Dolchstoßlüge/ Dolchstoßlegende?

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Die Dolchstoßlegende wurde von Ludendorff, dem Chef der deutschen Heeresleitung (in Verbindung mit Hindenburg), in die Welt gesetzt.
Ludendorff selbst hatte die politische Führung des Reiches Anfang Oktober 1918 zu Waffenstillstandsverhandlungen aufgefordert, nachdem das deutsche Heer den feindlichen Angriffen an der Westfront (verbunden mit durchbrechenden Tanks) nichts mehr entgegensetzen konnte. Außerdem drohte ein Durchmarsch der Engländer an der Südostfront gegen Österreich-Ungarn (nach dem Zusammenbruch Bulgariens); irgendwelche Truppen konnte Ludendorff zur Abwehr dieses Vorstoßes nicht mehr von der Westfront abziehen. Als er jedoch hörte, dass die Amerikaner (Staatssekretär Lansing) die militärische Kapitulation Deutschlands forderten, wollte er den Krieg fortsetzen. Die Kapitulation lehnte er ab. Am 26. 10. 1918 trat er dann zurück.

Die Frage ist nun, warum Ludendorff dazu kam, von einem Dolchstoß in den Rücken zu sprechen? Es kam doch dann das, was der Chef der obersten Heeresleitung ohnehin gefordert hatte: Prinz Max von Baden war der Interimskanzler und eine Waffenstillstandsdelegation schloss mit Frankreich am 11. November 1918 einen Waffenstillstand, verbunden allerdings mit der totalen Entwaffnung des deutschen Heeres.

Das hatte Ludendorff nicht gewollt. Denn jetzt war Deutschland den „Feindmächten“ auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. So haben dann Hindenburg und Ludendorff gesagt, man wäre dem (noch in Waffen stehenden) deutschen Heer in den Rücken gefallen. Immerhin hatte man durch das noch in Waffen stehende Heer ein Faustpfand in Händen, das man bei den Verhandlungen mit der Entente ausspielen konnte. Das französische Heer war total ausgelaugt, einem Vernichtungskrieg auf deutschem Boden wären sie mir großer Wahrscheinlichkeit aus dem Wege gegangen. Bei den anstehenden Friedensverhandlungen wären die Bedingungen der Entente womöglich nicht so hart ausgefallen wie später im Versailler Vertrag.  

Auch diese Meinung ist geäußert worden:  Durch den Munitionsstreik Anfang 1918 in deutschen Fabriken wurde die am Boden liegende Moral der gegnerischen Soldaten gewaltig gestärkt, in Verbindung mit der entsprechenden Propaganda des Gegners. („Dann aber stürzte sich die feindliche Propaganda erlöst aufatmend auf diese Hilfe in zwölfter Stunde  [= Streik in Deutschland]. Mit einem Schlage war das Mittel gefunden, die sinkende Zuversicht der alliierten Soldaten wieder zu heben, die Wahrscheinlichkeit des Sieges aufs Neue als sicher hinzustellen...“; s. Hitler „Mein Kampf“, S. 216).  Man braucht sich die Hitlersche Interpretation ja nicht zu eigen machen, aber diskutieren sollte man schon darüber, wie überhaupt die These, Hitler hätte auf jeder Seite seines 780-Seiten -Buches nur hirnverbrannten Quatsch geschrieben, nicht haltbar ist.

Im September / Oktober 1918 drang außerdem die Friedenspropaganda der sozialistischen Parteien durch Soldaten, die aus dem Urlaub zurückkehrten, ins deutsche Heer ein und verbreitete sich dort, was die Kampfmoral schwächte. Wahrscheinlich bezog sich auch Ludendorff auf den genannten Streik und auf die Friedenspropaganda der linken Parteien in Deutschland. Möglicherweise bezog er sich auch auf den Streik der Matrosen in der Kieler Werft am 29. 10. 1918, der das Auslaufen der Flotte verhinderte. Dieser Streik, der sich in Norddeutschland ausbreitete, führte zur deutschen Revolution im Herbst 1918 (Rücktritt des Kaisers, Ausrufung der Republik durch den SPD-Mann Scheidemann).

Deine Frage wird sehr gerne zur nationalsozialistischen Propaganda verwendet. ArchibaldEsel hat schon eine sehr gute Antwort gegeben.

Die Militärs wollten es einfach nicht akzeptieren, dass man Ihnen keine Chance gegeben hat eine militärische Entscheidung im Sinne Deutschlands herbeizuführen. Stattdessen wurde ein demütigender Frieden mit hohen Reparationslieferungen in Versailles ausgehandelt.

Weil der Tenor der Dolchstoßlegende war, dass die neue Regierung durch unpatriotisches Verhalten und Zustimmung zum Versailler Vertrag Schuld war, dass der Krieg verloren wurde, dass sie einen unehrenhaften Frieden akzeptiert hatte und somit auch Schuld am Elend der Menschen in den Nachkriegsjahren war.

Das stärkt nicht gerade das Vertrauen in den Staat und deren Vertreter.

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