"doch", "schon", etwa", "ja", "auch"?

7 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Liebe Алеся,

was Du fragst, gehört zu den schwierigeren Teilen der deutschen Sprache. Denn die­se Modalpartikel haben viele Funktionen, manche einfach, manche verwirrend, man­che ge­ra­de­­zu selbst­widersprüchlich. Ich bemitleide jeden Ausländer, der das lernen muß.

Mit doch drückt man irgendeine Art von Widerspruch aus. Das Wort kann als Kon­junk­tion verwendet werden (Ich habe es ihm gesagt, doch er wollte nicht hören), und dann ist es weitgehend synonym zu aber. Als Partikel sagt doch, daß etwas ent­gegen den Erwartungen so ist wie in diesem Satz behauptet, es verstärkt also.

  • Peter ist doch noch gekommen. (Peter war zur Party eingeladen, die Party begann um 18 Uhr, um 21 Uhr dachten alle, er würde nicht mehr kommen, aber um 21:30 ist er dann doch aufgetaucht)
  • Aber ich liebe dich doch! (Du behandelt mich so, als ob ich eine Fremde wäre, des­­halb erinnere ich Dich an meine Liebe)
  • Das ist doch reiner Schwachsinn! (der Sprecher versteht nicht, wie jemand das glauben kann, was er sich gerade anhören mußte)
  • Das haben wir doch schon besprochen! (Jetzt reden wir wieder über dieses Zeug, obwohl ich gehofft hatte, das Thema wäre mit der gestrigen Diskussion aus der Welt)
  • Doch da hatte er sich verrechnet (jemand hatte einen guten Grund, etwas zu glau­ben, aber die Realität wollte es anders)
  • Und sie bewegt sich doch! (der Klassiker: Galilei wußte, daß alle Leute die Erde für unbeweglich hielten, aber er war sich ganz sicher, daß das Gegenteil zutrifft)

Dein nächstes Beispiel ist schon. Dieses Wort hat eine zeitliche Bedeutung mit re­sul­ta­ti­ven Aspekt — es beschreibt die Gegenwart als Resultat der Vergangen­­heit. Ich habe meine Hausaufgaben schon gemacht bedeutet also, daß ich jetzt frei bin, weil die die Arbeit bereits früher verrichtet habe.

Leider hat diese Partikel aber auch eine zweite Funktion angenommen: Manchmal ist die Gegenwart nicht genau das Resultat der Vergangenheit, sondern anders. Man kann mit einem schon darauf hinweisen, daß irgend­etwas anders ist, als es eigent­lich sein soll­te. Bei dieser Verwendung schwingt oft ein gehobener Zeigefinger mit, der Sprecher drückt also seine Mißbilligung aus, oder deutet an, daß er später Ein­wän­de vor­brin­gen wird. In dieser Bedeutung tritt schon oft aber nicht immer z­usam­men mit doch auf.

Die beiden Verwendungen können einander ins Gehege kommen. Clara hat das schon ver­stan­den bedeutet grundsätzlich, das Clara in der Vergangenheit irgend­wann etwas ge­lernt hat und es heute versteht. Wenn aber das schon in diesem Satz ag­gres­­siv be­tont wird, dann drückt er das Gegenteil aus: Clara hätte es eigentlich längst ver­stan­den haben müssen, aber ihr Benehmen läßt daran zweifeln, und das nervt.

  • Aber ich habe heute schon gegessen (weil ich schon gegessen habe, bin ich nicht hungrig, und Du mußt mir nichts anbieten)
  • Ich habe ja schon viel Unsinn gehört, aber das schlägt alles (ich will mit dem schon betonen, daß ich wirklich ein erfahrener Hörer von Unsinn bin, damit der zweite Satzteil desto stärker wirkt)
  • Ich habe dir das schon zweimal gesagt (eigentlich hatte ich gehofft, das Thema sei mit zweimaliger Behandlung abgeschlossen, aber jetzt fängst du wieder da­mit an, oder tust so, als ob du es noch nie gehört hättest)
  • Das stimmt schon, aber andererseits blabla (das hört man oft in einer Diskussion. Der Sprecher gibt zu, daß ein Argument zumindest teilweise zutrifft, aber er will trotz­dem was dagegen sagen, als Variante dazu gibt es auch Ich habe das schon ver­stan­den aber blabla)
  • Ja, schon (das ist eine Standardantwort, wenn jemand etwas gesagt hat, wo­gegen man nicht leicht ein Argument finden kann, aber gerne eines hätte und hofft, es später vielleicht noch zu finden)
  • Aber was eine unitäre Matrix ist, lernen Sie doch schon im Gymnasium (Ein Zitat aus meinem Studium: Ein Professor nahm [zu Unrecht] an, daß unitäre Matrizen im Gym­nasium behandelt und daher allen Studenten bekannt wären, und verstand nicht, warum keiner die Aufgabe gelöst hatte. Er hatte diese Vorlesung übrigens schon mehr als zehn Jahre gehalten, ohne seinen Irrtum zu bemerken.)

