Freier Wille irrational?

...komplette Frage anzeigen

6 Antworten

Ich empfehle, bei der Entwicklung von Gedankengängen auf diesem Gebiet mit den Begriffen noch sorgfältiger umzugehen und das umstrittene Thema gründlich zu durchdenken, einschließlich der Kenntnisnahme rationaler Argumentaton für das Vorhandensein von Willensfreiheit.

Indeterminismus ist in einer allgemeinen Bedeutung (als Gegenbegriff ist Determinismus) der Standpunkt, die Wirklichkeit sei nicht vollständig durch Ursachen bestimmt (determiniert) und ihr Zustand, die Ereignisse und die Entwicklungen seien nicht durch einen vorangegangenen Zustand auf notwendige Weise völlig festgelegt. Bewußte Entscheidungen sind damit nicht ausgeschlossen. Richtig ist dagegen, auf der Grundlage von Zufall bzw. Willkür nicht zu Willensfreiheit kommen zu können. Es gibt ja dann keinerlei Kontrolle und Selbstbestimmung.

Willensfreiheit bedeutet nicht, ohne Gründe zu handeln, und ist mit dem Vorhandensein von Einflüssen - die offensichtlich da sind - verträglich, wenn diese ihn nicht auf notwendige Art bestimmen. Wenn die Vernunft eine Leitung ausübt (so etwas kann nur selbstbestimmt stattfinden) haben eine Einsicht in die Sache und eigene Urteilskriterien Bedeutung.

Bei der Willensfreiheit geht es nicht darum, die gegenwärtigen tatsächlichen Wünsche, Neigungen und Vorlieben anders sein zu lassen, sondern was mit den bestehenden Wünschen, Neigungen und Vorlieben weiter geschieht, vor allem ob und wie sie handlungswirksam werden. Die Frage der Willensfreiheit richtet sich im Kern nicht auf erste Regungen und Impulse, sondern eine spätere Phase der Handlungsvorbereitung, weil Entscheidungen am Ende, nicht am Anfang eines Willensbildungsprozesses stehen. Setzen sich Wünschen, Neigungen und Vorlieben automatisch in Handlungen um, oder haben Menschen eine Möglichkeit, innezuhalten, zu prüfen, abzuwägen und sich gegebenenfalls auch von ihnen zu distanzieren?

Einflüsse bei der Willensbildung sind mit der These der Willensfreiheit nicht ausgeschlossen und sie meint auch nicht, es gebe keine Gründe, warum Menschen das wollen, was sie wollen. Die Auffassung ist, es gebe eine Wahl bei Entscheidungen und das Wollen sei nicht auf zwangsläufige Art vollständig bestimmt (durch Schicksal/allmächtige Gottheiten oder durch feststehende Naturgesetze, bei denen zwingend in einer Abfolge Vorgänge aufgrund einer Ursache-Wirkung-Kette (Kausalität) eintreten).

Determinismus kann nicht einfach ohne zusätzliche Begründung mit dem Kausalprinzip gleichgesetzt werden. Hier liegt eine schwerwiegende Schwäche des Gedankens. Radikale Deterministen setzen oft einfach das Kausalprinzip (Jedes Ereignis hat eine Ursache), den Grundsatz, alles Geschehen aus dem Vorliegen eines Zusammenhangs von Ursache und Wirkung zu erklären, mit dem Determinismusprinzip gleich. Daraus, daß notwendigerweise jedes Ereignis eine Ursache/einen zureichenden Grund hat, kann jedoch nicht abgeleitet werden, daß jedes Ereignis unausweichlich notwendig ist.

