Empathie. Was ist möglich?

4 Antworten

Es gibt bekanntlich menschliche Verhaltensweisen, die sehr universell, völker- und kulturenübergreifend und ganz offensichtlich angeboren sind. Hier denke ich an Verhaltensweisen aus dem Mutter-Kind-Verhalten, aus dem Werbeverhalten, dem Revierverhalten oder auch aus dem agonistischen Aggressionsverhalten. 

Zu diesen fundamentalen Verhaltensstrukturen gehört auch die Fähigkeit des Menschen zur Empathie, was durch die Entdeckung der Spiegelneurone auch gut neurophysiologisch abgesichert werden konnte.

Durch die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, haben wir die Möglichkeit zur stimmigen situationsgerechten Aktion gegenüber unserem Mitmenschen, besonders in den Fällen, wo sich der Andere in einer Problemsituation befindet (z.B. Schmerzen erleidet). Da wir über die Empathie ermessen können, wie man in so einer Situation das Leiden des anderen lindern kann, zeigen wir dann auch in der Regel das richtige Verhalten. Damit ist in der Summenbilanz eine menschliche Gemeinschaft durch die Empathiefähigkeit positiv unterstützt. 

Wollte man nun dennoch auch die negativen Aspekte der Empathie aufzeigen, sollte man sich klar machen, dass viele Hilfeleistungen für den Helfer erhebliche Risiken bergen. Ein Rettungsversuch für einen Ertrinkenden kann im kalten Wasser auch für den Retter bisweilen tödlich ausgehen. Die Rettung aus der Gefahr bringt den Retter fast immer ebenfalls in Gefahr, selbst wenn er besser konditioniert und ausgerüstet ist als der in Not befindliche Mensch. Auch substantielle Spenden mindern naturgemäß die wirtschaftliche Substanz des Spenders, auch wenn er vielleicht dafür soziale Anerkennung durch die Gemeinschaft bekommt. 

In der Bilanz hat sich jedoch die Empathiefähigkeit in der Stammesgeschichte des Menschen als großer Vorteil erwiesen und seine Überlebenschancen in der Gruppe substantiell verbessert.

Danke für Deine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich finde sie sehr hilfreich. Aber ein paar Fragen bleiben über:

Du hast m.E. zu Recht einige Verhaltensweisen aus dem Mutter-Kind-Verhalten als (zumindest in der Disposition) angeboren bezeichnet. Nun ist gerade dies Verhalten von Seiten der Mutter ja zumeist durch ein hohes Maß an Empathie gekennzeichnet. Dürfen wir daraus ableiten, dass Frauen zumindest dem Säugling gegenüber aufgrund einer angeborenen Disposition empathiefähiger sind als Männer ?

Ich bin gerade dabei, Sigmund Freuds Büchlein Massenpsychologie und Ich-Analyse zu lesen. Ich meine daraus zu entnehmen, dass es die Empathie ist, die vor allem verantwortlich ist für massentypische Denk- und Verhaltensweisen, also insbesondere die Herabsetzung der Kritikfähigkeit. Dies musste als Nachteil der Empathie benannt werden. 

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@Ottavio

Lieber Ottavio,

Dank für Deinen freundlichen Kommentar. Da Du daran zwei Fragen angeschlossen hast, will ich dazu gleich eine Antwort versuchen.

Frauen haben zu Säuglingen und Kleinstkindern eine ganz besondere archaische Bindung, die man als symbiotisch betrachtet, d.h. beide profitieren voneinander, indem sie miteinander intensiven Umgang haben. Wenn man junge Mütter beobachtet, wie sie ihren Winzling herzen und küssen, auf ihn einreden, ihn immer wieder streicheln und knuddeln, dann kann man das hohe Lustmoment erahnen, das hier als Triebfeder dient. Ich denke also, dass in dieser Beziehung sicher Empathie eine Rolle spielt, die aber noch übertroffen wird durch das symbiotische Moment.

Deine Vermutung, dass die Empathiefähigkeit gegenüber Säuglingen bei Frauen größer ist als bei Männern, wird in zahlreichen Untersuchungen bestätigt.

Bei der Analyse der psychischen Massenprozesse würde ich jedoch die Empathie weniger als Wirkgröße benennen wollen. Freud selbst sagt hierzu: Massenbildung und Massenkohärenz verwirklichen sich in einer typischen „doppelten Art der Bindung“ (145), in der „jeder Einzelne einerseits an den Führer [...], andererseits an die anderen Massenindividuen libidinös gebunden ist“ (104). Es kommt hier 1.) zu einer kollektiven Identifizierung mit dem Führer oder mit der den Führer ersetzenden Idee (Ideologie) und 2.) zu einer Abtretung (Projektion) des Ich-Ideals der einzelnen an den Führer oder die leitende Ideologie.

Grüße von Rolf Mengert

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Wirkliche Empathie gelingt nur, wenn es uns gelingt, uns vorurteilsfrei einer Person zu nähern. In dem Moment, wo wir Verhaltensweisen bewerten, wird die Empathiefähigkeit deutlich eingeschränkt.

