Gedicht von Dietrich Bonhoeffer

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Dietrich Bonhoeffer hat in der Haft mehrere Gedichte geschrieben. Erhalten sind 10 Gedichte, die in der Zeit von Mai(Anfang Juni bis Dezember 1944 entstanden sind.

Jürgen Henkys, Die Gedichte Dietrich Bonhoeffers aus der Haft. In Dietrich Bonhoeffer - Stationen und Motive auf dem Weg in den Widerstand : [Festschrift für Manfred Keller zum 65. Geburtstag am 19. September 2005]. Herausgegeben von Günter Brakelmann und Traugott Jähnichen. Münster : Lit, 2005 (Zeitansage : Schriftenreihe der Evangelischen Akademikerschaft Westfalen und der Evangelischen Stadtakademie Bochum ; Band 2), S. 159 - 160:
„Schon die Titel der Gedichte sind vielfältiger, als es jene Thematik nahe legt: „Vergangenheit“, „Glück und Unglück“, „Wer bin ich“, „Christen und Heiden", „Nächtliche Stimmen in Tegel", „Stationen auf dem Wege zur Freiheit", „Der Freund", „Der Tod des Mose“, „Jona“, „Von guten Mächten“ (Anfang des einzigen titellosen Gedichtes).“

Das letzte Gedicht ist besonders bekannt.

Katja Tolstaja, Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten. In: Schlüsselgedichte : deutsche Lyrik durch die Jahrhunderte: von Walther von der Vogelweide bis Paul Celan. Herausgegeben von Jattie Enklaar, Hans Ester und Evelyne Tax. Würzburg : Königshausen & Neumann, 2009 (Deutsche Chronik ; 58), S. 155 – 156:

  1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
    behütet und getröstet wunderbar,
    so will ich diese Tage mit euch leben
    und mit euch gehen in ein neues Jahr.

  2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
    noch drückt uns böser Tage schwere Last.
    Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
    das Heil, für das du uns gschaffen hast.

  3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
    des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
    so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
    aus Deiner guten und geliebten Hand.

  4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
    an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
    dann wolln wir des Vergangenen gedenken
    und dann gehört dir unser Leben ganz.

  5. Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
    die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
    führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
    Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

  6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
    so laß uns hören jenen vollen Klang
    der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
    all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

  7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Dieses Gedicht legte Dietrich Bonhoeffer dem Brief an seine Verlobte Maria Wedemeyer vom 19. Dezember 1944 bei. Er schrieb ihr aus dem Untersuchungsgefängnis des Gestapo Hauptquartiers in der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin. Dieser Brief sollte der letzte an sie sein und einer der allerletzten an seine Nächsten. Am 7. Februar wurde nach Buchenwald auf den Transport geschickt. Ende März wurde er Richtung Süddeutschland abtransportiert, wo er am 5. April 1945 mit 5 anderen Widerstandskämpfern, unter ihnen Admiral Canaris und General Hans Oster, in einer Waschküche des KZs Flossenburg in der Nähe der tschechischen Grenze erhängt wurde.“

ich suche das gedicht, welches auch in dem fim "bonhoeffer - die letzte stufe" vorkommt

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@unicooooooorn

Dann ist wohl das Gedicht „Wer bin ich?“ vom Juli 1944 gemeint.

Dietrich Bonhoeffer, werke Bd. 8. Widerstand und Ergebung : Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Christian Gremmels, Eberhard Bethge und Renate Bethge in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt. Gütersloh : Kaiser, 1998, S. 513 – 514:

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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Albrecht hat dir eine so umfassende Antwort gegeben, dass jede weitere überflüssig ist.

P.S. "im voraus"

warum schreibst du denn bitte sowas unnötiges?!?!?!

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@unicooooooorn

Damit du Albrecht den Stern für die hilfreichste Antwort geben kannst. (Ich dachte, das wäre dir klar.)

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