Es gibt eine weitergehende (und daher zu begründende) Zusatzbehauptung, jedes Ereignis unterliege ausnahmslosen Gesetzen, die es mit strikter Notwendigkeit festlegen. Dabei ist offenbar an Naturgesetze gedacht (wobei nicht jede Art von Naturgesetzen für die These herangezogen werden kann, sondern nur Sukzessionsgesetze [Verlaufsgesetze]). Der Ablauf des Geschehens unterliegt angeblich ausnahmslosen Verlaufsgesetzen, die vereinfacht ausgedrückt Sätze der Form „immer wenn etwas der Art A geschieht, dann geschieht danach etwas in der Art B“ sind. Danach gelten Gesetzmäßigkeiten, nach denen aus einem zeitlich vorausgehenden Ereignis A unter bestimmten Bedingungen mit Notwendigkeit Ereignis B folgt. Bei völlig gleichen Bedingungen, die auf gleiche Objekte wirken, werden demnach gleiche Folgen eintreten.

Ein universaler Universalismus dieser Art, der darauf hinausläuft, der gesamte Weltlauf sei durch Anfangsbedingungen und Naturgesetze ein für alle Mal alternativlos festgelegt, kann meiner Meinung nach nicht empirisch überprüft werden. Denn das Universum können wir nicht zweimal in den genau gleichen Zustand bringen, sozusagen mit einer Neustarttaste für den Weltlauf. Verlaufsgesetze für einen universalen Determinismus sind auch nicht angegeben worden. Universaler Universalismus ist selbst eine metaphysische Theorie.

Wer die Existenz von Willensfreiheit bejaht, ist nicht gezwungen, das Kausalprinzip aufzugeben und eine Welt anzunehmen, in der es „nicht mit rechten Dingen“ zugeht (Wunder). Der Begriff Ursache führt noch nicht als logisch einzige Möglichkeit zu der radikal deterministischen Auffassung, auch andere Auffassungen sind denkmöglich. Ich empfehle, die Frage nicht vorschnell für geklärt (m Sinne einer Verneinung von Willensfreiheit) zu halten, denn der Gedanke in Beschreibungsfeld ist so noch nicht ausreichend einleuchtend und von durchschlagender Beweiskraft.

Albrecht 22.06.2011, 18:48

Bücher eines Verfechters der Willensfreiheit, die eine Darstellung der gewünschten Art enthalten:

Geert Keil, Willensfreiheit. Berlin ; New York : de Gruyter, 2007 (Grundthemen Philosophie), besonders S. 15 – 49 (Determinismus)

Geert Keil, Willensfreiheit und Determinismus. Original-Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 2009 (Reclam-Taschenbuch : Grundwissen Philosophie ; Nr. 20329), besonders S. 10 – 56

0
MaNic22 22.06.2011, 21:37

Also erst einmal möchte ich mich bei Ihnen für diese wirklich ausführliche Antwort bedanken, die ganz klar den Stern verdient hat :)

Es treten hier Gedanken auf, die ich selbst auch schon hatte. Aber auch neue Gedanken, wo ich (trotz des Textumfangs ihres Beitrags) noch Erklärungsbedarf sehe ;)

Aber nun gut, ich möchte zu folgenden Zitaten Stellung beziehen:

(1) "Setzen sich Wünschen, Neigungen und Vorlieben automatisch in Handlungen um, oder haben Menschen eine Möglichkeit, innezuhalten, zu prüfen, abzuwägen und sich gegebenenfalls auch von ihnen zu distanzieren?"

Hier sprechen sie etwas an, dass jeder mit gesundem Menschenverstand nachvollziehen kann. Sie erkennen, dass Entscheidungen nicht direkt erfolgen, sondern unsere Einzelwillen (wie ich die Bewusstseinseinflüsse zusammenfassend nennen möchte) die Grundlage bilden, auf die unsere Vernunft sich bezieht und daraus eine letztliche Handlungsentscheidung konstruiert. Ich habe sogar einst versucht, dies visuell darzustellen und bin so frei, das Bild anzuhängen (irgendwo geht das bestimmt).Diese "bewusste" Instanz und ihre Abwägung zwischen den einzelnen Willen kann m. E. frei oder auch determiniert geschehen - ich möchte beides nicht ausschließen. Die freie Abwägung deshalb nicht, weil ich nicht bestreiten will, dass sich die Entscheidungen frei anfühlen. Die determinierte Abwägung nicht, weil man unsere Vernunft auch als ein Abwägungs-System verstehen kann (so sehr das manchen auch widerstrebt). Dieses würde sich nicht zwischen den Einzelwillen denjenigen aussuchen, oder auch mehrere in einem Kompromiss vereinen, den unser Ich aus moralischen oder auch amoralischen Gründen für den besten hält, sondern jeder Einzelwille hätte bereits in sich die Attribute vereint, nach denen sortiert würde. In der Abbildung habe ich bloß zwei dargestellt: die Priorität und die Wahrscheinlichkeit.

