Ethik GFS zum Thema Freiheit und Determination auf die Neurologie beziehen?

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2 Antworten

Mit Bezug auf Erscheinungen, die in den Bereich der Neurologie gehören, bzw. neurowissenschaftlichen Experimenten kann gegen der für die Existenz von Willensfreiheit argumentiert werden.

Die Existenz von Willensfreiheit ist (bisher) nicht durch empirische Beobachtungen widerlegt worden.

Auffassungen, die Willensfreiheit aufgrund neuronaler Phänomene für eine Illusion erklären, stützen sich nicht auf offensichtliche Ergebnisse, sondern es kommen Deutungen hinzu, die von der Gegenseite angefochten werden können.

Im Zusammenhang mit Willensfreiheit oft genannte Forschungsergebnisse/empirische Befunde auf dem Gebiet der Neurologie sind:

a) psychologische Experimente zu Kontrollillusionen: Versuchspersonen werden zu dem falschen Urteil geführt, bestimmte Veränderungen in ihrer Umgebung selbst herbeigeführt zu haben. (Relevanz zur Freiheitsfrage gering; Menschen neigen zur Überzeugung, Vorgänge durch eigene Handlungen kausal beeinflußt zu haben. Die Fehlbarkeit bestimmter Selbstzuschreibungen wird gezeigt. Willensfreiheit gründet aber nicht auf einem untrüglichen Gefühl über das Bestehen bestimmter Kausalverhältnisse. Die Annahme, Urteile über das Bestehen kausaler Beziehungen könnten durch Gefühle/subjektive Eindrücke gerechtfertigt werden, kann als irrig aufgefaßt werden.)

b) Experimente zu Bahnungs-Effekten/Priming-Effekten: Es kommt zu einer Beeinflussung der Verarbeitung eines Reizes, indem ein vorangegangener Reiz implizite Gedächtnisinhalte aktiviert hat. Wie gezeigt wird, lassen sich Entscheidungen durch vorherige Darbietung subliminaler (unterschwelliger) Reize beeinflussen. Das Verhalten der Versuchspersonen bei Entscheidungen verändert sich statistisch signifikant mit den unbewußr wahrgenommenen Reizen. (Relevanz zur Freiheitsfrage ziemlich gering; Willensfreiheit erfordert nicht Unfehlbarkeit von Wahrnehmungsurteilen oder Kausalurteilen. Es ist nicht nötig zu behaupten,, unterhalb der Bewußtseinsschwelle bleibende Reize würde unfehlbar erkannt. Außerdem ist bei einem Gefühl von Urheberschaft zwischen Selbstzuschreibung kausaler Urheberschaft und dem Eindruck einer Person, eine Bewegung selbst ausgeführt zu habe, zu unterscheiden. Eine Täuschung über die Ursache einer vermeintlich herbeigeführten Wirkung bedeutet noch nicht, der Eindruck, überhaupt etwas willentlich getan zu haben, sei falsch.)

c) Libet-Experimente und Nachfolgeexperimente zur Datierung willentlicher Entschlüsse: Die Frage ist, ob (vermeintlich) frei gewählte Handlungen durch unbewußte neuronale initiiert in Gang gesetzt) werden.

d) Erforschung neuronaler oder hirnorganischer Korrelate psychischer Fähigkeiten und Störungen: So zeigen insbesondere kernspintomograpische Untersuchungen an Personen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung eine Korrelation (Entsprechung) dieser Persönlichkeitsstörung mit einer unterdurchschnittlichen Stoffwechselaktivität in einer präfrontalen Region der Großhirnrinde. (Einschränkungen oder Verluste bestimmter Fähigkeiten können bei einzelnen Personen der Fall sein. Pathologische Fälle – Personen sind psychisch krank – und dadurch bedingte Einschränkung oder Wegfall von Fähigkeiten sind nicht Normalfall, sondern Ausnahmefall. Mit Erscheinungen bei besonderen Störungen kann eine allgemeine These der Nichtexistenz von Willensfreiheit nicht gut begründet werden).

Ein gründliches Eingehen auf das Libetexperiment, soweit die Erörterung philosophisch von Belang ist, halte ich für empfehlenswert. Am besten sollte, was Neurologie betrifft, aber nicht ausschließlich Libetexperiment behandelt werden. Es gibt ja noch ein paar weitere Dinge, die einbezogen werden können.

