Dialektscher Materialismus - Überbau und Basis?

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1 Antwort

Das ist ein sehr komplexes Thema, das man nicht mal eben so zusammenfassen kann. Dazu kommt noch, dass ich eigentlich keine Zeit habe. Ich versuch mich trotzdem dran, auch wenn es vielleicht teilweise verkürzt und wirr ist:

Nach dem, was ich da herauslese, hast du eine viel zu ökonomistische Auffassung vom Basis-Überbau-Modell - was man dir nicht vorwerfen kann, da heute schließlich auch viele selbsternannte Marxisten Schwierigkeiten damit haben, über ein formales Verständnis aus Schulbüchern hinauszugehen. Marx ging es nie darum, eine A-nach-B-Beziehung aufzudecken, wonach die ökonomische Situation das Bewusstsein der Menschen positivistisch determiniert. Seine Werke und sein Wirken wären viel zu inkonsequent und widersprüchlich gewesen, als dass er auf sowas hätte beharren können. Es ging vielmehr darum, auf die Kongruenz zwischen Produktionsverhältnissen und Ideologie aufmerksam zu machen. Das heißt, unser Bewusstsein wird nicht von irgendwelchen ökonomischen Faktoren determiniert, etwa wie (angeblich) unsere Persönlichkeit und unser Verhalten von genetischen und neurologischen Veranlagungen determiniert werden soll. Aber was wir über und durch die Welt denken und demzufolge auch tun, denken und tun wir immer in Relation zu den existierenden Produktionsverhältnissen.

Was heißt das? Marx schrieb in der "Deutschen Ideologie", wie der Mensch produziert, so ist er. Er ging dabei von der scheinbar banalsten Prämisse unserer Existenz aus, nämlich dass das Essen vor der Philosophie und der Politik kommt. Jede Gesellschaft muss sich reproduzieren und das tut sie, indem sie produziert. Dabei gehen die Menschen bestimmte "Produktionsverhältnisse" ein, sie nehmen eine Rolle in der Produktion ein, leisten ihren Beitrag dazu, bauen eine Beziehung zu ihr auf und so weiter. Die Produktion ist aber keine rein ökonomische Aktivität, sie verlangt auch eine ideologische Unterwerfung unter die Produktionsverhältnisse, um diese aufrechtzuerhalten, damit... man keine Revolution startet und so weiter. Der Mensch muss produzieren und während er produziert, muss er denken. "Reproduktion der Produktionsverhältnisse" nennt das Althusser.

Konkretes Beispiel: Vom Klassenkampf hast du sicherlich gehört. Lohnarbeiter und Kapitalisten stehen aufgrund ihrer Rolle in der Produktion (der Kapitalist will den Lohn kürzen und den Arbeitstag ausdehnen, der Arbeiter das Gegenteil) in einem ständigen Gegensatz zueinander, die erstere Klasse hat revolutionäres Potenzial. Damit dieser Gegensatz so gut wie möglich verringert wird, kommt in erster Linie (!) die Staat als zentralstes Organ ins Spiel. Er handelt nicht nur repressiv, d.h. mit physischer Gewalt, indem er (notfalls, aber immer potenziell) mit der Polizei oder gar der Armee den politischen Handlungsrahmen vorgibt, sondern auch ideologisch, indem durch Schule oder Presse Werte und Denkweisen vermittelt werden, die die Menschen mit den Produktionsverhältnissen "versöhnen". Es ist dabei nebensächlich, wie "staatlich" die Instanzen sind, es geht um die Funktion, die sie erfüllen - das heißt, auch Privatschulen und Medien in privaten Händen sind Teil des "Staatsapparats".