Priorität ist hierbei gleichzusetzen mit dem Grad an Zuneigung zu diesem Handlungsmuster. Also praktisch, wie sehr man etwas will! Die Wahrscheinlichkeit gründet auf den Erfahrungen, wie realistisch die Durchführbarkeit des Willens ist. Die Aufgabe der Vernunft wäre nun die, durch menschliche Emotionalität oft verfälschten, Attribute in dem Sinne abzuwägen, dass ein optimales Maß an Priorität und Wahrscheinlichkeit erreicht wird. So wie bei der Entscheidung eine Gesangskarriere zu starten. Die Priorität ist immens, die Wahrscheinlichkeit hingegen gering. Nun kann aber entweder ein Mensch der Priorität die größere Bedeutung zu messen (Nach dem Motto: Verfolge deine Träume!) oder seine Emotionalität verblendet ihn (wenn ihm ständig die Popstars durch das Fernsehen vor Augen gehalten werden). All diese "Daten", wie man sie nennen kann, würde die Vernunft je nach Geistesklarheit sortieren - ob das Endergebnis auch in unserem Sinne vernünftig ist, wird sich durch die Handlungsfolgen zeigen, die wiederum Einfluss auf künftige Einzelwillen nehmen.

Entgegen dieses deterministischen Systems scheitere ich bislang an der Konstruktion eines Systems mit einem freien Willen und hege deshalb die Vermutung, dass es kein solches "System" gibt, also dass der freie Wille ins metaphysische abdriftet, ins irrationale. Selbes gilt übrigens m. E. auch für den Indeterminismus, da sich seine Funktionsweise meiner Vorstellungskraft entzieht.

(2) "Daraus, daß notwendigerweise jedes Ereignis eine Ursache/einen zureichenden Grund hat, kann jedoch nicht abgeleitet werden, daß jedes Ereignis unausweichlich notwendig ist."

(3) "Der Begriff Ursache führt noch nicht als logisch einzige Möglichkeit zu der radikal deterministischen Auffassung, auch andere Auffassungen sind denkmöglich."

Eben hier würde ich mir nähere Ausführungen anderer Meinungen wünschen. Denn ich habe bisher an dem Konzept festgehalten, dass insofern man einen kleinsten, einfachsten Prozess betrachtet (also wo keine anderen Einflüsse vorhanden sind, außer der einen Kraft, die bewirkt, dass aus A nun B wird) das eine zwingend zum anderen führt. Ich kann es auch so ausdrücken: Dass ein gewisses Ereignis B mehrere verschiedene Auslöser haben könnte, will ich nicht bestreiten. Aber dass ein Ereignis A mehrere verschiedene Folge-Ereignisse bewirken kann, ist nicht möglich, da es keine Instanz gäbe, die für die Entscheidung zwischen einem dieser Wege einwirken würde. Und man kann nun auch nicht behaupten, dass der freie Wille diese Instanz bilde, da sonst nun wieder eine weitere Kraft im Spiel wäre und wir somit keinen kleinsten, einfachsten Prozess betrachten würden. Es würde sich wieder aufteilen in die Kraft, die das Ereignis A auf B auswirkt und die menschliche Einwirkungskraft. Man könnte es nun nur noch dadurch retten, dass die menschliche Kraft die einzige sei, aber damit müsste man behaupten, dass Ereignis A gar keine Kraft mehr ausüben würde. Damit hätte der Mensch über alle Prozesse die absolute Macht, da alle komplexen Prozesse auf die kleinen aufbauen bzw, sich aus diesen zusammensetzen.

