Die Schule und die Bildung?

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3 Antworten


Hat die Schule in Deutschland momentan irgendeinen Bezug zur Bildung? Mir scheint nämlich nicht.


"Der moderne dynamische und ganzheitliche Bildungsbegriff steht für
den lebensbegleitenden Entwicklungsprozess des Menschen, bei dem er seine geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten sowie seine persönlichen und sozialen Kompetenzen erweitert." - Wikipedia




Bildung ist ein lebenslänglicher Prozess (sh. meine Hervorhebung). Daher ist die Schule allenfalls dafür zuständig, erste Anstöße und Hilfen zu geben. Die Kinder, die an die Schule kommen, haben unterschiedliche Voraussetzungen. Wenn Eltern den kindlichen Lernprozess nicht bereits vor Beginn der Schulzeit angestoßen haben, wenn sie ihn nicht während der Schulzeit und vielleicht darüber hinaus fördern und unterstützen, ist die Schule in vielen Fällen machtlos. Schule und Eltern müssen eng zusammenarbeiten, damit Bildung gelingt. 

Erstens: habe ich das alles richtig wahrgenommen? Ich habe früher auch nicht so gedacht; erst jetzt, da ich mich mit vielen Sachen neu beschäftige, merke ich erst, dass ich in der Schule kaum wissenschaftliche Kompetenzen vermittelt bekommen habe, mal von dem Rest ganz zu schweigen.



Ob ein Gymnasium oder eine Gesamtschule mit Gymnasialzweig in der Lage ist, "wissenschaftliche Kompetenzen" zu vermitteln oder nicht, ist von vielen Faktoren abhängig. Es kommt dabei auf das soziale Umfeld der Schüler, die Befähigung der Lehrer, die Bildungspolitik des jeweiligen Bundeslandes, die Ausstattung der Schule und die Befähigung der Schüler selbst an. Es mag Schulen geben, die versagen, aus welchen Gründen auch immer. Generell ist der gegen alle höheren Schulen gerichtete Vorwurf ungerecht und falsch.



Zweitens: Wenn ich richtig liege: Woran liegt das genau? An Lehrern, den
Eltern, der heutigen Gesellschaft im Allgemeinen; oder hat das Problem
gar keinen sozialen, sondern einen biologischen Ursprung? Ist es
Menschen in so jungem Alter vielleicht noch nicht wirklich möglich
wissenschaftlich zu Denken?


Eigentlich brauchte ich auf diese zweite Frage nicht weiter einzugehen, weil ich sie bereits beantwortet habe. Aber ich will noch einige Ergänzungen anfügen.

Leider belegen wissenschaftliche Studien, dass schulischer Erfolg oder Misserfolg immer noch häufig vom sozialen Umfeld abhängig ist.

Aus mannigfaltigen Gründen sind die Eltern, unabhängig von ihrer Schichtzugehörigkeit, ein großes Problem, weil sie immer weniger bereit sind, mit den Schulen an der Erziehung und Bildung der Kinder zusammenzuarbeiten. Diese Aufgabe überlassen sie der Schule, und wenn diese die Aufgabe allein nicht bewältigen kann, suchen die Eltern den Grund dafür kaum bei sich, sondern fast immer nur bei der Schule und den Lehrern.

Auch ist es eine verfehlte Bildungspolitik in vielen Bundesländern, die eine neue Bildungskatastrophe anrichtet. Ich lasse mal das emotionale Thema "Inklusion" außer Acht, das z. B. in NRW ohne notwendige Ausstattung mit qualifiziertem Lehr- und Betreuungspersonal den Schulen im Eiltempo aufgezwungen wurde. Hinderlich für die höheren Schulen bzw. ein Nachteil für die Heranwachsenden sind die unsinnigen Schulzeitverkürzungen. Gerade dann, wenn junge Menschen sich über ihre kindlichen Interessen hinaus entwickeln und die schlimmsten Belastungen der Pubertät hinter sich gelassen haben, beginnen sie, sich für Vieles zu interessieren und auch Verständnis für wissenschaftliche Methoden zu entwickeln. Aber statt das zu nutzen und sie bis 18 oder 19 J. in der Schule zu lassen, um zu lernen und Interessen zu entwickeln, wirft man sie heute mit 17 J., nicht selten orientierungslos, ins Leben. Denn die Bildungspolitik hat dem Druck der Wirtschaft nachgegeben: junge Menschen sollen immer schneller durch die Schule und dann das Studium - Studienabschluss nach 3 Jahren mit einem nutzlosen Bachelor - ins Arbeitsleben geschleust werden. Bildungsinhalte werden daher nicht mehr auf eine umfassende menschliche Bildung, sondern vornehmlich auf beruflich verwertbare Vorkenntnisse ausgerichtet. Dass junge Menschen heute immer weniger wissen und können, hat keinen "biologischen Ursprung"! Sie tragen daran nur geringe Schuld und sind die Opfer verfehlter bildungspolitischer Entwicklungen.

