Geschichte; Attische Demokratie - ein Erfolgsmodell?

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2 Antworten

Zeitraum der Demokratie

In Athen hat es von 508/7 – 322 v. Chr. fast ununterbrochen eine Demokratie gegeben. Zu dem Beginn der Demokratie in Athen gibt es unterschiedliche Meinungen, die von Kleisthenes 508/7 v. Chr. herbeigeführte Staatsordnung, Isonomie (ἰσονομία [isonomia]) genannt, kann aber als eine Frühform der Demokratie in Athen beurteilt werden, auch wenn der Begriff „Demokratie“ wohl erst später entstanden ist.

Die Demokratie endete nicht aufgrund einer inneren Entwicklung, sondern einer Übermacht eines anderen Staates. Makedonien übte Herrschaft aus. Dem Namen nach bestand die Demokratie fort. Eine tatsächliche Anknüpfung an die alte Zeit gelang in seltenen Fällen für eine gewisse Zeit aufgrund von Rivalitäten unter Großmächten. Auf Gemeindeebene wurden die demokratischen Einrichtungen nicht einfach völlig abgeschafft. Es gab allerdings eine Entwicklung zu einer tatsächlichen Vormacht einer Honoratiorenschicht (reiche und angesehene Bürger).

vom politischen Mitspracherecht Ausgeschlossene

In der athenischen Demokratie hatten alle Vollbürger das Recht zur Abstimmung und zur politischen Teilhabe. Nicht abstimmungsberechtigt waren: Kinder, Frauen, Sklaven, dauerhaft in Athen lebende Ausländer (μέτοικοι [metoikoi]: Metöken [Mitwohner]). Die ausgeschlossenen Gruppen kamen nach damaligem Verständnis nicht als an der politischen Herrschaft Beteiligte in Frage. Auch in der Neuzeit gab es z. B. in den USA zunächst Sklaverei und Frauenwahlrecht ist auch erst allmählich entstanden.

Die stimmberechtigten Männer waren zwar nur eine Minderheit der Bevölkerung (die größte Anzahl der Bürger mit politischen Rechten gab es vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges [431 – 404 v. Chr.], schätzungsweise etwa 30.000 – 50.000, sowohl Sklaven [etwa 80.000] und ansässige Fremde [25.000 Metöken] als auch Frauen waren von der Beteiligung an der Politik ausgeschlossen). Eine als Gesamturteil betonte Aussage, die athenische Demokratie sei die Herrschaft einer Minderheit gewesen, verfehlt aber das Wesentliche. Die ausgeschlossenen Gruppen kamen nach damaligem Verständnis nicht als an der politischen Herrschaft Beteiligte in Frage. Dies ist eine Einschränkung, aber alle in Betracht kommenden Bürger (ohne Begrenzung nach gesellschaftlicher Herkunft oder Besitz) hatten Anteil und sie stellten nach zeitgenössischen Äußerungen das Volks dar.

Die Nichtbeteiligung war nicht durch eine bestimmte einzelne Staats- und Regierungsform verursacht, sondern eine allgemeine Angelegenheit des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems. Was an Sklaverei und fehlender Gleichberechtigung der Frauen zu bemängeln ist, ist diesem System vorzuwerfen, nicht spezifisch der Staats- und Regierungsform Demokratie.

Freiheit

Freiheit (ἐλευθερία [eleutheria]) war in der athenischen Demokratie ein hoher Wert und galt als einer der zentralen Grundsätze und eine tragende Idee der Demokratie. Aristoteles, Politik 4, 4, 1291 b: εἴπερ γὰρ ἐλευθερία μάλιστ᾽ ἔστιν ἐν δημοκρατίᾳ, καθάπερ ὑπολαμβάνουσί τινες, καὶ ἰσότης, οὕτως ἂν εἴη μάλιστα, κοινωνούτων ἁπάντων μάλιστα τῆς πολιτείας ὁμοίως. ἐπεὶ δὲ πλείων ὁ δῆμος, κύριον δὲ τὸ δόξαν τοῖς πλείοσιν, ἀνάγκη δημοκρατίαν εἶναι ταύτην.

„Wenn nämlich die Freiheit am meisten in der Demokratie vorhanden ist, wie einige annehmen, und die Gleichheit, so dürfte es sie am meisten da geben, wo alle zusammen in gleicher Weise besonders gemeinsam an der Verfassung teilhaben. Weil aber die Mehrzahl das Volk ist, entscheidend aber das ist, was die Mehrheit beschließt, ist diese (Verfassung) notwendig eine Demokratie.“

Redefreiheit war Bestandteil der athenischen Demokratie. In der Volksversammlung (ἐκκλησία) konnte jeder Bürger einen Vorschlag vortragen und zu einem behandelten Thema seine Meinung äußern. Zeitgenössische Bezeichnungen für die Redefreiheit waren ἰσηγορία (isegoria; drückt Gleichheit von Rede- und Antragsrecht aus) und παρρησία [parrhesia; drückt die Berechtigung zum Reden für jeden aus).