0
MaNic22 22.06.2011, 21:42

Das ist nun alles in allem viel Theorie gewesen. Ich hoffe man konnte folgen :) Zuletzt möchte ich mich aber noch auf folgendes Zitat beziehen:

" [...] kann meiner Meinung nach nicht empirisch überprüft werden. Denn das Universum können wir nicht zweimal in den genau gleichen Zustand bringen, sozusagen mit einer Neustarttaste für den Weltlauf."

Hierin gebe ich Ihnen absolut recht. Schon Hume hat ja gesagt, dass eine kausale Beziehung zwischen 2 Ereignissen nur aufgrund unserer Erfahrung im Kopf konstruieren, was nicht bedeuten muss, dass sie auch besteht. Gerade aus diesem Grund bleibe ich auch größtenteils theoretisch, da ich meine, dass man in diesem Thema ohnehin nur Aussagen auf Grundlage der Vernunft machen kann. Aber wie man sieht, kann auch pur rational viel argumentieren.

Ich freue mich schon auf ihre Antwort :)

MfG ich

PS: Ich hoffe das Bild in einer eigenen Antwort auf dieses Thema posten zu können. Suchen sie es einfach weiter unten :)

0
Albrecht 23.06.2011, 01:08
@MaNic22

Determinismus in speziellen Sinn (Verneinung des Vorhandenseins von Willensfreiheit) hat bisher kein ausnahmslos geltendes Naturgesetz angegeben, nach dem auf jedem Weltzustand mit unausweichlicher und zwingender Notwendigkeit der folgende eintritt, sondern behauptet dies (ohne konkret Benennung) aufgrund eines Verständisses von Naturgesetzlichkiet. . Bei Wirkungen von Ereignissen müssen Bedingungen einbezogen werden.

Das Konzept und die dahinter stehenden Gedanken (möglicherweise nicht vollständig dargelegt) mit ihren Einzelheiten sind jetzt erst einmal neu für mich und möglicherweise verstehe ich nicht alles sofort genau so, wie es gemeint ist. Anscheinend geht es bei der Betrachtung einfacher Prozesse darum, Überlagerungen von Kräften auszuschließen und die Erörterung von Nebengesichtspunkten freizuhalten.

Wenn nur die die abschließende Entscheidung genommen wird, bewirkt kein gleiches Ereignis A mehrere unterschiedliche Handlungen als unmittelbare Folgeereignisse. Einer anderen Handlung wäre eine andere Entscheidung vorausgegangen. Die in ihrer Willensbildung freie Person ist dabei die Kraft. Woraus dann Allmacht folgen könnte, ist für mich nicht nachvollziehbar. Es geht doch nur darum, daß eine Person über ihre Entscheidung Verfügungsgewalt hatte. Wenn die Person nicht Urheber ist, geht es um Vorgänge, nicht um Handlungen.

Wenn als Ereignis genommen wird, daß eine Person in einen Zustand kommt, gehört die Person mit ihren Fähigkeiten zum Ereignis und den Bedingungen.

Überlegen ist kein naturgesetzlicher Mechanismus mit einem vorbestimmten, alternativlos festgelegten Ausgang.

Die Person ist dabei kein unbeschriebenes, leeres Blatt. Sie kann z. B. Dispositionen haben. Aber weder steht für alles eine lückenlose, eindeutige und bis in die Einzelheiten fertige Handlungsweise bei den „Attributen“ (ob „Prioritäten“ sich mit dem Stärkegrad von Präferenzen deckt, ist mir nicht völlig klar) dabei bereit noch sind alle Attribute unveränderlich feststehend. In der Abbildung sind Veränderungen ebenfalls enthalten. Dem Anschein nach (sichere Einschätzung setzt ausführliche Erläuterung voraus, was in einer solchen Abbildung nicht mehr untergebracht werden kann) ist dabei allerdings das Denken als eine Art Datenverarbeitung von Erfahrung und nicht mehr verstanden (das Abwägen kommt mir in der Beschreibung auch etwas wie ein komplexes Sortieren vor). Eine Grundhandlung des Denkens ist das Unterscheiden (etwas als Bestimmtes und von anderen Dingen Verschiedenes erfassen). Damit ist z. B. auch eine Bejahung und eine Verneigung eine Denkmöglichkeit. Unterscheidendes Denken kann sich auf sehr viel richten. Bei einem Modell für ein System mit Willensfreiheit ist beim Denken mehr als Datenverarbeitung und Sortieren anzusetzen, ein Vernunftbegriff mit umfassenderen Leistungen.

