Dissens zwischen Rationalismus und Empirismus

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Die Meinungsverschiedenheit zwischen Rationalismus (Realismus ist nicht ein in einem systematischen Gegensatz zum Empirismus stehender Standpunkt) und Empirismus betrifft bei den Erkenntnisquellen die Frage, welchen Stellenwert Verstand/Vernunft (Ratio) und (äußere und innere) Erfahrung haben. Es geht darum, was einen Vorrang darin hat, Grundlage von Erkenntnissen zu sein. Es gibt damit gegensätzliche Auffassungen darin, wie wohlbegründetes Wissen erreichbar ist und worauf eine Sicherheit beruhen kann, richtige Aussagen zu vertreten.

Strittig ist die Einschätzung der Erkenntnisarten Wahrnehmung, insbesondere Sinneswahrnehmung, begriffliches Denken und eine Evidenz, bei der etwas über die Welt als dem Verstand/der Vernunft in einer Schau als einleuchtend gelten soll. Beim begrifflichen Denken sind insbesondere Prinzipien und angeborene Ideen (lateinisch: ideae innatae) umstritten.

Teilweise sind beim Rationalismus angeborene Ideen angenommen worden bzw. zumindest Auffassungen vertreten worden, die eine Annahme ihrer Existenz nach Auffassung von Empiristen (z. B. John Locke) voraussetzen. Vom Empirismus ist die Existenz angeborener Ideen/Vorstellungen abgelehnt worden (anders als die Existenz erworbener und hergestellter Ideen/Vorstellungen).

Nach dem Rationalismus kann die Wahrheit von Sätzen, die Aussagen über die Wirklichkeit machen, aus Vernunftgründen entschieden werden. Oberste Grundsätze des Ganzen sind Bedingung von Erkenntnis. Es geschieht eine logische Ableitung (Deduktion) der Sätze. Die Art Rationalismus, die z. B. René Descartes vertritt, ist eine neuzeitliche Bewußtseinsphilosophie. Dabei werden Vorstellungen im Bewußtsein vergegenwärtigt und als wahr gilt, was sehr klar und deutlich ist.

Nach dem Empirismus beruht die Wahrheit von Sätzen über die Welt auf Erfahrung. Sinneseindrücke sind die Grundlage. In einem strikten Empirismus werden sie als Gegebenes behandelt. Das Erkenntnissubjekt tritt damit dem Objekt passiv gegenüber. Der menschliche Geist/Verstand wird als etwas wie eine anfangs unbeschriebene Tafel verstanden. Äußere Objekte wirken auf die Wahrnehmungsorgane eines Menschen ein und führen in seinem Geist/Verstand zu Sinnesdaten, aus denen auf dem Wege der Abstraktion allgemeine Begriffe gewonnen werden.

Immanuel Kant hat in seiner Transzendentalphilosophie eine Synthese von Empirismus und Rationalismus unternommen. Es gibt danach etwas der Erfahrung Vorausliegendes, Apriorisches. Aber sicheres Wissen kann es nur über etwas geben, das Gegenstand möglicher Erfahrung ist. Anderes ist Spekulation, die zu keinem sicheren Ergebnis führt. Erkenntnisse sind eine Verbindung von sinnlicher Anschauung und Verstand. Die Sinnlichkeit liefert das Material der Erkenntnis, der Verstand Formen der Erkenntnis bereit. Eine Vermittlung leistet die Phantasie (Einbildungskraft), indem Schemata (sowohl sinnlich als etwas Bildhaftes als auch intellektuell als allgemeine Bestimmungen von Formen) eine Beziehung herstellen.

Eine Verbindung beider Ansätze ist in gewisser Hinsicht auch der kritische Rationalismus (Karl Popper). Es werden Annahmen (Hypothesen) aufgestellt und eine empirische Bestätigung gesucht. Eine Theorie über einen regelhaften Zusammenhang in Form eines Gesetzes und Angaben bestimmter Umstände (Anfangsbedingungen) führen zu einer Prognose über das Eintreten eines Ereignisses.

Artikel in Nachschlagewerken können Ausgangspunkt einer Untersuchung der Frage sein, z. B.:

Wolfram Hinzen, Empirismus. In: Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz P. Burkard. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 134 - 135

Peter Prechtl, Erkenntnistheorie. In: Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz P. Burkard. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 151 – 154

Franz-Peter Burkhard, Rationalismus. In: Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz P. Burkard. Stuttgart ; Weimar : Metzler,2008, S. 502 - 503

Gerhild Tesak, Empirismus. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von Wulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S. 319 - 322

Thomas Blume, Erkenntnis. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von Wulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S. 333 – 335

Andreas Preußner, Rationalismus. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von Wulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S. 577 - 579

Ist jetzt Rationalismus gemeint (Überschrift) oder Realismus (Text)?

Entschuldigung, Rationalismus ist gemeint, hab mich im Text einfach nur aus Flüchtigkeit verschrieben! ;)

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