Friedrich Nietzsche - Religionskritik?

3 Antworten

Im Prinzip bis auf den letzten Satz über die "Ungläubigen" - ich würde dazu sagen, die Nicht-Glaubensbedürftigen, die nicht Gewissheits-Bedürftigen. Ist Dir aufgefallen, dass ein zentraler Begriff im Text "Gewissheit" ist. Diese Sucht nach Gewissheit, nach Halt und von außen gegebene Vergewisserung wird bei Nietzsche im Text nicht nur den Religionen zugeordenet sondern allen Ideologien, auch einem Nationalismus, den er nur als Krücke für Schwache benennt.

Hier ein meiner Meinung nach zentraler Auszug:

"aber auch jenes ungestüme Verlangen nach Gewißheit, welches sich heute … wissenschaftlich-positivistisch (= Wissenschaftsgläubigkeit) entladet, das Verlangen, durchaus etwas fest haben zu wollen … auch das ist noch das Verlangen nach Halt, Stütze, kurz jener Instinkt der Schwäche, welcher Religionen, Metaphysiken, Überzeugungen aller Art (also nicht nur Religionen - z.B. Marxismus! atheistischer Fanatismus) zwar nicht schafft, aber – konserviert. In der Tat dampft um alle diese positivistischen Systeme … oder aber zur Schau getragener Ingrimm, schlechte Laune, Entrüstungs-Anarchismus und was es alles für Symptome oder Maskeraden des Schwächegefühls gibt."

Woran erkennt man Ideologie, wissenschaftlich-positivistische Einstellung - nach Karl R. Popper: Sie entziehen sich der Kritik, sie immunisieren sich durch einen Wall von Dogmen. Darum ist "Ungläubige" nicht ganz richtig, denn Nietzsche selbst nennt den Nihilismus als den Gauben an den Unglauben. Insoweit ist der Nietzschtext keine platte Religionskritik sondern eine Analyse der Schwäche der Menschen. Selbst vernarrte Fußballfans kann man da subsumieren:

"Der Fanatismus ist nämlich die einzige »Willensstärke«, zu der auch die Schwachen und Unsichern gebracht werden können, als eine Art Hypnotisierung des ganzen sinnlich-intellektuellen Systems..."

Überall, wo Fanatismus auftaucht, kann man hinter dieser Maske der Fanatismus die Herrschaft der Schwäche erkennen, bei Religionen wie bei Ideologien und sonstigen Lebenskrücken und Identifikationshilfen.

Endlich einmal jemand, der Nietzsche wirklich versteht!

Die Diskussion von AlbatrossFLIGHT und LibertyFire unten geht an Nietzsche ziemlich vorbei und m.E. auch am Christentum. Es wäre ein ziemlicher Irrglaube, zu meinen, das Christentum sei für die Schwachen oder Starken oder wen auch immer gemacht. So etwas macht ja niemand zu einem bestimmten Zweck oder um eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Dass das Christentum, oder jede andere Glaubensform in bestimmten gesellschaftlichen Situationen zu Zwecken benutzt wird, heißt noch nicht, dass das zu diesem Zwecken geschaffen wurde und nur solchen Zwecke dienen kann.

Insofern ist die Marx'sche und Feuerbach'sche Religionskritik immer als eine Kritik innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Bezüge zu verstehen, und die beiden haben das selber so deutlich gemacht.

Für Nietzsche aber geht es darum, gegen die Denkfaulheit vorzugehen, gegen die Tendenz, sich an "gegebene" Lehrsätze zu hängen und sich der Kritik zu entziehen. Mit seinem Stichwort "Wille zur Macht" - so oft missverstanden - äußert er die Absicht, die Dinge 1. selbst und 2. tief (bis auf den Grund, "abgründlich" - wie er sagt) zu durchdenken, und dabei jede Denkvorgabe, -vorschrift oder -gewohnheit beiseite zu lassen, sich also in das Feld der Ungewissheit zu begeben. Das geht gegen den Untertanen-Geist!