0
MaNic22 23.06.2011, 13:34
@Albrecht

Und eben diesen Vernunftbegriff habe ich bislang nirgens so erläutert bekommen, als dass es dem Determinismus ebenbürtig ist - vielmehr begegnet man in der Philosophie wagen Umschreibungen und Schön-Rederei.

Ihre Auffassung dass ein einfachster Prozess "Überlagerungen von Kräften auszuschließen" versucht, ist korrekt. Doch glaube ich, verstehen sie mich falsch, wenn ich von einem Ereignis rede. Ich meine damit keinesfalls eine Situation in der sich ein Mensch befindet, da dies wohl schon die komplexeste Situation überhaupt ist, die ich mir vorstellen kann. Der Prozess ist viel theoretischer, er versucht darzustellen wie sich eine Kraft überhaupt auf etwas auswirken kann. Man könnte als Beispiel ein Atom nehmen, auf das eine elektromagnetische Kraft ausgewirkt wird, woraufhin es sich verschiebt. Ereignis A ist die Krafteinwirkung auf das Atom und Ereignis B die Verschiebung. Auf solche Prozesse baut alles auf und man kann es auch auf die Willensbildung anwenden, insofern man einen Vorgang isoliert von anderen Umständen betrachtet. Einzelwille A hat eine gewisse Priorität (oder auch Präferenz zu etwas, wie sie sagen). Diese Priorität wirkt sich gegenüber einem anderen Einzelwillen B mit geringerer Priorität wie eine verdrängende Kraft aus. Finden viele solcher kleinen Prozesse statt hat man letztlich eine Einzelwillenshierarchie. Die Vernunft als System könnte nun als Sortierer z.B. die Kraft auswirken alle Platzierungen unter den obersten 3 zu verdrängen. Vielleicht lässt sie auch immer Platz für 2 verschiedene Arten von Einzelwillen, Begierden und Prinzipien und versucht diese dann zu kombinieren indem sie von den sich widersprechenden Elementen beider Einzelwillen eines aussucht und die harmonischen vereint.

Man sieht, es ist gar nicht so abwegig, den ganzen Entscheidungsprozess als einen determinierten Prozess zu betrachten - doch verschließe ich mich wie gesagt nicht der Option des freien Willens. Ich denke ich werde mich noch mehr mit diesem Thema beschäftigen und die Buchtipps sind dafür schonmal eine gute Anlaufstelle.

Danke dafür :) MfG ich

0

da es beim Indeterminismus keine bewussten Entscheidungen gibt (weder amoralische noch moralische), da die Entscheidung zufällig, also ohne Grund, ohne eine Abwägung entstehen würde

Wieso kann es im Indeterminismus keine bewusste Entscheidung geben? Zum Indeterminismus sind verschiedene Grundvorstellungen möglich:

a) Ein Göttliches ist Schöpfer der Welt, setzt aber nur die Initiative und einige Grundgesetzmäßigkeiten. Darüber hinaus gibt er - vor allem den Menschen - einen freien Willen und macht sie damit verantwortungs- und schuldfähig. Allerdings kann dann einem solchen Göttlichen weder Allwissenheit noch Allmacht zugesprochen werden.

b) Ein Göttliches ist kein Ursprungsschöpfer sondern identisch mit der bewussten Gesamtheit des Seins und unsere reale Welt ist ein ununterbrochener Schöpfungsakt, eine Schöpfung im Entstehen, bei der der Mensch mit freiem Willen Partner des Schöpfers ist. Solche Gedanken gab es in der Stoa und z.B. auch bei Nikolaus von Kues.

