Ethik: Spätabtreibung?

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4 Antworten

  • Bis zur 12. Woche hat ein Embryo mit Sicherheit KEIN Bewusstsein, keinerlei Gefühle wie Angst und kein Schmerzempfinden. Anhaltspunkte nach Entwicklung: erste Motorik (16. SSW), Schmerzreizweiterleitung (ab 24-28, SSW), Bewusstsein (nicht vor 30. SSW) und Schmerzempfinden (35.-37. SSW): http://www.svss-uspda.ch/de/facts/embryo.htm
  • Die entscheidenden Unterschiede sind also schon mal klar: Potentielle Hirnaktivität, potentielles Schmerzempfinden und der Übergang von Embryo zum Fötus als wichtige Entwicklungsstufe.
  • Bei der Kontroverse um Schwangerschaftsabbruch geht es doch, soweit herausdestilliert wie irgendmöglich, um Selbstbestimmungsrecht der Frau versa Lebensrecht des Ungeboren. Dass sich diese ethische Abwägung gegebenenfalls ändert mit fortschreitender Entwicklung des Ungeborenen ist doch zumindest naheliegend.
  • Du hast zwar in deiner Fragestellung recht, dass der moralische Status des Embryos von Beginn eine zentrale Rolle bei der Bewertung spielt, jedoch ignorierst du die Tatsache, dass sich ebendieser moralische Status durchaus fortschreitend mit der Entwicklung verändert. Hirnaktivität in Analogie zu Hirntod, Persönlichkeitsrechte nur mit Personsein, was wiederum an Bewusstsein oder Empfinden gekoppelt sein kann sind nur zwei Beispiele.
  • Bei Spätabtreibungen aus Gründen der Fehlbildung kommt auch hinzu, dass sich die abschätzbare und zu erwartende Belastung der werdenden Mutter erheblich verändern kann und sie ja auch die Last zu tragen haben wird. Im Rahmen der Bewertung der Selbstbestimmung oder des zu erwartenden Leidens der Mutter kann dies die ethische Bewertung der Entscheidungsfreiheit der Frau durchaus wesentlich beeinflussen.
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Kommentar von azmd108
18.12.2015, 14:49

Es spielt für mich keine Rolle, ob der Embryo bis zur 12. Woche keinerlei Bewusstsein oder der Gleichen besitzt. Der Prozess der "Lebensentstehung" wenn man es so nennen will, ist in dieser Zeit voll im Gange - demzufolge wird der Embryo all diese Status noch erreichen (jedenfalls ist das recht wahrscheinlich) und auch im rechtlichen Sinne zu einem Menschen. Aus diesem Grund, spielt es für mich absolut keine Rolle, wann eine Abtreibung durchgeführt wird.

Nur um das einmal ergänzend zu sagen.

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Kommentar von Hellokiss
18.12.2015, 14:52

"Bei der Kontroverse um Schwangerschaftsabbruch geht es doch, soweit herausdestilliert wie irgendmöglich, um Selbstbestimmungsrecht der Frau versa Lebensrecht des Ungeboren."   

"Dass sich diese ethische Abwägung gegebenenfalls ändert mit fortschreitender Entwicklung des Ungeborenen ist doch zumindest naheliegend."

Hat die fortschreitende Entwicklung des Fötus Einfluss auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau? - gerade bei einem Abbruch nach derr 22. Woche aufgrund der sozial-med. Indikation. Da wird die aktuelle Gefährdung der Mutter über das Leben des Fötus gestellt.

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Unter "Spätabtreibung" verstehst du offenbar Schwangerschaftsabbrüche nach der 22. Woche.

Der moralische Status des Embryo wird je nach Weltanschauung anders definiert und begründet. Nur ganz wenige Leute behaupten im Ernst, der befruchteten Eizelle komme derselbe "moralische Wert" zu, wie der schwangeren Frau. Und die meisten Menschen machen intuitiv einen Unterschied zwischen dem ganz frühen Stadium der Schwangerschaft und späteren Stadien (über 12, über 16, über 22 Wochen, welch letzteres ungefähr der frühest möglichen Lebensfähigkeit eines Frühgeborenen entspricht). Zu den Gründen hat kajjo bereits etliches geschrieben.

