Erster Weltkrieg - Kriegsschuld?

4 Antworten

Über die tatsächliche Kriegsschuld diskutieren die Historiker heute noch und sind sich aber weitgehend einig, dass Deutschland definitiv nicht alleine am 1. WK die Schuld hatte.

Nach meiner persönlichen Einschätzung hatte am 1. WK der gesamte miteinander verschwägerte und verwandte europäische Hochadel Schuld, der seine verwandtschaftlichen Aversionen und Konkurrenzen auf dem Rücken des einfachen Volkes austrug nach dem Motto Clausewitz' "Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln."

Die Alliierten außer Frankreich hatten ursprünglich auch gar nicht die Absicht, Deutschland die alleinige Kriegsschuld aufzubürden und mit enormen Reparationsforderungen und Gebietsverlusten zu bestrafen und auf Jahrzehnte klein zu halten. Dort gab es durchaus schon die Erkenntnis, ein solch einseitiger Vertrag würde den Keim für einen neuen Krieg in sich tragen.

Letztlich konnten sich die Franzosen aber weitgehend mit ihren Forderungen durchsetzen, die zum einen Rache für den als völlige Demütigung angesehenen verlorenen Krieg von 1870/71 wollten, zum anderen der Meinung waren, wenn man Deutschland finanziell ausbluten lassen würde und weitgehende Rüstungsbeschränkungen vorschreiben würde, es auf Jahrzehnte nicht mehr in der Lage sein würde, Frankreich gefährlich zu werden. Dass das ein gewaltiger Irrtum war und das genaue Gegenteil bewirkte, hat man ja nur 20 Jahre später gesehen.

Als Formelkompromiss zwischen Frankreich und den restlichen Alliierten, Deutschland durfte ja nicht mitreden oder über den Text verhandeln, wurde dann in den Versailler Vertrag bei der Kriegsschuld reingeschrieben, Schuld hätte "Deutschland und seine Verbündeten". Das stand aber nur auf dem Papier.

Tatsächlich wurde das von allen Beteiligten aber so verstanden, dass Deutschland letztlich alleine die Schuld trägt. Argumentiert wurde damals, dass zwar die Verbündeten, insbesondere natürlich die k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn, zwar am Krieg beteiligt waren, aber letztlich doch durch Deutschland dazu verführt worden waren. Bei dieser Argumentation spielt insbesondere der Blankoscheck eine Rolle, den Wilhelm II dem österreichischen Kaiser betreffs eines Krieges ausstellte (siehe https://net.lib.byu.edu/estu/wwi/1914/austdocs/1018.html ).

Aus Sicht Frankreichs, das ja bei der Formulierung der Kriegsschuld und der Reparationsforderungen maßgebend war, wurde Frankreich auch alleine von Deutschland angegriffen und von keinem seiner Verbündeten. Daher wurden alle Kriegsfolgen und Reparationen alleine Deutschland aufgebürdet und sonst niemandem.

Diese Darstellung ist, was die angebliche nur "pro-forma"-Schuld von Österreich-Ungarn betrifft, reine Spekulation.

Tatsache ist hingegen, dass "Deutschland UND seinen Verbündeten" (meinee Hervorhebung) im Versailler Vertrag die Alleinschuld am Krieg gegeben wurde. Daran gibt es nichts zu rütteln.

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@earnest

Wenn man einen Text rein wörtlich auslegt, kommt man häufig zu einem anderen Ergebnis, als wenn man die Absichten, Bedeutungen und den "Geist des Textes" mit berücksichtigt.

Das gilt für den Versailler Vertrag nicht anders als z.B. auch für die Bibel.

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@Hamburger02

Deine vergeblichen Versuche, die Realität in diesem Falle umzudeuten, hatten wir nun ja schon.

Der Versailler Vertrag ist in Sachen Kriegsschuld unmissverständlich. Da gibt es, anders als an manchen Teilen der Bibel, nichts zu "interpretieren".

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@earnest
Deine vergeblichen Versuche, die Realität in diesem Falle umzudeuten, hatten wir nun ja schon.

Ja, aber du befindest dich da auf einem Holzweg.

Hier einige Hinweise, warum nach damaliger Auffassung Deutschland die alleinige Kriegsschuld zugewiesen wurde und wie der Artikel 231 tatsächlich zu verstehen sei.

