Dachdämmung aus Cellulose - hat jemand Erfahrung?

3 Antworten

Zellulosedämmung hat - wie jeder Dämmstoff - Vor- und Nachteile. Einige davon sind direkt "Stoffbezogen", andere hängen vom vorgesehen Einbauort und -zweck ab.

Vorteile:

  • "Ökologischer" Dämmstoff (was immer das ist). Richtig ist, daß Zellulosedämmung nicht aus fossilen Rohstoffen, sondern aus Altpapier hergestellt wird und somit eine sinnvolle "Zweitverwertung" darstellt. Da sie im Prinzip aus Holz besteht, hat sie eine wesentlich besserer CO2-Bilanz.

  • Was viele nicht wissen: in der Praxis besserer Brandschutz als Mineralwolle (!) - die MiWo kann zwar nicht brennen, sie schmilzt aber zumindest bei direkter Beflammung innerhalb von Sekunden zusammen, so daß die nächste (brennbare?) Schicht dem Feuer ausgesetzt ist. Die Zellulosedämmung hingegen ist prinzipiell brennbar (wegen Borsalzzugabe "schwer entflammbar B1"), verkohlt aber bei Beflammung nur oberflächlich; wenn man die Flamme wegnimmt, glimmt sie noch einige Sekunden weiter und erlischt dann von selbst. Unter der dünnen, verkohlten Schicht ist die Dämmung unversehrt - also ähnlich wie bei Holzbalken, bei denen unter der Holzkohleschicht noch unversehrtes Holz liegt. Eine entsprechend dicke Dämmschicht schützt die nächste Bauteillage also sehr lange vor dem Brand. Weiterer Vorteil: es stinkt zwar nach verkokeltem Papier, es entstehen aber lange nicht so fiese Abgase wie beim Brand z. B. einer PS-Dämmung (--> Dioxine, Furane).

  • Höhere Dichte (höheres Gewicht) als die meisten gängigen Dämmstoffe (Polystyrol, Polyurethan, Mineralwolle, Glaswolle). Der wesentliche Vorteil dabei ist das viel höhere Wärmespeichervermögen im Sommerfall - es dauert wesentlich länger, bis die Hitze von außen "durchdrückt", wohingegen bei MiWo meistens ab mittags die Hitze durchkommt. Der Fachbegriff dafür heißt "Delta T (Zeitverschiebung) der Temperaturamplitude", hier gilt normalerweise je größer desto besser für den sommerlichen Wärmeschutz.

  • Aus dem gleichen Grund auch besseres Speichervermögen im Winter, d. h. nach dem Durchlüften ist es schneller wieder warm.

  • Gutes Dichtungsvermögen gegen Ritzen/Spalten/sonstige Undichtigkeiten - durch das Einblasen unter Druck werden die Flocken genau in die Ritzen hineingetragen, wo noch Luft entweichen kann, die somit automatisch abgedichtet werden.

  • Gutes bauphysikalisches Verhalten in Sachen Feuchtehaushalt/-transport. Zellulose kann große Mengen Wasserdampf aufnehmen, ohne daß sie gleich "nass" wird und der Dämmwert in den Keller rutscht. Bei richtiger Auslegung sind diffusionsoffene Bauteilaufbauten ohne Dampfsperre möglich, was die Empfindlichkeit gegenüber konstruktiven Schwachstellen (Wärmebrücken) und Undichtigkeiten (Schlamperei beim Bau) deutlich vermindert.

Nachteile:

  • Wer auf "biologische" Bauweise achtet, der ist über die Borsalzzugabe nicht sehr glücklich. Im Prinzip ist das Borsalz aber unkritisch, so lange ich die Dämmung nicht aufessen will. Es gast nicht aus und ist auch beim Anfassen/Verarbeiten nicht schädlich (höchstens wenn die Dämmung nass ist).

  • geringerer Dämmwert als fossile Dämmstoffe: Isofloc hat typischerweise WLG (=Wärmeleitfähigkeitsgruppe, je kleiner desto besser) 045, MiWo hingegen 035, PS 030, PU 020-025). Im Ergebnis braucht man z. B. gegenüber MiWo etwa 30% mehr Dämmschichtdicke, um auf den gleichen Dämmwert (U-Wert) zu kommen - das bedeutet dickere Konstruktionen und ggf. Sparren aufdoppeln - oder man nimmt bei gegebener Einbaudicke etwa 1/4 schlechteren Dämmwert in Kauf.

