Generalbassgestützter vierstimmiger Streichersatz?

...komplette Frage anzeigen

1 Antwort

Hi Somuchmysteries

Würde mich interessieren was du da genau für einen Punkt rüberbringen willst. 

Statt dir also ne knappe Antwort zu geben werde ich erst bisschen drauf rumreiten, ok?

1. Vierstimmigkeit

In der dem Barock vorausgehenden Epoche, der Renaissance, und bis etwa 1700, also durch das ganze Früh- und Spätbarock, hatte Vierstimmigkeit nur zum Teil eine vorherrschende Stellung, vielleicht in der Musikpädagogik, aber es wurden munter Werke und Abschnitte von Werken mit 2,3,4,5,6,8 Stimmen geschrieben (und mehrchörige Werke mit mehr). 

Häufig wurde im Hochbarock, z.B. am französischen Hof unter dem Komponisten Lully, der Kontrast zwischen Fünfstimmigkeit und Dreistimmigkeit ausgenutzt. Also im Wechsel volles fünfstimmiges Orchester und 2 Soloviolinen (Flöten, Oboen) plus Bassstimme.

Andere Werke wurden dreistimmig niedergeschrieben und bisweilen um eine vierte Stimme ergänzt- so ist z.B. Monteverdis berühmte Oper "L'incoronazione die Poppea"- eine frühbarocke Oper- der Instrumentalsatz in zwei Versionen erhalten- einmal dreistimmig, einmal vierstimmig.  

Ähnlich ist es z.B. beim norddeutschen Komponisten Dietrich Buxtehude. Auch hier gibt es weit überwiegend dreistimmige Instrumentalsätze, aber auch volle fünfstimmige (z.B. im Oratorium "Wacht! Euch zum Streit gefasset macht). Und Erweiterungen von dritter Hand von drei zu vier Stimmen (z.B. Membra Jesu nostri) 

Ein Beispiel für ein komplett vierstimmiges Werk (von den Instrumentalparts her) wäre das Te deum H 146 von Charpentier- einem Zeitgenossen Lullys. Hier wird anders als in der französischen Orchestertradition das volle Orchester nur mehr vierstimmig notiert.

Später, z.B. bei Bach und Vivaldi und Händel, und noch mehr im Übergang zur Klassik, also im Spätbarock, stabilisiert sich der Vierstimmigkeit zum Standardsatz für Orchestermusik. Geichzeitig nimmt aber bereits die Eigenständigkeit der Bläserstimmen zu.

2. der Streichersatz als Basis der Barockmusik- so wird das häufig formuliert- das ist ein problematischer Gedanke. Häufig denkt man sich das so- ja da gab es Streicher und bei Bedarf kommen Bläser dazu- das ist Quatsch. Jedes größere Orchester im Hoch- und Spätbarock, hatte Bläser, insbesondere Flöten, Oboen und Fagotte, die zwar nicht immer mitspielen, aber sicher im Tutti. 

3. Generalbassgestützt- ist fast alle Barockmusik egal wie viele Stimmen, egal welche Instrumente

4. Ein Kernunterschied zwischen barockem Orchestersatz und klassischem oder modernem Orchestersatz ist trotzdem, dass die allermeisten Orchestersätze ganz einfache vierstimmige Sätze waren, und die Instrumente ordnen sich dann einfach den Stimmen zu- also 1. Stimme Violinen und hohe Holzbläser, 2. Stimme Violine oder Viola, 3. Stimme Viola, 4. Stimme alle Bassinstrumente. 

Die einzelnen Orchestersektionen erhalten zwar mal ein Solo, aber die Partitur ist beim Tutti einfach mit 4 Stimmen darstellbar- also wenn alle Spielen dann sind es oft nur 4 Stimmen trotzdem. Nicht 10, 20, 30 eigene Instrumentalstimmen wie in späteren Orchestern, die komplizierte Mischungen untereinander eingehen.

Beispiele nun endlich: Das ist eben die Sache- praktisch jedes Spätbarocke Werk hat einen vierstimmigen Satz als Herz. Auch die allerbekanntesten. Nur manche gehen mehr oder weniger darüber hinaus. Bach z.B. schreibt oft selbstständige Bläserstimmen.

Keine Ahnung... Händels Messiah- gleich die Overtüre 

Die Feuerwerksmusik- ja da spielen die ganze Zeit Oboen mit und an manchen Stellen Trompeten und Hörner- egal. Ist ein vierstimmiger Satz im Kern. (kein so typisches Beispiel deshalb)

Bachs Orchestersuiten- dieser Satz ist rein 4 stimmige Streicher und ultra bekannt

Viele Concerti grossi (Corelli z.B.) - ja es sind 7 Stimmen aber im Tutti in der Regel 4 wie es sich für ein Concerto grosso gehört. (Furchtbare Aufnahme, Sorry)

Und auch dieser Schlager basiert auf dem vierstimmigen Tuttisatz

Du siehst- die Suche ist nicht eben schwer- es ist der vierstimmige Satz im Spätbarock allgegenwärtig. Nur eben nicht unbedingt der reine Streichersatz, und vor 1700 (deshalb meine langen Ausführungen) waren fünf- und Dreistimmigkeit mindestnes genau so beliebt. Vielleicht auch weil drei Stimmen schneller niederzuschreiben sind.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Somuchmysteries 10.10.2017, 07:14

Wow das ist echt ne Ausführliche Antwort! Danke für die Erklärung haha :)

0

Was möchtest Du wissen?