Gibt es Sonettvertonungen?

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7 Antworten

Ich kenne mich mit der Thematik nicht wirklich gut aus, aber ich bin auf diese Tagungszusammenfassung gestoßen, in der nicht nur einige (relativ frühe) Beispiele für vertonte Sonette genannt werden, sondern auch kurz angesprochen, weshalb das im deutschsprachigen Raum so selten geschehen ist.

"Mit Blick auf das 17. und 18. Jahrhundert beschäftigte sich Springfeld
mit der Frage, warum Sonette im deutschsprachigen Raum kaum vertont
wurden. Die relativ späte Verbreitung der Gedichtform, als die
musikalische Auseinandersetzung mit Sonetten längst nicht mehr zeitgemäß war, und die Vorstellung von einer regelmäßigen strophischen
Liedstruktur können als Gründe herangezogen werden."

https://www.musikforschung.de/index.php/aktuelles/tagungen-kongresse/tagungsberichte/tagungsberichte-2012/43-heidelberg-26-bis-28-september-2012

Ich sehe keinen objektiven (also: musikalischen) Grund dafür, dass Sonette kaum vertont wurden, wohl aber einen (literatur)geschichtlichen:

Das (zu Recht weltberühmte) deutsche Lied ist ja eine Erfindung der Aufklärung (als Gesellschaftsbeschätigung), die dann in der Romantik (etwa Eichendorff und - so sehen das die Nicht-Literarurtwissenschaftler - Goethes Balladen) und deren Nachwehen (Mörike) ihren Höhepunkt erlebt hat (Schumann, Wolf...).

Nun sind gerade die Aufklärung und die Romantik dem Sonett eher abgeneigt, da das deutsche Sonett doch fast ausschließlich in der Barockzeit verortet ist, einer Zeit, die mit Aufklärung und Romantik herzlich wenig gemeinsam hat (die Romantik hat  das Sonett schon deshalb ironisiert, s. etwa Tieck).

Damit hängt aber auch zusammen, dass Sonette in der Gegenwart vertont wurden. Als Beispiel nenne ich hier bloß Barbara Sukowa, die sowohl  Gryphius- wie auch Shakespearesonette vertont hat.

Mit der Frage nach Vertonungen bin ich momentan überfragt. Aber in der Tat ist der fünfhebige Jambus zwar ideal zu einer Betonung, wie man sie auch beim täglichen Sprechen benutzt (kann man an Shakespeare leicht ausprobieren), während der Alexandriner, der jede Zeile ja zweiteilt eher zum Leiern anregt (z.B. bei Racine). In Barockgedichten wird er gerne verwendet und hat dort auch seine Berechtigung, weil das unmittelbare Gegeneinanderstellen von Lebensfreude und "memento mori" zulässt, das ja das Lebensgefühl in dieser Zeit kennzeichnet.

Wenn ich eine dialogische Komposition machen wollte, würde ich eher ein Gedicht im Alexandrinerformat benutzen. Ein Sonett würde ich allenfalls für einen Rapsong nutzen.

Meiner Meinung nach ist es tatsächlich so, dass die "langen" Verse  im fünfhebigen Jambus für eine Vertonung als Lied ganz einfach ungeeignet sind. Hinzu kommen noch das strenge Reimschema, außerdem die Tatsache, dass das klassische Sonett ja keinen Refrain kennt. .

Stimmt.

-"taTAH taTAH taTAH taTAH taTAH würde auch für den Komponisten von Feuerwehrmusik vor eine echte Herausforderung bedeuten.

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Die bekannte kanadische Sängerin Loreena McKennitt hat aber "Fear no more the heat o' the sun" aus "Cymbeline" vertont - doch besteht dieses Gedicht eben nicht aus 5-hebigen Jamben und hat auch keine Sonettform.

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Ja, gibt es.

Ich habe jetzt keine Zeit zum Recherchieren (wüßte auch nicht so recht, wo ich da anfangen sollte), kann dir aber sagen, dass ich vor längerer Zeit die Theatervorführung einer Komödie von Shakespeare gesehen habe, in der, etwas ironisierend, vom Narren ein Sonett, na ja, gesungen wurde - jedoch nicht vollständig, wenn ich mich recht erinnere.

Aber dein "kaum" würde ich - nach Bauchgefühl - auch so sehen.

Gruß, earnest


Besonders gut gefallen hat mir im erhellenden Link, den Ansegisel hier eingestellt hat, folgende Erklärung:

Das Sonett sei ein Sinn-Gedicht, kein Sing-Gedicht.

Das bringt die Sache wunderbar auf den Punkt.

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Hi,

Zwar nicht deutschsprachig, aber die Künstlerin Caroll Vanwelden hat auf zwei Alben Sonnette von Shakespeare gesungen.

Die Alben heißen:
- Caroll Vanwelden sings Shakespeare Sonnets
- Shakespeare Sonnets 2

Ist schön zuzuhören oder nebenbei laufen zu lassen, wenn man es etwas jazzig mag.

VG!

Hmmm...

Musikalisch finde ich das durchaus überzeugend.

Aber hätte sie nicht statt "Let me not to the marriage of true minds" auch "Schubidubidu" singen können?

Der Text kommt doch völlig unter die Räder, ist bloße Staffage.

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Deutsche Sonette sind zweiteilig (2 Quartette, dann 2 Terzette) mit einem Wechsel in der Aussage beim Übergang von den Quartetten zu den Terzetten und sehr stark aussageorientiert. 

Dass die Romantik dem Sonett abgeneigt gewesen wäre, trifft nicht zu. 

Zitat aus der Wikipedia zu Sonett: "An ernsthafter Bedeutung gewann das Sonett wieder mit Gottfried August Bürgers Gedichtsammlung von 1789. Bürger nutzte für seine Sonette den zu dieser Zeit durch die Shakespeare-Rezeption modern gewordenen jambischen Fünfheber.

Sein Schüler August Wilhelm Schlegel machte das Sonett mit seiner Poetik und seinen Gedichten zu einem hervorgehobenen Paradigma der deutschen Romantik. Die Themen des Sonetts wendeten sich der Kunstphilosophie zu. Es entstanden Sonette auf Gemälde oder Musikstücke.

Wie zuvor rief die angesehene Form aber auch steten Spott hervor. Sonett-Liebhaber und Sonett-Gegner führten einen regelrechten Krieg gegeneinander. Unter diesen Bedingungen bezog auch Johann Wolfgang von Goethe Position und versuchte sich sehr erfolgreich an Sonetten. Während der antinapoleonischen Befreiungskämpfe wurde das Sonett zum politischen Sonett (vgl. Friedrich Rückerts„Geharnischte Sonette“, 1814).

Durch das Junge Deutschland und den Vormärz wurde das Sonett zu der am häufigsten verwendeten lyrischen Form der Zeit. Für diese Epoche steht u.a. August von Platen-Hallermünde, vor allem mit den berühmten Sonetten aus Venedig.

Im Symbolismus fand das Sonett neue Bewertung durch Stefan George (vor allem in dessen Übersetzungen), Hugo von Hofmannsthalund Rainer Maria Rilke. Auch in der Lyrik des Expressionismus trat es auf; es hatte dort den Untergang der alten Werte oder Groteskes und Komisches widerzuspiegeln. Unter den expressionistischen Dichtern bedienten sich Georg Heym, Georg Trakl, Jakob van Hoddis, Theodor Däubler, Paul Zech und Alfred Wolfenstein der Form des Sonetts."

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