Goethe Zitat (Noten und Abhandlungen zum westlichen Dvan, WA1,7,32)

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Mahomet #

Da wir bei unseren Betrachtungen vom Standpunk- te der Poesie entweder ausgehen oder doch auf densel- ben zurückkehren, so wird es unsern Zwecken ange- messen sein, von genanntem außerordentlichen Manne vorerst zu erzählen, wie er heftig behauptet und beteuert: er sei Prophet und nicht Poet und daher auch sein Koran als göttliches Gesetz und nicht etwa als menschliches Buch, zum Unterricht oder zum Vergnügen, anzusehen. Wollen wir nun den Unter- schied zwischen Poeten und Propheten näher andeu- ten, so sagen wir: beide sind von einem Gott ergriffen und befeuert, der Poet aber vergeudet die ihm verlie- hene Gabe im Genuß, um Genuß hervorzubringen, Ehre durch das Hervorgebrachte zu erlangen, allen- falls ein bequemes Leben. Alle übrigen Zwecke ver- säumt er, sucht mannigfaltig zu sein, sich in Gesin- nung und Darstellung grenzenlos zu zeigen. Der Pro- phet hingegen sieht nur auf einen einzigen bestimmten Zweck; solchen zu erlangen, bedient er sich der ein- fachsten Mittel. Irgendeine Lehre will er verkünden und, wie um eine Standarte, durch sie und um sie die Völker versammeln. Hiezu bedarf es nur, daß die Welt glaube; er muß also eintönig werden und blei- ben, denn das Mannigfaltige glaubt man nicht, man erkennt es. #

( Hier: Goethe, Berliner Ausgabe, Bd. 3, S. 183 ff. )

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