Frage zu Immanuel Kants Philosophie

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2 Antworten

Die Textstelle mit den beiden Sätzen bereitet eine Erklärung vor, wie ein Gebot Bestimmungsgrund des Wollens sein kann und ein Gebot, das sich auf einen Zweck an sich selbst bezieht, allgemein für alle vernünftigen Wesen verbindlich ist und für das Wollen ein objektiv notwendiges Prinzip ist.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/6). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV 427- 428/BA 63 - 64:
„Der Wille wird als ein Vermögen gedacht, der Vorstellung gewisser Gesetze gemäß sich selbst zum Handeln zu bestimmen. Und ein solches Vermögen kann nur in vernünftigen Wesen anzutreffen sein. Nun ist das, was dem Willen zum objektiven Grunde seiner Selbstbestimmung dient, der Zweck, und dieser, wenn er durch bloße Vernunft gegeben wird, muß für alle vernünftige Wesen gleich gelten. Was dagegen bloß den Grund der Möglichkeit der Handlung enthält, deren Wirkung Zweck ist, heißt das Mittel. Der subjektive Grund des Begehrens ist die Triebfeder, der objektive des Wollens der Bewegungsgrund; daher der Unterschied zwischen subjektiven Zwecken, die auf Triebfedern beruhen, und objektiven, die auf Bewegungsgründe ankommen, welche für jedes vernünftige Wesen gelten. Praktische Prinzipien sind formal, wenn sie von allen subjektiven Zwecken abstrahieren; sie sind aber material, wenn sie diese, mithin gewisse Triebfedern, zum Grunde legen. Die Zwecke, die sich ein vernünftiges Wesen als Wirkungen seiner Handlung nach Belieben vorsetzt (materiale Zwecke), sind insgesamt nur relativ; denn nur bloß ihr Verhältnis auf ein besonders geartetes Begehrungsvermögen des Subjekts gibt ihnen den Wert, der daher keine allgemeine für alle vernünftige Wesen, und auch nicht für jedes Wollen gültige und notwendige Prinzipien, d.i. praktische Gesetze, an die Hand geben kann. Daher sind alle diese relative Zwecke nur der Grund von hypothetischen Imperativen. Gesetzt aber, es gäbe etwas, dessen Dasein an sich selbst einen absoluten Wert hat, was, als Zweck an sich selbst, ein Grund bestimmter Gesetze sein könnte, so würde in ihm, und nur in ihm allein, der Grund eines möglichen kategorischen Imperativs, d.i. praktischen Gesetzes, liegen.“

Der erste Satz gibt allgemein eine Definition von Wille: Wille ist ein Vermögen (eine Fähigkeit), sich nach Vorstellungen von Gesetzen zum Handeln zu bestimmen.

Der Wille ist damit als eine Fähigkeit verstanden, die beim Übergang von einer gedachten Vorstellung zu einer Handlung wirksam ist.

Nach anderen Textstellen (weiter unten von mir als Kommentar angegeben) können die Gesetze als objektive Prinzipien (objektive Grundsätze) gedeutet werden.

Der zweite Satz gibt an, bei welchen Wesen diese Fähigkeit vorhanden ist: Sie kann es nur bei vernünftigen Wesen/Vernunftwesen/vernunftbegabten Wesen geben.

Nach dem ersten Satz geht es beim Willen um eine Selbstbestimmung. Dabei sind Gesetze ein Bestimmungsgrund, die selbst aufgestellt sind. Diese Selbstgesetzlichkeit ist Autonomie.

Voraussetzung dafür ist Freiheit und diese ist nach Kant etwas, das Vernunftwesen haben, andere Wesen dagegen nicht.

Kausalität versteht Immanuel Kant als eine Kategorie, bei der mit Hilfe eines der Erfahrung vorangehenden Verstandesbegriffes Gegenstände der Erfahrung in einem Verhältnis von Ursache und Wirkung aufgrund einer notwendigen Regel verknüpft werden.

In der empirischen Welt (Erscheinungswelt) fallen nach seiner Auffassung alle Ereignisse, also auch die Handlungen, unter deterministische Kausalgesetze. Zugleich gibt es die Annahme, Handlungen von selbst anfangen zu können. Kant versucht eine Auflösung des Widerspruchs, indem er neben die Naturkausalität eine zweite Art von Kausalität stellt.

Das praktische Subjekt stellt ein doppeltes Selbstverständnis her, mit den Sichtweisen als Wesen der Sinnenwelt (phänomenale Welt der Erscheinungen) und Wesen der Verstandes-/Vernunftwelt (als Vernunftwesen [noumenon] in einer intelligiblen Welt). Sittliche Handlungen, die unter dem „Gesetz der Freiheit“ geschehen, gehören ihrem Wesen nach zum Verhalten von Wesen der intelligiblen Welt und können ohne Bezugnahme auf diese Sichtweise nicht als möglich gedacht werden.

Dem Willen wird die Möglichkeit zugesprochen, von sich aus eine Kausalreihe zu beginnen. Ein allein durch die gesetzgebende Form bestimmter Wille fällt nicht unter die Erscheinungen und ihren Kausalitätsgrundsatz. Freie Handlungen haben einen Bestimmungsgrund, die Autonomie der Vernunft, die sich unabhängig von Antrieben der Sinnenwelt ein Gesetz gibt (Selbstgesetzgebung). Der Bestimmungsgrund wird von Kant als eine Kausalität (Kausalität durch/aus Freiheit) verstanden, die aber kein fremder, von außen kommender und determinierender Zwang ist.