Albrecht 09.07.2014, 07:37

Nachfolgeexperimente zum Libet-Experiment sind z. B.:

Patrick Haggard/Martin Eimer, On the relation between brain potentials and the awareness if voluntary movements. In. Experimental Brain Research 126 (1999), S. 126 – 133

Chun Siong Soon/Marcel Brass/Hans-Jochen Heinze/John-Dylan Haynes, Unconscious determinants of free decisions in the human brain. In. Nature Neuroscience 11 (2008), S. 543 -545

Judy Arnel Trevena/Jeff Miller, Cortical movement preparation before and after a conscious decision to move. In: Consciousness and Cognition 11 (2002), S. 162 - 190 (Versuchspersonen entschieden nach Hören eines Ton gehört hatten, ob sie eine Taste auf einem Keyboard drücken wollten oder nicht. Die der Nicht-Drücken (keine Handlung) vorausgehenden Kurven auf dem Elektroenzephalografen (EEG) waren nicht von solchen Potenzialen zu unterscheiden, die tatsächlichen Handlungen vorausgingen. Die Bereitschaftspotenziale sind unspezifisch für die Bewegungsvorbereitung. Ein unbewußtes Einleiten von Bewegungen ist durch Libet-Experimente nicht bewiesen).

Der Drang, dessen Auftreten Libet messen wollte, ist ein normalerweise unbewußter Bewegungsimpuls, der durch die Versuchsinstruktion ins Bewußtsein tritt (Ingo Keller/Heinz Heckhausen, Readiness potentials preceeding spontaneous motor acts. Voluntary vs. involuntary control. In: Electroencephalography and Clinical Neurophysiology 76 (1990), SD. 351 – 361)

gegen die Deutung, mit den Signalen der Bereitschaftspotentiale würden Willensprozesse abgebildet: Hans Helmut Kornhuber/Lüder Deecke, Wille und Gehirn. Bielefeld ; Locarno : Edition Sirius, 2007 . ISBN 978-3-89528-628-5

Zu a) (Kontrollillusion) gehörend: Eine bestimmte Hirnstimulation reicht aus, um ein Gefühl der Urheberschaft mit einer passiven Bewegung zu verbinden, obwohl keine Selbstbestimmung vorlag (Daniel M. Wegner, The illusion of conscious will. Cambridge, Massachusetts ; London : MIT Press, 2002 (A Bradford Book). ISBN 0-262-73162-2. ISBN 0-262-23222-7)

Zu d) (Störungen) gehört der Fall Phineas Gage, bei dem ein 1848 erlittener schwerer Unfall mit Kopfverletzungen zu Persönlichkeitsveränderungen führte.

Zu a (Kontrollillusion) und d) Störungen gehört ein Lachen, bei dem die Selbstzuschreibung sich täuscht, weil ihr eine tatsächliche Verursachung entgeht. Aufgezeigt werden kann, daß das Gehirn einen Eindruck erzeugen kann (Antonio R. Damasio, Descartes' Irrtum : Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Aus dem Englischen von Hainer Kober. München ; Leipzig : List, 1995. ISBN 3-471-77342-8). Allerdings ist es nicht der menschliche Normalfall, als Epilepsie-Patientin mit einer Elektrode im Gehirn gereizt zu werden, und echtes Lachen ist eher etwas Unwillkürliches, keine getroffene Entscheidung.

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Albrecht 09.07.2014, 07:38

Wichtig ist, was unter dem Begriff der Freiheit bzw. Willensfreiheit verstanden wird.

Zu Freiheit gehört meines Erachtens eine Wahl und Selbstbestimmung.

Unter anderem von der Neurologie können Hinweis gegen das Bestehen einer unbedingten Willensfreiheit in der Bedeutung einer absoluten Freiheit vorgebracht werden, da die Realisierung des Willens nicht vom Gehirn völlig abgekoppelt ist und in ihm Informationen gespeichert sind. Eine Unterscheidung von unbedingter Freiheit und Freiheit (Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit : über die Entdeckung des eigenen Willens. München ; Wien : Hanser , 2001. ISBN 3-446-20070-3 gliedert in „unbedingte Freiheit“, „bedingte Freiheit“ und „angeeignete Freiheit“, aber bei der unbedingten Freiheit wird nicht ein Standpunkt erörtert, der so von irgendwelchen namhaften Philosophen/Philosophinnen vertreten worden ist) bietet für die philosophische Frage von Willensfreiheit und Determiniertheit ziemlich wenig Ertrag, weil Willensfreiheit keine unbedingte Freiheit der genannten Art voraussetzt und so gut wie niemand, der die Frage diskutiert und die Existenz von Willensfreiheit vertritt/vertreten hat, eine solche völlig losgelöste, freischwebende, keinerlei Einflüssen unterliegende unbedingte Freiheit angenommen hat.

Der Wille steht an einer Schnittstelle von Denken und Handeln. Wille ist immer Wille zu etwas.

Willensfreiheit meint genaugenommen, eine Person als wollende sei frei (die Person ist dabei Subjekt der Freiheit). Willensfreiheit bedeutet, die eigene Willensbildung vorzunehmen, also wollen können, was man will (Selbstbestimmung). Es ist eine echte Wahl zwischen mindestens zwei Alternativen vorhanden. Willensfreiheit bedeutet nicht, ohne Gründe zu handeln, und ist mit dem Vorhandensein von Einflüssen verträglich, wenn diese ihn nicht auf notwendige, unausweichlich völlig festlegende Art bestimmen.

