Gleichheit nach Aristoteles.....

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4 Antworten

Also, Aristoteles geht es hier eigentlich um Unterschiede, d.h. um die Frage, ob wir es mit gleichen Unterschieden zu tun haben. Da gibt es 2 verschiedene Arten von "gleich":

Der Unterschied zwischen den Zahlenpaaren <3 , 2> und <2 , 1> kann man als "der Zahl nach gleich" ansehen: er ist nämlich -1. D.h. wenn ich 1 von 3 abziehe, komme ich zur 2 und wenn ich 1 von 2 abziehe, komme ich zur 1.

Der Unterschied zwischen den Zahlenpaaren <4 , 2> und <2 , 1> kann man als "dem Werte nach gleich" ansehen: er ist nämlich * 0.5. D.h., wenn ich 4 mit 0,5 multipliziere komme ich zur 2 und wenn ich die 2 mit 0,5 multipliziere komme ich zur 1. Der Zahl nach ist der Unterschied nicht gleich, da ist nämlich der Unterschied zwischen 4 und 2 = -2 und der zwischen 2 und 1 = -1.

Was hat das jetzt mit Gerechtigkeit zu tun? Naja, überleg Dir als Beispiel, es geht darum, wieviel Steuern zu zahlen sind. Da kann man sich jetzt auf den Standpunkt stellen, gerecht ist, wenn jeder das Gleiche bezahlt. Was heißt aber "das Gleiche"? Der Zahl nach würde jeder denselben Betrag zahlen, also z.B. 1000 Euro (unabhängig vom Verdienst). Dem Werte nach würde jeder sagen wir 10% von seinem Verdienst zahlen, also der, der 10 000 Euro verdient 1000 Euro und der, der 100 000 Euro verdient 10 000 Euro. Beides ist in einem gewissen Sinne "gerecht", je nachdem, welchen Begriff von "gleich" man zugrunde legt.

Zu diesen beiden Arten der Gleichheit steht etwas bei Aristoteles, Nikomachische Ethik (Ἠθικὰ Νικομάχεια; lateinisch: Ethica Nicomachea) 5, 6 und 5, 7 und Politik/Politisches (Πολιτικά; lateinisch: Politica) 3, 9; 5,1; 6,2 und 6, 3.

Gerechtigkeit als besondere einzelne Tugend (nicht Tugend allgemein) ist nach Aristoteles die auf das Gerechte ausgerichtete innere Haltung/Einstellung (ἕξις). Das Gerechte bestimmt er als das (proportional) Gleiche. Aristoteles unterteilt das Gerechte (τὸ δίκαιον) näher in zwei große Bereiche:

1) das Gerechte beim Verteilen

2) das Gerechte beim Ausgleichen

Die beiden Arten der Gleichheit, um die es in der Frage geht, sind von antiken Griechen auch arithmetische und geometrische Gleichheit genannt worden (vgl. z. B. Platon, Nomoi 757).

Die Gerechtigkeit ist für Aristoteles eine proportionale Gleichheit. Das Gerechte beim Verteilen ist Gleichheit der Verhältnisse (Nikomachische Ethik 5, 6, 1131 a 29 – 32) und eine geometrische Proportion (Nikomachische Ethik 5, 6, 1131 b 11 – 13). Das Gerechte beim Ausgleich geschieht nach arithmetischer Proportion (Nikomachische Ethik 5, 7, 1131 b 32 – 1132 a2; Nikomachische Ethik 5, 7, 1132 a 29 – 30). Beim Verteilen ist das Verhältnis des Wertes von Personen zu dem Wert der ihnen jeweils zugeteilten Sachen gleich. Beim Ausgleichen ist das Verhältnis des Wertes der gegebenen und erhaltenen Sachen gleich bzw. gleicher Handlungen verschiedener Menschen werden gleich behandelt, also ohne Ansehen der Person. Der Wert der Personen spielt keine Rolle.

A) Gleichheit nach der Zahl (ἀριθμῷ)

Die Gleichheit nach der Zahl meint eine genaue quantitative Gleichheit. Beim Ausgleichen wird ein Gegenstück mit genau gleich viel Wert (Äquivalent) gegeben. Es soll kein Zuviel oder Zuwenig als ungerechtfertigter Vorteil oder Nachteil geben. Eine bestehende/aufgetretene Differenz ist auszugleichen, z. B. der Wert einer noch nicht bezahlten Ware zu bezahlen.

Beim Verteilen wäre eine Gleichheit nach der Zahl strikt egalitär. Gerechtigkeit würde immer als Gleichheit bestimmt, bei der alle stets gleich viel bekommen. Insofern wäre das Prinzip „jeder hat gleich viel (vom in einer Gemeinschaft Verteilten)".