c) Die epikureische Lösung mit der Durchbrechung des demokritischen Determinismus durch die zufällige Abweichung. Die zufällige Abweichung ist Ursache des suchenden, freien Spiels in der Natur, wovon freie Entscheidungen (nicht alle Entscheidungen sind frei) des Menschen Raum finden. Zufall ist Freiheit von Notwendigkeit, eine Unterbrechung der strikten Kausalkette. Im epikureischen Indeterminismus steckt die Wurzel der Freiheit. Diese Erfahrung nicht durchgängiger Kausalität hat vor allem Albert Camus als die Erfahrung des Absurden thematisiert. Er hat alle geschlossenen Denkmodelle daher als "Ausweichen vor der Erfahrung des Absurden" bezeichnet. Auch Karl Popper könnte nicht bei der Evolution als einem Prozess von Versuch und Irrtum spechen, wenn alles durchgängig determiniert wäre. Indeterminismus ist die Grundlage seiner Theorie der Propensities:

http://www.gkpn.de/Niemann_Propensities.pdf

MaNic22 22.06.2011, 16:10

Da ich ohne Metaphysik diskutieren wollte, fallen a) und b) außerhalb des Rahmens.

Epikurs Darstellung der zufälligen Abweichung von der Ursache hingegen, entbehrt sich meinem Verständnis. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass der Zufall, wie er ihn beschreibt, existiert - doch bricht er damit nicht den logischen Gedankengang: Wenn die Entscheidung nicht kausal ist, also grundlos entsteht, so setzt auch nicht der Mensch einen Grund fest, sondern die Entscheidung fällt einfach - zufällig. Hier ist kein konkretes Konzept dargestellt, wie es dem Menschen möglich sein sollte dort einzugreifen, wo per Definition kein Eingreifen statt findet, nämlich in der Willkür. Er behauptet einfach, da wo der Zufall ist, ist Freiraum für den menschlichen freien Willen. Nicht sehr stichhaltig meiner Meinung nach, es hört sich nur schön an.

0
berkersheim 22.06.2011, 22:37
@MaNic22

@MaNic22

Dass eine Entscheidung nicht in eine Kausalkette fest eingebunden ist, d.h. eigentlich keine Entscheidung ist, weil von Ewigkeiten her in die Kausalzusammenhänge eingebunden, bedeutet nicht, dass sie grundlos ist. Der Grund ist eine freie Entscheidung nach Abwägung verschiedener Alternativen, die ihrerseits alle Teile von Kausalketten sind. Mit jeder freien Entscheidung setzt der Mensch den Grund, den Beginn einer neuen kausalen Kette, die nur dadurch begründet ist. Im Determinismus gibt es keinen Grund, nur Folgen von Folgen von Folgen. Was da der Grund wäre, wäre ja wieder eine metaphysische Festsetzung. Der Begriff Willkür passt nicht in diesen Zusammenhang, der passt nur in normative Wertungen. Was Epikur beschreibt ist inzwischen Standard in der Quantenphysik. Wir leben in einer Welt mit Zufall UND Notwendigkeit. Eines der schönsten Ergebniss dieses Zusammenspiels ist z.B. die 5. Sinfonie von Beethoven.

