Empathie. Was ist möglich?

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3 Antworten

Wirkliche Empathie gelingt nur, wenn es uns gelingt, uns vorurteilsfrei einer Person zu nähern. In dem Moment, wo wir Verhaltensweisen bewerten, wird die Empathiefähigkeit deutlich eingeschränkt.

Marshall B. Rosenberg hat das im Zusammenhang mit der von ihm entwickelten "Gewaltfreien Kommunikation" (GFK) ganz hervorragend belegt.

Im Falle des Umgangs mit einem Mörder wird es nur dann gelingen, seine Motivation zu entdecken, wenn es dem Mitarbeiter möglich ist, sich von der moralischen Beurteilung der Taten freizumachen.

Das bedeutet nicht, dass er nichts dabei empfinden darf. Gefühle wie Angst, Ekel, Trauer um die Opfer u.a.m. entstehen bei der Auseinandersetzung ja zwangsläufig. Ebenso zwangsläufig bewerten wir das Verhalten auch und entwickeln den Wunsch nach Bestrafung des Täters und Rache/ Wiedergutmachung für die Opfer.

All das lässt der Mitarbeiter in seinem Kopf auch zu. Er erlaubt sich, all die negativen Gefühle zu empfinden und sich damit zunächst sich selbst gegenüber empathisch zu sein. 

Indem er zunächst für sich klärt, was das Verhalten des Täters bei ihm auslöst, kann er im nächsten Schritt bewusst entscheiden, auf welche Weise er sich dem Täter nähern will:

Indem er ihn mit all seinen Gefühlen und Bewertungen konfrontiert  - oder indem er diese für eine Weile zurückstellt und sich mit fragender Neugier auf den Täter einlässt. Damit erreicht er, dass er nicht in den Grenzen seiner eigenen Denk- und Bewertungsmuster beschränkt bleibt, sondern sich den Denk- und Bewertungsmustern des Täters annähern kann.

Das wiederum bedeutet nicht, dass er diese gut heißen oder akzeptieren muss. Es geht nur darum, diese überhaupt erst kennenzulernen.

Das ist selbst in "normalen" Konfliktlösungsprozessen eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe und bedarf einer Menge Übung. Erwirbt man diese, hat man tatsächlich ein hervorragendes Werkzeug zur Konfliktbewältigung in den Händen.

Inwieweit sich damit fiktionale Erkenntnisse erreichen lassen, lässt sich schlussendlich aber natürlich nicht sagen ;).

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Es gibt bekanntlich menschliche Verhaltensweisen, die sehr universell, völker- und kulturenübergreifend und ganz offensichtlich angeboren sind. Hier denke ich an Verhaltensweisen aus dem Mutter-Kind-Verhalten, aus dem Werbeverhalten, dem Revierverhalten oder auch aus dem agonistischen Aggressionsverhalten. 

Zu diesen fundamentalen Verhaltensstrukturen gehört auch die Fähigkeit des Menschen zur Empathie, was durch die Entdeckung der Spiegelneurone auch gut neurophysiologisch abgesichert werden konnte.

Durch die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, haben wir die Möglichkeit zur stimmigen situationsgerechten Aktion gegenüber unserem Mitmenschen, besonders in den Fällen, wo sich der Andere in einer Problemsituation befindet (z.B. Schmerzen erleidet). Da wir über die Empathie ermessen können, wie man in so einer Situation das Leiden des anderen lindern kann, zeigen wir dann auch in der Regel das richtige Verhalten. Damit ist in der Summenbilanz eine menschliche Gemeinschaft durch die Empathiefähigkeit positiv unterstützt. 

Wollte man nun dennoch auch die negativen Aspekte der Empathie aufzeigen, sollte man sich klar machen, dass viele Hilfeleistungen für den Helfer erhebliche Risiken bergen. Ein Rettungsversuch für einen Ertrinkenden kann im kalten Wasser auch für den Retter bisweilen tödlich ausgehen. Die Rettung aus der Gefahr bringt den Retter fast immer ebenfalls in Gefahr, selbst wenn er besser konditioniert und ausgerüstet ist als der in Not befindliche Mensch. Auch substantielle Spenden mindern naturgemäß die wirtschaftliche Substanz des Spenders, auch wenn er vielleicht dafür soziale Anerkennung durch die Gemeinschaft bekommt. 

In der Bilanz hat sich jedoch die Empathiefähigkeit in der Stammesgeschichte des Menschen als großer Vorteil erwiesen und seine Überlebenschancen in der Gruppe substantiell verbessert.

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Kommentar von Ottavio
31.08.2016, 15:37

Danke für Deine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich finde sie sehr hilfreich. Aber ein paar Fragen bleiben über:

Du hast m.E. zu Recht einige Verhaltensweisen aus dem Mutter-Kind-Verhalten als (zumindest in der Disposition) angeboren bezeichnet. Nun ist gerade dies Verhalten von Seiten der Mutter ja zumeist durch ein hohes Maß an Empathie gekennzeichnet. Dürfen wir daraus ableiten, dass Frauen zumindest dem Säugling gegenüber aufgrund einer angeborenen Disposition empathiefähiger sind als Männer ?

Ich bin gerade dabei, Sigmund Freuds Büchlein Massenpsychologie und Ich-Analyse zu lesen. Ich meine daraus zu entnehmen, dass es die Empathie ist, die vor allem verantwortlich ist für massentypische Denk- und Verhaltensweisen, also insbesondere die Herabsetzung der Kritikfähigkeit. Dies musste als Nachteil der Empathie benannt werden. 

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Vielleicht bei Prof. Metzinger nachlesen. Die Erkenntnisse über die Spiegelneuronen sind ebenso wichtig. Was ist "Hannibal"? Aus Schweigen der Lämmer?

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Kommentar von XSkyIsTheLimitX
30.08.2016, 10:58

Ungefähr. Hannibal ist eine Serie, dem Buch "Roter Drache" entlehnt. Will Graham ist eine Figur daraus. Sonderberater des FBI. Er versetzt sich mithilfe hoher Empathie in Mörder um Ihre Motive u.Ä. zu verstehen, um diese zu fassen.

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