Englisch reiten- Wie geb ich nun die Hilfen?

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2 Antworten

Genau das ist das Resultat aus dem Zusammenspiel ALLER Hilfen: Für einen (relativen) Anfänger wird dann einfach oft gewichtet, die Hilfe, die das Pferd-Reiter-Paar grade nicht sooo braucht, wird weggelassen, bis die anderen in Fleisch und Blut übergehen.

Generell treiben wir - aber doch in allen Reitweisen? - mit dem inneren Bein, weil wir fordern müssen, dass das bogeninnere Hinterbein des Pferdes unter den Schwerpunkt tritt, damit das Pferd uns gut tragen kann. Sprich, es muss ein bisschen Richtung Körpermitte treten und wenn es das nicht von selbst tut, müssen wir hier nachhelfen. Das äußere Bein hat man im Bogen verwahrend (damit verbunden ist auch, dass es eine Handbreit hinter dem Gurt wirkt) dran, damit das Pferd mit dem Rumpf nicht über den Bogen ausschert. Ein inneres Bein verwahrend ergibt anatomisch keinen Sinn. Ähnlich ist es mit dem Zügel.

Der äußere steht verwahrend an, sprich die Hand bleibt gleichmäßig zu. Die ist nur dafür da, dass das Pferd nicht über seine Schulter nach außen drängt. Die innere Hand gibt schon Stellung und Biegung, aber das ist kaum merklich, die meisten Pferde sind nach innen schwer überstellt. Das Pferd soll seine komplette Wirbelsäule gleichmäßig biegen und da es das im Lendenwirbelbereich und bei den festen Rippen praktisch nicht kann, darf auch der Hals nicht wirklich gebogen sein. Sprich, die "Parade" innen klingt für die meisten nach "ich muss mit der Hand was machen" und führt dann immer zu einem Übersteuern. Die Formulierung "Parade am Zügel" ist ja eh schon wieder irreführend, wenn auch im Sprachgebrauch verankert, weil zu einer Parade ja viel mehr Hilfen gehören als nur die Zügelhilfen und man darüber dann gerne vergisst, dass man mit Sitz, Schenkeln etc. was zu tun hat.

Dass man wirklich innen sitzt, ist eine Krücke für weniger Geübte. Wir sitzen immer über dem Körperschwerpunkt unserer Pferde, wir rutschen nicht hin und her. Wenn wir natürlich der Bewegung des Körperschwerpunkts mangels Übung nicht schnell genug folgen können, ist es besser, sich quasi "voraus" zu setzen als dass unser Rumpf aufgrund seiner Trägheit nachkommt. Was für den Bogen wichtig ist: Die Reiterschulter ist parallel zur Pferdeschulter, die Reiterhüfte zur Pferdehüfte. Daraus folgt: Möchte ich, dass mein Pferd mit seiner Schulter von der geraden Linie auf eine gebogene weg wendet, muss ich meine Schulter drehen. Möchte ich, dass die Pferdehüfte gedreht zur Bewegungsrichtung geht (Travers, Renvers, ...), so muss ich meine Reiterhüfte in diese Richtung stellen.

... das sind jetzt ein paar ganz grobe Beschreibungen, wie diese in der Feinabstimmung zusammenwirken, kann man nur vor Ort machen. Jeder Reiter gibt die Hilfen unterschiedlich stark. Der eine ist Bewegungskünstler und kann alles aus dem Sitz heraus so gut, dass er den Rest nicht braucht, der andere tut sich mit den Sitzhilfen so schwer, dass er froh ist um die anderen Hilfen. Das eine Pferd reagiert überdeutlich auf den Schenkel, sodass man ihn eigentlich permanent dran lassen muss, weil es sonst bei jeder Berührung explodiert, das andere darf nur alle paar Minuten lang einen Schenkel bekommen, weil es eh so stumpf drauf reagiert, dass der Schenkel etwas besonderes sein muss, dem es dann wieder Aufmerksamkeit schenkt. Und dann kommt noch die Tagesform und die Situation dazu und spätestens dann merkt man, dass alle graue Theorie nur in der praktischen Umsetzung begründet liegt und das Lehrbuch lediglich erklärt, was man mit einer Hilfe theoretisch erreichen will.

PeppysGirl 05.07.2017, 09:52

Super erklärt - Danke dafür! 