Gruß Friedemann

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@schmidtmechau

Dass Nietzsch seine Hauptspitzen gegen das Christentum richtet, hat mit seiner Erziehung in einem extrem spiritistischen Haus zu tun, wo er Glaubensfanatismus erlebt, aber auch bereits als Jugendlicher hinterfragt hat. Im vorgelegten Text jedoch geht er über diese Grenze hinaus auf die allgemeine menschliche Verfassung. Zu ergänzen ist, dass die von Nietzsche erwähnte einzige »Willensstärke« im Fanatismus eine meist nur in der Gruppe geübte Willensstärke ist. So beschreibt z.B. die Polizistin Tania Kambouri in ihrem Buch, dass Menschen, die ihnen agressiv im Clan gegenübertreten, total verunsichert und "friedlich" sind, wenn man sie isoliert und sie für sich allein stehen müssen. Nietzsche hat für diese Phänomene ein feines Gespür.

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Den Nietzsche haste richtig wiedergegeben, nur dessen Religionskritik ist einseitig und daher überbordend. Natürlich gibt es starke Gläubige und schwache Atheisten. In der Tendenz stimmt aber die Aussage, dass bevorzugt Schwache sich der Religion in die Arme werfen. Marx sagte dazu u.a.: "Religion ist der Stoßseufzer der bedrängten Kreatur." Bedrängte Kreaturen sind meist schwach.

Die Entstehung der Religion war allerdings nicht das Resultat von Hemdemätzen, die ängstlich schloddernd sich einen Gott ausdachten, sondern vielmehr war es die menschliche Unwissenheit, die zu solch einem Popanz führte.

Du liegst völlig richtig, das war das Verständnis und die Ansicht Nietzsches. Wohlgemerkt, seine eigenen persönliche Ansicht, ohne Anspruch auf Richtigkeit, selbstverständlich.

Es gibt sehr wohl, starke, kluge Persönlichkeiten, die einen starken Glauben haben. Diesen haben sie sich durch Nachforschen und Bibelkenntnis erworben.

Andererseits gibt es schwache, haltlose Persönlichkeiten, die nicht glauben und auch nichts das geringste Interesse an religiösen Fragen haben. 

So einfach, wie Friedrich Nietzsche die Sache sieht, ist sie leider nicht.

Der christliche Glaube ist geschaffen für die Ohnmächtigen und Schlechtweggekommenen und ihren kaum verhüllten Rachegelüsten gegen alle Vornehmen und Erfolgreichen ("Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel")

Welche starke, kluge Persönlichkeit braucht das Christentum, die Religion der Schwachen und Armen?

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@LibertyFire

Libertyfire - rege dich bitte nicht so heftig auf, ich wollte dich doch nicht angreifen!

Bist du ernsthaft der Meinung, der christliche Glaube sei lediglich für die Ohnmächtigen und zu kurz gekommenen? Dann wären die Kirchen ja proppevoll.

Und keiner der Erfolgreichen und Vornehmen wäre unzufrieden, frustriert, depressiv, geschieden, gar suizidal? Wie kommst du zu dieser Ansicht? 

In Wirklichkeit gibt es in allen Schichten solche und solche. Davon bin ich aufgrund meiner Lebenserfahrung (einige Jahrzehnte auf dem Buckel) felsenfest überzeugt.

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@AlbatrossFLIGHT

Ich habe mich weder angegriffen gefühlt, noch habe ich mich aufgeregt. Ich habe nur keine besonders freundliche Ausdrucksweise genutzt. Ich wollte dich keinesfalls angreifen.

Bist du ernsthaft der Meinung, der christliche Glaube sei lediglich für die Ohnmächtigen und zu kurz gekommenen?

Diese Ansicht habe ich sehr wohl, vor allem bei den Evangelien und den Paulus-Briefen. Mit dem alten Testament hingegen kann ich diese These nicht unbedingt untermauern.

Dann wären die Kirchen ja proppevoll.

Heutzutage gibt es eben auch viele Schlechtweggekommene, die ihren Trost nicht im Christentum suchen, aber früher war das Argument - "Christentum für die Zu-Kurz-Gekommenen" - extrem stark.

Und keiner der Erfolgreichen und Vornehmen wäre unzufrieden, frustriert, depressiv, geschieden, gar suizidal? Wie kommst du zu dieser Ansicht?

Dass es in der Realität auch viele Erfolgreiche und Vornehme gibt, denen es schlecht geht, ist klar. So habe ich das nicht gemeint. Ich habe das von der vorgeworfenen Intention des Christentums an sich, nämlich eine Krücke für die Armen zu sein, her gemeint.

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