Gibt es diese Gene?

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Es gibt gewisse angeborene Veranlagungen für Psychopathie.
Diese Menschen können sich weniger gut in die Gefühlswelt von anderen Menschen hineinversetzen. Und daher macht es ihnen oft etwas weniger aus, wenn sie einem anderen Menschen etwas zuleide tun. Sie leiden weniger mit.
Aber sie werden nicht zwingend alles Mörder. Die meisten Menschen, die so veranlagt sind, führen ein unauffälliges Leben.
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/hirnforscher-der-psychopath-in-mir-12893171.html

Jedes Verhalten ist teilweise genetisch bedingt. Die Gene allein können Verhalten aber nicht erklären. Unter der Überschrift nature or nurture wurde früher heftig diskutiert, ob Verhalten genetisch bedingt ist (nature) oder durch die Umwelt (nurture). Heute weiß man: es muss eigentlich nature and nurture heißen, denn Verhalten ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel zwischen dem genetischen Grundstock und der Reaktion auf die Umwelt.

Man kann sich Verhalten in etwa wie einen Schachcomputer vorstellen. Schach ist ein extrem komplexes Spiel und es ist unmöglich, einem Schachcomputer alle möglichen Spielzüge einzuprogrammieren. Warum ist das so? Ganz einfach: weil die Zahl der möglichen Züge viel zu groß ist. Schon nach 40 Zügen kann eine Schachpartie 10115 bis 10120 verschiedene Verläufe nehmen, das ist mehr als es Atome im Universum gibt, denn deren Anzahl wird auf "nur" zwischen 1084 und 1089 geschätzt!
Will man einen Schachcomputer programmieren, muss man daher anders vorgehen. Man programmiert ihm eine bestimmte Reihe von "Grundregeln" ein, darunter etwa welche Figuren es gibt und welche Züge jede einzelne Figur durchführen kann. Zusätzlich gibt man dem Programm einige "Ratschläge" mit, gewissermaßen Empfehlungen wie das Programm sich in bestimmten Situationen verhalten soll wie etwa: "Lass deinen König niemals ungeschützt". Diese vergleichsweise wenigen Grundregeln reichen aus, damit ein Schachcomputer lernen kann. Mit jedem neuen Spiel wird der Computer Erfahrungen sammeln und lernen, auf den Spieler einzugehen. Es wird z. B. erkennen, dass ein Mensch dazu neigt, bestimmte Züge häufiger zu machen und kann so auf den Spieler reagieren. Auf diese Weise ist es heute möglich, dass Computerprogramme inzwischen besser sind als so mancher Schach-Großmeister.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Verhalten. Jedem Verhalten liegt ein genetisch festgelegtes Programm zugrunde, so wie es der "Code" des Schachprogramms ist. Durch die Umwelt, also durch eigene Erfahrungen, durch Nachahmung und durch individuelle Erlebnisse wird das Verhalten nach und nach immer weiter geprägt, verändert oder gefestigt.

Wir müssen außerdem ein kleines Missverständnis ausräumen. Wenn nämlich von einem "Mörder-Gen" oder einem "Schwulen-Gen" die Rede ist, dann ist damit eigentlich kein Gen gemeint, sondern eine bestimmte Ausprägungsform eines Gens, Allel genannt. Gewissermaßen eine bestimmte Gen-Variante.

Mit Sicherheit spielen die Gene beim Verhalten also eine Rolle. Es ist auch richtig, dass manch ein Mensch genetisch bedingt stärker zu aggressivem Verhalten neigt als ein anderer. Aber die Gene sind, wie bereits gesagt, nicht alles, es kommt auf die Erfahrungen an.
Es ist z. B. erwiesen, dass wir eher zu Gewalttätigkeit neigen, wenn wir in unserer Kindheit (z. B. durch die Eltern) selbst Gewalt erlebt haben. Erst durch diese prägenden Erlebnisse kann dann das höhere Potential zur Gewaltbereitschaft sich entfalten. Grundsätzlich ist das Gewaltpotential aber in jedem von uns. Jeder ist im Grunde genommen dazu fähig, einen anderen Menschen umzubringen, es kommt nur auf die äußeren Einflüsse an. Wenn es um Notwehr geht, um die Verteidigung des eigenen Lebens, könnte jeder so gesehen zu einem "Mörder" werden - mit dem Unterschied, dass Notwehr von der Gesellschaft toleriert wird.
Es ist im Grunde genommen wie bei Kampfhunden. Kein Kampfhund ist von Natur aus "böse", er ist aber zweifellos durch Züchtung dazu geeignet, ein besonders großes Gewaltpotential zu entfalten. Er kann aber trotzdem ein ganz normaler Hund sein, erst wenn er "scharf gemacht" wird, wird er zu einer gefährlichen "Bestie".

Wir haben nun also geklärt, dass Verhalten nicht durch die Gene allein erklärt werden kann, dass aber die Gene nicht ganz unschuldig sind. Aber gibt es nun ein bestimmtes Gen (das eigentlich ein Allel ist), das ein bestimmtes Verhalten beeinflusst? Um das zu klären, müssen wir uns einmal anschauen, wie man überhaupt solche "Verhaltens-Gene" identifiziert.