Marshall B. Rosenberg hat das im Zusammenhang mit der von ihm entwickelten "Gewaltfreien Kommunikation" (GFK) ganz hervorragend belegt.

Im Falle des Umgangs mit einem Mörder wird es nur dann gelingen, seine Motivation zu entdecken, wenn es dem Mitarbeiter möglich ist, sich von der moralischen Beurteilung der Taten freizumachen.

Das bedeutet nicht, dass er nichts dabei empfinden darf. Gefühle wie Angst, Ekel, Trauer um die Opfer u.a.m. entstehen bei der Auseinandersetzung ja zwangsläufig. Ebenso zwangsläufig bewerten wir das Verhalten auch und entwickeln den Wunsch nach Bestrafung des Täters und Rache/ Wiedergutmachung für die Opfer.

All das lässt der Mitarbeiter in seinem Kopf auch zu. Er erlaubt sich, all die negativen Gefühle zu empfinden und sich damit zunächst sich selbst gegenüber empathisch zu sein. 

Indem er zunächst für sich klärt, was das Verhalten des Täters bei ihm auslöst, kann er im nächsten Schritt bewusst entscheiden, auf welche Weise er sich dem Täter nähern will:

Indem er ihn mit all seinen Gefühlen und Bewertungen konfrontiert  - oder indem er diese für eine Weile zurückstellt und sich mit fragender Neugier auf den Täter einlässt. Damit erreicht er, dass er nicht in den Grenzen seiner eigenen Denk- und Bewertungsmuster beschränkt bleibt, sondern sich den Denk- und Bewertungsmustern des Täters annähern kann.

Das wiederum bedeutet nicht, dass er diese gut heißen oder akzeptieren muss. Es geht nur darum, diese überhaupt erst kennenzulernen.

Das ist selbst in "normalen" Konfliktlösungsprozessen eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe und bedarf einer Menge Übung. Erwirbt man diese, hat man tatsächlich ein hervorragendes Werkzeug zur Konfliktbewältigung in den Händen.

Inwieweit sich damit fiktionale Erkenntnisse erreichen lassen, lässt sich schlussendlich aber natürlich nicht sagen ;).

Vielleicht bei Prof. Metzinger nachlesen. Die Erkenntnisse über die Spiegelneuronen sind ebenso wichtig. Was ist "Hannibal"? Aus Schweigen der Lämmer?

Ungefähr. Hannibal ist eine Serie, dem Buch "Roter Drache" entlehnt. Will Graham ist eine Figur daraus. Sonderberater des FBI. Er versetzt sich mithilfe hoher Empathie in Mörder um Ihre Motive u.Ä. zu verstehen, um diese zu fassen.

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Werden die Menschen immer empathischer?

Am Anfang unserer Zeit war es für uns noch kein Problem lebende Tiere zu töten und zu essen.

Später dann stiegen wir aus der Not heraus auf verschiedene Pflanzen um und Tiere wurden immer mehr zum Partner, nicht zuletzt auch zum Nutztier.

Die Bürgerkriege gingen immer weiter zurück, jeder fühlte sich trotz der fremden Menschen in seiner Umgebung nicht verängstigt.

Nun ist heute und alle Menschen respektieren sich mehr als jemals zuvor. Wurden wir also über die Jahrtausende hinweg immer empathischer oder ist das ein Trugschluss?

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Warum merken manche Leute nicht wie sehr sie einen verletzen? Wie kann man so ignorant sein?

Oder macht es einfach nur Spaß, fühlen sie sich dann überlegen?

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Was ist es was an Reality-Shows die Leute zum schauen bringt?

Wieso schauen so viele Menschen² Reality Shows - was ist es was diese Menschenmassen dazu bringt sich [oft überspitzte] normale Situationen in der Gesellschaft, Streits und Essensbewertungen anzusehen ?
Lebt, eifert und fühlt man das aufgrund der Realitätsnähe mit³ oder will man sowas sehen um es nachleben zu können (um diese Situationen kennenzulernen) oder fühlt man sich dadurch wie erhaben über die Situation um sie in diesem Zustand indirekt/ungebunden miterleben/mitfühlen zu können oder ist es was anderes ?


²(und ich rede nicht von Arbeitslosen oÄ, das hat damit nichts zu tun)
³(das Reinversetzten in die Personen und das miteifern [also so innerlich voll dabei sein und "jetzt hat ders dieser gemeinen Zicke aber gegeben" oder "wie dumm ist der denn - jetzt muss die Polizei den aber mal belehren", denken]
-Ich hoffe dass ich das verständlich geschrieben habe, also nachfragen oder konstruktive -Antwort bitte. Ich hoffe es mit den Bildern klarer zu machen. Danke :)

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Woher weiß man, wenn man Empathie empfunden hat?

