Gedicht: Muss ein Metrum in einem Vers einheitlich sein, um als Metrum durchzugehen oder hat sonst der Vers kein Metrum?

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Hallo funkemariechenn!

Für solche unregelmäßigen Metren gibt es den schönen Begriff: "Deutscher Knittelvers". Man kann das schon metrisch sprechen, wechselt aber zwischen Jambus und Anapäst hin und her.

Und so lange eine Zeile - wie in diesem Fall - jedesmal vier Hebungen hat, versteht man das auch als Metrum.

Aber es wirkt halt nicht sehr gekonnt - es sei denn, ein Metrumwechsel würde sich gezielt auf den Inhalt beziehen.

Gruß Friedemann

Man beachte auch mal die extremen Metrumwechsel in Mörikes Gedicht "Um Mitternacht".

Gelassen stieg die Nacht ans Land
lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;

Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, in’s Ohr
Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

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@mychrissie

Hallo mychrissie!

Die Wechsel der Metren lassen sich hier aber durchaus inhaltlich interpretieren!

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Gelassen stieg die Nacht ans Land

. / . / . / . /

lehnt träumend an der Berge Wand,

. / . / . / . / . /

Ihr Auge sieht die goldne Waage nun

. / . / . / . / . /

Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;

. / . / . . / . . /

Und kecker rauschen die Quellen hervor,

. / . . / . . / . /

Sie singen der Mutter, der Nacht, in’s Ohr

. / . . / . . / . . / .

Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

Die ganze erste Strophe weist regelmäßige Jamben auf. Die beiden letzten Verse haben allerdings eine Hebung mehr. Diese Verlängerung ergibt den Eindruck einer veränderten Zeit mit größerer Ruhe - und genau davon ist hier ja inhaltlich die Rede!

Der Anapäst, der plötzlich in der zweiten Strophe auftaucht, illustriert die sprudelnden Quellen sehr deutlich und die Erinnerung an den gewesenen Tag ist hier offensichtlich etwas aufgeregt und überstürzend - so wie Kinder von einem Erlebnis erzählen.

Unregelmäßigkeiten sollten immer als erstes zu der Frage führen: Wie fühlt sich das an, welche Wirkung wird damit erzielt? Wenn man diese Wirkung auf den Inhalt eines Gedichtes beziehen kann, dann sind Unregelmäßigkeiten meist beabsichtigt. Das zeugt von Können!

Aber natürlich gibt es viele Gedichte, die auf diese Weise das Nicht-Können ihres Autors unter Beweis stellen!

Gruß Friedemann

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@schmidtmechau

Natürlich erfolgt dieser Metrenwechsel nicht zufällig, sondern hat inhaltliche Gründe da hat sich Mörike durchaus was dabei gedacht. Er ist eben ein begnadeter Dichter, und obwohl er viele nicht ganz so bedeutende Gelegenheitsgedichte gemacht hat, die nicht unbedingt absolut überragend sind, weil sie eben nur auf alltägliche Begebenheiten Bezug nahmen; aber wenn's drauf ankam, hat er seine volle Meisterschaft eingesetzt.

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