Deutsches Bildungssystem im Kaiserreich um 1990

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An der Aussage ist nur ein Teil (vor allem die Konzentration des «humanistischen Gymnasiums» auf die «Alten Sprachen») richtig.

Im Deutschen Kaiserreich (Deutsches Reich 1871 – 1918) war Bildung Sache der einzelnen Bundesländer. Daher hat es keine genau gleichen einheitlichen Bestimmungen und eine Vielzahl an Bezeichnungen gegeben.

Außerdem war die Anzahl der Schultypen größer als nur Gymnasium und Volksschule.

Zwischen einer einfachen Volksschule (Elementarschule, Grundschule) und Schulen des höheren Schulwesens gab es noch öffentliche und private Mittelschulen (mit der mittleren Reife als Abschluß). Im Großen gesehen gab es also ein dreigegliedertes Schulsystem. Hinzu kam ein geschlechtsspezifisches Schulsystem.

Über den Schulstoff enthält der Lehrplan Informationen (vor allem, wie viele Stunden für welches Fach an welcher Schule für welche Klassenstufe vorgesehen waren).

Die einfache Volksschule war nicht stark als Vorbereitung auf eine spätere Lehre als Kaufmann gedacht. Dafür dienten eher Mittelschulen oder Realanstalten der höheren Schulen.

Theologie ist nicht die richtige Bezeichnung (dies wurde als Wissenschaft an Universitäten studiert) und vermittelt eine falsche Vorstellung. Das Fach hieß Religion.

An Volkschulen hatte Deutsch eine hohe Stundenzahl, danach hatten vor allem Rechnen, Religion und verschiedene Realien (wie Geschichte, Erdkunde, Naturbeschreibung/Naturkunde/Naturlehre) einen verhältnismäßig großen Anteil.

Für Knaben gab es im höheren Schulwesen drei Haupttypen einer Oberschule:

  • (humanistisches) Gymnasium

  • Realgymnasium ´

  • Oberrealschule

In Preußen erreichten Realgymnasium und die Oberrealschule 1900 die Gleichberechtigung beim Zugang zum Universitätsstudium.

Es gab zwischen diesen Arten der Oberschule Unterschiede, wobei das Realgymnasium eine Mittelstellung einnahm.

Das humanistische Gymnasium war (neben anderen, allgemein im Schulwesen auftretenden Einflüssen) stark von einem Streben nach klassischer humanistischer Bildung (Tradition des «Neuhumanismus» hatte eine große Bedeutung) geprägt. Die alten Sprachen Latein und Griechisch waren im Lehrplan stark vertreten, mit einer im Vergleich hohen Stundenzahl. Eine weitere Pflichtfremdsprache war Französisch (Fremdsprachen hatten insgesamt ein besonders starkes Gewicht). Mathematik und Naturwissenschaften spielten im Verhältmis zu Sprachen eine geringere Rolle.

Im Realgymnasium waren neuere Fremdsprachen (Französisch, Englisch) und mathematisch- naturwissenschaftliche Fächer im Verhältnis mehr vertreten, es gab aber auch Latein.

Lateinlos waren Oberrealschulen, wo Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer („Realien“) im Vergleich mehr Bedeutung hatten. In Realanstalten war die Stundenzahl im Zeichnen höher (zurückgehend auf die technische Fachschule).

In Deutsch, Geschichte und Religion gab es wenig Unterschiede in der Gewichtung.

Ein humanistisches Gymnasium war aufgrund der vermittelten Sprachkenntnisse als Wahl naheliegend, wenn an ein (eventuelles) späteres Theologiestudium gedacht wurde.

Das humanistische Gymnasium war vor allem auf Abiturienten orientiert, die nach dem Studium in den höheren Staatsdienst und in Tätigkeiten als Freiberufler gehen wollten.

Realanstalten zielten stärker auf Führungskräfte in Handel, Gewerbe und Technik.

Im traditionellen Gymnasium war im Verhältnis gesehen das Bildungsbürgertum stärker vertreten, zugleich Söhne von Volksschullehrern und Bauern, die in akademische Berufe aufsteigen wollten.

In Realgymnasien und Oberrealschulen waren im Verhältnis gesehen stärker Wirtschaftsbürgertum und alter Mittelstand, also Söhne von Unternehmern, Kaufleute, Handwerksmeistern, ferner technische Berufe (Bau- und Bergbeamte, Ingenieure und Chemiker) vertreten.

In Büchern gibt es ausführliche Informationen, z. B.:

Frank-Michael Kuhlemann, Niedere Schulen. In: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band 4: 1870 – 1918 : von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Herausgegeben von Christa Berg. München : Beck, 1991, S. 179 - 227

James C. Albisetti und Peter Lundgreen, Höhere Knabenschulen. In: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band 4: 1870 – 1918 : von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Herausgegeben von Christ Berg. München : Beck, 1991, S. 228 – 278

Margret Kraul, Höhere Mädchenschulen. In: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band 4: 1870 – 1918 : von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Herausgegeben von Christ Berg. München : Beck, 1991, S. 279 – 303

Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866 – 1918. Band 1: Arbeitswelt und Bürgergeist. 1. Auflage. München : Beck, 2013 (Beck'sche Reihe ; 6111), S. 531 – 567

Danke für die ausfürliche Antwort. Und woher weißt du das alles?

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Die Hauptschule/Volkschule war die einzige Schule die kostenlos war. Nur die wenigsten Volkschüler, etwa 7 Jahre Pflicht, haben später eine Ausbildung gemacht und dann am ehesten im Handwerk. Auch die Ausbildung mußte von den Eltern bezahlt werden. Daher auch der Spruch, wenn ein Handwerker schlechte Leistung erbringt. "Laß dir dein Lehrgeld zrückzahlen".. Das waren eher die späteren Fabrikarbeiter oder Landwirte. Es gab noch die Mittelschule, die eher deinen Vorstellungen auf eine spätere Lehre entspricht. Aufs Gymnasium gingen fast nur die Jungen. Ich glaube im Kaisereich durften erstmals auch Frauen studieren, soll vorher gar nicht möglich gewsen sein.

1990 gab es kein Deutsches Kaiserreich mehr. Wilhelm II. dankte 1918 ab und verstarb 1941 im niederländischen Doorn, wo er heute noch begraben liegt.

Nur auf einem Tippfehler herumzureiten ist dürftig. Die Zeit um 1900 war gemeint. Der Irrtum ist in einem Kommentar sehr schnell berichtigt worden. Werden schon vorhandene Antworten und Kommentare dazu nicht gelesen?

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