Frage zur Traumatologie?

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2 Antworten

Der Ablauf im Schockraum ist insgesamt sehr komplex und spielt sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen ab, um möglichst schnell den Patienten zu stabilisieren, die Verletzungen des Patienten zu eruieren, Behandlungsprioritäten festzulegen und mit einer Therapie zu beginnen.

Es beginnt mit einer Übergabe durch den Notarzt/Rettungsdienst. In dieser sind bereits wichtige Infos zu Unfallhergang, Auffindesituation und -status, erkennbares Verletzungsmuster, bisher getroffene Maßnahmen und Therapien, Alter und so weit bekannt Vorerkrankungen des Patienten enthalten. Die Übergabe sollte nach etwa einer Minute fertig sein, dann wird der Patient umgelagert und es beginnt die eigentliche Schockraumphase.

In dieser Phase passiert eine ganze Menge. Es gibt viele beteiligte Abteilungen, die alle gleichzeitig ihr Schema abspulen:

  1. Anästhesie: Diese Abteilung kümmert sich darum, dass der Patient Sauerstoff bekommt und einen einigermaßen stabilen Kreislauf hat. Der Anästhesist wird, falls notwendig und noch nicht geschehen, den Patienten narkotisieren und künstlich beatmen. Er wird Infusionslösungen zur Stabilisierung des Kreislaufs verabreichen, ggf. auch Blutprodukte wie Erythrozytenkonzentrate, Plasma oder Gerinnungsfaktoren. Außerdem wird die Anästhesie dafür sorgen, dass der Patient ausreichend venöse und arterielle Zugänge (Kanülen) gelegt bekommt, um den Kreislauf minutioös überwachen und Probleme behandeln zu können.
  2. Allgemeinchirurgie: Kümmert sich bevorzugt um alles, was die Bauchorgane angeht. Der Chirurg führt einen schnellen orientierenden Ultraschall des Bauches durch, um nach Blut im Bauchraum zu suchen bzw. um Schäden an inneren Organen feststellen zu können, wie z.B. ein Milzriss.
  3. Unfallchirurgie. Klassischerweise ist der Chef des Traum-Teams meist ein Unfallchirurg. Er führt einen gründlichen Bodycheck, also eine Ganzkörperuntersuchung durch und katalogisiert so die Verletzungen, er sorgt für einen reibungslosen Ablauf, stellt eigene Untersuchungen an und achtet auf die Zeit. Ja, die Zeit, denn die erste Phase im Schockraum sollte 10 Minuten nicht überschreiten. In manchen Kliniken macht der Unfallchirurg auch den Job des Allgemeinchirurgen mit.
  4. Radiologie: Während Anästhesie und Chirurgie noch am machen sind, nimmt ein Mitarbeiter der Radiologie schon mal Röntgenbilder der drei kritischen Bereiche Becken, Thorax (Brustkorb) und Halswirbelsäule auf. Ist der Patient schwer verletzt und wird die Indikation zu einer CT-Untersuchung gestellt ("Polytrauma-Spirale", eine CT-Untersuchung von Kopf bis Oberschnkel im Schnellverfahren) macht die Radiologie auch das. Ziel sit, eine möglichst schnelle und komplette Auflistung aller Verletzungen zu erhalten.
  5. spezialisierte Abteilungen wie Neurochirurgie, Gefäßchirurgie, HNO, Gynäkologie oder sonstwas kommen immer dann dazu, wenn sie explizit bestellt wurden.

Ziel der ersten Phase im Schockraum ist es, die Verletzungen des Patienten herauszubekommen und dann darauf zu reagieren. Das Vorgehen kann ein wenig variieren, je nachdem, was so gefunden wird und wie instabil der Patient ist. Kommt ein Patient mit einer instabilen Beckenfraktur, durch die er schon massiv Blut verloren hat, wird man ihm als sofortige Notfallmaßnahme eine Beckenschlinge oder -zwinge anlegen, um die Blutung zu kontrollieren. Erst danach käme z.B. die CT-Diagnostik.

