Doppelproklamation 1918?

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3 Antworten

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Fall des Sozialistengesetzes, machte sich in der SPD eine programmatische Richtung breit, die nicht mehr den Sturz des Kapitalismus anstrebte, sondern ihn durch Reformen allmählich überwinden wollte. D. h. man wollte nicht mehr den Grundwiderspruch (gesamtgesellschaftliche Arbeit und private Aneignung ihrer Ergebnisse) beseitigen, sondern an den Symptomen des Kapitalismus herumreformieren.

Diese Richtung, mit der man sich vom Marxismus entfernte, nannte, nennt man Revisionismus. Der Hauptvertreter war Eduard Bernstein. In der Folge kamen gerade auch nach dem Tode August Bebels Vertreter dieses Revisionismus in die Führungspositionen der Partei und ihnen gelang es auch, die Parteipresse zu kontrollieren.

Die SPD begann damals sich von einer revolutionären Partei zu einer systemerhaltenden Partei zu wandeln. Das ging natürlich nicht ohne Auseinandersetzungen innerhalb der Partei vonstatten. Ohne das jetzt in aller Ausführlichkeit zu beschreiben, fand dieser Revisionismus seinen ersten dramatischen Ausdruck in der Haltung der SPD zum Ersten Weltkrieg und ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten.

Einige SPD-Mitglieder gingen zu diesem Parteikurs in Opposition, darunter Karl Liebknecht, und es kam zur Bildung der Spartakusgruppe als innerparteiliche marxistische Opposition in der SPD, die sich später der USPD anschloss.

Die Novemberrevolution kam der rechten SPD-Führung unter Ebert und Scheidemann alles andere als gelegen. So setzten sie alles daran, diese abzuwürgen und scheuten dabei auch nicht vor einem Bündnis mit den reaktionärsten Kräften des alten Kaiserreiches zurück. Ziel war der Machterhalt der alten Eliten - Ebert liebäugelte sogar mit einem Erhalt der Monarchie - und der Verhinderung einer sozialistischen Revolution.

Das gelang der rechten SPD-Führung auch ganz gut, denn sie verfügte über den gut organisierten Parteiapparat und auch noch über das in der Vergangenheit aufgebaute Vertrauen der Arbeiterschaft. So setzte sich die SPD an die Spitze der Revolution und würgte sie so ab.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, weshalb Scheidemann in einer improvisierten Rede die Republik ausrief, nachdem die SPD Führung erfahren hatte, dass auf einer Massenveranstaltung am Nachmittag die Räterepublik ausgerufen werden sollte.

Es ging der SPD nicht um Demokratie, es ging der SPD um den Erhalt einer kapitalistischen Gesellschaft, in der sie sich einzurichten begonnen hatte.

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Kommentar von Exisaur
26.05.2016, 15:56

Ich bin erleichtert, dass es auch Community-Experten gibt, die vernünftige Antworten geben.

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Kommentar von Unsinkable2
29.05.2016, 23:26

Blitzesauber und bewundernswert knapp zusammengefasst. Chapeau, PeVau!

Ich pinne es mir mal...

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Kommentar von JBEZorg
01.06.2016, 12:10

Das gelang der rechten SPD-Führung auch ganz gut, denn sie verfügte über den gut organisierten Parteiapparat und auch noch über das in der Vergangenheit aufgebaute Vertrauen der Arbeiterschaft. So setzte sich die SPD an die Spitze der Revolution und würgte sie so ab.

Das hat Herr Marx wohl in seinen Theorien übersehen, dass entwickelte Industriestaaten eine mehr oder minder korrupte, bürgerlich bewurzelte Politelite hervorbringen, die erfolgreich die Massen an der Nase herumführen im Kostüm der "Arbeiterpateien".

Die "Rückständigkeit" Russlands in dieser Hinsicht hat es den Revolutionären ermöglicht auch die bürgerlichen "Volks"tribune von der Macht zu entfernen.

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  1. Weil sie unterschiedliche Ziele verfolgten
  2. Scheidemann wollte nicht die Monarchie erhalten, sondern hat die Demokratie ausgerufen, die dann ja auch folgte
  3. Liebknecht wollte keine Demokratie, sondern hat die "sozialistische Republik Deutschland" ausgerufen. Ziel war ein bolschewistischer Staat nach russischem Vorbild. Das ein solcher Staat mit Demokratie nichts zu tun hatte, zeigt die Geschichte.
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Das gehört in den Begriff "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten".

Ursprünglich dachte Scheidemann nicht daran die Republik auszurufen.
Liebknecht dachte daran die "Räte Republik" nach sowjetischem Vorbild auszurufen.
Ergo eilte Scheidemanns an Fenster und rief "Republlik", weil der Zweite immer der erste Verlierer ist.

Die SPD kann zeit ihrer Geschichte nichts anderes als ihre Wähler immer wieder zu verraten (jüngstes Beispiel die Agenda 2010 und HartzIV).

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