Frage zu Kants Moralphilosophie

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2 Antworten

Also prinzipiell ist der kategorische Imperativ schlichtweg das grundlegende Prinzip jeder moralischen Reflexion, d.h. jeder der eine spontane (durch das "Faktum der Vernunft" hervorgerufene) (Gewissen-) Reaktion auf eine Erfahrung oder einen Gegenstand hat, die dazu anregt, über die Möglichkeiten alternativer (und moralischer) Verhaltensweisen nachzudenken, folgt notwendigerweise dem kategorischen Imperativ. Da es sich hier weniger um eine konkrete Moralphilosophie handelt als vielmehr um eine Kritik der Möglichkeit jeglicher Moralphilosophie, ist es unerheblich ob Kaspar Hauser Wissen/Erfahrung von kulturellen Normen etc. hat. Wenn Kaspar von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen wird, dann mag er das durchaus als ungerecht empfinden, ohne auch nur im geringsten Kenntnis von dem vorherrschenden Rechtssystem zu haben und er mag auch in der Reflexion dieser Erfahrung zu dem Schluss kommen, dass es keine wünschenswerte Maxime für eine allgemeine Gesetzgebung sei, dass Menschen wegen ihrer Andersartigkeit Leid erfahren sollen. Er leistet dem katiegorischen Imperativ automatisch Folge, auch wenn er ihn sicherlich nicht so wie Kant formulieren oder kritisieren würde. Rechts- und Unrechtsbewusstsein ist selbstverständlich stark kuturell geprägt, aber auch ohne eine prägende Kultur würde der Mensch ohne Frage das eine als Ungerecht und das andere als Gerecht empfinden. Und sollte er sich im Fortlauf Gedanken dazu machen, was das für die allgemeine Rechtmäßigkeit von Verhalten im Umgang mit anderen Menschen bedeutet, so tut er das implizit mit dem kategorischen Imperativ. Ob er das so tun würde, darf allerdings bezweifelt werden, denn tatsächlich ist ein solcher moralischer Gedankengang nicht gerade Vorraussetzungsarm, wenn man ihn im Sinne von Kant machen möchte (frei von Emotionen, Gelüsten, etc.). Was aber a priori Bestand hat (wenn auch nicht die ganze Moralphilosophie Kants) ist die Tatsache, dass Menschen aufgrund mancher Erfahrungen spontan dazu angeregt werden, über Recht und Rechtmäßigkeit von Verhalten zu reflektieren und ihre Erkenntnisse in die Gesellschaft mit einzubringen.

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Rhody222 29.03.2014, 13:36

Danke für deine Antwort. Bei "klassischen" moral. Überlegungen, wie z.B. ob es erlaubt ist jmd. Schmerzen zuzufügen, glaube ich ja, dass wir diese Taten auch ohne jegliche Erfahrungen zu besitzen, als unsittlich beurteilen würden. Aber wie ist es bei weniger eindeutigen Fragen: Müll trennen, ja oder nein; Stammzellenforschung, ja oder nein? Wie sollte es hier einem "Kaspar Hauser" möglich sein, ohne jegliche Erfahrungen, zu wissen, was zu Tun das Richtige ist? Laufen seine Überlegungen hier nicht ins Leere?

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SimonZelot 01.04.2014, 15:00
@Rhody222

Er würde diese Themen nicht als Gegenstand einer moralischen Betrachtung ansehen sofern er nicht direkt von der Thematik affiziert wird, soll heißen, wenn er bspw. keinerlei Erfahrungen gesammelt hat die er unter dem Begriff der Stammzellenforschung moralisch reflektieren kann wird er sich auch kein Urteil dazu bilden, aber wenn er es täte, so Kant, wäre er (unter der Vorraussetzung, dass er vernunftbegabt ist - darüber kann man streiten) ebenso wie jeder andere Mensch in der Lage, ein moralisches Urteil zu fällen. Mülltrennung wird er vielleicht automatisch machen, aber weder die Konsequenzen noch die moralischen Implikationen reflektieren, sofern er nicht dazu angeregt ist. In beiden Punkten unterscheidet er sich aber nicht von der Masse der Menschen. Wer macht sich schon ein eigenes Urteil über Stammzellenforschung und bringt das in den gesellschaftlichen Dialog ein? Wer überprüft schon tatsächlich jegliche Implikationen und Konsequenzen und damit die moralische Bedeutung der eigenen Handlungen und Handlungsmaximen? Aus meiner Sicht hat das kantische System schon einiges an Praxisrelevanz, weil es schlicht aufzuzeigen versucht, wie die Vernunft sich aufgrund von Erfahrung, Reflexion, Verarbeitung, Urteilsbildung und Handlung selbst ein Gesetz geben kann und wie dadurch Freiheit und Individualität als gesellschaftliches Wesen möglich wird. Der Inhalt moralischer Überzeugungen (wie Mülltrennung oder Stammzellennutzung) und wie moralisch diese objektiv sind, kann nach Kant kein Gegenstand objektiver Beurteilung sein denn die Moralität liegt im guten Willen. Und den kann auch ein Kaspar Hauser haben.

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Tja, das ist eine gute Frage, die dir dein Lehrer oder deine Lehrerin da stellt ....

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Rhody222 25.03.2014, 20:53

Danke für das Kompliment! :-)

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rantt 25.03.2014, 20:55
@Rhody222

An deinen Lehrer ^^. Kleiner Denkanstoß: Kant geht zwar davon aus, dass jeder Mensch vernunftbegabt ist, das heißt aber nicht, dass die Vernunft von Geburt an voll entwickelt ist.

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Rhody222 25.03.2014, 21:13
@rantt

Deswegen schrieb ich ja auch von einem 18-jährigen "Kaspar Hauser". Bei ihm müsste die Vernunft voll entwickelt sein, ansonsten würden wir doch unterstellen, dass Vernuft erst voll ausgebidet ist, wenn man zahlreiche lebensweltliche Erfahrungen gemacht hat... Dies wäre aber nicht a priori, davon wollen wir doch Abstand nehmen...

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