Ein Verdacht auf Asperger-Syndrom?

...komplette Frage anzeigen

6 Antworten

Hey DrDollar!

Es gibt einen tollen Blog, in dem eine Autistin (Sophie) und ein Therapeut (Platon) über ihre Begegnungen schreiben. Die beiden gibt es wirklich und die Begebenheiten sind real. Wenn du dich mit der Frage "Was ist bei Asperger-Autisten anders als bei neurotypischen Menschen?" beschäftigen möchtest, dann lies diesen Blog der Reihe nach (mit dem ältesten Beitrag beginnend) durch. Ich finde ihn sehr anschaulich.

https://seinsdualitaet.wordpress.com/2013/12/14/der-erste-kontakt/

Das gibt es auch als Buch: https://www.amazon.de/Seinsdualit%C3%A4t-Eine-Welt-zwei-Wahrnehmungen/dp/3739210389

Jeder Mensch, also auch jeder Autist ist verschieden, auch im Lebensgefühl und in der Wahnehmung. Deswegen darf man Sophie und Platon nicht verallgemeinern. Aber es gibt auch viele andere Blogs, wo Autisten von sich und ihrem Leben berichten. Ein paar sind in dem oben genannten verlinkt (dort im Kasten unten rechts). Darunter ist auch einer, wo ein Nichtautist seine Wahrnehmung für Autisten beschreibt und über das Miteinander nachdenkt: https://erdlingskunde.wordpress.com/

Wenn du die Diagnose "Asperger-Autismus" (wissenschaftlich lautet das anders) bekommst, dann ändert sich für dich erst einmal nichts. Du wirst nicht anders dadurch. Aber viele Autisten haben sich nach dem ersten Schreck erleichtert gefühlt. Sie wussten dann, warum sie so waren. Und sie hörten auf, sich krampfhaft (und oft vergeblich) den Nichtautisten anzupassen. Sie entdeckiten ihr recht, so zu sein, wie sie sind.

Mit einer Asperger-Diagnose könntest du in der Schule evtl. einen Nachteilsausgleich bekommen. D. h. dass Bereiche, in denen du besondere Nachteile hast, weniger stark bewertet werden (z. B. Gruppenarbeiten, mündlicher Vortrag, Sport). Oder dass du Klassenarbeiten in einem separaten Raum schreiben kannst, wenn dich das Stuhlgeklapper, Füßescharren und Blättern der anderen extrem stört.

Die Frage, ob du es den Anderen in der Klasse dann sagen sollst, ist schwierig zu beantworten. Ich persönlich wäre dafür. Einfach deshalb, damit die Anderen wissen, warum du so bist, wie du bist. Damit sie dir deine Wesenszüge nicht als Arroganz, Besserwisserei, Verlogenheit (wenn du sie beim Reden nicht anschaust) auslegen.

Dazu reicht es aber nicht, ihnen einfach zu sagen, dass du Asperger-Autist bist. Bei Vielen ist Autismus nämlich gleichbedeutend mit Menschenfeindlichkeit, Bösartigkeit und Egoismus. Leider ist dieses Bild weit verbreitet. Und dagegen hilft nur Aufklärung.

Fange mit deinen besten Freunden an. Besorg dir die Graphic Novel "Schattenspringer" von Daniela Schreiter, lies erstmal selbst und gib das Heft dann an deine Freunde weiter. Dann redet darüber: Was bei dir ähnlich ist, was anders usw. http://www.comicleser.de/?p=1786

Du kannst auch (evtl. gemeinsam mit dem Psychologen/Psychater, der die Diagnose durchführt) einen Ich-Flyer entwerfen. Das ist eine Zettel mit einer kurzen (nicht mehr als eine Schreibmaschinenseite!) Erklärung, was Asperger-Autismus ist - und was es nicht ist. Beschreibe kurz und knapp, was das konkret für dich bedeutet, was du anders wahrnimmst (stärker, schwächer), was du nicht zuordnen kannst (Mimik, Gestik, Ironie, unklare Andeutungen...), was dich besonders stresst. Schreib deine Wünsche für ein gutes Miteinander auf: z. B. eine klare, eindeutige Sprache, Zuverlässigkeit, was Termine und Absprachen betrifft, keine überraschenden Beruhrungen, keine Telefonanrufe (wenn dir telefonieren nicht liegt) oder was auch immer für dich relevant ist.

Diesen Handzettel kannst du dann vervielfältigen und an Lehrer, Mitschüler, deine Ärzte, an Freunde und Bekannte geben, überall dort, wo es wichtig ist, dass deine Mitmenschen dein Anderssein verstehen.

Viel Erfolg! :-)


DrDollar 20.01.2017, 09:49

Vielen Dank für deine Antwort! :) Ich werde mir den Blog mal durchlesen und schauen, wie es weitergeht!

1

Hallo..

ich finde toll, wie klar, reflektiert und strukturiert du schreibst und dich ausdrückst. Du schreibst sogar, dass du deine Gefühle nicht ausdrücken kannst. Für mich kommt aber rüber, dass du deinen Beitrag fühlend geschrieben hast. Deshalb kann ich den Verdacht deiner Therapeutin nicht teilen.