Ist die Diagnostik abgeschlossen, wird festgelegt, was als nächstes kommt. Muss der Patient sofort in den OP und dort versorgt werden? Was muss operiert werden dun in welcher Reihenfolge? Oder ist vielleicht zunächst ein abwartendes Handeln möglich?

Im Schockraum wird immer wieder nach dem sogenannten ABCDE-Schema gearbeitet. Dabei bezeichnet A den Atemweg (Airway), B die Atmung selbst (Breathing), C den Kreislauf (Circulation), D die Neurologie (Disability) und E das ganze Drumherum wie die Untersuchung des entkleideten Patienten, Infos zum Unfallhergang etc, aber auch Maßnahmen wie Wärmeerhalt und Gerinnungsmanagement (E= Environment). Entsprechend wird man immer mal wieder so Sprüche wie "kein A, B oder C-Problem", oder "A und B klar, C kritisch bei instabilem Beckne" hören. Klingt cool und transportiert schnell viel Info.

Mir ist bei Youtube eine sehr nette Reportage über den Weg gelaufen, die in Bild und Ton und relativ gut recherchiert den Weg eines Polytraumtisierten vom Unfallort bis in die Reha begleitet. Ich denke, dass du hier einige sehr interessante Eindrücke gewinnen kannst:

https://www.youtube.com/embed/TFc90obBuFY" allowfullscreen="" width="560" height="315">

Maxxismo 25.06.2017, 00:47

Die Doku ist wirklich hervorragend. Fachlich, soweit ich das beurteilen kann, vorbildlich nacherzählt und auch von den Journalisten die Details korrekt erklärt, logisch aufgebaut und ohne Effekthascherei vollständig erzählt.

Wer wissen möchte, wie Notarzt mit Rettungsassistenten und das Team der Notfallaufnahme eines Maximalversorgers in einem sehr komplexen Fall tun, und wie sie Entscheidungen treffen, der sollte sich die Doku anschauen.

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Hmm, das Team steht bereit.

Der Notarzt übergibt auf ein Stichwort hin, bei dem alle aufhören zu reden, den Patienten mit Unfallhergang, gefundene Verletzungen und bisherigen Maßnahmen, an den Leiter des Leader des Traumateams.

Während dieser Übergabe darf weder gesprochen noch am Patienten gearbeitet werden, damit niemandem wichtige Informationen entgehen.

Anschließend macht jeder seinen Teil des Jobs:

  • Der Anästhesist am Kopf checkt die Atemwege und stellt die Beatmung ein.
  • Der Radiologe zückt das Ultraschallgerät und macht ein FAST-Sono. Er versucht Flüssigkeiten in der Lunge und im Bauchraum zu finden, was den Notfall nochmal drastisch verschlimmern würde.
  • Die Chirurgen checken Brustkorb, Bauch, Becken und Beine auf Verletzungen.

Sobald alle ihre Ergebnisse beieinander haben, berichtet jeder kurz und meistens geht es in den CT wo eine "Notfall-Spirale" gemacht wird. Der Patient wird innerhalb weniger Minuten notfallmäßig von Kopf bis Fuß gescannt und geht danach sofort in den OP.

Dort werden sofort Gefäße und Organe geflickt und ggf. Frakturen vorläufig erstversorgt, wenn sie nicht direkt final zu behandeln sind, weil das beispielsweise zu lange dauern würde und der Patient instabil ist.

Das Schema nennt sich ABCDE und wird mittlerweile International in Schockräumen größerer Kliniken angewendet. Es gilt die Maxime: "Threat first, what kills first." Das herauszufinden ist eine große Herausforderung in einem multidisziplinären Team mit wenig Zeit und dementsprechend hohem Stresslevel.

https://www.mh-hannover.de/fileadmin/organisation/stabsstellen_pm2/notfall_katastrophenmedizin/downloads/publikationen/Erstversorgung_des_polytraumatisierten_Patienten-II.pdf

LokiRockOfAges 21.06.2017, 01:30

Vielen vielen Dank, das hilft mir wirklich sehr!

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