Discantusfaktur?

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Hallo Laura,

Cantus (lat.) heißt Gesang.
Gemeint ist damit in der Partitur der Cantus firmus, vom Wort her der feste, feststehende, unveränderliche Gesang. Praktisch ist es jedoch die vorgegebene Stimme - gleich ob gesungen oder instrumental. In der Alten Musik kann das ein Choral oder Hymnus (einstimmig!) sein.

Eine sehr frühe Form der Mehrstimmigkeit (Zweistimmigkeit) - ab dem 9. Jahrhundert - ist das Organum. Beim Quintorganum wird die Begleitstimme gleichbleibend eine Quinte unter dem Cantus firmus geführt, beim Quartorganum ähnlich gleichbleibend, aber mit geringen Freiheiten, eine Quarte darüber.

Discantus und Discantusfaktur sind gleichbedeutend, z. B. Riemann und MGG sprechen ausschließlich vom Discantus. Discantus steht dort sowohl für den Satz wie auch für die kontrapunktische Stimme. (Steht in Eurem Arbeitsmaterial Discantus für die Stimme und Discantusfaktur für den Satz?)

In der Frühzeit (12. Jh.) wird im zweistimmigen Satz Note gegen Note gesetzt: Es wurde gefordert, dass die diskantierende Stimme nicht mehr Noten haben soll als der Cantus (anonymes Traktat, spätes 12. Jh.).
Der Discantus wird zunächst streng in Gegenbewegung geführt, die 'erlaubten' Intervalle sind Prime, Quarte, Quinte und Oktave. Beides ist möglich: der Discantus kann über oder unter dem Cantus firmus liegen. Der Discantus als Oberstimme findet sich allerdings erheblich häufiger.

Im frühen 13. Jahrhundert wird der Discantus freier gehandhabt: Zum nach wie vor 'starren' Cantus firmus kann der Discantus freier gesetzt werden: Melismatische Ansätze treten auf, bei denen auch die harmonische Gestaltung freier wird: Die Intervalle beschränken sich nicht mehr streng auf Prime, Quart, Quinte und Oktave. Ab dem 13. Jahrhundert findet man auch 3-stimmige Discantusfakturen. Stimmkreuzungen treten oft auf, sowohl im 2-stimmigen wie im 3-stimmigen Satz.

In meinem Musikbuch steht: die Diskantusfaktur, bei der c.f. melismatisch und in etwas kürzeren Notenwerten verläuft; Oberstimme und c.f. sind rythmisch ähnlich.

Melismen finden sich in den Cantus firmi der Zeit sehr spärlich. Dort, wo sie auftreten, gilt die Forderung nach ähnlicher rhythmischer Gestaltung (s. o.): Die Anzahl der Noten im Discantus soll nur geringfügig abweichen, ebenso der Rhythmus, also auch und besonders die Notenwerte.

Was meint man mit "darüber liegenden kontrapunktischen (in Gegenrichtung geführten) Stimme"?

Der Cantus firmus ist gegeben, der Kontrapunkt wird als Oberstimme dazu gesetzt. Gegenrichtung: Keine parallel geführte Organum-Stimme sondern ein Discantus.

Da versteh ich jetzt auch nicht ganz, was die Oberstimme und was cantus firmus ist. Wie erkenne ich diese Stimmen in einem Notenbeispiel?

Wenn es in der Partitur nicht vermerkt ist, was jedoch der Fall sein sollte und zumeist auch so ist, ist das tatsächlich schwierig.
Im Note-gegen-Note-Satz kann man den c. f. nur erkennen, wenn man den Choral oder den Hymnus kennt. In manchen Notenausgaben ist der Text nur dem c. f. unterlegt, das könnte ein Hinweis sein. Einen Hinweis kann man auch darin finden, dass der c. f. meist die ruhigere Stimme ist, also nur wenige Sprünge und die in der Regel nicht über die Terz hinaus hat. Im Kontrapunkt sind Quartsprünge nicht ungewöhnlich.

Ist eine Discantusfaktur ein 2-stimmiger Satz...?

In der Frühzeit ja, später findet man ihn auch 3-stimmig.

... mit 2 gleichberechtigten Stimmen...?

Nein, der c. f. ist vorgegeben, der Kontrapunkt ist somit untergeordnet. Allerdings hört man das nicht immer, weil beide Stimmen ähnlich geführt werden.

... die sich parallel zueinander verhalten?

Wenn Du 'parallel geführt' meinst, dann auch hier: nein. Die Parallelführung der Stimmen ist typisch für das Organum.

LG
Arlecchino

VIELEN LIEBEN DANK!!!! Eine super Erklärung!!! Meine Musiklehrerin hätte mir das niemals so gut erklärt! Aber eine Sache verstehe ich noch nicht ganz: Was bedeutet "Note-gegen-Note" und was bedeutet "Kontrapunkt" ?

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@laura28948

Einen ganz strengen Note-gegen-Note-Satz findest Du hier. An den schwarzen Notenköpfen darfst Du Dich nicht stören, die sollen veranschaulichen, welche Stimme c. f. und welche Discantus ist. Also: Auf jede Note des c. f. genau eine Note des Kontrapunkts.

Kontrapunkt - ursprünglich contrapunctus - bedeutet 'Gegenstimme'.
Das ist zunächst - in der Notre-Dame-Zeit - eine streng in Gegenrichtung geführte Stimme: c. f. aufwärts --> Kontrapunkt abwärts und umgekehrt. Später - schon ab dem späten Mittelalter - darf der Kontrapunkt jeder Bewegungsrichtung folgen: Gegenbewegung, Seitenbewegung und Parallelbewegung.

Und jetzt: Gute Nacht! 😉

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