Dem ist nichts hinzuzufügen außer dass du dir vll. überlegen solltest ob du tatsächlich schon soweit bist um Unterricht zu geben wenn du dir mit so elementaren Dingen schon unsicher bist? 

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Baroque 05.07.2017, 10:01
@PeppysGirl

PeppysGirl, das ging mir auch durch den Kopf. Aber das ist auch ein wenig Zeichen unserer Zeit. Leider. Deshalb kann kaum jemand mit einem Pferd umgehen, bevor er drauf sitzt und die wenigsten können es, wenn sie ihr erstes eigenes reiten. Die Probleme, die man heut beobachtet von wegen "mir ist das Pferd beim Koppel führen abgehauen", Pferden, die beim Tierarzt und Hufbearbeiter nicht stehen etc. sind eine Folge dessen, wieviele unausgebildete Leute mit jungen Pferden zu tun haben. Aber wir wollen es so. Die Kinder müssen gleich auf's Pferd, wir schreien nach Versicherungsschutz, sodass man die Kinder nicht erst mal mitlaufen lassen kann, ohne dass sie Unterricht in dem Sinn erhalten. Die werden zur Reitstunde gebracht und dann wieder abgeholt. Einen Nachmittag lang Pferdeverhalten in der Herde beobachten? Fehlanzeige. Mit einem erfahrenen Reiter 100 mal mitlaufen, wenn er ein Pferd führt, sich erklären lassen, warum er wann was macht? Fehlanzeige. Erst tausendmal Zaum zerlegt, geputzt und wieder zusammengebaut haben, bevor man einen an einen Pferdekopf schnallt? Fehlanzeige. Jemanden mit echten Horsemanqualitäten den Kindern für ihre Fragen zur Verfügung stellen? Fehlanzeige.

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Urlewas 05.07.2017, 12:08
@Baroque

Wie wahr, wie wahr...

Die Erklärung der Hilfengebung sowieso.

Und zum anderen: mir hat ein Pferdebesitzer den Trensenzaum auseinandergeschnallt auf nen Haufen geschmissen mit den Worten: " erst schön reinigen un fetten, wenn das Pferd fertig gesattelt und gezäumt ist, darfst du reiten."  

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PeppysGirl 05.07.2017, 13:13
@Baroque

So ist es... 

Aber selbst wenn man einen tatsächlich kompetenten Fachmann hat möchte aber auch kaum ein Reiter tatsächlich mehr was lernen bzw. sich etwas sagen lassen. Man will sich ja schließlich den rosaroten Reitertraum verwirklichen - also drauf setzen und losreiten. Grundausbildung? Bodenarbeit? Wird doch alles überschätzt. Irgendwann hat man das rumtrampelnde Ross schon erklettert und der Rest gibt sich dann schon irgendwie ;-) 

Und wenn man den im Internet Schlaugelesenen Super-Reitern dann als RL sagt dass es die eigene Schuld ist wenn Pferdchen nicht mal einen ordentlichen Zirkel laufen kann dann ist das Geschrei groß und man sucht sich eben einen anderen, netteren "Ausbilder" ;-)

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Baroque 05.07.2017, 13:17
@PeppysGirl

"Netter"! Das trifft es. Ich kenne viele, die die Ausbilder danach beurteilen, dass ihnen die nicht ungemütlich werden ;-)

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Sukaji 10.07.2017, 20:16
@PeppysGirl

Ich bin wie gesagt nur für unsere Anfänger tätig. Hauptsächlich beschäftige ich mich mit ihnen über das allgemeine Thema Pferd. Heißt: Wie führe ich? Wie putze ich? Bodenarbeit was ist das? Und halt an der Lounge Sitzschulung und ab und an auch etwas Voltigieren....

In dem Sinne reicht mein Wissen dafür aus,ja.

Ich muss auch dazu sagen das ich mich in meiner Frage wohl etwas unbeholfen ausgedrückt haben mag. Mir die Grundkenntnisse wie beschrieben jedoch ein Begriff sind. Der Reitlehrerin des Hofe werde ich das von Urlewas beschriebene Buch wohl mal ans Herz legen und ich werde mich um noch sachkundigeren Unterricht für mich selbst kümmern. Ich danke für diese ausführliche Antwort. Und dafür das alle so freundlich und gelehrig waren und sind. 

MfG Sukaji

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Heklamari 05.07.2017, 12:28

Ihr habt das wunderbar erklärt - darf ich dich/euch zitieren?

