Augenlichtes kompensieren.

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@Roderic

Danke übrigens für das Wort Rabulistik! Kannte ich noch nicht.

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@Imago8

Gerne geschehen.

Findest du übrigens zuhauf hier bei GF.

Zumeist gar nicht mal in bewusster oder gar böswilliger Absicht.

;-)

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Das ist eine schwere Frage. Einen richtigen Willen, so wie ein Tier haben sie nicht. Das heißt, sie können keine eigenen Endscheidungen treffen. Andererseits erstreben sie, so wie alle anderen Lebewesen, das überleben. Es ist ihnen wichtig zu leben, aber trotzdem haben sie keinen Willen.

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