Ein Pilot tötet 164 Menschen um 70000 zu retten: Abschuss von Ziviljets?

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13 Antworten

Ich bin dagegen.

  1. In so einer Situation kann niemand genau abschätzen, wie viele ums Leben kommen würden.
  2. In so einer Situation kann man nicht unbedingt abschätzen, was der Terrorist vor hat, ob er sich davon abbringen lässt, ob er noch irgendwie überwältigt werden kann oder ein anderer Glücksfall eintritt.
  3. Wenn jemand diese Entscheidung treffen sollte, sich und die Passagiere zu opfern, dann der Pilot. Man muss da nicht nachhelfen. Von außen das zu entscheiden, würde Gott spielen bedeuten.
  4. Das könnte als Präzedenzfall für andere, schwere Verbrechen genutzt werden. Á la: "Wir schmeißen mal in das Gebiet eine Bombe hinein. Wenn Zivilisten dabei sterben ist nicht so schlimm. Hauptsache wir treffen ein paar Terroristen, die weit größeres Übel anrichten könnten."

    "Lasst uns die verseuchten Menschen umbringen, bevor sie andere noch anstecken können."

    Die "Verteidiger des Rechts" könnten sich schnell selbst ihren Terrorismus legitimieren.
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Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner damaligen Entscheidung vom 15.2.2006 (1 BvR 357/05) klargestellt daß die Fassung des Luftsicherungsgesetzes in diesem Fall nicht mit Art. 2 Satz 2 GG vereinbar ist.

Steht hier:

http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2006/02/rs20060215_1bvr035705.html

Wenn es auch schwer fallen mag, so teile ich die Auffassung des höchsten deutschen Gerichts. Auch wenn die Abstimmung heute Abend wahrscheinlich mit einem Orden für den Piloten ausgehen wird.

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Hi tommy,

die unschuldigen Passagiere würden mit dem Abschuss verdinglicht und zugleich entrechtlicht. Sie würden damit zu bloßen Objekten herabgewürdigt. Es liefe auf die Tötung von Menschen zum Schutz anderer hinaus. Es liegt damit ein Verstoß gegen die Menschenwürde vor.

Der Fall lässt sich daher rechtlich betrachtet nicht anders entscheiden. Auch eine hypothetische Einwilligung würde nicht helfen. Genauso wenig eine tatsächliche Einwilligung.

Die Menschenwürde ist einer Abwägung nicht zugänglich.

Viele Grüße, JS

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Kommentar von Xipolis
29.10.2016, 22:07

Ich habe mich in dem Fall gefragt, warum der Hersteller des Flugzeugs und der Eigentümer und/oder Charterer nicht auch noch als Zeugen vernommen worden sind. Mich hätten nämlich die technischen Belange und Möglichkeiten interessiert, ebenso wie die genauen Auswertungen von Blackbox und Voicerecorder. Abgesehen davon, dass das Verfahren sehr wahrscheinlich alle Instanzen durchlaufen würde.

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Das war nur nicht die Problemstellung, sondern der Gesetzesnotstand.
Das BverfG hat nur den Passus im Luftsicherheitsgesetz verworfen, der Gesetzgeber hat jedoch keine Klarstellung getroffen.

Im dargestellten Fall von Ferdinand Schirach, trafen die entscheidenden Stellen keine Entscheidung, wie etwa das Stadion zu evakuieren.
Der Pilot stand, nein er saß mit seiner Entscheidung allein am Himmel.

Hätte er nicht geschossen wären 164 + 70.000 tot gewesen und er hätte diese Entscheidung hernach begründen und vertreten müssen.
Er entschied sich die Maschine abzuschießen, denn in jedem Fall wären die 164 Passagiere tot.
Und er stellte sich der Verantwortung vor dem Gericht.

- 1977 im Fall Mogadischu (RAF) entschied die Bundesregierung die Maschine stürmen zu lassen, selbst wenn dabei die Passgiere draufgegangen wären.

Im dargestellten Fall, entschied der Verteidungsminsiter nicht, nicht die Bundeskanzlerin und niemand sonst im Stab der Bundeswehr.

Im Abstand der Ereignisse entschied ein Schöffengericht.
Der Freispruch erfolgte korrekt.