Vielleicht hast du mal gehört, wie kraftvoll Glaubenssätze wirken können. Und da mag ich dich bitten, dich als etwas anders als andere zu sehen, doch nicht gleich den Köder Asperger zu schlucken.

Ich fühle deutlich: Das Leben wird dich nicht im Stich lassen.

DrDollar 20.01.2017, 07:19

Danke für deine Antwort. Heißt das, Asperger fühlen gar nicht? Könntest du mir sagen, wie genau du das meinst?

0
Chinama 20.01.2017, 08:47
@DrDollar

Oh nein.. Das Leben ist ein so geheimnisvolles Geschehen, dass ich mir absolute Aussagen dazu gar nicht anmaßen würde...

Auf mich wirken Autisten oft so, als würden sie ihre eigenen Gefühle in einer anderen Sprache wahrnehmen, als ich. Um in Empathie zu kommen braucht es gegenseitige Akzeptanz für die unterschiedliche Gestik und Mimik, das etwas stereotype Verhalten und für scheinbare Zwanghaftigkeit oder dem durch Veränderungen entstehenden Stress. Von außen wirkt das vielleicht so, als hätten Autisten keine Gefühle oder Emotionen, weil diese schwerer zu deuten sind.

Viele Diagnosen werden nach der Auswertung von Fragebögen erstellt und das Ergebnis dann noch mit leicht, mittel bis schwer usw. bezeichnet. Nimmt man z.B. die Kriterien des ICD 10 für die vielfältigen Erscheinungsformen der Depression, kommt fast niemand ohne einer zumindest leichten Depression davon.

Da stimmt doch etwas nicht... Ähnliches gilt für den Blutdruck, dessen Soll immer niedriger angesetzt wird, was zu Millionen Diagnosen von Bluthochdruck führt.

Sind die Nachteile einer Diagnose, die ja neben einiger Vorteile auch ein Schubladendenken und Etikettierung ist, manchmal nicht schwerwiegender als die Feststellung, dass du in manchen Bereichen eben anders oder gar etwas besonderes bist, als die Mehrheit?

Für mich bist du auf grund des ersten Eindrucks jedenfall kein Autist, sondern ein Mitmensch mit liebenswerten Stärken und Schwächen, wie jeder andere auch..

Alles Gute !

1

Du hast ja schon gute Antworten erhalten. Ich wollte nur kurz mitteilen, dass ich schon mit Asperger oder gar leicht authistischen Menschen beruflich zusammenarbeitete...

Der Vorteil einer Diagnose ist - das du den Fehler nicht mehr bei dir selber suchen musst. Und du zusammen mit einem Spezialisten "Verhaltensregeln" einüben kannst welche dir helfen deine Schwächen in bestimmten Situationen zu kompensieren.

Zum Beispiel kann man dir in der Therapie helfen mit der Frage wem und wo du sofort beim ersten Kontakt (Schule, Lehrer, Arbeit, Privat) davon erzählst und wem besser nicht.

DrDollar 20.01.2017, 07:36

Vielen Dank für deine Antwort.

0

Das Asperger-Syndrom ist - wie der Appendix "Syndrom" schon sagt, nicht klar umgrenzt, sondern eher eine Auflistung von Besonderheiten, die in dem einen oder anderen Fall zu erkennen sind.

Eine Diagnose sollte auf jeden Fall ein Facharzt machen, der Fragebogen kann nur eine Vorbereitung dafür sein - was dann wenn jeweils das Sinnvollste wäre, ergäbe sich dann aus dem Gespräch mit dem Fachmann

Ein wesentliches Merkmal auch bei Asperger-Menschen ist die Notwenigkeit ihrer Bezugspersonen, sich klar und eindeutig zu verhalten, um unnötige Konflikte zu vermeiden

DrDollar 19.01.2017, 22:19

Vielen Dank für deine Antwort! Nach dem Ausfüllen des Fragebogens werden wir dort wahrscheinlich ein Gespräch führen.

0

Du kannst Asperger nicht verallgemeinern. Manche haben eine ausgeprägtere Form, bei manchen fällt es kaum auf. 

Am besten machst du deinen Test und sprichst mit Fachärzten darüber. Psychologen können dies besser beurteilen als wir hier per Ferndiagnose.

Ich kann dich nur beruhigen, denn die Diagnose wird nichts verändern. Du bist immer noch du. Außer dass du nun Gewissheit hast. 

Um allgemeine Informationen und 'mögliche' Symptome sowie Verhaltensweisen von Betroffenen zu erhalten, musst du nur Google aufrufen, 'Asperger - Symptome' eintippen, Enter drücken und du hast eine riesige Auswahl an verschiedenen Texten, E-Books sowie Forenbeiträge. 

So oder so, du bist nicht alleine :-) 

DrDollar 19.01.2017, 22:18

Vielen Dank! Ich weiß nicht wieso, aber es ist gut, dass ich nun weiß, dass ich nicht alleine bin, sollte ich das Asperger-Syndrom haben! :)

0
asdgasdgasdg 19.01.2017, 22:24
@DrDollar

War das nun Sarkasmus? 

