,,Erst müssen durch ein Übermaß an Geld den Mann wir kaufen" Kann mir jemand diesen Satz erklären?

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2 Antworten

Ein Übermaß an Geld bedeutet: sehr viel Geld, eine sehr große Geldsumme, eine riesige Menge Geld, eine über ein angemessenes Maß hinausgehende Geldmenge

Sachlich bezieht sich der Satz auf das Geben einer Mitgift. Im antiken Griechenland war (zumindest in vornehmen und wohlhabenden Schichten) der Brauch verbreitet, eine Braut mit einer Mitgift auszustatten. Die Ehe war immer ein Besitztransfer (Übertragung von Besitz). Gewöhnlich entschieden die Eltern des Mädchens/der Frau und handelten die Bedingungen für die Ehe aus. Dazu gehörte die Mitgift, die von der Familie der Ehefrau gegeben wurde. Das Mädchen/die Frau konnte sich ihren Ehemann nicht einfach selbst aussuchen. Der Vater (bzw. der männliche Vorstand des Hausverbandes) besaß die rechtliche Gewalt/Vollmacht (κυριεῖα [kyrieia] und damit das Bestimmungsrecht über die Haushaltsangehörigen. Frauen blieben rechtlich immer einem κύριος [kyrios; Herr, Gebieter] unterstellt.

Was die Frau an beweglichem (mobilem) Vermögen als Mitgift/Aussteuer in die Ehe einbrachte, wurde als φερνή (pherne) bezeichnet, die hauptsächlich aus Grundstücken und Sklaven bestehende Mitgift als προίξ (proix).

Der Satz steht bei Euripides, Medea Vers 232 – 233. In dieser Tragödie will Iason seine Frau Medeia (Μήδεια; lateinisch: Medea), der er viel verdankt und die für ihn viel aufgegeben hat, in der Stadt Korinth verlassen und die Tochter des Königs von Korinth heiraten. Medeia (bei der persönlich keine Mitgift vorkam) weitet in einer Rede an die Frauen von Korinth (die den Chor bilden) Klage und Empörung über ihre Behandlung zu einer allgemeinen Darlegung der unglücklichen Lage der Frauen aus.

Euripides, Medea Vers 232 – 237:

πάντων δ᾽ ὅσ᾽ ἔστ᾽ ἔμψυχα καὶ γνώμην ἔχει

γυναῖκές ἐσμεoν ἀθλιώτατον φυτόν

ἃς πρῶτα μὲν δεῖ χρημάτων ὑπερβολῇ

πόσιν πρίασθαι, δεσπότην τε σώματος

λαβεῖν· κακοῦ γὰρ τοῦτ᾽ ἔτ᾽ ἄλγιον κακόν.

κἀν τῷδ᾽ ἀγὼν μέγιστος, ἢ κακὸν λαβεῖν

ἢ χρηστόν· οὐ γὰρ εὐκλεεῖς ἀπαλλαγαὶ

γυναιξὶν οὐδ᾽ οἷόν τ᾽ ἀνήνασθαι πόσιν.

Euripides, Tragödien. Griechisch und deutsch von Dietrich Ebener. Band 1: Medeia. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin : Akademie-Verlag, 1990 (Schriften und Quellen der alten Welt ; Band 30, 1), S. 38:

„Von allem, was beseelt ist und Verstand besitzt,

sind doch wir Frauen das erbärmlichste Geschöpf.

Erst müssen durch ein Übermaß an Geld den Mann

Wir kaufen – und den Herrn gewinnen über Leben

Und Leib. Dies Übel ist noch schmerzlicher als jenes.

Der Kernpunkt dann: Ist schlecht, ist gut, den wir bekommen?

Sich scheiden lassen bringt ja einer Frau nur Schande,

und einen Gatten abzulehnen ist nicht möglich.“

Euripides, Medea. Übersetzt und herausgegeben von Paul Dräger. Stuttgart : Reclam, 2011 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 18768), S. 27:

„Von allem, was beseelt ist und denken kann,

sind wir Frauen das unglückseligste Gewächs.

Zuerst müssen wir mit einem Übermaß an Geld

einen Gatten kaufen und einen Herrn über unsere Person

bekommen. Dies nämlich ist ein noch schlimmeres Übel.

