Eskaliert das Flüchtlingsproblem in Europa?

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4 Antworten

Das große Eskalationspotenzial sehe ich darin, dass auf einen "echten" Flüchtling zwei bis drei "Wirtschaftsflüchtlinge" kommen. Zumindest sieht die Zahlenlage derzeit hier in Berlin so aus. Und die (Balkan-)Wirtschaftsflüchtlinge blockieren die Kapazitäten im Aufnahmesystem, die eigentlich für die ersthaft Hilfebedürftigen benötigt würden.

Blöderweise war es noch bis vor ein paar Jahren so, dass auch bei der Abschiebung von Wirtschaftsflüchtlingen (nach Ablehnung derer Asylanträge) regelmäßig linksorientierte Gutmenschen auf die Straße gegangen sind und dagegen demonstriert haben.

Tja, und jetzt haben wir den Salat, es müssen seitens der Politik dringend Entscheidungen gefällt werden, die teilweise auch mal unangenehm für irgendeine Seite sind. Und Gelder müssen auch bereitgestellt werden.

Mit einer baldigen Verringerung an hier ankommenden Kriegsflüchtlingen ist so schnell nicht zu retten. Dazu müsste die internationale Staatengemeinschaft nämlich mehr dafür tun, dass in den entsprechenden Regionen endlich wieder Frieden (oder zumindest tragfähiger Waffenstillstand) geschaffen wird. Das passiert aber nicht, weil zu viele verschiedene Interessen aufeinandertreffen. Siehe Syrien, die Rolle der Türkei und das dort praktizierte Doppelspiel des türkischen Regimes.

Das Problem, was bei der aktuellen Krise in Syrien ggü. früheren Taliban-Eskarpaden neu ist: die USA haben wirtschaftlich ihr Pulver verschossen und können sich eine so offensive Kriegsführung, wie sie nach 9/11 gegen die Taliban gestartet wurde, nicht mehr leisten. Man kann einerseits zwar sagen, dass die US-Aktivitäten in Afghanistan nicht unbedingt zur Verbesserung der Lage beigetragen haben. Andererseits haben die US-Angriffe aber seinerzeit zumindest dafür gesorgt, dass sich die Taliban nicht ungehindert so weit ausbreiten konnten, wie es der IS in jüngerer Zeit geschafft hat.

Europa wiederum ist zu pazifistisch orientiert, als dass man hier z. B. aus den Millionen an Kriegsflüchtlingen eine direkte Bedrohung ableiten würde. Man könnte sich - mal ganz brachial formuliert - ja durchaus auch auf den Standpunkt stellen, dass der "Export" von Millionen von Flüchtlingen aus Syrien sowas wie eine Kriegserklärung an die Zielländer ist. Und daraus die Konsequenz ableiten, das Land von außen militärisch zu befrieden. Auf Deutsch: Sowohl Assad wie den IS einmal kräftig niederbomben.

In dem Pazifismus, der uns zwar jahrzehntelang eine gute Welt gebracht hat, sehe ich derzeit ein echtes Problem: Denn wenn niemand den Despoten und Terroristen da unten Paroli bildet, und wir einfach nur schulterzuckend Millionen von Leuten in Europa aufnehmen, dann führt das letztlich dazu, dass diese fragwürdigen Regimes da in der Wüste nur noch stärker werden - und das Problem perspektivisch insbesondere für uns in Europa immer größer.

Ich weiß, dass das eine streitbare und nicht unproblematische Haltung ist. Aber ich denke mittlerweile tatsächlich, dass wir hier in Europa geradezu in eine Situation gezwungen werden, dass wir Europäer irgendwann in Syrien und ggf. auch in Nachbarstaaten militärisch intervenieren müssen.

spargeltarzan90 31.07.2015, 15:56

Eine militärische Interaktion durch die Großmächte wäre meiner Meinung nach vor langer Zeit von Nöten gewesen. Problematisch bei dem Kampf gegen solche Gruppen, wie den IS ist jedoch, dass eine Identifikation der Gegner nahezu unmöglich ist. Jedoch sind einige Gebiete in Syrien und im Irak schon menschenleer und werden durch den IS kontrolliert, welcher sich immer mehr ausbreitet, wie du es schon gesagt hattest und schon eine eigene Infrastruktur, sowie Finanz und Wirtschaftsstruktur besitzt. Ich bin auch der Meinung, dass wir bald dazu gezwungen werden zu handeln. Es ist nicht bewusst, wie viele noch inaktive Anhänger der IS sich vielleicht sogar unter unseren Reihen befinden und nur auf ihre Befehle warten. 