Am 13.05.1919 erfolgte eine Note Brockdorff-Rantzaus mit Bezug auf Artikel 231 an die Alliierten, in der er feststellte, dass "Auch die Auffassung der alliierten und assoziierten Regierungen darüber, wer als Urheber des Krieges zu beschuldigen ist, wird von den deutschen Delegierten nicht geteilt. Sie vermögen der früheren deutschen Regierung nicht die alleinige oder hauptsächliche Schuld an diesem Kriege zuzusprechen. In dem vorgelegten Entwurf eines Friedensvertrages findet sich nichts, was jene Auffassung tatsächlich begründet, keinerlei Beweise werden für sie beigebracht."

Diese Note wurde von Clemenceau direkt abgelehnt und nach weiteren Briefwechseln erfolgte eine Klarstellung der Alliierten in der Mantelnote vom 16.Juni 1919, die vom englischen Delegationsmitglied Philip Kerr verfasst wurde. Darin schreibt er u.a.:
"(Es) halten die alliierten und assoziierten Mächte für erforderlich, ihre Antwort mit einer scharf umrissenen Darlegung ihres Urteils über den Krieg zu beginnen, ein Urteil, welches tatsächlich und letzten Endes dasjenige der Gesamtheit der zivilisierten Welt ist. Nach der Anschauung der alliierten und assoziierten Mächte ist der Krieg, der am 1. August 1914 zum Ausbruch gekommen ist, das größte Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker gewesen, welches eine sich für zivilisiert ausgebende Nation jemals mit Bewußtsein begangen hat. Während langer Jahre haben die Regierenden Deutschlands… getrachtet, sich dazu fähig zu machen, ein unterjochtes Europa zu beherrschen und zu tyrannisieren, so wie sie ein unterjochtes Deutschland beherrschten und tyrannisierten… Indessen beschränkt sich die Verantwortlichkeit Deutschlands nicht auf die Tatsache, den Krieg gewollt und entfesselt zu haben. Deutschland ist in gleicher Weise für die rohe und unmenschliche Art, auf die er geführt worden ist, verantwortlich..."

29. 6. 1937 erläuterte Kerr erneut, inzwischen zum Lord Lothian befördert, wie Artikel 231 und seine Mantelnote zu verstehen waren und verstanden wurden:

"Der Versailler Vertrag gründete sich auf die Theorie von Deutschlands Alleinschuld am Weltkrieg. Ich glaube, niemand, der die Vorgeschichte des Krieges ernsthaft studiert hat, kann diese Ansicht heute aufrechterhalten… Am Ende des Krieges jedoch hatten wir uns eingeredet, daß Deutschland allein an dem Unglück schuld sei. Diese Überzeugung war das Ergebnis von Meinungen, die wir uns aufgrund eines sehr unzureichenden Materials, ergänzt durch die Propaganda der Kriegszeit, gebildet hatten. Das Wesen der Kriegspropaganda aber bestand darin, die Einigkeit und Moral der eigenen Landsleute aufrechtzuerhalten durch den Nachweis, daß wir völlig recht, der Feind aber völlig unrecht habe. Auf diesem Grundsatz war der Versailler Vertrag aufgebaut."

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@Hamburger02

Das hatten wir nun schon mehrfach diskutiert. Was hier Brockdorf-Rantzau sagt, steht ja genau so später im Vertrag. Auch die Äußerungen von Kerr ändern nichts daran, was unmissverständlich im Vertrag steht.

Du weißt, wie sehr ich deine Antworten ansonsten schätze. Aber hier bist DU auf dem Holzweg. Auch deine erneuten Versuche ändern daran nichts. Wie sagte einst Kohl so richtig: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt."

Ciao.

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@earnest

Nun ja, wenn aber einer der Hauptbeteiligten selber sagt:

"Der Versailler Vertrag gründete sich auf die Theorie von Deutschlands Alleinschuld am Weltkrieg. .."

Dann ist das schon ein starkes Argument, das du bislang als Unbeteiligter nicht ausräumen konntest.

Zumindest bestätigt das meine Aussage, dass Deutschland damals als Alleinschuldiger angesehen wurde, eindrücklich.

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@Hamburger02

Eine "Privatmeinung" ändert nichts an dem, was "rauskam".