Aristotelisch ist aber, das Gerechte als proportionale Gleichheit aufzufassen. Dabei werden Gleiche gleich behandelt, Ungleiche ungleich.

B) Gleichheit nach dem Wert (κατ᾽ ἀξίαν)

Wie Aristoteles darlegt, ist das Gerechte das Gleiche (τὸ ἴσον), allerdings das proportional Gleiche. Dabei bekommt nicht jeder genau gleich viel, sondern entsprechend dem Wert/der Würdigkeit/dem Verdienst (das griechische Wort heißt ἀξία [axia]; Nikomachische Ethik 5, 6, 1131 a 24 - 29). Welches Kriterium dafür relevant ist, ermittelt die praktische Klugheit. Ein Beispiel an einer anderen Stelle (Politik 3, 12, 1282 b 14 – 1283 a 22) ist die Verteilung von Flöten, bei der die Fähigkeit im Flötespielen bei der Verteilung von Flöten ausschlaggebend ist, nicht Reichtum, Vornehmheit oder Schönheit.

Die Gleichheit nach dem Wert kann z. B. bei der Verteilung von Ehrungen, öffentlichen Ämtern oder Gütern in einer Gemeinschaft durchgeführt werden. Zu berücksichtigen ist, in welchem Verhältnis die ἀξία von Personen hinsichtlich einer bestimmten Verteilung steht. Beispielsweise kann zwischen der ἀξία der Personen A und B das Verhältnis dabei 1 : 2 (Hälfte) oder 3 : 4 (Dreiviertel) sein (z. B. weil die Fähigkeiten oder vorher erbrachte Leistungen geringer sind). Diesem Verhältnis/dieser Proportion entsprechend soll sein, was zugeteilt wird. Dem „Wert“ (der ἀξία) nach hat hat dann jeder das (poportional) Gleiche bekommen. Konkret kann dies kaum mathematisch exakt berechnet werden, aber die Verhältnismäßigkeit/Proportionalität soll leitendes Prinzip sein.

Aristoteles weist darauf hin, wie im politischem Zusammenhang über die Deutung des Gleichheitsgrundsatzes Meinungsverschiedenheiten auftreten können. Die Demokraten neigen dazu, hinsichtlich der politischen Rechte/dem Anteil an Entscheidungen eine Gleichheit nach der Zahl für alle Bürger (als freie Personen) haben zu wollen bzw. als Kriterium Freiheit (die alle Bürger haben), die Oligarchen neigen dazu, dies nach Reichtum bestimmen zu wollen, andere nach vornehmer Geburt, Aristokraten (gedacht ist an eine Herrschaft der Besten) nach Vortrefflichkeit/Tugend/Tüchtigkeit (ἀρετή).

In Büchern wird die Theorie der Gerechtigkeit bei Aristoteles erklärt, z. B.:

Günther Bien, Gerechtigkeit bei Aristoteles (V), In: Aristoteles: Nikomachische Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. 3., gegenüber der 2. bearbeiteten, unveränderte Auflage. Berlin : Akademie-Verlag, 2010 (Klassiker auslegen ; Band 2), S. 135 - 164

Otfried Höffe, Aristoteles. Originalausgabe. 3., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 228 - 234

John-Stewart Gordon, Aristoteles über Gerechtigkeit : das V. Buch der Nikomachischen Ethik. Freiburg im Breisgau ; München : Alber, 2007 (Alber-Reihe Thesen ; Band 29). ISBN 978-3-495-48226-1

Max Salomon, Der Begriff der Gerechtigkeit bei Aristoteles nebst einem Anhang über den Begriff des Tauschgeschäftes. Leiden : Sijthoff, 1937

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Es gibt zwar eine "Gleichheit" der Zahl, doch schon bei der Definition einer "Gleichheit" nach Wert scheiden sich die Geister. Es gibt also keine "Gleichheit" der Individuen sondern ausschließlich "Ähnlichkeiten"!

Auch Aristoteles kam als messerscharfer Denker- und Analytiker mit vielen Deutungen des o. g. Begriffs letztendlich zu keinem anderen Ergebnis. A. ersetzt den Begriff Gleichheit stattdesen durch die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der "Gerechtigkeit". Sehr anschaulich beschreibt er dabei den dehnbaren Begriff "Gleichheit" mit einer "ausgleichenden Gerechtigkeit"! Siehe auch nachstehender Link. Viel Erfolg beim verstehen dieser Zusammenhänge un d lG Gabi40.

http://www.polit-bits.de/Lernzone/Formen%20der%20Gerechtigkeit%20nach%20Aristoteles.pdf

Klingt wie Addieren und Multiplizieren bzw. Subtrahieren und Dividieren.

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