LG (und sehr gute Antwort meiner Meinung nach)

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Ein Beispiel. Du bist in einem großem, brennendem Zimmer aus Holz. 10 Meter weiter von dir ist eine geöffnete Tür, du siehst das Feuer, wie es sich dir und deiner Familie immer weiter und immer schneller nähert. Du rennst zur Tür und auf einmal wird sie dir verschlossen. Du kommst nicht raus, deine Kinder verbrennen vor deinen Augen lebendig und du mit ihnen. 

So geht es den Flüchtlingen. Meine Eltern sind vor 20 Jahren nach Deutschland geflüchtet. Hätten wir nicht einwandern dürfen, wäre mein großer Bruder (20 Jahre alt) heute nicht mehr am Leben, weil er als Baby eine Verengung der Luftröhre erleiden musste und ohne Behandlung gestorben wäre. Hier in Deutschland waren wir in Sicherheit vor dem Krieg und mein Bruder wurde gerettet, wir konnten ein neues Leben anfangen. Und wir nutzen es. Heute ist mein Bruder ein Cloudentwickler und Programmierer, sowie Websiteentwickler und studiert noch Physik, ich habe einen guten MSA gemacht und meine Eltern arbeiten. Mein Vater arbeitet bei der Flüchtlingshilfe und hat eine Frau betreut, dessen Bruder VOR IHREN AUGEN getötet wurde. Das sind die Bedingungen, mit denen die Menschen dort zu kämpfen haben. Und lässt du sie nicht durch die Tür, dann verbrennen sie. 

Die deutsche Kultur wird erhalten bleiben, auch mit Flüchtlingen. Viele Flüchtlinge bereichern die Gesellschaft. Mein Vater hat einen wichtigen Medienchef aus Syrien betreut, einen Profifußballspieler aus Somalia und weitere andere Sporttalente, die jetzt durch Vereine gefördert und integriert werden. Der Profifußballer aus Somalia trainiert jetzt auch selber Spieler.

Wir müssen einfach akzeptieren, dass wir in einer Zeit leben, in der die Welt immer mehr vernetzt ist. Es ist schwer für viele kulturell geprägte Deutsche noch aus der Zeit des zweiten Weltkriegs und der DDR. Aber das müssen wir akzeptieren, denn Flüchtlinge sind Menschen auf der Flucht vor dem Tod und vor dem Unheil und als Menschen sind wir dazu moralisch verpflichtet ihnen zu helfen.

Klar gibt es auch Flüchtlinge, die sich daneben benehmen. Aber es gibt immer jemanden, der sich daneben benimmt. Ihr dürft nicht vergessen, dass viele Flüchtlinge wirklich grausame Dinge erlebt haben und traumatisiert sind und daher psychische Verhaltensstörungen aufweisen. Mein Vater hat einen Mann betreut, der wahrscheinlich aus Trauma in eine Gefängniszelle gepinkelt hat und wirklich andere verrückte Dinge gemacht hat. Diese Leute haben es verdient psychisch Betreut zu werden. Wir müssen uns mal in die Lage dieser Menschen hineinversetzen.

Wir leben hier schon immer in Frieden und ich schätze die Meisten wissen es gar nicht, wie es sich wirklich anfühlt zu leiden und Todesangst zu haben oder ständig die Angst um das Leben Nahe stehender. Ohne pauschalisieren zu wollen.

Mein Vater arbeitet in der Flüchtlingshilfe und von daher habe ich da auch einen ziemlich guten Einblick.

Und die meisten Flüchtlinge engagieren sich in den Flüchtlingsheimen auch sehr. Sie reinigen jeden Tag für stündlichen Lohn das Heim, folgen sportlichen Aktivitäten und bauen hier wirklich ein neues Leben auf und dazu haben sie das Recht. Denn vergiss nicht. Sie sind Menschen, wie wir. Nur haben sie eben eine andere Kultur, vielleicht einen anderen Glauben und andere Lebenserfahrungen. Doch sie haben viel schlimmes erlebt und sind nicht ohne Grund nach Deutschland gekommen.