Das ist auch der Grund, dass 95% der Abbrüche vor der 13. und 99% vor der 23. Woche stattfinden, in den meisten Ländern, sogar in Kanada, wo es überhaupt kein Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch gibt. Und das ist auch der Grund, weshalb in der Schweiz für straflose Abbrüche nach der 12. Woche die Formel gewählt wurde: "Die Gefahr einer schwerwiegenden körperlichen Schädigung oder einer schweren seelischen Notlage ... muss umso grösser sein, je fortgeschrittener die Schwangerschaft ist."

Vielleicht findest du mehr dazu auf www.svss-uspda.ch/de/ethik/ethik.htm . Das beste, was ich dazu gelesen habe, ist das Buch von Bonnie Steinbock: "Life before birth. The moral and legal status of embryos and fetuses". Oxford Univ. Press, 1992. Leider gibt es m.W. keine deutsche Übersetzung.

Einen interessanten ethischen Denkanstoss fand ich grade kürzlich: nimm an, ein Gebäude brennt, im 2. Stock sind - mal ganz theoretisch - zehn 23 Wochen alte lebende Föten, im 3. Stock 1'000 eingefrorene Embryonen im 8-Zellen-Stadium. Welche würdest du retten, wenn du wählen müsstest? Das gleiche Denkspiel kannst du mit anderen Embryonenzahlen und mit anderen Entwicklungsstadien vornehmen.

Keine Frau wünscht "grad mal einfach so, weil's nicht passt" einen Abbruch in der 24. Schwangerschaftswoche - und kein Arzt würde das ausführen, Gesetz hin oder her. Da kommt mir in den Sinn: nicht nur das Selbstbestimmungsrecht der Frau ist natürlich zu berücksichtigen, auch dasjenige der Ärztinnen. Sollte tatsächlich mal ne Frau - theoretische Annahme - in der 24. SSW in die Praxis spazieren und sagen "ich hab es mir nun anders überlegt, ich möchte lieber eine Weltreise unternehmen und nicht mehr schwanger sein", da wäre der Arzt durchaus berechtigt, den Schwangerschaftsabbruch abzulehnen. Bei einem frühzeitigen Abbruch, wie er normalerweise vorgenommen wird, hat hingegen das Spital/der Staat den Zugang zum Eingriff zu garantieren, Gewissensverweigerung kann dann ein Grund zur Kündigung eines Arztes sein.

So späte Abbrüche werden meist nur bei ganz schwerwiegenden Fehlbildungen des Fötus vorgenommen, die nicht früher festgestellt wurden/werden konnten, oder bei schweren gesundheitlichen Problemen der werdenden Mutter (wobei in diesen Fällen oft mit einer frühzeitig eingeleiteten Geburt/Kaiserschnitt) geholfen werden kann. Späte Abbrüche sind für alle Beteiligten psychisch belastend. Beim medizinischen Personal muss in dieser Beziehung das Verständnis für die Gründe und die Empathie mit der betroffenen Frau/dem betroffenen Paar gefördert werden.

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In Deutschland sind Spätabtreibungen nur erlaubt, wenn Gefahr für die
"körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter" besteht - es ist
klar, dass diese Punkte sehr sehr individuell ausgelegt werden können, nur
aufgrund einer Behinderung, darf in Deutschland (theoretisch) seit den
90ern nicht mehr abgetrieben werden.

Unsere Tochter leidet an der sogenannten Pierre-Robin-Sequenz (PRS). Das ist an sich keine besonders gefährliche Fehlbildung - ebenfalls hat man im
späteren (erwachsenen) Leben sogut wie keine Einschränkungen. Dennoch
haben wir bereits mehrmals gehört, dass bei der Diagnose im Mutterleib
(die verhältnismäßig schwierig ist) werdenden Müttern eine
Spätabtreibung als Option gestellt wurde.

Für mich hat das ehrlich gesagt schon fast einen Eugenik-Charakter und widert mich ehrlich gesagt extrem an.

Für mich besteht ethisch absolut kein Unterschied, wann genau die Abtreibung stattfindet.

Das ist allerdings meine Meinung dazu.

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Je später die Abtreibung stattfindet, desto weiter entwickelt ist der Mensch, daher steigt mit jeder Woche die moralische Bedenklichkeit.

Leider wird die Thematik ständig von religiösen Wirrvorstellungen vergiftet, sodaß darüber kaum sachlich geredet werden kann.

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