Facharbeit zum Thema Magersucht - Kann einer weiterhelfen?

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1 Antwort

Hallo, als Betroffene kann ich sehr gut darüber berichten, wie es bei mir abgelaufen ist. Ich habe es soweit es geht geschafft, damit umzugehen und bin jetzt wieder "gesund".

Zum Einen ist es extrem wichtig, dass man den Betroffenen klar macht, dass sie eine extreme Angst haben und sich das alles nur in seinem Kopf abspielt. Man sollte den Menschen zeigen, dass allein ihr Charakter und ihre Art sie liebenswert machen und es total unwichtig bezüglich der Sympatie ist, wie sie aussehen. Sie müssen akzeptieren, dass sie von Gott so gewollt und geschaffen wurden und sie müssen lernen, sich so anzunehmen wie sie sind. Meist sind sie sehr kontrolliert/diszipliniert/perfektionistisch und man sollte versuchen, dass man Bereiche findet, die sie mit Freude erfüllen und die ihnen helfen, dass sie von der Sucht loskommen und sich auf etwas anderes konzentrieren können, was das Leben ausmacht und sie von den negativen Gedanken wegbringt.

Als Prävention würde ich sagen, kann man den Kindern schon von klein auf nicht zu viel zumuten. Man darf sie nicht überfordern, aber auch nicht unterfordern. Man muss sie und ihre Wünsche respektieren und sie auch nicht zu sehr tadeln. Überfürsorglichkeit bringt Betroffene oft dazu, zu denken, dass sie etwas eigenes brauchen, wo sie keiner beeinflussen kann und das ist oft unbewusst Auslöser für Magersucht.

Viele Kinder setzen sich häufig zu wenig mit dem eigenen Ich auseinander und mit den eigenen Wünschen/Zielen/Kompetenzen/Talenten. Man muss sie von den Zwängen der Gesellschaft wegbringen, dass sie sich wieder etwas mehr auf sich selbst konzentrieren und sich fragen: Was macht mich aus? Was kann ich gut? Wofür bin ich bekannt? Was mag ich an mir? Was macht mir Spaß? Welche Ziele habe ich in meinem Leben?

Therapierbar ist Magersucht entweder ambulant oder stationär durch Psychotherapie. Man arbeitet mit den Betroffenen an den Auslösern, den Gedanken, dem Verhalten, der Körperempfindung, den Gegenmaßnahmen und der Genesung. Man muss ihnen vermitteln, dass sie nicht allein sind und Hilfe bekommen, wenn sie sie brauchen/annehmen. Man muss ihnen zeigen, dass man ihnen nichts böses will und, dass sie verstanden werden in ihren Ängsten. Man sollte nicht mit Vorwürfen kommen, sondern Wege finden, wie man Probleme lösen kann, damit die Genesung einfacher wird, auch für die Familie.

Therapien dauern unterschiedlich lange, je nachdem wie viel Bedarf ein/e Betroffene/r hat. Ich habe über vier Jahre gelitten, andere schaffen es in zehn Monaten, sich davon lösen zu können. 1/3 schafft es, ganz geheilt davon zu sein und sich keine Gedanken mehr im Laufe seines Lebens zu machen. 5- 10% schaffen es gar nicht und sterben an den Folgen. Der Rest muss versuchen, damit zu leben und mit den Gedanken klarkommen. Denn man ist zwar körperlich oft wieder gesund, aber gedanklich wird einen das ein Leben lang verfolgen und man muss lernen, dass sie einen nicht bedrohen und man wieder abrutscht. Aber ich zum Beispiel kann sie bis heute nicht ausschalten und habe schlechte Tage, an denen ich gar nichts essen kann wegen der negativen Gedanken...

Ich weiß nicht genau, wie man vorbeugen kann... Es liegt oft an zu geringem Selbstbewusstsein/Mobbing oder schlechte Erfahrungen im Bezug auf Kontakte zu anderen Menschen. Vielleicht wurden viele auch im Leben enttäuscht und suchen Halt in etwas, das sie beschäftigt, woran sie sich klammern können und ihre anderen Sorgen verdrängen. Man muss versuchen, seine Vergangenheit auszuarbeiten, anstatt sie zu verdrängen. Denn das ist wie wenn man auf einen mit kochendem Wasser gefüllten Topf, den Deckel draufsetzt. Irgendwann geht er hoch. Man kommt nicht aus. Die Krankheit hat immer ein Ursache und wenn man schon merkt, dass manche Kinder zu viele Selbstzweifel haben, sollte man versuchen, Selbstbewusstsein aufzubauen, denn dann kommen solche negativen Gedanken über sich selbst nicht so schnell auf.

Angehörige können unterstützen, indem sie zeigen, dass sie für den Betroffenen da sind und hinter ihm/ihr stehen. Jeder wünscht sich, nicht allein gelassen zu werden. Man darf nicht mit Vorwürfen kommen oder dem Betroffenen vorjammern, wie schrecklich er der Familie zusetzt, denn das gibt nur Schuldgefühle. Man kann ja selbst auch nichts dafür, dass man in die Krankheit gerutscht ist und will sie am Schluss auch selbst gar nicht mehr, kommt aber schlecht davon los, weil es eine Sucht/ ein Zwang ist.

Vielleicht kann man Zettel im Haus oder im Zimmer aufhängen, wo schöne Sprüche über den Sinn/Spaß des lebens draufstehen, dass man von so Kleinigkeiten und Details wie dem Aussehen wegkommt und sich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentriert.

Viel reden, Entspannen, Körpergefühl entwickeln durch Tanz/Yoga/Gymnastik und Geduld haben. Der Prozess dauert lange, es ist eine Zerreißprobe.

Manchmal hilft ein Essensplan, damit sich die Betroffenen so ihre Kontrolle bewahren können und nicht das Gefühl haben, nicht mehr über ihr Essen zu steuern können. So haben sie es schwarz auf weiß.

Ich hoffe, ich konnte helfen...

Ich werde bald auch ein Buch über meine Geschichte herausbringen :) Ich muss sie nur noch fertigschreiben :)

Lg

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Kommentar von jssdbnt
24.09.2016, 15:28

Dankeschön für deine hilfreiche Antwort. Hat mir echt geholfen. :)

Es freut mich sehr für dich, dass du diese Krankheit überstanden hast. Respekt dafür und auch, dass du nun ein Buch darüber rausbringen möchtest. Richtig klasse. :) 

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