Es ist nicht schön die Heimat zu verlassen. Meine Eltern sind nicht hier her gekommen, weil es hier wirtschaftlich und bildungstechnisch besser zugeht, sondern weil sie aufgrund der ihnen androhenden Umstände dazu gezwungen wurden. Wir haben unsere gesamte Verwandtschaft zurückgelassen und sind die einzigen hier in Deutschland aus unserer Familie. Andere aus unserer Familie sind auch geflüchtet und Leben auf der ganzen Welt verteilt. 

Wir sind alle Menschen und haben ein Anrecht auf jeden Winkel dieser Erde. Denn die Erde gehört den Menschen. Nicht den Deutschen, nicht den Dänen, nicht den Arabern, nicht den Türken und auch nicht den Amerikanern, Russen oder Kanadiern. Sie gehört den Menschen alleine. Und sie bietet für jeden Menschen Frieden und einen Weg ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 

Die Welt wurde in den letzten Jahren sehr ursprünglich und plötzlich viel toleranter und weltoffener. Dieser Sprung fällt vielen Menschen schwer, weil sie sehr kulturell und traditionell geprägt sind, wie ich es aber schon oben erwähnt habe.

Abschließend würde ich sagen, dass ich persönlich nicht gerne tadellos zusehen würde, wie vor meinen Augen Menschen, wie ich und ihre Familie im anderen Zimmer verbrennen und sterben, während ich mein erfülltes Leben lebe. Nein, ich halte die Tür offen für jeden, weil ich sonst nicht hier wäre und mein Bruder sonst nicht mehr lebte, hätte man es bei uns nicht getan.

Alles Gute.

Hoegaard 31.07.2015, 15:19

Wieviele junge "alleinreisende" afrikanische männliche "Flüchtlinge" habt ihr bei euch in der Wohnung schon aufgenommen?

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spargeltarzan90 31.07.2015, 15:34
@Hoegaard

Hmm, leider sehe ich den Aussagehintergrund deines Beitrages nicht. Bitte drücke dich das nächste Mal etwas konkreter und verständlicher aus und nicht so schwammig und fade.

Es gibt in unserer Stadt alleine mehrere Flüchtlingsheime und in der ganzen Stadt schon hunderte Flüchtlinge, die sich solange dort aufhalten, bis sie sich selbst einen Aufenthaltsort finanzieren können. 

Flüchtlinge kommen nicht nur aus Afrika, bzw. aus dort anliegenden Konfliktzonen, sondern hauptsächlich aus dem nahen Osten auf der Flucht vor dem IS / der Regierung und anderen Terrorgruppen. Weil die Flüchtlinge aus amtlichen und finanziellen Gründen keine besonders sichere und komfortable Anreise genießen können, müssen sie mit Schlauchbooten über das große Meer nach Europa. Wenn du die letzte Zeit nicht im Betäubungsschlaf lagst, dann wüsstest du, dass in letzter Zeit tausende unschuldige Flüchtlinge, Menschen wie du und ich, während ihrer Anreise im Meer ertranken. Nachweisbar ist dies durch die an nahe liegende Strände gespülte life saving jackets und anderen Utensilien. 

Die Flüchtlinge flüchten (unter anderem) nach Europa - von dort aus einige nach Deutschland. In der Türkei sind nahe der Grenze nach Syrien und Irak sehr viele Libanesen, Syrer und Iraker. Auch in dem Zentrum der Türkei. Doch auch befinden sich in der Türkei schon viele Anhänger der IS, was ein weiteres, großes Risiko darstellt.

Hier in Europa sind die Menschen am sichersten. Deutschland ist nicht das einzige Anreiseziel, wie du das höchstwahrscheinlich zu Denken vermagst.

Ich hoffe, dass dein nächster Beitrag weniger banal ausfallen wird.

Alles Gute!

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Naja, ich denke die Medien pushen das auch zusätzlich (teils unnötig) hoch.

Warum berichtet die presse nichts darüber.Weil alles unerwünschte ausgeblendet wird.Vielleicht fällt dir mal auf, dass auch bei anderen Themen immer recht einseitig berichtet wird.Neutral sind die Medien in meinen Augen schon lange nicht mehr.

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