Damit wollte ich dir eigentlich nur mit auf den Weg geben, dass die Dunkelziffer enorm hoch ist. Soweit ich weiß ist 1 von 100 ein Aspi. 

(Wenn ich mich net täusche)

0
schnoerpfel 20.01.2017, 11:34
@asdgasdgasdg

Klar, für alles findet sich ein Etikett, solange man nur oft genug danach sucht und puhlt. Gemessen an den ganzen Zuordnungen und Diagnosen dürften inzwischen drei Viertel der Menschheit einen psychischen Knacks haben. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man das nicht mehr sonderlich ernst nehmen kann.

0
DrDollar 19.01.2017, 22:28

Das war kein Sarkasmus. Tut mir leid, wenn das falsch rüberkam. Ich habe früher immer gedacht, ich sei eben "komisch" aber das Asperger-Syndrom würde wenigstens alles erklären! ^^

0
schnoerpfel 20.01.2017, 11:46
@DrDollar

Es gibt Menschen, die sich nicht ins gängige Schema einordnen lassen, andere Interessen verfolgen und den Alltag abweichend gestalten. Das macht sie aber noch lange nicht krank.

Ein Indiz dafür, dass Du kein Asperger-Syndrom hast, ist übrigens ein übermäßiges Gefühl des Bedauerns, das Du in der Eingangsfrage und auch hier äußerst.

Tut mir leid, wenn das falsch rüberkam.

0

Asperger ist momentan sowas wie 'ne Trenddiagnose. Gestern noch Burn-Out und Borderline, heute Asperger. Den Quatsch durfte ich mir auch schon anhören. Dem hab ich mal fix einen Riegel vorgeschoben, eben weil sie es mir auch so penetrant unterjubeln wollten. Wahrscheinlich werden dafür ein paar Forschungsgelder extra lockergemacht. Psychologie ist eben auch ein Geschäftszweig...


DrDollar 20.01.2017, 07:34

Vielen Dank für die Antwort. Nunja, das heißt nicht, dass es jetzt bei allen Menschen eine Fehldiagnose ist.

0
Pinkpingu11 20.01.2017, 08:29

Ich finde es schwierig, Asperger mit Borderline oder Burn out auf eine Stufe zu stellen und als Modediagnose zu betiteln.

Hast du dich mal mit jemandem unterhalten, der mit Asperger oder ähnlichem lebt?
Hör dir mal die Geschichten bis zur Diagnose an. Wie viel besser es den Menschen in 98% der Fälle geht, wenn das "Kind endlich einen Namen hat".

Hier nicht eine kritische Frage zu stellen sondern das als Tatsache hinzustellen finde ich nicht ok.
Wenn es dir gut geht, so wie du lebst, dann freut es mich.
Aber bitte triff so Aussagen nicht. Das wirkt sehr verletzend.

0
schnoerpfel 20.01.2017, 10:27
@Pinkpingu11

Ach was. Namen sind Schall und Rauch. Heute Asperger, morgen schizoide Persönlichkeitsstörung. Die Diagnosen wandeln sich mit dem Psychologen/Psychiater, den man konsultiert. Darauf würde ich absolut nichts geben.

Im Gegensatz zu einer Angstneurose mit begleitenden Panikattacken, die man recht gut einordnen kann, verhält es sich bspw. bei Asperger ganz anders. Hier wird anhand weniger Indizien versucht, eine Schublade zu füllen, die den wenigsten nützt. Derartige Einordnungen lohnen eben nur, wenn das Krankheitsbild auch mindestens zu zwei Drittel zutrifft. Alles andere ist Humbug.

0
Pinkpingu11 20.01.2017, 13:18

Ich arbeite mit Autisten. Unter anderem auch mit Menschen die eher im Asperger liegen.

Ich hoffe du hast dich gut damit beschäftigt, um solch eine Aussage zu machen.

Ja es gibt ein Autismusspektrum. Nicht jeder Autist ist gleich. Die einen können besser kompensieren, die anderen weniger gut.

Hast du mal in den Kopf eines Menschen im Autismusspektrum geschaut?

Ich möchte dich nur bitten, mit solchen Aussagen vorsichtig umzugehen.
Menschen im Spektrum verstehen die Welt schon schwer und sind schwer für die Welt zu verstehen.

0
schnoerpfel 20.01.2017, 13:53
@Pinkpingu11

Es sollte doch langsam mal auffallen, wie oft mit derlei Bezeichnungen jongliert wird. Ich habe nicht die Existenz dieser Krankheiten in Frage gestellt, sondern den Trend hin zur leichtfüßigen Zuordnung anhand weniger Kennzeichen bzw. mutmaßlicher Symptome.

Wenn ich mich daran orientieren würde, was Psychologen bei mir schon alles diagnostiziert haben, dann hätte ich am Ende zehn bis fünfzehn Krankheiten. Tut das Not? Wem ist damit denn geholfen?

0

Was möchtest Du wissen?