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Urlewas 05.07.2017, 12:32
@Heklamari

Heklamari - ich sehe mich grade um, wer ausser Baroque etwas erklärt hat ( was sie ja tatsächlich vortrefflich tat); weil Du " euch" schreibst, aber solltest du auch ein paar Worte von mir meinen: bitte, nimm, was du brauchen kannst 😉

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Baroque 05.07.2017, 12:35
@Urlewas

Ja, da schwelgen wir mal wieder in Erinnerungen an die gute alte Zeit. Gut, manches ist auch besser geworden seitdem, aber diese Zeit, die der Mensch für die Erkenntnis braucht, um Gewinn draus ziehen zu können, gibt es einfach nimmer. Alles muss schnell gehen. Dabei ist Wissen, das sickern durfte, viel gewinnbringender einzusetzen. Und was  ich an den alten Zeiten auch vermisse: Die Pferde durften da noch Pferde sein. Die mussten keine Müslis essen, nur weil der Mensch damit "gesund" verbindet, die mussten keine Mäntel tragen, nur weil der Mensch friert, ... Marketing gibt doch immer wieder Möglichkeiten zu interessanten soziologischen Studien, weil das ja zwischen den Menschen sich weiter entwickelt ;-)

Heklamari, was ich geschrieben habe, hat keine Urheberschaft. Auf "reines Wasser = H2O" kann ich die schließlich auch nicht beanspruchen und darf es trotzdem schreiben.

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Sukaji 10.07.2017, 20:18

Ich bin wie gesagt nur für unsere Anfänger tätig. Hauptsächlich beschäftige ich mich mit ihnen über das allgemeine Thema Pferd. Heißt: Wie führe ich? Wie putze ich? Bodenarbeit was ist das? Und halt an der Lounge Sitzschulung und ab und an auch etwas Voltigieren....

In dem Sinne reicht mein Wissen dafür aus,ja.

Ich muss auch dazu sagen das ich mich in meiner Frage wohl etwas unbeholfen ausgedrückt haben mag. Mir die Grundkenntnisse wie beschrieben jedoch ein Begriff sind. Der Reitlehrerin des Hofe werde ich das von Urlewas beschriebene Buch wohl mal ans Herz legen und ich werde mich um noch sachkundigeren Unterricht für mich selbst kümmern. Ich danke für diese ausführliche Antwort. Und dafür das alle so freundlich und gelehrig waren und sind. 

MfG Sukaji

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Tja , da hast Du schlechte Karten, wenn Du mit Leuten zusammenarbeiten willst, die falsches lehren...

Oder hat das mit dem verwahrenden inneren Bein im Fall eines bestimmten Pferdes den Sinn, eine dumme Angewohnheit zu korrigieren? Etwa, weil das Pferd gern mit dem Hintern nach innen drängelt?

Paraden sind ( wie Baroque bereits andeutete) beim Abwenden völlig fehl am Platz. Im fortgeschrittenen Stadium der Reiterei können halbe Paraden VOR der Wendung das Pferd schließen, damit es besser um die Kurve geht. IN  der Wendung sollte ( vor allem bei Anfängern) der innere Zügel seitwärts weisen, also die Hand sich ein klein wenig  vom Pferdehals entfernen. Es wäre sehr erfreulich, wenn den Anfängern gleich angewöhnt würde, um die Ecke zu kommen, ohne mit dem Zügel rückwärts zu wirken. Man will ja schließlich nicht bremsen, sondern zügig mit fleissigem Hinterbein um die Kurve kommen.

Wegen dem Gewicht: der bewußte Versuch, das Gewicht/ Gesäß nach innen zu verlagen, mißlingt meistens. Man neigt zu falschen Ausgleichsbewegungen oder wird steif, so dass man das Pferd total stört. Das ( federnde!) Austreten des inneren Bügels bei waagerechter Schulter, die sich in die Bewegungsrichtung dreht, kommt der Hintern/ Gewicht von allein genau dahin, wo man ihn braucht.

Vielleicht ließt Du mal Sally Swifft ( nein, ich habe keine Buchhandlung 😉), da findest du recht hilfreiche, teils bebilderte Anregungen für dich selber, und  auch für den Unterricht mit Kindern. Die bildhaften Beispiele können einem selber helfen, Sitz und Hilfen besser zu verstehen,  und sind gut geeignet, damit Kinder spielerisch lernen.


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