  • Höhere Dichte (höheres Gewicht) - ja, das kann auch ein Nachteil sein, und zwar dann, wenn ein (historischer) Dachstuhl wenig statische Reserven hat und die Dämmung dann unnötig hohe Lasten einbringt, die z. B. eine Verstärkung der Konstruktion nötig machen.

  • höhere konstruktive Anforderungen: Außer dem (selten angewandten) lockeren Aufschütten auf eine (dann nicht mehr betretbare) oberste Geschossdecke braucht man zum Einblasen immer geschlossene Gefache, also einen ausreichend stabilen Hohlraum, z. B. indem Sparrenfelder innen und außen mit Holzplatten beplankt werden. Bei MiWo hingegen kann man die Matten einfach zwischen die Sparren klemmen, auch wenn außerhalb davon nur noch Lattung und Ziegel kommen. Die geschlossenen Gefache können einen erheblichen (arbeitstechnischen und finanziellen) Mehraufwand ausmachen, und sind ggf. schwierig nachzurüsten (z. B. wenn die Dachdeckung bleiben soll).

  • normalerweise teurer - das Material als solches ist tendenziell bereits teurer, zusätzlich muss man die höhere Einbaustärke zur Erreichung des gleichen Dämmwerts einrechnen und ggf. auch noch den o. g. höheren Konstruktionsaufwand.

Wenn der Preis nicht so entscheidend ist und keine konstruktiven Gegebenheiten dagegensprechen, würde ich als Architekt die Zellulosedämmung durchaus empfehlen - insbesondere bei Dachgeschossausbau ist der bessere sommerliche Wärmeschutz ein Killerargument. Und der Mehrpreis ist immer noch geringer, als dann nach dem ersten Sommer entnervt eine Klimanlage nachzurüsten ;-)

23

ein großartiger beitrag , der das fachlich viel , viel besser erklärt als ich das als anwender konnte. allerdings muss ich in einem punkt widersprechen. es ist nicht teurer als miwo, sondern billiger. insbesonders im dachbereich. egal was ich für einen dämmstoff dort einbringe, ich stelle gefache her. bei miwo mit gipskarton oder ähnlichem von innen und mit unterspannbahn von außen. die höhe des dämmstoffs definiere ich über die höhe der sparren. was passiert dann bei isofloc ? statt unterspannbahn holzweichfaserplatten mit nut und feder, die fugen mit sigarisan überklebt und damit abgedichtet. von innen osb-platten mit nut & feder. dann kann isoflock kommen.es wird jedes fach einmal im oberen bereich aufgebohrt und das material eingeblasen. wie schon gesagt, ein großer dachstuhl....8 stunden.....65m³. der m³ kostete eingeblasen komplett 68 €. wir haben das überschläglich nachgerechnet und sind bei minderkosten von ca. 25% gegenüber miwo herausgekommen. von der zeitersparniss gar nicht zu reden.

0
16

Perfekt beantwortet. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass, bei einer eventuellen Beschädigung des Baukörpers, die Cellulosedämmung bis zu 25% Feuchtigkeit aufnehmen kann ohne die Dämmwirkung zu verlieren ohne nachzusitzen und ohne zu schimmeln! Bei der nächsten Trockenperiode trocknet die Dämmung wieder aus und verfügt über die vollständigen Dämmeigenschaften. MiWo trocknet zwar auch wieder aus, wenn sie feucht geworden ist, aber in dem Bereich wo sie nachgesessen ist, hast Du keine Dämmung mehr und somit eine Wärmebrücke -> warm + kalt treffen aufeinander -> Kondenswasser -> Schimmel

0
39

Das riecht nach Werbung!

0
5

Diese Aussage halte ich für bedenklich: Zellulosedämmung hingegen ist prinzipiell brennbar (wegen Borsalzzugabe "schwer entflammbar B1"), verkohlt aber bei Beflammung nur oberflächlich; wenn man die Flamme wegnimmt, glimmt sie noch einige Sekunden weiter und erlischt dann von selbst.

