Gehört zu der Demokratie zwangsläufig auch Kapitalismus?

23 Antworten

Ideale sind das eine. Praxis das andere. Man analysiere Politische Systeme der letzten 50 Jahre nach dem Anteil von Freiheit der Entscheidung und Mitbestimmung der Bürger. Überall, wo das mit den Freiheiten einigermaßen klappt (ideal gibt es nicht, das ist ein Ziel), gibt es KAPITALISMUS MIT PRIVATEIGENTUM. Dabei - das sollte man sich auch mal genau anschauen - ist die Verfügung über Privateigentum überall sehr unterschiedlich geregelt. Überall, wo Familien herrschen, Afrika, arabische Länder, gibt es oft KAPITALISMUS MIT PRIVATEIGENTUM, aber das ist in nur einer oder in wenigen Händen. Im KAPITALISMUS MIT STAATSEIGENTUM war nicht nur die Verfügungsgewalt über wirtschaftliche und politische Entscheidungen in Händen einer Partei und ihrer Bosse und Funktionäre, die Wahlfreiheit der Bürger war auch im Konsum alleine schon dadurch eingeschränkt, dass das mit einer Produktvielfalt nicht funktionierte. Zwei Länder aus dem ehemals sozialistischen Block hier als Beispiel: Man schaue sich die Entwicklung in China an. Noch kommunistische Staatspartei. Aber der KAPITALISUMS MIT STAATSEIGENTUM geht mehr und mehr in private Hände über. China ist ein aufstrebendes Land. Und die Chinesen können sich nicht nur wie graue Mäuse kleiden, sondern auch mal was mit Farbe oder Muster kaufen. Kommunistische Hartliner sagen, das wäre nicht wichtig. Die sind für Cuba. Da regiert ein Greis, der älter ist als der Papst. Und die Wirtschaft liegt am Boden.

Normalerweise wird KAPITALISMUS immer mit KAPITALISMUS MIT PRIVATEIGENTUM gleichgesetzt. KAPITALISMUS bedeutet aber, dass im Produktionsverhältnis von Arbeit und Kapital das Kapital eine immer entscheidendere Rolle spielt und die Frage steht, wieviel von den Produktionsüberschüssen werden auf Arbeit (Löhne, Boni, öffentliche Ausgaben) und wieviel auf Kapitalerneuerung und -aufstockung verteilt. Zum Kapitalismus gibt es, wenn wir nicht wieder in eine Bauern- und Handwerkerwirtschaft zurückfallen wollen, in unserer modernen Produktion keine Alternative. Die offene Frage ist, wie verteilen sich Eigentums- und Verfügungsrechte. Dann schaue man sich mal die Verteilung der öffentlichen Haushalte in Deutschland an und beziehe die Renten- und Krankenkassen mit ein: Die gewaltigen Sozialausgaben, die Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Renten sind ein gewaltiger Batzen, der, wenn man die Schulden abzieht, aus unseren Produktionsüberschüssen finanziert wird, teils von den Arbeitnehmereinkommen, teils aber auch von Kapitaleinkommen.

Wie lustig, dabei sind es die Bauern und Handwerker, die die größten Beiträge für ihre Gesellschaft leisten, ungleich den reinen Händlern oder Spekulanten. Und da sprichst Du von "zurückfallen"?

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Wo bitte gibt es im Kapitalismus Demokratie ? Hat es bisher überhaupt in einer Gesellschaftsordnung Demokratie gegeben ? Demokratie heist ja nichts anderes , als das das Volk bestimmt . Ist das im Kapitalismus so ? Klar , wenn Wahlen anstehen . Nur , wird denn das eingehalten was in den Wahlprogrammen der einzelnen Parteien steht ? Auch nur Ansatzweise ? Nach meiner Meinung ist , solange die negativen Eigenschaften der Menschen , wie Habgier , Neid , Besitzstreben etc. eine Demokratie nicht möglich .

Das ist eine sehr gute Frage.

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Um Sie zu beantworten, muesste man sowohl Kapitalismus als auch Demokratie konkret definieren koennen. Leider sind diese beiden Begriffe aus Traditionen und Philosophien erwachsen, und haben daher keine unumstrittene Definition.

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Der Ursprung dessen was wir, auf den einfachsten Nenner gebracht, als Demokratie bezeichnen, war moeglicherweise die Reformbewegung des Solon in Athen um 600 v.C.

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Der Zweck seiner Reformen war es den drei Hauptgruppierungen der Berge, der Kueste und der Ebene Athens eine Zusammenaerbeit, in der Verteidigung, im wirtschaftlichen und in der kulturellen Entwicklung zu ermoeglichen.

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Hierzu musste die Herrschaft der Reichen Klassen im Areopagus (Parlament) durch eine, obwohl nicht immer egalitaere, Mitbestimmung fuer alle Gesellschaftsklassen ersetzt werden (ausgenommen Sklaven und Frauen).

