Fühlen die Ostdeutschen (AFD-Wähler) sich von der Politik/Medien richtig verstanden?

12 Antworten

Das Abschneiden der AfD im Osten hat nichts mit einer speziellen ostdeuschen Mentatlität zu tun, sondern mit 27 Jahren Bundesrepublik im Osten.

Sie hat damit zu tun, dass vor dem Krieg vernachlässigte Regionen von der DDR wirtschaftlich entwickelt wurden und diese Regionen jetzt wieder abgehängt sind wie vor 80 Jahren. Sie hat damit zu tun, dass Ostdeutschland immer mehr Drittweltstrukturen ausbildet mit überbordenden Megazentren zwischen riesigen toten Zonen, eine Entwicklung, vor der die UNO ausdrücklich warnt.

In der DDR gab es in ländlichen Regionen Arbeitsplätze, Bus- und Eisenbahnanschlüsse, Verkaufs- und Poststellen, Dorfkneipen, Gemeindezentren, Bibliotheken, Jugendklubs und Kindergärten – alles Dinge, die es heute großen- oder sogar größtenteils dort nicht mehr gibt.

Zu tun hat das damit, dass ein DDR-Durchschnittsrentner mit seiner Rente von 477 Mark (1988) besser klar kam als ein jetziger Durchschnittsrentner im Beitrittsgebiet. Ein DDR-Mindestrentner mit 15 Beitragsjahren bekam ab 1984 310 Mark was sich bis 45 Beitragsjahren auf 370 Mark steigerte. Das war zwar auch in der DDR nicht viel, doch war auch das auskömmlicher als die Grundsicherung heute.

Das Abschneiden der AfD hat damit zu tun, dass in Ostdeutschland die Sozialstruktur zerschlagen wurde und diese sich bis heute nicht wie im Westen mit einer breiten Mittelschicht neu bilden konnte. In den ersten zehn Jahren nach der Wende wurden dort 1,5 Millionen Kinder weniger geboren als in den zehn Jahren vor der Wende Hunderttausende junger Menschen wanderten aus. Ostdeutschland wurde so zum Arbeitskräftereservoir für der reicheren Regionen Deutschlands, wurde zum Altersheim der Bundesrepublik und durch die Deindustrialisierung für lange, wenn nicht für alle Zeiten zur Alimentierung durch den Westen verurteilt.

Zehn Jahre nach der Wende meldete Die Welt, dass der IQ ostdeutscher Kinder von 102 (überdurchschnittlich) auf den westdeutschen Durchschnitt von 95 gesunken war. Das DDR-Bildungswesen war durch die sozial selektive westdeutsche Beamtenschule ersetzt worden, samt Religionsunterricht, Geschichtsklitterung, DDR-Verteufelung und anderer inhaltlicher und struktureller Geschwüre.

Das Abschneiden der AfD im Osten hat damit zu tun, dass es dort auch die größten sozialen Probleme gibt, dass es dort den größten Anteil an prekär Beschäftigten gibt und die Aussichten, dort einen auskömmlichen Job zu ergattern am geringsten sind.

Da DIE LINKE dort mittlerweile als Teil des Establishments angesehen wird, verschärft sich in den neuen Ländern der generell  vorhandene Trend, dass soziale Verwerfungen den rechten Rand stärken.

All das sind Gründe, die man in den Medien nicht findet. Dort wird das auf die angebliche DDR Sozialisation zurückgeführt, was natürlich falsch ist.

Ein Überblick über die Besonderheiten ostdeutscher Wertvorstellungen kommt nicht ohne den Rekurs auf die These aus, dass die hohe Quote fremdenfeindlicher Gewalttaten in den neuen Bundesländern ein Effekt der spezifischen DDR-Sozialisation sei. Die Relevanz dieser These entspricht allerdings nicht den Ergebnissen der empirischen Werteforschung, sondern ihrer Funktion in den politischen und ideologischen Deutungskämpfen um den Status der DDR und der Bundesrepublik. Untersuchungen der Werteforschung konnten die kurzschlüssige Folgerung, dass die autoritären Herrschaftsformen in der DDR autoritäre Persönlichkeiten hervorgebracht hätten, nicht bestätigen. Auch manche Spekulation über eine typisch ostdeutsche Indifferenz gegenüber dem Nationalsozialismus wurden empirisch eindeutig widerlegt; im West-Ost-Vergleich zeigte sich eher das Gegenteil.

http://www.bpb.de/apuz/28054/die-konstruktion-der-ostdeutschen?p=all

Es geht nicht darum, ob die Ostdeutschen sich nach entgegengebrachtem Verständnis durch Medien und Politik sehnen. Es geht um eine völlig verfehlte Politik, die sich im Osten am krassesten auswirkt und den Rechten und den Rechtsextremen die Menschen zutreibt.

