Geschah der Holocaust "heimlich"?

12 Antworten

Es hatte ja schon eine ganze Weile Beschränkungen und Verbote für Juden gegeben, was die meisten so akzeptiert haben (auch die Juden).

Da es überall "Spione" gab, die einen verpetzt hätten (worauf hin man selber mit Konsequenzen rechnen musste), hat niemand gewagt, was zu sagen. WENN es Informationen gab, dann nur heimlich und nur an die genau betroffenen Personen.

Stell Dir vor, Deinem Nachbarn wird plötzlich verboten, Waren an Nicht-Juden zu verkaufen, und der zieht dann von heute auf morgen weg. Machst Du dir da Gedanken? Oder der Geldverleiher, der "betrogen" hatte, kommt in ein "Besserungslager"... Da denkt man doch höchstens noch: dabei waren die immer so nett....

Die wenigen, die nachgedacht und gehandelt haben, haben auch das natürlich heimlich gemacht.

Und Nachrichten aus dem Ausland war ja "Feindpropaganda" und gelogen...Ich geh davon aus, dass der Großteil der Bevölkerung sich einfach keine Gedanken gemacht hat oder sich hat beschwichtigen lassen.

Gewusst oder geahnt haben es ganz sicher alle. Spätestens, als die transporte in die KZs begannen.

Ich versuche es :) Die Juden wussten seit den "Rassengesetzen" von 19-fünfunddreißig, dass sie in Gefahr waren. Ihr Leben wurde nach und nach eingeschränkt (z.B. keine Kredite, Beschränkung ihrer Berufstätigkeit auf jüdische Kunden, Gewalttaten gegen sie wurden nicht bestraft... später Stern-Tragen und Deportationen - dazu sehr anschaulich Viktor Klemperers Tagebücher).

Es wurde ihnen erzählt, dass sie "umgesiedelt" würden, Theresienstadt sei z.B. eine neue Stadt nur für Juden. (Die meisten glaubten es nicht, zumal sie keine Briefe von zuvor "umgesiedelten" Verwandten mehr bekamen.) Manchen, mit guten Beziehungen ins Ausland, gelang die Flucht rechtzeitig. Andere wieder wurden mit Gewalt aus ihren Häusern geholt und abtransportiert.

Wie viel die Bevölkerung wusste, ist nicht ganz klar. Die KZs waren durchaus von außen sichtbar, sodass Anwohner merkten, dass da ein Gefängnis oder Arbeitslager war. (Anja Lundholm, KZ-Inhaftierte, schrieb später, die Anwohner des KZ Ravensbrück hätten das KZ "die Fabrik" genannt - man hatte ihnen wohl erzählt, dass es sich um eine Fabrik handle, in der "Kriminelle" arbeiten müssten).

Es wurden jedoch unter Hitler so viele Menschen eingesperrt (Kommunisten, "Staatsfeinde", "Zigeuner", "Asoziale", Widerstandskämpfer), dass ich es für glaubwürdig halte, dass von gezielten Tötungsaktionen gegen Juden einer breiten Öffentlichkeit nichts bekannt war. Gerüchte mögen allerdings wohl durchgesickert sein, und ganz sicher wussten alle Verantwortlichen Bescheid, bewahrten jedoch Stillschweigen.

Die Presse war ja vollkommen in der Hand des Regimes. Natürlich haben die nicht geschrieben, wie viele Regierungsfeinde diese Woche exekutiert wurden. Das wurde alles schöngeredet. Ein Arbeitslager ist eben ein Lager, wo man die Feinde arbeiten lässt, anstatt sie einfach so nutzlos einzusperren. Klingt doch praktisch, oder? Und wer Feind ist und wer nicht, das hat sich in dieser Zeit eh ziemlich verzerrt. Es wurden ja auch nicht alle Inhaftierten direkt umgebracht...das kam erst gegen Ende, als es einfach immer mehr wurden und die Nazis merkten, dass sie sich im Krieg verrennen.

Selbst wenn es Teile der Bevölkerung wussten...manche trauten sich nicht, etwas zu sagen. Und für andere fühlte sich das eben normal an. Eine besondere Form der Gefangenschaft. Propaganda ist eben alles. Möchte nicht wissen, über welche Themen unsere Enkel mal die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Vielleicht "Opa, ihr habt damals wirklich auf diesem Facebook all eure privaten Sachen rausposaunt?" - "ja!" - "aber wieso?" - "weiß nicht, das hat halt jeder gemacht".

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