Dein nächstes Beispiel ist etwa. Das hat viele unproblematische Bedeutungen, etwa bei einer unvollständigen Aufzählung. Ich habe also nur ein Beispiel von mehreren ge­nannt und weiß mindestens ein weiteres, das ich auf Anfrage nennen könnte. Un­pro­blema­tisch ist auch die Verwendung bei Schätzungen: Er ist etwa 25 Jahre alt.

Dazu kann etwa als Fragepartikel verwendet werden, wenn man eine negative Ant­wort er­wartet: „Benno hat erklärt, daß er mit dem Diebstahl nichts zu tun hat!“ — „Hast du ihm das etwa geglaubt?“. Der Sprecher des zweiten Satzes drückt aus, daß er Ben­nos Aus­­sage für eine offensichtliche Lüge hält, und sich gar nicht vorstellen kann, daß an­de­re Benno Glauben schenken könnten.

Das nächste Beispiel ist ja, und das ist wieder etwas kniffeliger. Ja ist die Standard­antwort, wenn man eine Frage positiv beantwortet, und auch als Partikel verstärkt es die Aussage oder drückt irgend­eine Art von Zustimmung aus.

Insbesondere benutzt ein Sprecher ja oft, um Gemeinsamkeit mit seinen Zuhörern her­­zustel­len. Diese Gemeinsamkeit kann echt sein (Wir sind uns ja alle einig, daß wir eine neue Strategie brauchen — und jetzt arbeiten wir daran, sie auszuarbeiten), sie kann aber auch ein rhetorisches Manöver sein (vielleiht gibt es einzelne, die nicht zu­stim­men, aber ich behaupte einfach mal, daß es sie nicht gibt, und mit etwas Glück hal­ten sie nachher den Mund), oder im schlimmsten Fall eine blanke Macht­demons­tra­tion (ich bin der einzige, der an einen Strategiewechsel glaubt, aber ich bin der Chef und die anderen tun besser daran, mir nicht zu widersprechen, sonst knallt’s).

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, kann ja auch konzessiv verwendet wer­den wie schon, also an erkennt damit etwas als zumindest teilweise richtig an und ar­gu­men­tiert trotzdem dagegen: Du hast ja recht aber blabla ist also dasselbe wie Du hast schon recht aber blabla. Manchmal treten in dieser Verwendung beide Partikel zu­sam­men auf.

  • Ich habe dir ja gleich gesagt, das das schiefgehen wird (der Hintergedanke ist: Wir stimmen überein, daß ich dich gewarnt habe, und mußt daher anerkennen, daß ich weitsichtiger war als du)
  • Das ist ja ein schöner Mist! (Wir stimmen hoffentlich alle überein, daß niemand dieses Resultat wollte)
  • Du hättest Olga nicht beauftragen sollen, sie hat davon ja keine Ahnung (eigent­lich wis­sen und wußten wir beide, daß sie es nicht kann)
  • Aber das habe ich ja gar nicht gewollt (Häufige Ausrede. Das ja ist eigentlich funk­tions­los, soll aber irgendwie Gemeinsamkeit und Sympathie herstellen, mit der Implikation, daß der Fehler auch anderen hätte passieren können)
  • Ja, was ist denn das? (Ausdruck der Überraschung, das ja hat keine erkennbare Funktion außer Verstärkung)

Und nun zum letzten Patienten, auch. Das drückt grundsätzlich aus, daß zwei Sachen gleich oder ähnlich sind: Italien ist schön, und Griechenland auch, oder Ich möchte auch mal einen schönen Urlaub haben (so wie die anderen), oder daß sie zu einer Grup­pe gehören (Er ist auch Chemiestudent, aber siehe dazu unten) Als Modal­­parti­kel hat es je­doch eine Vier­tel­million verschiedener, einander wider­sprechen­der An­wen­dun­gen. Wie auch bei schon vermute ich, daß ursprüng­lich ironi­sche Fü­gun­gen in die ganz ge­­wöhn­­liche Sprache eingegangen sind, und sich daraus ganz abweichende Be­­deu­­tun­­gen er­geben haben. Zu allem Unglück hängt es auch noch von der Satz­mel­odie ab:

  • „Irene, Lela und Dieter studieren Chemie. Was studiert Ulf?“ — „Der ist aúch Che­mie­­student“ (er gehört also in die gleiche Gruppe)
  • Ulf wollte Arsanilsäure von mir. Er sagte, er sei Student. Ich hab es ihm aber nicht gegeben.“ — „Der íst auch Chemiestudent, du hättest es ihm ruhig geben können“ (hier betont das auch, daß Ulf wirklich Student ist)
  • Ich habe das aúch nicht verstanden (der Vortragende hat viele verwirrt, darunter auch mich)
  • Du bist aúch ein Schlauer (wir haben hier mehrere schlaue Leute, und Du bist einer davon)
  • Du bíst auch ein Schlauer (offensichtliche Ironie: Wir reden von einem Dummkopf)
  • Du bist auch ein Schláuer (anerkennend, das auch verstärkt ohne zu implizieren, daß es weitere ähnlich schlaue Leute gibt)
  • Auch wenn die meisten Einbrüche von Ausländern begangen werden, beweist das nicht daß die meisten Ausländer Einbrecher sind (Der Sprecher will sich nicht fest­legen, ob der erste Satzteil stimmt, aber er will darauf hinweisen daß selbst wenn es so wäre, der zweite Satzteil nicht automatisch folgt)
  • Auch Einstein hat schon mal einen Rechenfehler begangen (hier ist auch=sogar; die Idee ist, daß Einstein auch zur Gruppe der fehleranfälligen Leute gehört, ob­wohl man das vielleicht nicht erwartet hätte).
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Danke sehr für deine ausführliche Erklärung! Ich brauche die Zeit, um diesen Modalpartikeln zu verstehen.

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@olesiaa

Frag nach und fordere weitere Beispiele ein, wenn Dir was unklar ist. Und denk sicherheitshalber daran, daß ich diese Erklärungen nur aus meinem eigenen Sprachgefühl konstruiert habe und daß ich daher keine zitierfähigen Quellen für meine Erklärungen angeben kann.

In der deutschen Sprache enthält fast jeder Satz irgendwelche modalisierenden Elemente, die ausdrücken sollen, wie der Sprecher zum Inhalt dieses Satzes steht, wie er erwartet, daß andere ihn beurteilen oder wieviel Widerspruch oder Zustimmung er sich von anderen erwartet und wie er sich dazu stellt. Das muß für Fremdsprachler extrem verwirrend sein.

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@indiachinacook

Vielen Dank für deine Information. Das ist sehr wichtig für mich. In meiner Muttersprache folgen wir ganz andere Logik, deshalb muss ich ein bisschen denken darüber, wenn und wo man diese Partikeln sprechen muss!

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Wenn ich deine Frage lese, gehe ich davon aus, dass du ein "Ja" sehr wohl verstehst.

Auch: Ein "Auch" verstehst auch du auch (= ebenfalls).

Schon: Dein Alter wird auf 10 geschätzt und du antwortest: Ich bin aber schon (= bereits) 14 Jahre alt.

Doch: Jemand glaubt dir nicht, dass du schon 14 Jahre alt bist. Dann antwortest du mit "doch" (als Bestätigung, dass du die Wahrheit gesagt hast und tatsächlich schon 14 bist).

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Danke sehr für deine Beispiele und die Erklärung!

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Das geht am Besten mit Beispielen - also Du schreibst Sätze rein, bei denen Du nicht sicher bist, welches Wort anzuwenden ist .. und wir korrigieren ...oder auch nicht, wenn es richtig ist

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1- Kann Tina ihren Artikel schneller schreiben? – Kann sie schon. Dann muss sie aber auf die heutige Veranstaltung verzichten.

2- Habt ihr etwa euer Versprechen vergessen?

3- Sie hat den Koffer doch bereits gepackt.

4- Sie ist ja hübsch, aber nicht klug

5- So ist es auch

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46
@olesiaa
  1. Ja, sie kann es. Das bringt aber Nachteile, und vielleicht will sie es nicht und wird sie es auch nicht tun.
  2. Ihr wagt bestimmt nicht, zuzugeben, daß ihr euer Versprechen vergessen habt (denn wir wissen alle, daß ihr es versprochen habet). Deshalb seid ihr gezwungen, euch an euer Versprechen zu halten (rhetorische Frage, bei der die Antwort dem Fragenden bekannt ist).
  3. … und deshalb ist es ihr nicht zuzumuten, auf die Reise zu verzichten.
  4. Zugegeben, hübsch. Aber das reicht eben nicht.
  5. Ja, wirklich, so ist es
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@indiachinacook

Besten Dank! Ich habe es kapiert! Du bist sehr hilfreich!

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