Wie weitgehend Äußerungen möglich waren, zeigen auch Stellen in Komödien, in denen Politiker in ein schlechtes Licht gestellt werden.

In modernen Demokratien hat es eine starke Entwicklung dahin gegeben, Grundrechte als Teil in einer schriftlichen Verfassung systematisch aufzustellen. In der antiken Demokratie gab es keine derart weitgehende systematische Zusammenstellung von Freiheitsrechten in schriftlicher Festsetzung (auch wenn z. B. Rede- und Meinungsfreiheit ein wichtiges Prinzip war), wohl auch, weil in der damaligen Gesellschaft Freiheit als individuelles Nichtbeherrschtwerden der Bürgern in großem Ausmaß vorhanden war, indem sie Selbstregierung hatten und die Herrschaft des Staates in die persönliche Existenz hinein eher gering war, Freiheit also nicht so stark gegen eine mächtige Institution zu schützen war.

Albrecht 16.03.2012, 03:14

Die Aussage, insgesamt habe es in der athenischen Demokratie keine Meinungsfreiheit gegeben, ist falsch. Eine gewisse Einschränkung kann in Bezug auf Asebie (ἀσέβεια [asebeia]; Gottlosigkeit/Religionsfrevel) erörtert werden, da dies Gegenstand einer Anklage sein konnte. Eine solche Anklage wegen Meinungen hat es aber nicht besonders oft gegeben. Zudem kann an der Echtheit einiger in späteren antiken Texten genannter Fälle (mit Perikles verbundenen Personen) gezweifelt werden. Gegen Sokrates hat es in einem von unglücklichen Ereignissen geprägten politischen Klima eine Anklage gegeben und seine Verurteilung zum Tod kann als Fehlurteil eingeschätzt werden. Dies war aber kein typischer, sich häufig wiederholender Fall.

Demagogen, Umschlagen in Tyrannei und Instabilität/Stabilität

Zeitgenössische Gegner der athenischen Demokratie haben ablehnende Urteile und Einwände geäußert. Darin wird die Masse als ungebildet und ohne Sachverstand dargestellt, zügellos und willkürlich den jeweiligen Eingebungen folgend. Die Beschlüsse und Gerichtsurteile seien schlecht und ungerecht. Sie bereichere sich durch ungerechte Urteile und Diäten. Das Volk stelle sich über die Gesetze. Fehler und Schwächen haben nicht völlig gefehlt, aber diese antidemokratischen Angriffe (kaum bemüht, in sorgfältiger Abwägung Einseitigkeiten und Übertreibungen zu vermeiden) sind keine faire Beurteilung.

Bei den Gerichtsurteilen sind der Prozeß nach der Seeschlacht bei den Arginusen (Arginusenprozeß) und der Prozeß gegen Sokrates oft angeführte Fälle für Kritik, ebenso die sogenannten Sykophanten (der Ausdruck stellt jemand als gewerbsmäßigen Denunzianten hin; jeder freie Bürger war zu einer Anklage berechtigt und bei einer Verurteilung zu einer Geldstrafe ging diese an die Ankläger).

Tatsächlich war in der athenischen Demokratie die Menge nicht völlig inkompetent. Durch ständige Praxis sammelte sich Erfahrung. Die meisten Ämter setzen keine herausragenden Fähigkeiten voraus, durch eine Mehrzahl an Beteiligten gab es Kontrolle. Die Dokimasie (δοκιμασία [dokimasia]), eine Überprüfung auf Mindestvoraussetzungen, die vor allem den Besitz des Bürgerrechts und kein Vorliegen von Unwürdigkeit betraf, konnte Extremfälle schlechter Moral und geistige Unzurechnungsfähigkeit herausfiltern.

Zur Absicherung gegen Überschreitung rechtlicher Normen gab es seit 415 v. Chr. die Möglichkeit einer Klage wegen Gesetzwidrigkeit (γραφὴ παρανόμων).

Ungünstige Entscheidungen einer Volksversammlung konnten aus einer Überschätzung der Machtmöglichkeiten Athens entstehen, z. B. bei der Sizilienexpedition im Peloponnesischen Krieg.

Ein mit dem Auftreten von Demagogen (in einer sie als schlecht beurteilenden Bedeutung) verbundenes Umschlagen der Demokratie in Tyrannis ist in staatstheoretischen Überlegungen vorgekommen, z. B. bei Platon (Politeia 557 – 564). Hintergrund bei Platon ist eine Analogie von Individuum und Staat und die Auswirkungen einer Willkür aufgrund völligen Freistehens in der Seele der einzelnen Menschen, jeder Begierde (alle sind grundsätzlich gleichberechtigt) spielen in seine Darlegungen hinein. Demokratie ist nach Platon dabei übrigens von besonders viel Freiheit gekennzeichnet.