Dabei geht der größte Wettstreit darum, entweder einen schlechten zu bekommen

oder einen guten. Denn guten Ruf bringt einen Scheidung nicht

für Frauen, und sie können auch keinen Mann ablehnen.“

Georg Otten, Die Medea des Euripides : ein Kommentar zur deutschen Übersetzung. Berlin : Frank & Timme, 2005 (Klassische Philologie ; Band 1), S. 107:

„(230) Von allem, was lebt und Einsicht besitzt, / sind wir Frauen das armseligste Gewächs. / Zuerst müssen wir mit einer Unsumme Geld / einen Gatten kaufen und (damit) einen Herrn über unseren Körper / bekommen; dieses Übel ist noch schmerzlicher als das (erstgenannte) Übel. (235) Und darum geht der Wettstreit: ob man einen üblen (Mann) bekommt / oder einen anständigen. Denn nicht rühmlich sind Scheidungen / für Frauen und ebenso ist es nicht möglich, einen Gatten zurückzuweisen. / “

S. 103: „Die Frau muß für teure Mitgift sich einen Mann erkaufen.“

S. 103 - 104: „In den Versen 232 – 237 hebt sie ab auf die Situation der heiratsfähigen Tochter, die nur hoffen kann, daß ihr für die teure Mitgift wenigstens kein schlechter Mann zufällt. Denn welches Unheil ist schlimmer als dies, daß man eine Menge Geld ausgibt, und dafür etwas bekommt, das noch schlimmer ist als der Verlust des Geldes (234). Wenn man im Hintergrund die Verhältnisse beim Sklavenkauf mitdenkt und nun feststellt, daß der Erlaufte nicht, wie es doch beim Kauf des Sklaven der Fall ist gehorcht, sondern man („frau“) ihm im Gegenteil die Herrschaft über den eigenen Körper einzuräumen hat, während der Erkaufte, also der Mann, bei der Eheschließung keinerlei bindende Verpflichtung eingeht, ist dies eine Verkehrung alles Normalen und Rechten“.

Winfried Schmitz, Haus und Familie im antiken Griechenland. München : Oldenbourg, 2007 (Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike ; Band 1), S. 34 – 35:

„Da Hausbesitz streng patrilinear weitergegeben wurde, waren Frauen vom Erbe ganz ausgeschlossen. Von Brautgaben (hédna) oder Brautgeschenken (dóra) hören wir in nachhomerischen Quellen nichts mehr. Selbst eine ‚Erbtochter'hatte nicht die Möglichkeit, ihre Position in der Ehe mit dem Verweis zu stärken, dass ihr Mann einen Teil des Reichtums ihr verdanke. Der Adoptivsohn oder der nächste männliche Verwandte, der die ‚Erbtochter' heiratete, erhielt das Erbe unmittelbar von dem Vater, nicht von oder über die Tochter. Hatte Solon in einer gesetzlichen Bestimmung noch untersagt, dass die Frau bei der Heirat Vermögen mit die Ehe nehmen konnte (außer Hausgerät von geringem Wert), bieten Quellen aus der zweiten Hälfte des 5. Jh. Belege dafür, dass der Brautvater dem Bräutigam bei der Heirat der Tochter eine Mitgift (proix) übergab. Die Mitgift ging nicht in das Eigentum des Ehemannesüber, er konnte aber über sie verfügen und Einkünfte aus ihr erzielen. Die Frau hatte keine Verfügungsgewalt über die Mitgift. Allerdings musste der Ehemann die Mitgift im Fall einer Auflösung der Ehe an die Familie der Frau zurückgeben. Weigerte er sich, konnte er gerichtlich zu einer Zahlung des Unterhalts oder zur Rückerstattung gezwungen werden. Die Mitgift diente dazu, die Tochter in einer Ehe abzusichern, und sollte dazu beitragen, dass der Ehemann seine Frau angemessen behandelte. Die Mitgift konnte in ihrer Höhe sehr unterschiedlich sein, je nach sozialer Stellung der Familien. Mehrere Fälle sind belegt, in denen erhebliche Vermögen von mehreren Talenten als Mitgift gezahlt wurden. Insofern dienten die Mitgiften auch einer sozialen Distinktion. In den niederen sozialen Schichten wurden den Töchtern wahrscheinlich keine Mitgiften gegeben. Im 4.Jh. haben Mitgiften in Athen eine weite Verbreitung gefunden. Die Übergabe einer Mitgift an den Ehemann steht aber noch in Einklang mit den Gesetzen aus archaischer Zeit (und dem Bemühen, dass kein Land an ein anderes Haus transferiert wurde), weil allein mobile Vermögenswerte (Geld, Kleidung, Schmuck, Sklaven) Bestandteile der Mitgift waren, kein strategischer Besitz in Form von Land, Haus oder Vieh. Konnte der Brautvater die vereinbarte Höhe der Mitgift nicht aushändigen, konnte er Land als Sicherheit gewähren. Nach dem Tod der Frau ging die Mitgift an die aus der Ehe rechtmäßig hervorgegangenen Kinder über; erst damit war eine wirkliche Besitztransferierung zwischen zwei Häusern abgeschlossen.“

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Erst müssen wir den Mann mit viel Geld kaufen/bestechen.

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