Eine Gretchenfrage?

... komplette Frage anzeigen

4 Antworten

Eindeutig zum Negativen. Zur (in Deutschland) immer schlechter werdenden Bildung gesellt sich ein "Rette-sich-wer-kann"-Durchsetzungsindividualismus, der angefeuert wird durch den sukzessive vorangetriebenen Sozialabbau. Gleichzeitig ist die Suche nach "Einheit" größer und die Erlangung von Akzeptanz bei der Mehrheit führt verstärkt durch ein Nadelöhr. Während jeder mit den absurdesten Sprüchen die angebliche Individualität beschwört ("sei Du selbst") ist auf Plattformen wie dieser hier die häufigste Plattitüde "ist es normal, dass ich ...?"

Diese Form des Durchsetzungsindividualismus führt bei den Menschen zu einer erhöhten Aggressivität und den zwanghaften Glauben daran, allen anderen überlegen sein zu müssen und ergo überlegen zu sein. Durch das engmaschige Netz der "Normalität" generiert man die Kaufkraft der Menge an Leuten, die hindurchfallen und de facto "Außenseiter" sind. Die Wahrnehmung, ein Außenseiter zu sein, kann schon dadurch gestärkt werden, dass bestimmte initiale Konsuminteressen nicht unmittelbar befriedigt werden können und entladen sich dann nicht selten in Aggression, die gesellschaftlich nicht mehr sanktioniert, sondern a priori "therapiert" wird. So macht man Menschen, die ihren Selbstwert hauptsächlich von ihrer finanziellen Potenz abhängig machen, überdies noch zu "Opfern", was die verstärkte Gewaltintensität erklärt, die sich zwar nicht in den Kriminalstatistiken, aber an der Qualität der angewandten Gewalt nachweisen lässt.

Privat bemerke ich immer mehr den Rückzug in die eigenen vier Wände. Meine Generation (in den 80ern geboren) ist viel spießiger als jene, die in den 90er Jahren 20 war. Da das Universum da draußen, mit all den unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und den darwinistischen Durchsetzungsmechanismen, den Zeitverträgen und Gehaltskürzungen und Praktika keine Stabilität mehr bietet, besinnt man sich auf den sehr engen Mikrokosmos des Eigenheims. In den meisten ländlichen Regionen rund ums Ruhrgebiet boomt der Eigenheimmarkt. Dort schafft man sich sein kleines, enges Idyll, das man mit Zähnen und Klauen vor allem verteidigt, das nicht dazu gehört. Besonders vor den "Versagern" des Systems, die man dafür hasst, dass sie ihnen das zeigen, was man selbst am meisten fürchtet: Verlust von finanzieller Potenz, damit Macht, damit Status, damit Idylle.

Diese Gesellschaft ist, 13 Jahre nach Beginn der HartzIV-Reformen, eng und kalt geworden. Und so ungeheuer spießig und kleinkariert, dass es mich selbst manchmal gruselt. Besonders dann, wenn ich wieder eine Karte von ehemaligen Klassenkameraden darüber bekomme, wer jetzt gerade wieder auf welche Art und Weise wirft - letztens stand da: "WIR sind schwanger - komm' auf unsere Hausgeburtsfeier!" und ich habe für einen Moment auf diese Karte gestarrt, dann habe ich gelacht. Als ich damit fertig war, habe ich überhaupt nicht mehr gelacht.

Wir erschaffen uns draußen, im Makrokosmos', die schlimmsten Dystopien des 20. Jahrhunderts (von Bradbury bis Philip K. Dick), mit deren Waffen wir in unserem Mikrokosmos alles tun, um die innere Idylle zu verteidigen. Gruselig!

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Charlston20
27.06.2016, 21:05

Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag. :)

1
Kommentar von Robert7194
27.06.2016, 21:42

schöne Antwort und besonders die Ausdrucksweise ! 

Mit dem "sei du selbst" sprichst du genau an, was mich bei der Politik rasend macht. Wir setzen nicht auf Charakter oder Persönlichkeit, sondern auf die Partei / Person, die sich am besten verkauft bzw. die beste Überredungskunst verfügt.

Habe mir die Tage Trump und Hilary Clinton unter die Lupe genommen und verstehe jetzt, dass Trump, obwohl arrogant selbstverliebt und wahrscheinlich rassistisch etc. genau das ist, was die Politik braucht ( wenn leider auch nur im Amt, da deren Kandidatursystem Unmengen an Geld für die Person die Antritt verschlingt, welches er schon hatte ). Persönlichkeit die das "sei du selbst" verkörpert - und keine Clinton die von Lobbyisten mit Geld vollgepumpt ist / wird.

0

zum Positiven

wir verbrennen keine Leute mehr als Hexen,

wir fangen nicht alle 15-20 Jahre nen Krieg an, nur weil ein neuer Herrscher was beweisen muß,

wir sind ungefär 1000 mal toleranter und informierter was fremde Kulturen anbelangt, oder auch unterschiedliche Lebensstile (zB nicht-hetero, nicht-monogam, ect)

Ist insgesamt ne schwierige Frage, weil wir alles ja nur subjektiv wahrnehmen und uns im Laufe unseres Lebens auch noch selbst ständig verändern. D.h. wir sehen halt immer die Probleme eher, von denen wir wissen und die uns wichtig sind, was bedeutet, je älter wir werden, desdo mehr sehen wir, desdo mehr wird uns wichtig, und das kann es erscheinen lassen, als würde alles komplizierter und schlechter.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Negativ. Es steht im Vordergrund Karriere zu machen, anstatt auf gute Werte zu setzen. Das fängt schon damit an, dass Mitschüler Konkurrenten sind.

Aber auch der Verlust der Religion( welche extrem auf gute Werte achtet ) und die Verstädterung ( und der damit zusammenhängenden Individualität des Lebens ) gehen damit einher.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

zum negativen

alle werden unfreundlicher 

die jugend säuft und raucht im immer jüngeren alter

immer mehr haben Intoleranzen und Allergien

und die politik.... 

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Was möchtest Du wissen?