Das menschliche Genom wurde durch das Human Genome Project inzwischen (nahezu) follständig entschlüsselt. Gestartet wurde es 1990, beendet war es erst im Jahr 2003. Es dauerte also mehr als ein Jahrzehnt, um das erste menschliche Genom vollständig zu entschlüsseln. Heute dauert es, dem technischen Fortschritt sei Dank, nur noch ein paar Wochen bis Tage, um das Genom eines Menschen zu entschlüsseln. Das ist zwar viel kürzer, für weitgehende Studien ist dieses Verfahren aber immer noch zu langwierig und auch zu teuer. Außerdem ist es ganz und gar unnötig, das gesamte Genom zu entschlüsseln, denn 99.9 % der Sequenz zweier beliebiger Menschen sind ohnehin identisch. Die meisten genetischen Unterschiede sind ohnehin nur vereinzelte Punktmutationen: Stellen, bei denen ein einziges Nukleotid (ein einzelner der Buchstaben A, G, C oder T) gegen ein anderes ausgetauscht ist. Diese Unterschiede in einzelnen Nukleotiden nennt man SNPs (ausgesprochen: "Snips") oder single nucleotide polymorphisms. In genomweiten Assiziationsstudien (genome-wide association study, GWAS) kann man gezielt nach solchen SNPs suchen.
Dabei geht man etwa so vor: man nimmt sich eine Gruppe mit einer bestimmten Eigenschaft und vergleicht sie mit einer Vergleichsgruppe und schaut dann, ob es bestimmte SNPs gibt, die mit einer statistischen Signifikanz in der Gruppe von Interesse häufiger auftauchen als in der Kontrollgruppe. Man könnte z. B. eine Gruppe von wegen Mordes verurteilten Gefängnisinsassen mit einer Kontrollgruppe vergleichen, um festzustellen, ob es bestimmte SNPs gibt, die bei den Mördern signifikant häufiger vorkommen.

Was heißt aber "signifikant häufiger"? Von statistischer Signifikanz spricht man, wenn der beobachtete Effekt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zufällig ist. Üblicherweise wird er mit der so genannten Irrtumswahrscheinlichkeit oder dem p-Wert (p value) angegeben. Die Irrtumswahrscheinlichkeit gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Sachverhalt fälschlicherweise als richtig angenommen wird, obwohl er eigentlich falsch ist. Ein p-Wert von 0.5 besagt z. B., dass eine Annahme mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % als wahr angenommen wird, obwohl sie falsch ist. Von Signifikanz spricht man dann, wenn die Irrtumswahrscheinlichkeit einen bestimmten Wert unterschreitet, wenn es also sehr unwahrscheinlich ist, dass eine Hypothese als wahr angenommen wird, obwohl sie eigentlich nicht zutrifft. In der Naturwissenschaft gilt als Signifikanzgrenze z. B. häufig ein p-Wert von 0.05 (was bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Hypothese fälschlicherweise als richtig annimmt, nur noch bei 5 % liegt), oft gilt auch erst ein p-Wert kleiner/gleich 0.005 als signifikant (Irrtumswahrscheinlichkeit liegt bei einem halben Prozent) oder gar ein p-Wert = 0.0005.

Die Signifikanz sagt aber nur aus, dass ein bestimmtes beobachtetes Ereignis nicht zufällig ist. Sie sagt nichts darüber aus, wie groß der Einfluss ist, wie groß also der Effekt ist. Wenn in einer GWAS also bestimmte SNPs identifiziert werden, die in einer bestimmten Gruppe signifikant häufiger vorkommen, dann kommen diese SNPs zwar tatsächlich und nicht zufällig häufiger in dieser Gruppe vor. Es lässt sich daraus aber noch lange nicht schließen, dass ein einzelner SNP enien großen EInfluss auf das Verhalten hat. Tatsächlich ist der Einfluss eines einzelnen SNP sehr gering. Erst das Zusammenspiel aller einzelnen SNPs bewirkt ein bestimmtes Verhalten.
Wie kann man sich das vorstellen? Ein kleines Beispiel: stellen wir uns vor, ein Pfadfinder geht mit einer Spenendose von Haus zu Haus, um für neue Ausrüstung für die Pfadfinder zu sammeln. Sagen wir, er bittet jeden einzelnen, einen Euro zu spenden. Vielleicht sind unter allen Spendern ein paar einzelne, die den doppelten Betrag, nämlich zwei Euro spenden. Zwar spendet ein Zwei-Euro-Spender signifikant mehr als der normale EIn-Euro-Spender, an der Gesamtsumme ändert ein einzelner Zwei-Euro-Spender aber trotzdem so gut wie nichts.
So verhält es sich mit SNPs. EIn einzelner SNP modifiziert das Verhalten nur in ganz geringem Ausmaß. Erst durch das Zusammenwirken vieler SNPs wird das Verhalten verändert.

Es gibt also nicht "ein Gen", welches die Bereitschaft einen Mord zu begehen erhöht, sondern in Wahrheit ist es ein komplexes Zusammenspiel ganz vieler unterschiedlicher Gene, die sich gegenseitig beeinflussen, verstärken, abschwächen und erst wenn man sie als Großes Ganzes betrachten, wird ihre Wirkung offensichtlich. Das Ganze ist eben, frei nach Aristoteles, mehr als die Summe seiner Teile.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Biologiestudium, Universität Leipzig

Hallo Alina12871 😊👋

Man kann normalerweise nicht als ein Mörder geboren werden.Jedoch ist da genetisch sehr viel vorbestimmt (bin meiner meiner Recherche auf diese Info gestoßen).Dass heißt nicht, dass es ein Automatismus ist, bei dem man zwangsläufig zum Mörder wird. Aber es kann sehr schlechte Voraussetzungen in der Disposition und für bestimmte Persönlichkeitsentwicklungen geben, die schwer zu beeinflussen sind.

Also die Gene an sich gibt es nicht.Hoffe konnte helfen.

Liebe Grüße moonlightdrops ♡

Woher ich das weiß:Recherche

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