Wie gesetzesfest Bürger in einer Alltagssituation sind oder wie gesetzesfest ein Bundeswehrpilot sein könnte, wäre eine andere Debatte, am Ende jedoch entscheiden Gerichte und Ritter.
Wenn jedoch alle sonstigen Vorgesetzten zu keiner Entscheidung finden können oder wollen, entbindet das nicht davon, dass eine Entscheidung getroffen werden muss.

Der Standpunkt der heutigen Politik ist: "...die Passagiere haben sich für
das Risiko bereits entschieden, als sie die Maschine betreten hatten."
Das mag man einen Fatalismus nennen, ändert nur nichts an der Aufgabe des Gesetzgebers, genau einen solchen Umstand in einem Gesetz zu erfassen, statt offen zu lassen.

Für die Verantwortlungslosigkeit der Politiker kann man keinen Piloten verantwortlich machen.

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Zu der Begründung des BVerfG-Urteils haben schon andere User Stellung genommen und die Richtigkeit dieser Ansicht geteilt.

Dem schließe ich mich uneingeschränkt an.

Ich möchte deshalb nur ein weiteres Argument ergänzen.

Wer die schwierigen Entscheidungswege bis zum Verantwortlichen der die Freigabe zum Abschuss erteilt kennt, müsste eigentlich auch spontan die sofortige Evakuierung des Stadions in Erwägung ziehen und ohne weiteres Zögern einleiten.

Diese Alternative scheint mir völlig untergegangen zu sein.

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Es wurde hier bereits schon geäußert.

Ich wäre auch gegen den Abschuss des Flugzeugs, da nicht abgeschätzt werden kann, wieviel Opfer es tatsächlich geben würde.

Was passieren könnte und was letztendlich wirklich passiert, steht möglicherweise in keinem Verhältnis zueinander. 

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Die Frage hat doch schon einen Bart und wurde hier bei GF schon mindestens 153x gestellt, das letzte Mal erst gestern. 

Also warum noch einmal fragen? Warte doch einfach die Abstimmung ab oder stimme selbst mit ab. 

"Aber man steht doch vor der Wahl:" NEIN, in der strengen Auslegung des BVerfG-Urteils steht man eben nicht vor der Wahl. 

Das BVrfG sagt doch eindeutig und stark vereinfacht: Der Staat darf nicht Menschenleben gegeneinander aufrechnen, weil er sonst die Geiseln in einem Flugzeug nur noch als Sache, aber nicht mehr als Menschen betrachten würde. 

Was also würde unsere (vielleicht andere) Ansicht an der Tatsache selbst ändern? Zumal die meisten GF-User genauso wie ich doch sicher juristische Laien sind und sich nicht in die Materie eingearbeitet haben. 

Es wären also alles nur Entscheidungen aus dem Bauch heraus fern jedweder juristischen Logik. 

Abgesehen davon gibt es auch einen technischen Aspekt, der kaum oder gar nicht zur Sprache kommt: Wer schützt die wirklich Unbeteiligten, die sich nicht für Fußball interessieren und in ihren Häusern und Wohnungen sitzen, vor herabfallenden Trümmern?

Das sind ja nicht nur Leichtbauteile, sondern auch 5 Tonnen schwere Triebwerke, Fahrwerke, Tanks mit brennendem Kerosin, das wie Napalm alles in Brand setzen würde. Beispiel: Absturz des EL-AL-Frachtjumbos in Amsterdam 1992. 

Komisch, dass da keiner der GF-Fragesteller mal drüber nachgedacht hat! 

Außerdem: Fußball ist ein Spiel von Proleten für Proleten. Wäre es da so schlimm, 70.000 "Fans" (=Fanatiker) weniger zu haben ;-) 

Die Frage nach dem Ob und Wie und Wann ist also so überflüssig wie ein Kropf. Ich befürchte allerdings trotzdem, dass es nach dem Fernsehspiel heute Abend hier bei GF noch für lange Zeit die ewig gleiche Frage geben wird. 

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Kommentar von BellAnna89
17.10.2016, 20:45

<<Das sind ja nicht nur Leichtbauteile, sondern auch 5 Tonnen schwere Triebwerke, Fahrwerke, Tanks mit brennendem Kerosin, das wie Napalm alles in Brand setzen würde. Beispiel: Absturz des EL-AL-Frachtjumbos in Amsterdam 1992. >>

Ganz genau, das Frage ich mich auch immer bei diesen Diskussionen.