0
MaNic22 23.06.2011, 12:50
@berkersheim

Ja, ich kenne diese Darstellung, dass wir mit unseren freien Entscheidungen zwischen den Endprodukten früherer Kausalketten immer wieder neue Kausalketten in Gang setzen. Doch ist hierbei halt die Frage, wonach die Entscheidung fällt. Sie sagen man entscheidet zwischen Alternativen und sie sagen, dass die Entscheidungen nicht grundlos sind. Daraus muss man doch schlussfolgern, dass ein bestimmter Grund (oder eine Grundkombination) uns dazu "veranlasst" eine bestimmte Alternative zu wählen. Also wieder eine Kausalkette in der unser Ich nur als Ausführungsorgan dient. Es gibt beispielsweise 3 Alternativen (putze ich die Zähne, putze ich sie nicht, oder spüle ich mir bloß den Mund aus) in einer Situation, nun gibt es ebenfalls für jede Alternative Erfahrungen (ohne Zähne putzen faulen meine Zähne + ich bin faul und will nicht 3 min lang putzen + Mundspülen bringt mehr als nichts tun und ist nicht so anstrengend). Aus der Kombination dieser Erfahrungen und ihrer einzelnen Relevanz heraus (z.B. kann man mehr Wert auf gute Zahnpflege als auf Faulheit legen) ergibt sich letztlich der Grund für unsere Handlung (mund ausspülen ist insgesamt am angenehmsten, also wähle ich diese alternative). Nun ist hier die Frage der Formulierung angebracht: wähle ich diese alternative oder wurde sie durch die in meiner Persönlichkeit verankerten Vorlieben und Abneigungen gewählt? Ich persönlich empfinde letzteres als logischer.

Dazu interessiert es mich, dass sie meinten "Willkür" wäre ein wertender Begriff, dabei setze ich es persönlich nur gleich mit Zufall. In welcher weise ist es wertend?

0
berkersheim 24.06.2011, 14:21
@MaNic22

Wir sollten nochmal rückbesinnen, worüber wir hier reden. Wir reden davon, ob Willensentscheidungen fest in ein Geflecht kausaler Verknüpfungen eingebunden sind oder nicht. Sind sie eingebunden (Determinismus), dann gibt es KEINE WAHL irgendeiner Person. Wenn man alle Verbindungen kennen würde, könnte man nicht nur im nachhinein rekonstruieren, warum eine Entscheidung gewählt wurde, sondern man könnte auch als Prognose den Verlauf von Anfang bis Ende darstellen. Der Blick nach Vorn ist wie der Blick nach hinten. Eine determinierte Welt ist eine nach vorn wie nach hinten festgelegte Welt ohne Wahlfreiheit.

Wird aber diese feste Verknüpfung unterbrochen dadurch, dass Teilnehmer dieser Welt wählen können, selbst wenn es je nur zwei Alternativen wären, zerbricht der Determinismus. Du kannst zwar in der rückwärtigen Betrachtung evtl. für einige wenige Personen evtl. rekonstruieren, wie die Verzweigungen bis zur Gegenwart sind (und auch das ist schon fraglich), aber Du kannst keine sichere Prognose mehr stellen, und das bereits für eine handelnde Person. Bei millionen handelnder Personen mit nur je zwei Wahlmöglichkeiten, die auch noch miteinander verknüpft sind und sich überkreuzen, kannst Du keine sichere Prognose mehr abgeben.

Jetzt muss man auch mal über den Begriff "frei" reden. Niemand, der in Bezug auf Menschen von "frei" redet, kann von einer absoluten Freiheit reden. Wir sind physikalisch und auch sozial in viellerlei Hinsicht gebunden. Freiheit bedeutet bezogen auf Menschen immer nur den Grad der Wahlmöglichkeiten. Das ist aber die Voraussetzung dafür, dass der Begriff "Schuld" überhaupt einen Sinn macht. In einer determinierten Welt gibt es keine Schuld, da gibt es nur das Gesetz. Wäre Kant ein Determinist gewesen, hätte eine seiner Fragen der Philosophie nicht gelautet: Was sollen wir tun? Der Begriff sollen macht nur Sinn bei Wahlmöglichkeiten.

Zufall heißt nicht Willkür. Zufall bedeutet lediglich, dass etwas geschieht, das nach Gesetz nicht erwartet wIird. In Willkür = wählen. Das setzt bewusstes Handeln, wählen voraus. Bewusstes Handeln und Wählen fällt unter die Kantsche Frage, "Was sollen wir tun?", d.h. in den Bereich des Normativen.

0
berkersheim 24.06.2011, 14:26
@berkersheim

In Willkür = wählen.

Sorry, da ist etwas gekürzt worden. Der Satz soll heißen: In Willkür stecken zwei Worte, nämlich Wille und küren = wählen.

