Folgt alles Geschehen in der Welt einer Kausalkette?

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Definitiv nicht ausschließlich, denn:

die zu jeder Zeit überall im Universum gegenwärtige Quantenfluktuation stößt ständig und überall neues Geschehen an ohne selbst deterministisches Geschehen zu sein.

Die Zahl solcher aus dem Nichts kommenden Anstöße ist in jedem noch so kleinen Zeitabschnitt größer als jede nur denkbare ganze Zahl, und jeder solche Anstoß kann - für entsprechend kurze Zeit - beliebig energiereich sein.

Man weiß es nicht, und die Frage läßt sich letztendlich nicht philosophisch-religiös, sondern durch nur Nachprüfen beantworten.

Deterministsche Vorstellung (vereinfacht):
Wenn man sämtliche Zustände aller Teilchen und Bewegungen im Weltall und überhaupt kennt, und man weiß was passiert, wenn Teilchen aufeinander Treffen, könnte man ja (theoretisch) ausrechen, was der nächste Zustand wäre.
In der Praxis ist das nicht machbar, weil man so einen Computer weder bauen, noch betriben könnte. Wer will all die Teilchen messen, usw.
Aber, es hätte eine tiefe philosphische Bedeutung:
wenn alles so vorbestimmt ist, wie kann man da von Schuld sprechen, wenn jemand etwas schlimmes tut. Er konnte ja nicht anders.
Es betrifft die Vorstellung, die eigentlich alle Menschen haben, die des "freien Willens". Wenn Gott (oder die Natur oder wer auch immer) alles durch einen ersten Zustand schon vorbestimmt hat, und danach das Universum wie eine Uhr abläuft, wären wir nur Rädchen, die keinen Einfluß auf das Geschehen haben.
Philosphen haben schon früher darüber nachgedacht, konnten sich aber im Grunde nicht einigen. Sie haben ja nur rumspekuliert, wussten aber noch nichts von Teilchen. Aber mit der Entdeckung der Atome, Elektronen usw. wurde diese Diskussion wieder aktuell.
Natürlich war ihnen dabei unwohl. Die ganze Moralvorstellungen aller Religionen hätte ein Problem, denn: "kann es Sünde sein, wenn ich etwas tue, an dem eh Gott Schuld ist."
Also gab es erst mal eine Zeitlang ziemliches Heulen und Zähneklappern, und alle dachten sich schnell Auswege aus. Es wurde eine Seele erfunden die irgendwie existiert, aber nicht aus Teilchen besteht, Lebensenergie die irgendwie rumschwirrt und so weiter. Natürlich lauter Sachen die nicht nachweisbar waren, damit sie eben das obige Problem umgehen.
Quantentheorie (vereinfacht):
So gegen Anfang des letzten Jahrhunderts, entdeckte man aber etwas Merkwürdiges. Die kleinsten Teile, insbesondere Photonen (also "Lichtteilchen", heute sagt man "Lichtquanten") verhalten sich manchmal sehr merkwürdig.
Sie entstehen manchmal einfach so, verschwinden wieder, oder sie schaffen es plötzlich woanders wieder aufzutauchen. Es geht auch mit größeren Teilchen, aber viel viel seltener. Je größer die Teilchen, und je mehr man davon zusammenpackt, desto seltener passiert es.
Bei so großen Objekten wir Menschen passiert es nie (nun es gibt immer noch eine Wahrscheinlichkeit > 0, aber die ist so gering, daß Milliarden mal das Alter des Weltalls nicht genug Zeit ist, bis es vielleicht mal passiert).

Es passiert schon bei normalen Atomen nie.

Also bleiben wir bei Elektronen und Photonen. Elektronen können auch manchmal wie durch eine Wand gehen. Das heisst, sie können - wo eigentlich kein Strom fließen kann - trotzdem verschwinden, und plötzlich hinter der Wand auftauchen. Je dünner die Wand, desto häufiger passiert das. Man nennt das Tunneleffekt, und ist auch ein Grund, warum man Computer nicht beliebig klein machen kann. Es gibt noch viele andere merkwürdige Dinge, die Du unter "Quantenphysik" findest, aber es ist manchmal wirklich unglaublich "spooky", das heist geisterhaft.
Noch ein Effekt, den fand, ist daß Teilchen (besonders größere Atome) manchmal einfach so in kleinere Bruchstücke zerfallen. Man weiss nicht wann es passiert, man kann aber vorhersagen, daß ein bestimmter Anteil eines Stückchens innerhalb einer bestimmten Zeit wahrscheinlich zerfällt (radioaktiver Zerfall).
Zurück zum Determinismus:
Durch diese Entdeckungen kommt natürlich ein ganz neuer Aspekt ins Spiel: es gibt kleine Zufälligkeiten, die man nicht vorhersagen kann. Damit ist der Welt-Derminismus für die Physiker vorerst mal gestorben, und sie suchen jetzt nach Ursachen. Mal sehen.
Für die Philosphen und Theologen ist das Problem damit aber noch nicht gelöst: wenn etwas zufällig passiert, unsere Gedanken also vielleicht irgendwo im ganz kleinen von solchen Effekten abhängen, dann habe ich ja immer noch keinen freien Willen.
Sie fürchten: dann wäre das Verhalten zufällig, und noch nicht mal von Gott vorgegeben.
Daher suchen jetzt die Theologen und Philosophen immer noch nach einem Ausweg. Denn so gesehen kann die Physik den freien Willen irgend wie nicht befriedigend erklären.