Ich meine, ich war noch nie jemand anderes, keine Ahnung, wie sich für andere Leute Sachen anfühlen. Und ich als Autist, habe besonders Probleme, mir vorzustellen, wie es wäre, in der Haut eines anderen zu stecken. Also, metaphrosch. Wäre ja sonst irgendwie ekelig.Es sei denn, man zählt Leder, aber ich glaube, Menschenleder hat eine miese Qualität. Ich kenne da aber irgendwie auch keine Fachmenschen.

Egal, jedenfalls war ich heute in einer Situation, in der ich vielleicht Empathei gefühlt habe, aber ich bin mir absolut nicht sicher.

Aus Respekt für die beteiligte Person, oder eher aus Angst, dass sie das hier liest und schlecht von mir denkt, weil ich ihre Lebensumstände im Internet poste, oder sowas, drücke ich mich einfach mal sehr vage aus:

Ich habe einen weinenden Menschen gesehen und gefragt, ob alles in Ordnung ist (Was eine bescheuerte Frage war, denn Menschen denen es gut geht, schluchzen nicht verzweifelt!) und er hat mir kurz erklärt, dass etwas Tragisches in seinem Umfeld passiert ist. Und ich habe gesagt, dass mir das leidtut. Und dann fühlte ich mich eine Weile lang doof, weil ich überlegen musste, ob ich nicht mehr hätte tun können oder müssen. Und dann habe ich überlegt, ob ich gerade Empathie hatte. Und habe mich gefreut, weil das bedeuten würde, dass ich kein gefühlskaltes Monster wäre. Dann fiel mir ein, dass jemand traurig und meine Freude daher vielleicht unangebracht war. Und dann fiel mir ein, dass ich vielleicht nur aus Pflichtgefühl gehandelt haben könnte, weil die Gesellschaft es so erwartet und es mich stört. Das hätte dann auch erklärt, warum ich irgendwie sauer auf die Leute war, die einfach vorbeigegangen sind, weil die ja die gesellschaftliche Pflicht alle nicht erfüllt haben, die mir immer aufgezwungen wird!

War ich also wieder mal egozentrisch und wollte mich selbst nur als gesellschaftlich akzeptablen, netten Menschen präsentieren, um mich selbst so zu sehen, oder hatte ich sowas wie Empathie?

Und wie kann ich einprogrammierte gesellschatliche Systeme von echter Empathei unterscheiden, also quasi Nature vs. Nurture in Hinblick auf den Umgang mit Trauernden? Ich habe ja sogar ganz automatisch diese dämliche "Alles in Ordnung?"-Frage gestellt, die ja eher zum Protokoll gehört, als zum Bereich Empathie...

Warum sind Gefühle so schwer... -_-

Hilfe und danke im Vorraus,

Implord, 20, etwa so sozialkompetent wie eine misantrophische Wassermelone

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Bei was empfindet ihr Empathie?

Guten Tag, ich würde gerne wissen, bei was und wie stark ihr Empathie empfindet, um zu vergleichen, ob meine Empathie dem Durchschnitt entspricht.

Mich würde interessieren, ob oder wie ihr bei diesen Sachen Empathie empfindet:

-Wenn jemand stirbt, den ihr nicht kennt, aber es in den Nachrichten berichtet wird.

-Wenn ein Freund von euch (vor euch) weint.

-Wenn ihr an die Nazizeit denkt.

-Wenn ihr gewalttätige (z.B. zerstückelte Leichen) Bilder sieht: Trauer oder Ekel oder gar nichts oder etwas anderes?

-Wenn ihr Liebes/Drama/Trauerfilme sieht.

-Wenn ihr daran denkt, dass ein Bekannter (z.B. ein Kollege oder Klassenkamerad) stirbt.

-Wenn ihr wisst, dass ein Freund depressiv oder suizidgefährdet ist.

Wenn euch noch etwas einfällt, bei denen ihr Empathie empfindet, könnt ihr es dazuschreiben oder wenn möglich eure Empathie beschreiben.

Und mich würde es noch interessieren, ob es euch möglich ist, eure Empathie stärker/schwächer zu empfinden, wenn ihr es wollt.

Vielen Dank.

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Ist erzwungende Empathie gut oder eigennützig?

Heyo!

Also, wenn ich von etwas höre, von dem ich weiß, dass es in mir Mitgefühl wecken müsste, aber ich fühle einfach gar nichts, wie eigentlich immer, und ich stelle mir dann absichtlich und bewusst vor, ich sei dieser Mensch und versuche kramfhaft, ihren Schmerz nachzuempfinden, aus Angst, ich sei ein kaltherziges Monster und aus dem verzweifelten Versuch einen Ansatz für das Gegenteil zu finden.

Ist das dann wirklich Empathie? Ich meine, ich versuche ja nur, mitzufühlen, weil es mich stört, dass ich es nicht tue, im Grunde handle ich also aus Eigennutz?

Wenn man nicht automatisch empathisch auf andere reagieren kann, hat man dann überhaupt die Möglichkeit ein "guter Mensch" zu sein, oder sollte ich jetzt schon die Daleks fragen, ob die noch eine Stelle frei haben?

Ist erzwungende Empathie gleichwertig mit natürlichem Mitgefühl?

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