0

Da ist kein freier Wille. Wer sollte diesen gegeben haben? Wie könnte ein solcher frei sein? Entwicklungsgeschichtlich ist ein freier Wille nicht möglich. Die Wechselwirkung des Menschen mit der Welt, in und um ihn herum. (Mechanismen der Evolution) Warum bedarf es einen freien Willens? Puppen und Bühne lassen an Schicksal denken. Das ist es auch nicht. Wer sollte der Absender sein?

MaNic22 22.06.2011, 16:00

nicht schicksal, sondern unausweichlicher determinismus oder einem indeterminismus ausgeliefert

0

Aufgrund der Tatsache, dass jegliche, wie auch immer geartete Form von Freiheit etwas Bezügliches, und damit etwas seinsmäßig-existentiell Determiniertes bzw Beschränktes ist, kann es keine uneingeschränkte, absolute Freiheit geben.

Und da es keine absolute, von allem (anderen) losgelöste Freiheit gibt, und geben kann, kann es, demzufolge, auch niemals einen absolut freien Willen geben.

Zitat von MaNic22: " solange ihr keine Metaphysiker seid "

"....wie eigentlich ein Materialismus aussehen müsste, der konsistent wäre, der also begreifen würde, dass er selber keine direkte Folgerung aus der Naturwissenschaft ist, sondern eine Art von Metaphysik"

".... wie ein Materialist mit solchen Problemen umgehen wird und welche Voraussetzungen er selber machen muss, wenn er sie hinreichend behandelt."

Quelle:

http://tinyurl.com/3hws64s

MaNic22 22.06.2011, 18:59

ein Materialismus [...] der also begreifen würde, dass er selber keine direkte Folgerung aus der Naturwissenschaft ist, sondern eine Art von Metaphysik

Das ist ein interessanter Gedanke den ich selbst auch nicht konsequent abstreiten würde, doch meinte ich mit keine Metaphysik mehr dass ich logische Schlussfolgerungen und keine Glaubensgedanken hören wollte :)

0

Tja... ich würde sagen, dass du mit deinen Überlegungen doch ziemlich richtig liegst...

Der "freie Wille" ist für das, was sich "ich" nennt reine Illusion und dieses kleine "ich" ist tatsächlich wie eine "Puppe", ein Kasperl, das an den Fäden von Geist und Seele tanzt ;-)

Deine Freiheit besteht (wenn es denn ansteht...) darin, dies zu erkennen und zu verstehen, aus der Unbewusstheit zu erwachen und fortan die Püppchen auf der Bühne bewusst zu beobachten.

Jaaaa, ich weiß schon... dieses "ich" hört das nicht gerne und verwehrt sich dagegen ;-), was aber nichts daran ändert...

MaNic22 22.06.2011, 16:14

Es ist schon recht frustrierend die einzige Freiheit darin zu sehen, von außen betrachten zu können, wie wir geführt werden. Doch sollte man die Menschen, die sich trotz dieser Erkenntnis dieser Ansicht verschließen, damit entschuldigen, dass sie nicht resignieren wollen, sondern dass sie nicht anders können, als zu resignieren.

0
Angel84 22.06.2011, 16:28
@MaNic22

Eben. Keiner kann anders, als es seine "Fäden" bestimmen. Damit ist jeder freigesprochen... Denn sie wissen nicht, was sie tun :-)

Frustrierend empfinde ich es nicht (mehr;-)... Eher spannend, denn ich weiß nie, was der nächste Moment, das nächste JETZT bringt...

0
MaNic22 22.06.2011, 18:55
@Angel84

Solch eine positive Einstellung finde ich zwar bemerkenswert, sie erscheint mir aber auch nahe des schwarzen Humors... ok, dann werd ich eben geführt, hauptsache es führt mich ins Glück ;)

0
Angel84 22.06.2011, 19:16
@MaNic22

Humor ist, wenn Man(n) trotzdem lacht ;-)))

0

Was möchtest Du wissen?