Die Theologen brauchen ihn aber dringend und sagen immer noch:
es gibt die Seele aber wir wissen nicht was es ist.
Komplex:Es gibt noch eine Fraktion, die denkt irgendwie dazwischen. Die sagen, es ist einfach sehr kompliziert in unserem Hirn. Prinzipiell schon deterministisch, aber weil jede noch so kleine Erfahrung, die man im Leben macht, einen Einfluß hat kann man es trotzdem nicht vorbestimmen (Schmetterlingseffekt).
Also schon deterministisch, aber so komplex, daß es nicht berechenbar ist.
Dazu gehöre ich: ich denke, alle Erfahrungen, die Du je in Deinem Leben gemacht hast, Erziehung, Umwelt, alles, sind so viele Einflüsse, das es eigentlich fast wie freier Wille ist. Mich kann keiner vorhersagen, nicht mal ich selbst.

tut mir leid, daß alle Absätze verrutscht sind. Habe mir mehr Mühe gegeben, aber GF ist halt schlechte Software: beim Speichern ging alles kaputt. Und danach sagte es: "zu groß", und nichts ging mehr.

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Du hast hervorragend die ganzen Ergebnisse meiner eigenen Auseinandersetzung zusammengefasst. Nur während du  zu einer befriedigenden Antwort gefunden hast,  bin noch auf der Suche nach einer. Danke für deine detaillierte Ausführung.

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@Hyperdinosaurus

"bin noch auf der Suche": habe es unten nochmal konkretisiert. 5000 zeichen sind einfach zu wenig, und ich konnte den "Komplexität"-Abschnitt nicht genug ausformulieren.
Vielleicht ist das eine Lösung auch für Dich.

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Ist es eigentlich ungewöhnlich sich mit 17 Jahren schon intensiver mit dem Thema beschädigt zu haben, denn für solche Fragen habe ich schon ganze Bücher gewälzt.

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@Hyperdinosaurus

17? wie kommst Du drauf - bin ich nicht (schon lange nicht mehr).

Noch ein Nachtrag (weil es mir gerade in den Sinn kommt):

Ich glaube nicht, daß die Theologie oder die Philosphen eine Lösung für das Seele (alias "Bewusstsein") - Problem haben und jemals finden werden.

Das sind alles Trockenschwimmer, Leute die nicht ins Wasser springen und darüber fabulieren, ob der Mensch untergeht oder nicht.

Die Frage ist falsifizierbar:

Man muss nur einen Computer bauen, der ein Bewusstsein hat, oder besser: entwickelt. Dann ist das Thema Dualität von Geist und Materie für rational denkene Menschen endgültig vom Tisch.

Allerdings werden sich einige dann etwas mies fühlen und sagen: "ist ja nur eine Maschine - wir meinen was anderes, es muss etwas Lebendiges sein - das gilt nicht".

Die Theologie macht sich nämlich nicht mal die Mühe, klar zu definieren, was Bewusstsein, "ich" oder "Seele" eigentlich sein soll. Sie wird einfach so in den Raum gestellt. Dann bezeichnet sie die Wissenschaft als nicht ausreichend, weil sie keine Seele nachweisen kann. Und argumentiert daraus ihren Daseinszweck: um diese "Lücke" zu füllen. Übrigens das selbe vorgehen wie bei Gott, von dem man ja auch nichts genaueres erfährt.

Die Seele ist des Kaisers durchsichtige Unterwäsche, geschneidert und verkauft von den Priestern. Dann wäre die Kirche sowas wie Adidas.
(könnte jemand den Spruch bitte in eine Zitatensammlung aufnehmen, falls es ihn noch nicht so gibt? Copyright hiermit:ich)

Also werden Theologen das nicht akzeptieren, und die Diskussion wird weiter gehen. Theologen haben sich schon immer mit Dingen beschäftigt, von denen sie keine Ahnung haben.