Aber es hat offensichtlich keinen Sinn, hier weiter mit dir zu diskutieren. Zumal die Mehrzahl der Historiker in der Tat Deutschland und Österreich-Ungarn einen sehr großen Anteil an Verantwortung für den Ausbruch des Weltkriegs zugemessen haben (ich drücke mich hier bewusst sehr vorsichtig aus).

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@earnest
Zumal die Mehrzahl der Historiker...

Darum geht es doch überhaupt nicht, was irgendein Historiker dazu meint, zumal du kaum Äußerungen dazu aus den Jahren 1919/1920 finden dürftest. Historiker beschäftigen sich regelmäßig erst hinterher mit politischen Ereignissen.

Entscheidend ist auch gemäß der gestellten Frage, wie die damaligen Beteiligten und ihre jeweiligen Völker das Versailler Kriegsdiktat aufgefasst haben. Es gibt jedenfalls genügend Dokumente, die belegen, dass sowohl die Vertreter der Alliierten als auch die Vertreter der Achsenmächte nicht zuletzt aufgrund der Mantelnote das so gesehen haben, dass Deutschland die alleinige Kriegsschuld zugeschoben wurde und so wurde das damals auch in der Presse und in der jeweiligen Bevölkerung aufgefasst.

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@Hamburger02

Nun wird auch noch die Frage umgedeutet...

Siehe oben: "Es hat offensichtlich keinen Sinn, mit dir hier weiter zu diskutieren."

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Die Frage ist insofern gegenstandslos, weil die Siegermächte Deutschland NICHT die Alleinschuld zuschrieben.

Lies bitte nach, Artikel 231 des Versailler Vertrags:

http://www.documentarchiv.de/wr/vv08.html

Du beziehst dich sicher auf den Schlieffen-Plan, eine hirnverbrannte Doktrin, die durch die Verletzung der Neutralität Belgiens quasi automatisch in den Weltkrieg führte.

Gruß, earnest

Ich weiß jetzt nicht genau, was Du mit dieser Frage meinst. Ich bin der Meinung, dass es nötig war, dem Kriegsverlierer die Alleinschuld zuzusprechen, damit die eigenen Kosten annähernd gedeckt werden konnte. Dafür darf man dann wohl die eigene Schuld nicht eingestehen. Österreich als Schuldiger war dazu wohl zu unbedeutend und unspektakulär und in andere Himmelsrichtungen unterwegs.

Eine falsche Darstellung. Deutschland bekam von den Siegermächten NICHT die Alleinschuld zugesprochen - siehe Artikel 231 des Versailler Vertrags.

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@LindorNuss

Da gab es den Vertrag von Saint-Germain vom September 1919.

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@earnest

Jetzt frag ich mich schon, aus welchem Grund es so verbreitet ist, dass Deutschland die alleinige Kriegsschuld anerkennen musste. Hmmmm?

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@LindorNuss

Das frag ich mich auch. Ich fürchte, dass es auch an der Propagandakampagne der Nazis liegt, die mit der sogenannten "Kriegsschuldlüge" das poltische Klima in Deutschland entscheidend prägten. Eine Kampagne, die anscheinend immer noch wirkmächtig ist und nun anscheinend immer noch eine Rolle spielt.

Ganz im Sinne der politischen Rechten in diesem Lande.

PS: Wie darf ich dein "Hmmm"" verstehen?

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@earnest

Das hmm? war einfach, weil das tatsächlich auch in Schulbüchern so steht. Im Moment bin ich gerade etwas verwirrt.

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@LindorNuss

Ja, das wäre in der Tat erschreckend. Ich hab das neulich sogar in Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung gesehen.

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Der Verlierer bekommt die Alleinschuld. Ob man wirklich Schuld hat oder nicht. Für einen Krieg das Millitär aufgerüstet haben vorher schon alle Staaten also gewollt war der Krieg nicht nur auf deutscher Seite.

Deine Darstellung exkulpiert Deutschland und Österreich-Ungarn. Es besteht ein Unterschied, ob ein Krieg bewusst in Kauf genommen und selbst "befördert" wird (Ö-U und D) oder ob man durchaus mit der Möglichkeit eines Krieges rechnet (wie die Entente).

Selbstverständlich gab es Kriegsgetöse und Kriegsbefürworter nicht nur in Deutschland und Österreich-Ungarn.

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