Eine andere Überlegung führt auch zu dem gleichen Ergebnis: Um aus Gesetzen Handlungen abzuleiten, ist Vernunft erforderlich. Also kann das als Wille definierte Vermögen nur bei Vernunftwesen anzutreffen sein.

Nach Kant ist der Wille im Grunde praktische Vernunft.

Der Wille kann von der Vernunft völlig bestimmt sein oder (wie bei den Menschen) nicht an sich von der Vernunft allein ausreichend bestimmt sein.

Wenn Neigungen oder andere Triebfedern nicht mit der Vernunft übereinstimmen, ist die Bestimmung des Willens, objektiven Gesetzen zu entsprechen, eine Nötigung des Willens.

Die moralische Nötigung der Pflicht ist ein innerer Zwang (Selbstzwang). Sie geschieht durch Selbstbindung eines Vernunftwesens an ein von ihm selbstbestimmt aufgestelltes sittliches Gesetz, das allgemein für vernünftige Wesen gültig ist. Die Selbstverpflichtung gründet in Autonomie (Selbstgesetzgebung). Ein vernünftiges Wesen will das, was es als der praktischen Vernunft entsprechend eingesehen hat.

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Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/6). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV 412- 413/BA 36 - 37:
„Ein jedes Ding der Natur wirkt nach Gesetzen. Nur ein vernünftiges Wesen hat das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze, d. i. nach Principien, zu handeln, oder einen Willen. Da zur Ableitung der Handlungen von Gesetzen Vernunft erfordert wird, so ist der Wille nichts anders als praktische Vernunft. Wenn die Vernunft den Willen unausbleiblich bestimmt, so sind die Handlungen eines solchen Wesens, die als objectiv nothwendig erkannt werden, auch subjectiv nothwendig, d. i. der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft unabhängig von der Neigung als praktisch nothwendig, d. i. als gut, erkennt. Bestimmt aber die Vernunft für sich allein den Willen nicht hinlänglich, ist dieser noch subjectiven Bedingungen (gewissen Triebfedern) unterworfen, die nicht immer mit den objectiven übereinstimmen; mit einem Worte, ist der Wille nicht an sich völlig der Vernunft gemäß (wie es bei Menschen wirklich ist): so sind die Handlungen, die objectiv als nothwendig erkannt werden, subjectiv zufällig, und die Bestimmung eines solchen Willens objectiven Gesetzen gemäß ist Nöthigung; d. i. das Verhältniß der objectiven Gesetze zu einem nicht durchaus guten Willen wird vorgestellt als die Bestimmung des Willens eines vernünftigen Wesens zwar durch Gründe der Vernunft, denen aber dieser Wille seiner Natur nach nicht nothwendig folgsam ist.

Die Vorstellung eines objectiven Princips, sofern es für einen Willen nöthigend ist, heißt ein Gebot (der Vernunft), und die Formel des Gebots heißt Imperativ.“

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788). Erster Theil. Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft. Erstes Buch. Die Analytik der reinen praktischen Vernunft. Erstes Hauptstück. Von den Grundsätzen der reinen praktischen Vernunft. § 7. Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft. Anmerkung. AA V 032/A 56 - 57:
„Dieses Princip der Sittlichkeit nun, eben um der Allgemeinheit der Gesetzgebung willen, die es zum formalen obersten Bestimmungsgrunde des Willens unangesehen aller subjectiven Verschiedenheiten desselben macht, erklärt die Vernunft zugleich zu einem Gesetze für alle vernünftige Wesen, so fern sie überhaupt einen Willen, d. i. ein Vermögen haben, ihre Causalität durch die Vorstellung von Regeln zu bestimmen, mithin so fern sie der Handlungen nach Grundsätzen, folglich auch nach praktischen Principien a priori (denn diese haben allein diejenige Nothwendigkeit, welche die Vernunft zum Grundsatze fordert) fähig sind.“

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Also zuerst einmal würde ich dir andere Lektüre empfehlen, da Kant schwer zu lesen ist und andere bekannte Autoren ähnliche oder sogar an Kant angelehnte Thesen vertreten. Diese Autoren unterbreiten ihre Gedanken jedoch in einer viel verständlicheren Art, die angenehmer zu lesen ist.

Kurzerklärung: Es geht um Kants These, dass der Mensch ein rationales Wesen ist und das Vorhandensein eines Willens soll diese Anschauung untermauern.

Ausführlicher: Jeder schafft sich seine eigenen Gesetze und handelt nach diesen Prinzipien (z.B. Vegetarier isst kein Fleisch, Pazifist verweigert Kriegsdienst). Bei Tieren findet man keine derart komplexen Handlungen, sondern triebgesteuerte (Hunger, Vermehrung...). Der Mensch aber hat einen freien Willen, der es ihm erlaubt seine Triebe zu unterdrücken. Dieser Wille bedingt die Vernunft, da wir sonst vollkommen willkürlich handeln würden, etwa grundlos aus dem Fenster springen, öffentlich nackt ausziehen etc. Dies trifft auf ~99,99% aller Menschen nicht zu, daher wird unser freier Wille von der Vernunft geleitet.

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