Es hat nur zwei kurzzeitig erfolgreiche oligarchische Umstürze gegeben, 411/410 v. Chr. während des Peloponnesischen Krieges vor dem Hintergrund schwerer Rückschläge und von Verschwörung, Manipulation und Druck begleitet und 404/3 v. Chr. (eine radikale Oligarchie, die sogenannte Herrschaft der dreißig Tyrannen) nach der Niederlage mit Unterstützung der siegreichen Lakedaimonier (Spartaner). Gerade nach diesen Erfahrungen dachte kaum jemand in Athen daran, die Demokratie abzuschaffen. Die Staatsform war bei einer gewaltigen Mehrheit unumstritten.

Die athenische Demokratie war also bis auf sehr kurze Ausnahmen eine stabile Herrschaftsform.

Der Staat der Athener war damit deutlich fester und beständiger als viele andere griechischen Staaten. Dafür, wie nach einer Demokratie eine Tyrannis kommt, könnte Syrakus für eine Untersuchung der Praxis als Beispiel genommen werden.

Erfolgsmodell

Die Macht ging in starkem Ausmaß vom Volk aus. Die Vollbürger trafen mit ihrer Stimmabgabe die wichtigen Entscheidungen selbst. Der Grad an Teilhabe (Partizipation) der Bürger war hoch. Es gab ein großes Ausmaß an rechtlicher Absicherung der politischen Ordnung, durch Gesetzesbestimmungen und Pflicht zur Rechenschaftsablegung.

Im Ganzen gesehen hat die athenische Demokratie ziemlich gut funktioniert.

Auch in der langfristigen Nachwirkung ist die athenische Demokratie ein Erfolgsmodell, wenn Demokratie allgemein betrachtet wird, nicht die nur die besondere Art direkter Demokratie in der Antike. In der Gegenwart wird eher in Staaten der Anspruch erhoben, eine Demokratie zu sein, obwohl dagegen wohlbegründetet Einwände möglich sind, als eine Verteidigung gegen einen Vorwurf unternommen, eine Demokratie zu sein.

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Albrecht 16.03.2012, 03:15

Zu dem Thema gibt es Bücher mit Hinweisen auf Quellen und Fachliteratur, z. B.:

Jochen Bleicken. Die athenische Demokratie. 2., völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 1994, besonders S. 287 – 314, S. 371 – 178, S. 394 – 402, S. 432 – 436, S. 538 – 546. S. 569 – 575 und S. 581 - 586

S. 584 urteilt der abschließende Satz in Abhebung von Meinungen über einen Unfall der Weltgeschichte oder Vorstellungen von einem Idealstaat über die athenische Demokratie: „Sie ist vielmehr der historische Beleg, daß die unmittelbare Herrschaft einer Masse auch unter den Voraussetzungen einer radikalen politischen Gleichheit über lange Zeit hindurch wirklich funktioniert hat.“

. Originalausgabe. 2., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2010 (Beck'sche Reihe : C.-H.-Beck-Wissen ; 2308), besonders S. 51 – 67 und S. 93 - 113

S. 59: „Daß die antike Demokratie auf die Freiheit «geachtet» habe […], sollte man daher auch dann nicht bezweifeln, wenn keine Kodifikation von Grundrechten erfolgt […].“

S. 60: „Trotzdem ist es die «Glaubensfreiheit» (Art 4 GG), welche moderne Betrachter häufig vermißten.“

S. 64: „Die Zone, wo die Überzeugungen einzelner mit den verbreiteten religiösen Vorstellungen kollidieren konnten, war jedoch viel enger, als die These vom Fehlen der Glaubensfreiheit suggeriert. Unbenommen war jedermann die Verehrung beliebiger Gottheiten und Frömmigkeit verschiedener Art, heikel im Maximalfall – akzeptiert man einmal strittige Zeugnisse – ein in Krisenzeiten provokant ausgelebter Atheismus - , wohingegen man es bereits zur Privatsphäre rechnete, wenn die Triballoi […] mit ihrem persönlichen Wohlergehen spielten.“

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Ich würde das schon als Erfolgsmodell bezeichnen, denn wir als Lohnsklaven haben auch ncihts zu sagen in diesem Staat, weil auch wie damals nur die Herren das Sagen hatten.

Wir dürfen zwar wählen, aber WAS wir wissen, denken und demgemäß wählen das bestimmen die, die die Medien besitzen, die Politiker kontrollieren und das Große Geld haben.

Zumindest ist es sehr ähnlich. Eben eine bürgerliche Demokratie und keine Volksdemokratie.

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