<<Außerdem: Fußball ist ein Spiel von Proleten für Proleten. Wäre es da so schlimm, 70.000 "Fans" (=Fanatiker) weniger zu haben ;-) >>

Danke

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Kommentar von Dirndlschneider
18.10.2016, 00:28

Das Urteil wurde mittels eines Schöffengerichts gefällt - also doch juristische Laien .

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Kommentar von Namenlos002
18.10.2016, 10:47

Du wiegst hier aber auch Menschenleben gegen Menschenleben ab, wenn du sagst, das wir keine Fußballfans brauchen. Ich unterstütze diese Aussage zwar voll und ganz, jedoch finde ich, das du hier die eigenen moralischen Prinzipen verletzt und das nicht gerade zur Integrität beiträgt.

Desweiteren steht im Grundgesetz nichts von der Mehrzahl von Leben die man gegeneinander aufwiegen darf, zumindest wurde damals so im Theater argumentiert. Wenn man von der aussage ausgeht, das alle Leben gleich wert sind, MUSS man sogar zu diesem Schluss kommen.

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Ansich würde ich auch sagen, dass man die 164 Menschen sterben lassen sollte, da man viel mehr retten könnte.

Denke ich darüber nach, denke ich "Dürfen wir über Leben und Tod entscheiden ?" Was wäre (klar ist auch heute Abend nicht so) wenn das Stadion voll mit alten Leuten über 70 wäre? Sie hätten ihr Leben eigentlich schon fast hinter sich. In dem Flugzeug wären nur junge Leute, Babys, Kinder, Menschen bis 30. Sie hätten noch ihr gesamtes Leben vor sich.

 Aber alle haben ein Recht auf Leben. 

Und dann kommt in mir noch die Frage auf "Wieso wird das Stadion nicht evakuiert, gibt es keine andere Lösung?!"

Aber vielleicht haben wir heute Abend eine für uns passende Antwort gefunden 

LG Sommerpferde

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Man kann auch unschuldig schuldig werden. Das nennt man dann Tragödie.

Sie widerfuhr in diesem fiktiven Stück dem Piloten. Das Drama ist im Grunde nicht auflösbar.

Mir missfällt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, da es erfolgreichen terroristischen Anschlägen Tür und Tor öffnet.

Was ich als juristischer Laie nicht verstehe: Warum hier vom Mord die Rede war und nicht von Totschlag. Mord setzt für mich niedrige Beweggründe voraus. Liege ich da falsch? Könnte mir das ein Experte vielleicht mal erklären?

Nach der gegenwärtigen Rechtslage MUSS der Pilot (leider, wie ich finde) verurteilt werden. Was spräche gegen das mildestmögliche Urteil und eine schnelle Begnadigung?

Ich versuche, das Ganze mal in eine zukünftige Realität zu transponieren: Nach vier erfolgreichen Flugzeugkaperungen durch IS-Terroristen mit insgesamt 736 Todesopfern denkt das Bundesverfassungsgericht noch einmal gründlich nach und kassiert seine frühere Entscheidung. Nun darf in solchen Fällen das Flugzeug abgeschossen werden.

Und der inzwischen begnadigte Pilot erhält sechs Monate danach das Bundesverdienstkreuz.

Gruß, earnest


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Dass durch einen Abschuss auch Kollateralschäden entstehen können ist dir aber Bewusst.

Ob du einen Jet ins Olympiastadion krachen lässt oder ihn 2-3 km vorher abschießt, der Schaden ist in etwa identisch.

Vorher willst du ihn auch nicht abschießen, denn es könnte sich ja was entwicklen.

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Ich finde man sollte sich sich die Anzahl der Opfer angucken und dann entscheiden. Sterben mehr Leute wenn das Flugzeug nicht abgeschossen wird -> Flugzeug abschießen.

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Kommentar von linksgewinde
17.10.2016, 19:48

Wenn man sich die Anzahl der Opfer anschaut, ist es für eine Entscheidung zu spät, oder?

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Erst wird man verurteilt, später bekommt man dann einen Orden. Meistens viel später.

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Kommentar von tommy40629
17.10.2016, 19:26

Es wurde ja mit Artikel 1 argumentiert.

Und der gilt ja auch für die 70000 im Stadion.

Und weil man Artikel 1 anwendet, sterben mehr als 164, das ist schon sehr komisch.

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Freispruch für den Piloten! Der Pilot Koch hat es richtig formuliert: Piloten, die eine solche Entscheidung im Kampfjet nicht treffen würden, werden gar nicht als Kampfjetpilot eingesetzt.

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