Ok, genug. Zusammenfassung:

Es waren übrigens Informatiker, die sich darüber schon früh Gedanken gemacht haben, und eine praktische Lösung gefunden haben: den Turing Test.

Meine Meinung:
der Mench ist eine Maschine. Eine sehr komplexe Maschine, aber dennoch eine Maschine. Falls jemand Unberechenbarkeit braucht, um weibliche Intuition zu erklären: dafür nehmen wir ein paar Quanten oder ein Gammaquant, welches so ab und zu mal einen einzelnen Schaltvorgang umwirft.

Sie ist so komplex, daß wir die Ursache eines Gedankens nicht mehr so leicht finden. Die Maschine ist reflexiv - sie kann über ihre Gedanken nachdenken und sich sehen. Sie ist lernfähig, und passt ihre Strukturen an. Das Denken beeinflusst die Struktur, und die Struktur das Denken. Das ist das geniale. Die Maschine ist am Anfang dumm. Das Betriebsystem sorgt dafür, daß sie alles aufnimmt, und lernt. Meiner Meinung: irgend wann ist genug da, und das "ich" kommt. Es gibt vorher kein "ich". Wer kleine Kinder hatte, weiß was ich meine. Es entsteht in der frühen kindlichen Entwicklungsphase.

Es werden die Informatiker, im Team mit Psychologen und Neurowissenschaftlen sein, die das Problem praktisch lösen, indem sie hineinspringen und einfach irgendwann eine bauen.

Aber wie gesagt: wir haben eine "sliding-target" Diskussion: das werden die Theologen nicht akzeptieren, und das target einfach weiterschieben, wie üblich.

Denn, wie hat es Douglas Adams so treffend formuliert:

"Wo kämen wir hin, wenn ihr die Antwort fändet,
wir wollen keine Antwort.
Denn womit sollten wir dann unser Geld verdienen,
wir haben doch nichts gelernt.
"

(sinngemäß, das wörtliche Zitat habe gerade nicht in der Birne)

Noch ein schönes Buch dazu:
Hofstadter/Dennett: "Einsicht ins ich".
(Überhaupt ist Dennett ein Quell von Inspiration. Sehr empfehlenswert, auch auf youtube)

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@Hyperdinosaurus

Vielleicht noch was zur Sprache: ich versuche hier die Dinge nicht allzu unverständlich auszudrücken; vielleicht ist es das, was Du meinst (mit 17).

Ich versuche eine Sprache zu finden, die auch Jüngere und Kinder verstehen, ohne dabei etwas Falsches zu sagen. Das heisst, ich verzichte bewusst auf Fachbegriffe und vereinfache manchmal, wenn es geht ohne denn Sinn zu verändern.

Damit klingt der Text dann gerne ein bisschen "unerwachsener", oder "unakademisch". Aber da GF eben und gerade so ein gemischtes Publikum hat, ist es m.E. richtig.

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@Hyperdinosaurus

Ungewöhnlich ist das deshalb, weil es eher eine Minderheit ist, die sich in deinem Alter mit solche Fragen beschäftigt. Es ist allerdings auch kein Einzelfall. Mit 17 war ich z.B. fast auf dem aktuellen Stand der Verhaltensforschung, weil ich zu dem Thema alle Bücher gewälzt hatte.

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@Hamburger02

@hamburger: (wenn Du mich meinst) nochmal: ich bin nicht 17, sondern weit älter.

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@sarahj

Nein, das war die Antwort auf die Bemerkung des Fragestellers, dass er erst 17 sei.

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Puh... ziemlich tiefsinnige Frage, für diese Uhrzeit.

Ich denke schon, dass sämtliche Geschehnisse einer Kausalkette folgen, die stets fortgeführt wird. Kennst du den Schmetterlings-Effekt? Das ist das perfekte Beispiel dafür. Im Prinzip führte ja auch ein einziges Ereignis dazu, das die Erde entsteht und viele weitere kleinere dazu, das Leben möglich wird und erste Lebewesen entstehen. Das ist ein ziemlich detailoses Beispiel, aber ist dennoch treffend genug, meiner Meinung nach. Ich denke wir wären erstaunt wie sich ein roter Faden durch die Geschichte von Allem zieht und wie deren einzelne Vorkommnisse aufeinander bauen, wenn der Zusammenhang immer sofort ersichtlich wäre. Fakt ist, an eine unbestimmte Komponente, eine Art Gott vielleicht, glaube ich nicht wirklich. Auch bin ich kein Befürworter des Schicksals, ich halte all das für dezent überbewertet.

Ich halte die Frage für ein spannendes Diskussionsthema das es auf jeden Fall Wert ist, seinen Senf dazuzugeben.

Falls du Fragen hast, immer raus damit.

VG, Sv

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