Gibt es bei der Globalisierung der Wirtschaft eine Grundidee?

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5 Antworten

Nein, es gibt keine Grundidee der Globalisierung. Sie ist ein unkontrolliertes Ergebnis von Veränderungen im Transportwesen, in der Kommunikationstechnologie und im Druck, günstigere Bezugsquellen zu suchen (Preiswettbewerb) wie auch in der zunehmenden Mobilität von Produktionsmitteln und damit zunehmend freierer Standortwahl.

Das Verhältnis von Arbeit und Kapital ist gekippt. Vor der Industriealisierung hat Arbeit Kapital gesucht, nach der Industriealisierung Kapital Arbeit. Die zunehmende Bedeutung von Kapital gegenüber Arbeit ist eine ständige Begleiterscheinung der Arbeitsteilung seit Menschen die Höhlen verlassen haben, ebenso wie das Streben nach Gewinn. Darum erklären beide nicht die Globalisierung.

Auch Marx hat hier lediglich erkannt, dass die zunehmende Kapitalisierung nicht an Ländergrenzen halt machen wird. Die Produktionsfortschritte waren nur so lange an Ländergrenzen gebunden, wie technischer Fortschritt die Mobilität von natürlichen Kostengrenzen entbunden hat und solche Kosten auch teilweise ignoriert wurden, um die Illusion eines Lebensstils der "Allverfügbarkeit" aufrecht zu erhalten. An dieser Illusion stricken wir alle mit.

Marrtenn 05.11.2012, 13:29

So unbewusst ist das aber nicht entstanden. Vorher waren die Märkte in Europa und den USA durch Zollschranken geschützt. Da hat jedes Land seine im wichtig scheinenden Industrien durch Einfuhrzölle im Wettbewerb gegen billigere Konkurenz aus dem Ausland unterstützt. Dann kam in den USA die Idee der Globalisierung des Marktes auf und wurde massiv politisch vorangetrieben. Erst unter diesem Druck hat Europa nach einigem Widerstand angefangen diese Schranken abzubauen und soweit ich das noch in Errinnerung habe ging als erstes gleich die Textilindrustie fast komplett in Westeuropa verloren.

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berkersheim 05.11.2012, 14:55
@Marrtenn

Jein - Die Idee freier Märkte ist alt - und Zölle fielen erst nach und nach, noch vor der Globalisierung. Im Gegenteil, mit der Globalisierung wurden weltweit, auch in den USA, wieder Stimmen lauter, die eigenen Arbeitsmärkte vor dem Lohndumping der Fernostländer zu schützen.

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Die Globalisierung ist kein Konzept, das sich irgendwelche Leute ausgedacht haben und jetzt umsetzen, sondern ein sich selbst verstärkender Prozess, der durch technologische Innovationen (Telekommunikation, Personen- und Güterverkehr ...) und politische Entwicklungen (Ende des Kalten Krieges, Freihandelszonen, internationale Wirtschaftsabkommen) erst ermöglicht wurde. Man kann die Globalisierung nicht ausschließlich aus der Perspektive der Wirtschaft betrachten und dabei die politischen und technologischen Aspekte außer Acht lassen. Spätestens wenn es um Fragen wie Migration, Kinderarbeit, Entwicklungsdisparitäten oder Umweltverschmutzung geht, müssen die Staaten ordnend eingreifen. Dass das nicht ohne Konflikte möglich ist, zeigt schon der komplizierte Interessenausgleich zwischen den Mitgliedern der Europäischen Union. Noch komplizierter wird es, wenn militärische Interessen ins Spiel kommen. Seit den 1990er-Jahren werden daher in Politik und Wissenschaft verstärkt die Möglichkeiten und Grenzen einer regulierenden Global Governance diskutiert. Ein guter Einstieg in das Thema wäre zum Beispiel das Buch Globalisierung als politische Herausforderung von Maria Behrens.

Selbstverständlich gibt es so etwas. Und das ist, ganz kurz gefaßt, das Streben nach möglichst viel Profit für wenige auf Kosten vieler Menschen.

Marrtenn 03.11.2012, 09:51

So vereinfacht hat das in der Geschichte ja noch nie funktioniert. Wäre also ziemlich kurzsichtig. Es endet immer in Revolution und Zerstörung, dauert halt nur verschieden lange.

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NicolasChamfort 03.11.2012, 10:12
@Marrtenn

Irrtum, es funktioniert noch immer nach dieser alten Regel. Das ist Kapitalismus. Und vor Revolutionen hat der natürlich eine Heidenangst, weshalb alles getan wird, daß es nicht dazu kommt. Das wäre nämlich sein Ende.

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berkersheim 04.11.2012, 11:25
@NicolasChamfort

Das Streben nach "Profit" auf Kosten anderer galt schon im alten Rom (und davor) und bereits Caesar hat das beherrscht. Doch damit seine Politik als alleinige Ursache zu erklären ist dümmlich wie alle ideologisch geprägten monokausalen Erklärungen.

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Die Grundidee ist nicht der Profit, wie hier erwähnt, denn das galt schon vor 200 Jahren. Es geht darum, dass man Produkte nur verkaufen kann, wenn man einen Markt dafür hat und wenn es nicht der des eigenen Landes ist, dann eben ein anderer. Zudem gibt es heute sowieso keine Industrienation mehr, die unabhängig existieren könnte. Globale Wirtschaft ist eine Notwendigkeit.

Marrtenn 03.11.2012, 10:05

Die heutigen Abhängigkeiten sind aber ja erst durch die Globalisierung entstanden, vorher waren die Industrienationen faktisch nur von Rohstoffen abhängig, die aber ausser eventuell beim Öl nicht so gravierend waren.

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NicolasChamfort 03.11.2012, 10:15
@Marrtenn

Die Abhängigkeit von Rohstoffen war immer gravierend schon wegen ihrer ungleichen Verteilung in der Welt. Nur ein Beispiel: Nigeria müßte nicht in solcher Armut dahinvegetieren, wären die dortigen Ölreserven nicht in ausländischer Hand.

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Die "Grundidee in Form eines wirtschaftlichen Konzeptes" lautet schlicht und einfach: Gewinn-Maximierung.

Marrtenn 03.11.2012, 09:53

Gewinne zu maximieren ist nur ein legitimes Ziel von Akteuren innerhalb einer Wirtschaft, aber kein Konzept, das einem Wirtschaftssystem zugrunde liegen kann.

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