Das ist nicht so zu verstehen, als würde der Staatsapparat uns diktatorisch unterdrücken. Der Staat ist selber ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse und er verfestigt nur bereits bestehende (die aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse existierenden) Ideologien. In anderen Worten: Dass "jeder es schaffen kann" (sozialer Aufstieg), dass auf Gewalt zu verzichten ist (außer die des Staates), dass man Höhergestellte zu respektieren hat etc. sind Denkweisen, die mit entsprechenden Produktionsverhältnissen einhergehen und durch den Staat bloß gesichert werden. Auch abergläubische Vorstellungen (genetischer/neurologischer Determinismus, Religion etc.), die man nicht immer (direkt) mit dem Staat verbinden kann, existieren heute letztendlich nur in Relation zum heutigen Kapitalismus. Selbst der Kommunismus, die revolutionäre Ideologie, die den Kapitalismus aufheben will, existiert insofern in Relation zu den Produktionsverhältnissen, als er ihre direkte Negation ist - Menschen sind unzufrieden mit den Produktionsverhältnissen, befinden sich "im Gegensatz" zu ihr und werfen die Verhältnisse um.

Deine Frage also, ob "die Epoche des Vormärz [...] ein Beispiel für den Überbau nach Marx" sei, ist also falsch gestellt: Alles, was die Produktionsverhältnisse reproduziert, ist der Überbau - der Staat, die Kirche, das Recht, Moral und Sitten, Kultur, alles das ist Überbau. Der Vormärz ist ein Beispiel für Gegensätze im Überbau, die eventuell Rückwirkungen auf die Basis ausüben - aber kein Beispiel für den Überbau als solchen. Beispiele für Teile des Überbaus sind die Schule, die Kirche, bestimmte wissenschaftliche Disziplinen (z.B. evolutionäre Psychologie) - die Liste ließe sich endlos weiterführen. Ein aktuelles Beispiel für den Wandel des Überbaus durch den Wandel der Basis ist etwa die verschwindende Mittelschicht in Kongruenz mit dem Aufstieg neofaschistischer Strömungen und rechtsradikaler Diskurse (sowohl in Europa als auch in den USA - repräsentiert von Parteien wie die AfD oder Personen wie Trump). Aber Überbau und Basis als solche sind eine Sache für die Ewigkeit (solange es die menschliche Existenz betrifft).

"Sorgen nach Marx ausbeuterische Verhältnisse zu einer negativen Einstellung im Überbau gegenüber der Basis?"

Ja und nein. Lass mich weiter ausholen: Erstmal sind "ausbeuterische Verhältnisse" nach Marx keine Frage von schlechten und blühenden Zeiten des Kapitalismus, sondern eine Sache des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst. Ausbeutung nach Marx bezeichnet nichts anderes, als dass die Arbeiter einen Wert schöpfen, der den ihres Lohnes übertrifft - was aufgrund der Funktionsweise unserer Wirtschaft zwangsläufig der Fall ist. Ein Unternehmen muss zumindest Gewinn machen, um fortzubestehen, den kann es nicht an seine Arbeiter auszahlen. Solange es Kapitalismus gibt, haben wir immer "ausbeuterische Verhältnisse".

Wenn du damit meinst, dass die Unzufriedenheit in Krisenzeiten wächst, dann ist das natürlich richtig, aber in gewisser Hinsicht auch ein tautologisches Argument. Eine Krise führt nicht automatisch zum revolutionären Kommunismus. Wenn das so wäre, wenn die Ökonomie menschliche Handlungen wie Instinkte tierische Handlungen determinieren würde - hätten Marx und Engels sich viel Arbeit sparen können. Der Kommunismus ist eine Sache des Willens, er verlangt aktive, ideologische Arbeit und Organisation. In Krisenzeiten erreicht man vielleicht mehr und leichter Menschen - aber das nutzen rechte Strömungen auch, wie ich oben schon beschrieben hab. Am Kommunismus ist nichts "organisch".

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Kommentar von drx703ba
17.05.2016, 17:18

Vielen lieben Danke für deine ausführliche Antwort. Super erklärt und auch toll an aktuellen Beispielen festgemacht. 

Gutefrage.net braucht mehr Mitglieder wie dich. 

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