MfG

Arnold




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Kommentar von Manuel129
24.05.2016, 22:05

Danke, sehr anregend! 

Zuerst einmal: sehr gute Ausdrucksweise.. da werde ich richtig neidisch =( hoffe ich bin auch irgendwann so gut..^^

Natürlich wollte ich mit meiner Frage nicht andeuten ich wüsste wie es an anderen Schulen aussieht; ich wollte lediglich meine Eindrücke wiedergeben und erforschen ob eventuell vielerorts dieselben Erfahrungen gemacht werden. 

"Denn die Bildungspolitik hat dem Druck der Wirtschaft nachgegeben: junge Menschen sollen immer schneller durch die Schule und dann das Studium - Studienabschluss nach 3 Jahren mit einem nutzlosen Bachelor - ins Arbeitsleben geschleust werden. Bildungsinhalte werden daher nicht mehr auf eine umfassende menschliche Bildung, sondern vornehmlich auf beruflich verwertbare Vorkenntnisse ausgerichtet"

das ist wirklich gut!

Du sagst, Biologie würde dabei keine Rolle spielen, aber kannst du mir beweisen, dass das mangelnde Interesse an bestimmten Themen bis zu einem bestimmten Alter nicht biologischer Natur ist? Anscheinend hängt es ja, wie du auch schreibst, vom physischen Alter ab; oder zumindest kann man da eine Verbindung ziehen.

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Ich würde sagen, dass man tatsächlich einiges verbessern könnte. Im Gymnasium wäre etwas mehr an praktischem Wissen nicht schlecht und es könnten tatsächlich noch einige wichtige Dinge mehr vermittelt werden. Die wirklich interessanten Dinge muss man selbst recherchieren und sich selbst beibringen.

Ich würde dennoch sagen, dass Schule etwas mit Bildung zu tun hat, da viele komplexe und - für "höhere" Berufe - nötige Dinge vermittelt werden. Man muss bedenken, dass die Schule quasi ein Sortierkomplex ist, in dem die aussortiert werden, die z.B. nicht so ausdauernd sind. Sie bietet quasi ein Training und filtert die "qualitativ weniger guten" Arbeitskräfte heraus.

Das Problem liegt denke ich beim Kultusministerium. Ich habe schon von einigen Leuten gehört, dass das deutsche Schulsystem verbesserungsbedürftig sei. Es ist jedoch auch so, dass man zu Beginn noch zu jung ist und, dass man später in der Jugend einfach keine Lust mehr hat.

Oftmals fehlt ganz einfach auch die Motivation!


Ich hoffe, dass dies zumindest etwas weitergeholfen hat.

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Kommentar von Manuel129
24.05.2016, 21:35

Ja, danke!

Ich sehe das Problem auch hauptsächlich in der Motivation der Schüler und ich frage mich wieso genau das der Fall ist. 

Du meinst also Schule ziele vor allem darauf ab für die Wirtschaft nützliche Arbeitskräfte heranzuzüchten? das wäre wirklich beunruhigend.. aber du könntest Recht haben, das wäre ein guter Grund wieso kritisches Denken in keinster Weise gefördert wird.

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Kommentar von ArnoldBentheim
24.05.2016, 21:56

Die wirklich interessanten Dinge muss man selbst recherchieren und sich selbst beibringen.

