Das Gerechte sei nichts anderes als das dem Stärkeren zuträgliche?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

Das dem Stärkeren Zuträgliche heißt das, was für den Stärkeren nützlich, vorteilhaft, günstig, förderlich ist. Es bringt dem Stärkeren Nutzen ein.

Die Aussage des Thrasymachos ist eine Behauptung/These, die innerhalb einer Auseinandersetzung zwischen Sokrates und Thrasymachos bei Platon, Politeia 336 a – 354 b aufgestellt wird und mit der Thrasymachos die Darlegung seiner eigenen Auffassung beginnt (Sokrates und Thrasymachos von Chalkedon [er wird zu den sogenannten Sophisten gezählt] hat es tatsächlich als Philosophen gegeben, im Text sind sie allerdings Dialogfiguren Platons).

Kernstellen, in denen Thrasymachos seine Behauptung erläutert, sind Platon, Politeia 338 c – 339 a und 343 b – 344 d.

Die gemeinten Stärkeren sind nicht Menschen mit herausragender Körperkraft, sondern die in einer Gesellschaft Mächtigen und im Staat Herrschenden. Ihre Gesetzgebung geschieht zu ihrem Eigennutz. Der Stärkere ist jemand, der in großem Ausmaß fähig ist, mehr zu haben.

Aus der Darlegung des Standpunktes im Zusammenhang ergibt sich:

1) Die Aussage ist keine echte Definition, was Gerechtigkeit bzw. gerecht ist. Denn es geht um den Namen - das, was in Aussagen als gerecht gilt - , nicht um das, was der Sache nach an sich Gerechtigkeit bzw. das Gerechte ist. Gerechtigkeit bzw. das Gerechte besteht nach seiner Auffassung, wie sich gelegentlich zeigt (338 e; 339 c; 340 a), darin, den bestehenden Gesetzen zu gehorchen, Unrichtigkeit darin, sie zu mißachten und zu übertreten.

2) Die Aussage verweist auf einen nach seiner Auffassung bei dem, was Gerechtigkeit bzw. gerecht genannt wird, zugrundeliegenden Sachverhalt: Die Herrschenden/Regierenden stellen Gesetze in Hinsicht auf das für sie selbst Zuträgliche/Nützliche auf, in einer Demokratie demokratische Gesetze, in einer Tyrannis tyrannische, in einer Aristokratie aristokratische und entsprechend in anderen Staats- und Regierungsformen. Die Herrschenden/Regierenden erklären damit das ihnen selbst Zuträgliche/Nützliche zu etwas, das für die Beherrschten/Regierten gerecht ist. Wer gegen diese Gesetzte verstößt/sie übertritt, wird von ihnen als jemand, der gesetzwidrig handelt und Unrecht begeht, bestraft. In allen Staaten gilt das der bestehenden Regierung/Obrigkeit/Herrschaft (diese hat die Macht) Zuträgliche/Nützliche als gerecht.

3) Wenn die Herrschenden/Regierenden völlige Fachleute/Sachverständige auf dem Gebiet des Herrschens/Regierens sind, irren sie sie beim Aufstellen der Gesetze nicht, sondern treffen immer das für sie selbst Zuträgliche/Nützliche.

4) Die vertretene Auffassung führt dazu, die Gerechtigkeit und das Gerechte für ein in Wirklichkeit fremdes Gut/etwas für andere Gutes zu halten. Die Gerechtigkeit und das Gerechte seien das für die Stärkeren Zuträgliche/Nützliche, aber für die Gehorchenden und Dienenden eigener Schaden. Die Ungerechtigkeit herrsche über die Einfältigen und Gerechten, die Beherrschten/Regierten täten das dem Stärkeren Zuträgliche und machten ihn glücklich, indem sie ihm dienten, sich selbst aber nicht überhaupt nicht glücklich. Der Gerechte sei gegenüber dem Ungerechten überall im Nachteil. Der Ungerechte gewinne stets den Vorteil, bekommt mehr Güter und weniger Lasten (z. B. zahlt er bei gleichem Vermögen weniger Steuern/Abgaben und bekommt bei Verteilungen sehr viel, nutzt Ämter eigennützig und erwirbt Beliebtheit bei Verwandten und Bekannten, denen er Gefallen erweist, auch wenn dies nicht rechtlich nicht erlaubt ist).

5) Die Aussage versucht, die tatsächlichen Verhältnisse zu beschreiben, doch in der Argumentation ist auch eine Wertung enthalten: Ungerechtigkeit sei vorzuziehen, sie gehöre zu Vortrefflichkeit und Weisheit. Der Ungerechte sei klug und tüchtig. Ein (auch eigennütziges und auf Kosten anderer geschehendes) Mehrhaben wird als erstrebenswert beurteilt. Die vollendete Ungerechtigkeit, die Tyrannis, mache am glücklichsten. Der Tyrann raube und unterwerfe, werde aber als glückselig anerkannt. Wer Ungerechtigkeit tadelt, tue dies aus Furcht, Unrecht zu erleiden. Ausreichend groß gewordene Ungerechtigkeit sei kräftiger, freier/eines Freien würdiger und herrenhafter als Gerechtigkeit.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Albrecht
28.08.2015, 08:49

Thrasymachos meint also, durch die Gesetze würden bestehende Machtverhältnisse geschützt/gesichert/gefestigt und dem Mehrhabenwollen der Beherrschten/Regierten eine Grenze gesetzt. Das Einhalten dieser Gesetze, das als gerecht gilt, ist etwas für andere Gutes, nämlich das für die Herrschenden/Regierenden Stärkeren Zuträgliche/Nützliche. Gerechtigkeit hält er für einen bloßen Namen, dem keine wirkliche Sache entspricht. Das Gerechte ist seiner Meinung nach nur eine Ableitung aus dem wirklichen Sachverhalt, daß der Stärkere seinen Nutzen verfolgt (Mehrhabenwollen). Die Ungerechtigkeit bevorzugt Thrasymachos aus Gründen der Klugheit.

Platon stellte damit eine Herausforderung auf. Das Argumentationsziel des Dialoges im Großen ist, diese Auffassung zu widerlegen und zu zeigen, daß Ungerechtigkeit der Seele schadet und Gerechtigkeit nützlich ist und glücklich macht.

2

Er selbst erklärt das so:

(e) "Es erlässt aber doch jede Regierung die Gesetze entsprechend dem ihr Zuträglichen: die Demokratie demokratische, die Tyrannis tyrannische und alle sonst ebenso. Damit zeigen sie aber, dass das ihnen Zuträgliche auch für die Beherrschten gerecht ist; und den, der sich darüber hinwegsetzt, bestrafen sie wie einen, der das Gesetz übertritt und Unrecht tut. Das meine ich also, mein Bester, wenn ich behaupte, dass in allen Staaten (339a) dasselbe gerecht sei, nämlich das der bestehenden Regierung Zuträgliche. Die hat doch wohl die Macht, so dass sich folgerichtig daraus ergibt, dass überall das selbe gerecht ist: das dem Stärkeren Zuträgliche."

http://www.gottwein.de/Grie/plat/PlatStaat338.php

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Was möchtest Du wissen?