Der Dämmstoff kann nachglimmen und die Glutnester können einen erneuten Brand verursachen:

http://www.feuerwehr-weyhe.de/einsatz/393/2011-08-22/dachstuhlbrand

Die Feuerwehr verzweifelt dann!

0

Das kann man machen, wenn eine bauaufsichtliche Zulassung mitgeliefert wird, nach der der Dämmstoff mindestens "schwer entflammbar" ist. Er darf dann auch nicht benutzt werden, wenn nach Baurecht eine F 30 Wand ö.ä. gefordert ist.

Der Nachteil: Wenn eine solche Zulassung vorgelegt wird ist der Dämmstoff nicht mehr baubiologisch.

Ansonsten ist zu beachten, dass derartige Dämmstoffe von Mäusen, Insekten und Vögeln geliebt wird. Die werden erfolgreich alles versuchen, um darin eine warme und sichere und trockene Unterkunft zu finden!

Was Ist der Unterschied vom Stärke und Cellulose im Aufbau?

...zur Frage

Aus welchem Grund haben sich die Bauvorschriften immer mehr gelockert?

Als meine Eltern vor ca. 40 Jahren ein Haus gebaut haben, mußten sie noch zahlreiche Vorschriften einhalten.

Z.B. durfte die Dachneigung maximal 35 Grad betragen, obwohl sie gerne ein steileres Dach mit 40 oder 45 Grad Neigung gehabt hätten.

Keine 20 Jahre später hatten alle neu gebauten Häuser um uns herum wesentlich steilere Dächer, weil diese Vorschrift inzwischen scheinbar gelockert oder aufgehoben wurde.

Und heutzutage ist es sogar erlaubt, inmitten von Häusern mit Satteldächern auch solche mit Flachdächern zu bauen, auch wenn diese wie ein Fremdkörper zwischen den anderen Häusern wirken, was früher undenkbar gewesen wäre.

Was also hat den Gesetzgeber dazu veranlasst, all diese Vorschriften derart zu lockern bzw. warum gab es sie überhaupt?

...zur Frage

Löslichkeit von Cellulose?

Wieso ist Cellulose nicht in Wasser löslich? Es ist doch ein polares Molekül und zwischen den Molekülen herrschen auch Wasserstoffbrücken. Wieso können diese dann nicht mit den Wasserstoffbrücken des Wassers in Wechselwirkung treten? Bei der Löslichkeit gilt doch das Prinzip: Gleiches löst sich in Gleichem. Und Wasser und Cellulose ist doch gleich. Also ich verstehe das echt nicht. Würde mich über eine Antwort freuen

...zur Frage

Warum wirkt Cellulose Wasser-anziehend?

Cellulose ist zwar nicht in Wasser löslich, aber z.B. kann ja Baumwolle Schweiß aufnehmen, woran liegt das? Also lagert sich das Wasser zwischen die Cellulose-Ketten oder lagert es sich Teile der Struktur, wie OH-Gruppen?

...zur Frage

Blähungen von zu viel Cellulose

kriegt man von zu viel Cellulose (Zellstoff) Blähungen?

...zur Frage

Braucht ein Aufenthaltsraum auch ein WC?

Auf einem Grundstück steht eine Scheune / Gartenhaus außerhalb der Baugrenze. Abstand der Scheune zum Nachbar sind ca. 250m. Anforderungen wie 240m über 2/3 und ausreichend Fenster wären kein Problem. Das größte Problem wäre die Baugrenze und Abstand zum Nachbar, weswegen das zu 99% oder evtl. zu 100% abgelehnt wird. Mich interessiert aber, wenn man mehr Abstand und innerhalb der Baugrenze wäre, ob so eine Hütte mehr Anforderungen wie 2.4m erfüllen muss, da es sich ja um einen einzigen Raum (ohne WC, Vorraum, Flur…) handelt. Raum für Hobby, Büroarbeiten (Schreibtisch), Fernsehen.

...zur Frage

Was möchtest Du wissen?