Eine Person, die von eigenen Gründen bestimmt etwas will, ist frei, wenn die Willensbildung grundsätzlich ungehindert ist und die Gründe einem über sein Erkenntnisvermögen verfügenden (Vernunft hat Leitung) Denken entspringen. Was für Gründe bestimmend sind, hängt davon ab, was diese Person denkt.

Eine bloße Zufallswahl dagegen ist keine echte Freiheit. Nur bloßer Zufall, eine Entscheidung ohne Gründe, wäre ein unkontrollierbarer Ablauf, keine Selbstbestimmung. Ein keinerlei Bedingungen unterliegender Wille, bei dem die Entscheidung auf beliebige Weise ausfallen kann, ist eine Illusion und auch gar nicht erstrebenswert. Steuerbarkeit und Zurechenbarkeit von Handlungen würden unmöglich. Ein auch nur einigermaßen stabiler individueller Charakter ist auch ausgeschlossen.

in Büchern (mit nicht durchgehend gleichen Standpunkten) wird das Thema diskutiert, auch mit Bezug auf Neurologie, z. B.:

Geert Keil, Willensfreiheit. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin ; Boston, Massachusetts : de Gruyter, 2013 (Grundthemen Philosophie), S. 179 – 215 (6. Willensfreiheit und Hirnforschung) und S. 252 – 256 (Anmerkungen)

Michael Pauen, Illusion Freiheit? : mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. 2. Auflage. Frankfurt am Main : Fischer, 2005, S, 187 – 228 und S. 254 – 256 (Anmerkungen)

Felix Tretter und Christine Grünhut, Ist das Gehirn der Geist? : Grundfragen der Neurophilosophie. Göttingen ; Bern ; Wien ; Paris ; Oxford ; Prag ; Toronto ; Cambridge, Massachusetts ; Amsterdam ; Kopenhagen ; Stockholm. Hogrefe, 2010, S. 195 – 230

Brigitte Falkenburg, Mythos Determinismus : wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Berlin : Springer, 2012. ISBN 978-3-642-25097-2

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Es geht um den freien Willen unter dem Aspekt der Neurologie, richtig?

Zunächst einmal: Was ist eigentlich der freie Wille? Da gibt es keine einheitliche Definition. Gängig ist die Unterteilung in bedingte Willensfreiheit und unbedingte Willensfreiheit. Erstere bedeutet, dass der Wille einer Person von ihren Neigungen und persönlichen Motiven abhängig ist, und dass sie in einer speziellen Situation handeln kann, wenn sie denn will. Insbesondere hat dabei eine Person in einer speziellen Situation nur eine Handlungsmöglichkeit. Letztere bedeutet, dass der Wille einer Person absolut unabhängig ist. Hier ist die Handlung einer Person in einer speziellen Situation unvorhersehbar.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass der menschliche Wille, insbesondere auch die Neigungen und Motive einer Person, in deren Gehirn verschlüsselt vorliegen, dann weist das stark auf eine bedingte Willensfreiheit hin.

Nun mag man natürlich darüber streiten, ob es sich dabei noch um eine Willensfreiheit handelt. Denn würde das nicht bedeuten, dass der Wille ebenfalls deterministisch ist? Und ja, nach der uns geläufigen, makroskopischen Physik wäre der Wille damit vorausbestimmt. Man muss allerdings auch beachten, dass die relevanten Stoffe im Gehirn mikroskopische Elemente sind, deren Verhalten nicht durch die newtonsche Physik beschrieben wird. Das aktuell verbreitete physikalische Modell dazu ist die Quantenphysik. Und in diesem Modell spielt auch der Zufall eine Rolle. Damit aber wäre der Wille nicht deterministisch, man kann von einer gewissen Willensfreiheit reden.

Das wäre soweit meine Argumentation von der neurologische Seite aus, unter Beachtung physikalischer Theorien. Was ich sagen will: Du kannst auch Erkenntnisse aus der Neurologie nehmen und eine eigene Argumentation darauf aufbauen. Dabei kann etwas entstehen, wie dieser Text. Vielleicht aber auch etwas anderes.

Was Links angeht: Ich hab mal kurz gegoogelt und bin recht flott hierauf gestoßen: http://www.focus.de/wissen/mensch/neurowissenschaft/hirnforschung-ist-der-freie-wille-eine-illusion_aid_396904.html

MelissaChan3 30.06.2014, 17:48

Vielen vielen Dank dass du dir so viel Zeit genommen hast, das hilft mir echt weiter! :)

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