Den Rechtsruck im Osten haben 27 Jahre real existierender bundesrepublikanischer Kapitalismus bewirkt, wie auch die AfD eine Ausgeburt der diesen Kapitalismus dienenden Parteien ist. Dass die AfD keine Lösung ihrer Problem bieten kann, wissen die meisten AfD-Wähler im Osten auch, nur gibt es für sie eben keinen Grund CDU, SPD und Grüne zu wählen. Diese vier Parteien verweigern doch beharrlich die zur Kenntnisnahme o. g. Fakten.

Hi, Hominide - treffendste Analyse, mein aufrichtiges Danke!!!  LG, SedOwl.

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Diese vier Parteien verweigern doch beharrlich die zur Kenntnisnahme o. g.  LÜGEN

was soll dieses unerträgliche gejammere

"wir westler" müßen für diese "ewig gestrigen" jeden monat zahlen

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@hefezopf01

Mit verstehendem Lesen und mit Fakten hast du offensichtlich ein Problem, so dass dir nur bleibt, irgendwas zu unterstellen, was nirgends steht.

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Aus meiner Sicht liegst du richtig - selbstverständlich sind die wahren Gründe vielschichtiger.

Unsere Medien mutieren (selbst bei oberflächlicher Betrachtung) zunehmend mehr zum Sprachrohr politischer Interessengruppierungen. So beinhaltet dies auch gezielte Desinformation - wie z. B. die Wahlergebnisse der AfD gern als vordergründig ostdeutsches Phänomen dargestellt werden. Und nicht zuletzt offenbaren die "einfachen Erklärungsmuster" einmal mehr, wie seitens Politik und Medien der Intelligenzquotient des deutschen Wählers eingeschätzt wird.

Es würde hier sicher zu weit führen, deine Frage umfassend zu beantworten, obwohl sie es verdient hätte. Nun, dass die eigentlichen Gründe für derzeitige Entwicklungen weder von der Politik benannt noch in den medialen Debatten hinreichend differenziert erörtert werden, dürfte m. E. in den Bestrebungen zu sehen sein, den Ball flach zu halten. Schließlich müssten Fehler eingestanden und ggf. Konsequenzen abgeleitet werden. Verhaltensmuster, welche unserer Politikerkaste offenbar völlig fremd sind. Die konzentriert sich eher auf übliche Ablenkungs- und Vernebelungsstrategien - auch ein weiteres Indiz dafür, dass an unflexiblen Vorgehensweisen festgehalten werden soll.

Dass Politik & Medien nun rein gar nichts verstanden haben (könnten), dürfte unwahrscheinlich sein. Nein, die Sachlage ist weitaus beängstigender...

Die Aussage, dass die Ostdeutschen sich wichtigster Werte, wie Demokratie und Freiheit, sehr viel mehr bewusst sind, ist nachvollziehbar richtig.  LG.

Ja, es ist in der Tat so.

Was den Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, so unheimlich bekannt vorkommt, ist die unsägliche Arroganz der etablierten Parteien (oder "Altparteien" im AfD-Jargon), sich als alleinige Hüter der Demokratie aufzuspielen. Bezeichnend dafür gerade heute ein Satz von Steinmeier: "Nicht alle, die sich abwenden, sind deshalb gleich Feinde der Demokratie. Aber sie alle fehlen der Demokratie." Was soviel heißt wie: "Wir bestimmen, was unter Demokratie zu verstehen ist, und nicht ihr." Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu "Die Partei, die hat immer recht".

Und die Medien sehen ihre Aufgabe eben nicht darin, hier energisch einzuschreiten, sondern den etablierten Parteien für solche Aussagen noch zu applaudieren und Kritiker als defizitäre Charaktere darzustellen.

Gute Antwort! Dieses Verhalten von Steinmeier ist mir auch übel aufgestoßen.

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