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Zudem fuehrten Solons Reformen durch die den Athenischen, sowie den auslaendischen Handel, beguenstigten. Hierunter waren die Einbuergerung von auslaendischen Haendlern, die Angleichung von Massen und Gewichten an die anderen griechischen Stadt-Staaten, und die Foerderung von Lehren fuer Jugendliche.

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Diese Reformen waren klar darauf abgezielt, den Athenischen Staat als Wirtschafts- und Handelsmacht zu staerken. Abgesehen von militarisch begruendeten Einschraenkungen fuer den Handel gab es, in Europa, bis zum Mittelalter, keine systematische Einschraenkung der Handelswirtschaft.

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Natuerlich erhoben die meisten Herrscher, Imperien und Koenigreiche der Antike gewisse Einfuhr- oder Ausfuhrzolle, aber der freie Handel foerderte die Entwicklung aller Stadt-Staaten und Staaten. Rohmaterialien oder handwerklich spezialisierte Gebrauchs- und Verbrauchsgueter mussten ohne Ausnahme von allen Gesellschaften eingefuehrt warden. Sei es Bernstein aus dem Baltikum, Zinn aus Cornwall oder Gewuerze aus dem fernen Osten.

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Zum Ende des Mittelalter, und zu Beginn der Rennaissance, wurde der Handel mit Geld zum Mittelpunkt der Wirtschaft. Man konnte nun diverse Produkte und Dienstleistungen kaufen, aber auch mit ihnen Handel betreiben. Kuenstler konnte in einer Stadt malen und ihren Lohn anderswo investieren. Fuersten konnten sich militaerische Berater und Bankiers engagieren um ihre Herrschaft und ihren Profit zu maximieren. Banken kamen auf, die mit geliehenem Geld Kriege und Machtergreifungen finanzieren konnten.

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Selbst die Kirche verwendete diese monetaeren Methoden und verkaufte Absolutionen an Jedermann, und geweihtes Oel an Koenige und Kaiser. In der Rennaissance wandelte sich Europa zu einem Treibhaus der Wirtschaft und des Handels. Die Ausbeutung der Landbevoelkerung im Feudalsystem, und, der durch die entstehende Kolonialreiche enstandene Sklavenhandel, fuehrte zu einer mehr und mehr polarisierten Gesellschaft. Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs immer schneller.

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Dies fuehrte am Ende der Rennaissance zu mehr und mehr Unruhe in den Bauernstaenden und im unteren Mittelstand. Es gab zahlreiche Bauernaufstaende und beginnende revoluzionaere Tendenzen.

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Es gab, insbesondere als Folge der Reformationen (lutheranisch und englischer Protestantismus), mehr und mehr Herrscher, ob Fuersten oder Koenige, die, vormals geistlichen Philosophen, ermoeglichten sich mit weltlich praktischer Philosophie und Politik zu befassen. Der Einfluss von Handelsbuenden, wie der Hanse, brachte auch groessere politische Sicherheit mit sich. Ohne diese Stabilitaet haette der Handel nicht gedeihen koennen.

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Die modern Interpretation von Kapitlismus steht auf dem Fundament der Schriften des englischen Philosophen Adam Smith (1723 bis 1790).

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Zwischen dem 16ten und 18ten Jahrhundert spaltete sich das Denken ueber die Mechanismen des international Handels in zwei bedeutende Tendenzen. Es gab die “Mercantilisten”, die jeglichen Wohlstand nur in Bezug auf den Wert von Gold und Silber bewerteten. Sie beharrten darauf, dass Gebiete ohne Zugang zu Gold- und Silberminen, ihre Erzuegnisse, ob landwirtschaftlich oder herstellerisch, nur gegen Gold und Silber tauschen duerften. Diese Gebiete sollten auch nichts anderes einfuehren koennen. Diese Philosophie verbat die weiterverarbeitung von Rohstoffen in den Kolonien.

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Dagegen standen die “Physiokraten”. Sie sahen die Wirtschaft und den Welthandel als Kreislauf. Sie glaubten, dass nur die Landwirtschaft wirkliche Ueberschuesse erbringen konnte, die dann die Weltwirtschaft antreiben wuerden.

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Adam Smith war ein Anhaenger der “Physiokraten” und sah dieses Wirtschaftsmodell als die beste Annaeherung an die wahre Situation des Welthandels. Smith entwickelte auch die Philosophie der “unsichtbaren Hand”. Er glaubte, dass ein uneingeschraenkter Welthandel, mit der Entstehung von Konkurrierenden Haendlern, stets zu einer optimalen Verbesserung der Wirtschaft, und somit der Sozialsysteme fuehren wuerde. Dieses System wuerde die Rationalisierung, Arbeitsteilung und technische Entwicklungen notwendig machen um in der Konkurrenz zu bestehen. Smith sah den Konsumenten als den regulierenden Faktor in der Wirtschaft. Ohne den Konsumenten gaebe es keinen Handel, und somit wuerde, letztendlich jeder Handel das Wohl des Konsumenten (sprich Buergers) foerdern.

