Frage zu Brechts "Baal" als Gegenstück zu "Der Einsame" von Johst..!

2 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Puh, na das ist mal ne Frage!

Hmm, ich hab weder "Der Einsame" gelesen, noch hab ich bis dato gehört, dass der Baal gegen ihn in den Ring geworfen wurde. Wo stammt denn dieses Wissen her?

Dass Brecht den Expressionismus nicht mochte liegt daran, dass er ihm zu unpolitisch war. Ich glaube nicht, dass Brecht bei seinem Erstwerk schon derart politisch war. Man sagt, Baal sei aus der "asozialen" Phase Bertolt Brechts. Quasi bevor er dezidiert politisch wurde, und das epische Theater als Instrument zur politischen Erziehung entwickelte, und immer einen politischen, sozialen und historischen Kontext und Nutzen des Theaters für und in der Gesellschaft mitdachte. Aber der KEIM dieses späteren Brechts ist im Baal schon vorhanden. Baal ist schockierend, provozierend, er verhält sich so anders, als alle bekannten Individuen, dass die Figur Baals schon eine "Verfremdung" eines "normalen" Theaterhelden ist. (Hier weiß ich jetzt nicht, wie der Einsame geschrieben ist, aber vergleich mal die Figur Baal mit der Figur Nathan aus Nathan der Weise).

Gegen den Expressionismus hat Brecht gewettert, weil er nicht politisch war. Weil er zu künstlerisch, zu unverständlich für die breite Masse war. Weil die Expressionisten teilweise viel mehr mit ihren persönlichen Sinnkrisen und Formkrisen beschäftigt waren, als politisch zu denken und zu handeln. . . . aha, jetzt hab ich das ausgegraben. Ich rate dir dringend, selber ein paar Blicke in Brechts Theorietexte zu werfen. ("Entwicklung eines "neuen Theaters" oder so...Ich hab das damals in Frankreich gemacht. ) -

Bertolt Brecht – lese ich gerade. Ein großer Revolutionär, nie mit einem Blatt vor dem Mund, überzeugt von seiner Meinung, überzeugt von seiner Kritik und Ahnung von dem, was er schreibt: dass der Expressionismus Übersteigerung und Vergröberung sei – ein zu großes Halten, Klammer, Gefallen an den Ideen, mit dem die Ideen selbst eigentlich gar nicht mitkommen können. „in der Literatur ging es wie in der Politik, wo es ein neues Parlament, aber keine neuen Parlamentarier gab, gab es hier die Freude an der Idee, aber keine Ideen, und daher wurde es zu einer Bewegung und keiner Erscheinung“ (GW 15, S. 44.). Dem Voran ging das impressionistische Theater, das sein Hauptaugenmerk auf das soziale Milieu, auf die Determinierung der Zustände, der Verhaltensweisen und vor allem der Aktionsmöglichkeiten des Menschen legte. Aus politischer und ästhetischer Sicht – das Theater oder Kunst ist ja ein Abbild der Realität, der natürlichen Realität, - war diese Darstellungsweise allerdings unzulänglich, da sie, wie Brecht konstatiert, „die Abhängigkeit des Menschen vom Milieu [zeigt], allerdings noch alle gesellschaftlichen Einrichtungen schlankweg als naturgegebene hinstellt.“ (ebd., S. 232 (1933) Der Expressionismus war noch zu verletzt, zu betäubt, zu taub von der unmittelbar erlebten Kriegsvergangenheit, um sich die Frage nach dem „warum?“ „woher kam der Krieg?“ zu stellen. Sie verarbeiteten nur das Monstrum, sahen nur den Blutrausch des Baals, nicht die realen Ursachen, die menschliche, politische Verantwortung. So konstatiert Brecht über die Nachkriegszeit: „Nunmehr war das Theater daran, die „verborgenen Kräfte, die den Menschen lenken“, mit Namen zu nennen, und zwar menschlichen Namen, und die Verborgenen als nur Versteckte zu zeigen.“3 Er fährt fort: „Wie auf dem Felder der Wissenschaft verschwanden auf dem Theater die dunklen Mächte. Die Menschen traten eingreifend, in überblickbaren Situationen, auf.“. Demzufolge rechnet Brecht mit dem ihm bekannten und ihm vorgegangen Theater ab und stellt dem ganzen den Beginn eines aufgeklärten und aufklärerischen Theaters entgegen, das im Vollzug war die bis dato ungeklärten und unerklärten Machtmechanismen der Kriegsführung aufzuklären. Mit anderen Worten: das Theater der Nachkriegszeit entwickelte eine aufklärerische, politisch brisante Perspektive, indem es, die Wissenschaften auf ihrer Seite, auf Tätersuche ging. Bis die Nationalsozialisten und deren Mitläufer jenen guten Keim im Entstehen erstickten. -

Vielleicht hilft dir das weiter? Vive la France et bon courage avec ton texte!

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Wow, vielen Dank für deine Antwort!!!! Das hat mir wirklich weitergeholfen!!! Echt super! Also, dass Baal als Gegenstück zu "Der Einsame" verfasst wurde, habe ich aus mehrern Internetquellen zu Brechts Biografie... (Bsp: http://xlibris.de/Autoren/Brecht/Biographie/Seite2 ) Also noch mal Danke für die ausführliche Antwort und deine Mühe!!!!!

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Wow, was für eine Frage! :-)

Johst und den "Einsamen" kenn ich nicht, da müsste ich mich erst mal schlau machen. Allerdings ist der Expressionismus auch für Brecht Ausgangspunkt seines Werks, und "Baal" hat mehr als nur expressionistische Einsprengsel. Die Sache mit dem Nachdenken, auf die du anspielst, bezieht sich auf den späteren Brecht seit der Marx-Lektüre ab etwa 1926.

Bis wann brauchst du eine Antwort?

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Danke für deine Antwort!! Brauche die Antwort bis spätestens 8. Januar....

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@MilchHonig1788

Aiiiii ...

Da muss ich morgen mal gucken ... kann aber nichts garantieren (hab gerade zimelichen Stress). Verlass dich also besser nicht auf mich dabei.

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@Thelema

Sehe gerade, dass questionmarque ja schon eine lange Antwort geschrieben hat, und augenscheinlich auf hohem Niveau. Dann brauch ich mich wohl gar nicht mehr einzuarbeiten?

http://books.google.de/books?id=ABILxFjFLd8C&pg=PA24&lpg=PA24&dq=Brecht+Johst&source=bl&ots=MyJh0cW7jQ&sig=hffjcUO0tV7025qdEYiIQxbDqP0&hl=de&sa=X&ei=2jADT5r9AtDLsgbiha3yDw&ved=0CB4Q6AEwAA#v=onepage&q=Brecht%20Johst&f=false

Frank Thomsen, Hans-Harald Müller, Tom Kindt: Ungeheuer Brecht: eine Biographie

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