Genau das ist eine wesentliche Aufgabe der Schule: Grundlagen zu legen, Orientierung zu bieten, für Themen zu interessieren und die Heranwachsende zu befähigen, die wirklich interessanten Dinge selbständig zu recherchieren und sich selbst beizubringen!  :-)

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Das ist mir in letzter Zeit auch klar geworden (habe grad mein Abitur gemacht). In der Schule geht es nur um Noten, Noten, Noten. Und die kriegt man, indem man bestimmte Verfahren und Fakten auswendig lernt. In Mathe wird nicht einmal erklärt, WARUM man es so rechnet. Wenn es einen interessiert, muss man das selber herausfinden.

Am lautesten muss ich über lebenspraktische Fähigkeiten lachen. Das ist ja wohl der größte Witz!

Die Schule versucht nur, alle Schüler einigermaßen durchzubekommen. An Details fehlt es da häufig - und warum? Weil der Lehrer unterschiedliche Schüler in der Klasse hat, mit unterschiedlichen Interessen. Keiner kann alles, also muss der Lehrer versuchen, den Unterricht so grundlegend wie möglich zu halten.
Ich bin der Meinung, dass es deutschen Schulen an Fächerauswahl fehlt und allgemein erstmal die Möglichkeit fehlt, überhaupt mal ein Fach frei wählen zu können! Wo sind Fächer wie Fotographie, Film, Mechanik, Psychologie,....? Wieso hat man in der Oberstufe nicht die Möglichkeit, sich nur seinen Stärken zu widmen? Wieso wird man dazu verdammt, Fächer bis zum Abitur behalten zu müssen, in denen man schon in der 5. Klasse mies war?
Würde ein Kurs nur voll von Schülern sein, die diesen Kurs aus freiem Willen gewählt haben, weil sie sich dafür interessieren, wäre es auch automatisch ein ganz anderes Unterrichten! Der Lehrer könnte mehr Details einbringen und das Wissenschaftliche daran rausholen! Aber solange man Schüler zwingt, ein Fach zu belegen, das sie noch nie mochten, kann man ja nicht auf einen grünen Zweig kommen.

(Natürlich sollte jeder erst die Grundlagen in jedem Fach beherrschen, aber spätestens in der Oberstufe kennt man seine Stärken und sollte frei sein, seine Fächer zu wählen!)

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Kommentar von Manuel129
24.05.2016, 21:30

Das mit der Fächerauswahl finde ich gut; sogar sehr gut. Meine Vorstellung von einer guten Schule wäre zuallererst eine Art Studium der Philosophie, da man sich dort mit praktisch allen Wissenschaften auseinandersetzt; allerdings, und das wäre der Vorteil, nicht gesondert sondern übergreifend, alle Wissenschaften wären verbunden und man würde alle Wissenschaften "von Beginn an" erlernen. Auch da würde sich dann sofort zeigen welcher philosophischen Disziplin man eher zugewandt ist. 

Natürlich würde dieses philosophische Grundstudium erst ab der Unterstufe beginnen, in der Grundschule müssen natürlich erst einmal andere nicht-wissenschaftliche Fähigkeiten erworben werden (rechnen, lesen, schreiben etc )

Danach, also in der Oberstufe, würde ich den Schülern die Möglichkeit geben sich auf bestimmte Gebiete zu spezialisieren. Dabei sollte durchaus der Wechsel auf andere Schulen angeregt werden ( jede Schule kann nicht alles Fächer abdecken schätze ich ). Dazu wäre eine 4-wöchige Orientierungsphase hilfreich, in der viele Vorlesungen zu allen Fächern gegeben werden, ohne Überschneidungen, damit man wirklich 4 Wochen Zeit hat in der man sich von allen Fächern ein Bild machen kann und daraufhin seine Kurse wählt.

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Kommentar von ArnoldBentheim
24.05.2016, 21:52

Am lautesten muss ich über lebenspraktische Fähigkeiten lachen.

Mir bleibt das Lachen eher im Halse stecken, wenn ich solchen Unsinn lese, dass die Schulen dafür zuständig seien.  :-/

Vielleicht ist es dem einen oder anderen noch nicht aufgefallen, aber Schule ist in erster Linie für die Vermittlung von Bildung, das Elternhaus in erster Linie für die lebenspraktischen Fragen zuständig! Auf diese Weise ergänzen sich Schule und Elternhaus wunderbar, wie es fast alle Schulverwaltungsgesetze der Bundesländer auch vorsehen.

Zur allgemeinen Beachtung: Wenn das Elternhaus versagt, tritt die Schule nicht automatisch an seine Stelle!

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