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Smith warnte jedoch eindringlich davor das Monopole entstehen koennte. Diese wuerde das Prinzip der gesunden Konkurrenz untergraben. Auch bewahrte er eine Skepsis gegenueber dem sprichwoertlichen “Geschaeftsmann”. Spaetere Oekonome des 18ten und 19ten Jahrhunderts, wie Thomas Malthus und John Maynard Keynes beschaeftigten sich ausfuehrlicher mit den sozialen Zusammenhaengen und Konsequenzen des Handels und der Wirtschaft. Die Effekte von Bevoelkerungszuwachs, Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit wurden mehr beruecksichtigt.

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Karl Marx griff diese Ideen in Bezug auf politische und soziale Veraenderung auf. Er hatte die negative Folgen des uneingeschraenkten, und von kleinen Cliquen kontrolliert Handels in Europa erlebt. Die ansteigenden Bevoelkerungszahlen hatten zu Ausbeutung, Armenghettos und einer sinkenden Lebensqualitaet in den Arbeiterschichten gefuehrt.

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Diverse Sozialbewegungen, vor allem die sozialistischen Bewegungen in Europa, und die Angst der Regierungen vor revoluzionaeren Tendenzen, fuehrten, in vielen Laendern zu Sozialreformen.

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Bis zum Anfang des 20ten Jahrhunderts war die Weltwirtschaft von dem, mehr oder weniger, direkten Austausch von reelen Guetern und Dienbstleistungen beherrscht. Nach 1900 verstaerkte sich das Beduerfnis von Regierungen Geld fuer expansive Kriege oder Kolonialbestrebungen zu generieren. Diese fuehrte, vor allem in Kriegszeiten zur Entwicklung von Kriegsanleihen. Diese waren aeusserst erfolgreich.

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Die im 19ten Jahrhundert entstandenen Boersen, die beispielweise den Krieg Englands gegen Napoleon ermoeglichten, oder der East India Company ungeahnte Geldmengen fuer ihre quasi-kolonialen Bestrebungen zur Verfuegung stellten, begannen sich um 1900 mit spekulativen Maerkten zu Beschaeftigen. Es wurde nach und nach mehr mit Zukunftsanleihen (futures) und mit erhofften Firmenexpansionen gehandelt. Mann konnte immer mehr in vermeintlich wachsende Firmen und Maerkte einsteigen.

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In America, wurde, nach dem ersten Weltkrieg, die Spekulation beim gewoehnlichen Buerger beliebt. Dies fuehrte, oft durch uebertriebene Einschaetzungen von Firmenwerten, zu einer Uberhitzung des Marktes. Hinter vermeintlichen lukrativen Konzernen standen nicht ausreichend reele Werte. Als dies deutlich wurde begannen Investoren ihre Aktien zu verkaufen. Die Kurswerte stuertzten und das Boersensystem brach weltweit, ausgehend vom “Wall Street Crash” 1929, zusammen.

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Die Weltwirtschaft erholte sich, trotz schrecklicher persoenlicher Tragodien, durch die Einfuehrung von wirtschaftlichen Kontrollen (z.B. dem “New Deal” in den U.S.A.). Leider beguenstigte dieser wirtschaftliche Absturz auch die Machtuebernahme durch totalitaere Regime in vielen Laendern (u.a in Polen, Spanien, Italien und Deutschland), und ermoeglichte womoglich erst den zweiten Weltkrieg. Es gab nach 1929 verstaerkte Bestrebungen, die auch nach dem zweiten Weltkrieg fortgefuehrt wurden, den Welthandel zu Regulieren und gleichzeitig zu erleichtern. Beispiele dafuer sind die Abschaffung des Goldstandards und die Einrichtung von GATT (General Agreement on Tariffs and Trade).

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Dennoch gibt es bis heute keine einheitlichen Richtlinien fuer den Welthandel. So kann durch geschickte, und vom Staate kaum nachvollziehbare, Geschaefte, Geld im internationalen Welthandel erzuegt werden (z.B. durch Devisenspekulation) oder, zum Nachteil der Steuerbehoerden verschwinden. Auch wurde durch den Kapitaleinbruch der letzten Jahre, und durch die nachfolgende Rezession, klar, dass das Problem der unehrlichen Marktbewertung nach 1929 nicht erfolgreich in Angriff genommen worden war.

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Nun versuch ich wieder auf Deine Frage zurueckzukommen. Ohne einen erfolgreichen Handel, wie einst schon im alten Griechenland, laesst sich kaum eine gefestigte Gesellschaftsstruktur erreichen.

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Die Gefahr besteht darin den Kapitalismus mit freiem Welthandel, oder sogar mit freiem Handel im allgemeinen, zu verwechseln. Da kommt man wieder auf die Definition von Kapitalismus zurueck. Da die Einschaetzung der kapitalistischen Wirtschaftsysteme sich derzeit einem Wandel unterzieht, wird man wohl noch heftig ueber die Legitimitaet des derziet praktizierten Kapitalismus diskutieren muessen.

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Nur eines steht, meiner Ansicht nach, fest: Freier Handel ist absolut unabdingbar fuer eine demokratische Gesellschaft

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