Ciceros Reden

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5 Antworten

Das könnte diese Rede sein:

Pro Sexto Rocio Amerino (wenn du diese Überschrift googelst, findest du bei Gottwein den Text lat.- dt.)

"Erstens konstruierte er seine eigene Version vom Mord an dem älteren Roscius;

zweitens entlarvte er die Motive der Gegner und umhüllte sie zugleich mit einem noch dichteren Nebel;

drittens verzichtete er im Namen seines Klienten auf ein Millionenerbe und hielt unter Vorwand des Schutzes der Rechtssicherheit das Recht auf dessen Rückforderung aufrecht;

und viertens fingierte er gleichsam eine Hierarchie der Verwegenheit, an deren einem Ende Magnus und Capito als die Mörder, in deren Mitte der geldgierige und korrupte Chrysogonus und am anderen Ende der von all diesen Untaten nichts wissende Diktator Sulla stand, dessen Namen seine Untertanen und Günstlinge arglistig mißbrauchten."

Quelle: http://www.iifilologicas.unam.mx/nouatellus/uploads/volumenes/nt-29-1/tatbestadsbehandlug_29-1.pdf

Aber vielleicht meldet sich noch ein "echter Lateiner" und weiß es besser. ;-)

Im Prinzip ja. Sextus Roscius' Gegner war Chrosogonus und der wiederum stand unter Cornelius Sullas Schutz. Cicero ging also das Risiko ein, den Sack (=Chrsysogonus) zu schlagen und den Esel (=Sulla) zu treffen. Das ging nur, indem er die beiden trennte.

Als Konsul hielt er eine Rede für einen Sulla, der irgendwie mit dem Diktator verwandt war.

Dem wurde vorgeworfen, an der "Verschwörung" Catilinas beteiligt gewesen zu sein, die Cicero als Konsul niedergeschlagen hatte. Wahrscheinlich war die Verteidigung Sullas die lukrativste Verteidigung, die er jemal übernommen hat ...

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Ich habe von dieser Geschichte noch nie gehört. Ich halte das für ziemlich unglaubwürdig.

Warum sollte Cic. das gemacht haben? So ein Schelm war er nicht.

=> Das würde ja implizieren, dass er die Menschen nicht mit seinen Inhalten, sondern durch seinen Vortrag überzeugt. Das würde ein ambitionierter Poltiker, wie Cicero es war, niemals machen, weil es ihn völlig unglaubwürdig gemacht hätte.

Ich bin sicher, an dieser Geschichte ist nichts dran. Aber lustig ist sie freilich trotzdem. :)

LG

MCX

An der Geschichte ist sehr viel dran. Stroh schreibt das ausführlicher in seinem Rhetorikbuch, das ich allerdings mittlerweile verkauft habe.

Unabdingbar ist die Fiktion, der Redner sei ein guter und wahrheitsliebender Mensch, ohne die keine Verteidigung stattfinden könnte. Vgl. auch die Probleme bei der Zschäpe-Verteidigung, wo eine Anwältin, die persönlich völlig unverdächtig war, dem öffentlichen Druck nicht mehr standhielt und auswanderte. Sie konnte ja nicht öffentlich sagen "Frau Z. ist ein Schwe* *in, ich will mit ihr nichts zu tun haben, aber sie verteidigen."

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Ich glaube, du verwechselst den guten Cicero mit Karneades von Kyrene. Letzterer war griechischer Philosoph und hielt während einer Gesandtschaftsreise nach Rom an einem Tage eine Rede für - und am nächsten Tag gegen die Gerechtigkeit - und überzeugte jedes Mal die Menge. Sein Ziel war, zu dem demonstrieren, wie wenig objektiv eine Meinung sein kann und welche Macht gute Rhetorik hat. Du kannst in diesem Zusammenhang auch nach dem Schlagwort "Skeptizismus" googlen.

Im Wikipedia Artikel zu obigem Herrn steh dann noch:

"Cicero präsentiert in seiner nur teilweise erhaltenen Schrift De re publica eine Argumentation, die er einem Sprecher in den Mund legt, der angeblich den Ausführungen des Karneades in dessen zweiter Rede über die Gerechtigkeit folgt."

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Gut möglich, aber ich weiß nicht, wo Cicer das tut. Zudem hat er die Reden selbst überarbeitet veröffentlich, konnte also allzu Kompromittierendes unterdrücken.

Demosthenes hat es getan: http://de.wikipedia.org/wiki/Demosthenes ("Der Streit um das Erbe des Bankiers Pasion (36. und 45.)")

Cicero habe sich gegenüber Freunden gerühmt, in Pro Cluentio verar* *scht zu haben. Sagt wiederum Quintilian in 2.17.21.

Außerdem: "Als die Gegenseite zum Beweis für die Bestechlichkeit der senatorischen Gerichte auf Ciceros eigene Anklage|schrift gegen Verres verweist, scheut dieser sich nicht, die dort vorgebrachten Anschuldigungen im nachhinein als Versuch zu bezeichnen, die Missstimmung des einfachen Volkes gegen die Senatsaristokratie auszunutzen; sein einziges Ziel sei gewesen, die Verurteilung des Angeklagten zu erreichen (§139).

Dieser Passus [...] impliziert, dass Reden vor Gericht von den Erfordernissen des übernommenen Mandats und nicht notwendigerweise von den Überzeugungen des Anwalts diktiert wurden. "Könnten die Tatsachen von selbst sprechen", so Cicero, "müsste niemand sich an einen Redner wenden." ($139). Allerdings barg diese Maxime die Gefahr, gerade diejenige moralische Autorität zu unterhöhlen, die ein römischer patronus für sich in Anspruch nahm. Gängiger Ansicht zufolge [der man sich aber nicht anzuschließen braucht, vielmehr gibt die "gängige Ansicht" nur die Selbstbeweihräucherung Ciceros wieder, Oberfrosch] sollte er im Unterschied zum Redner griechischer Prägung sein Publikum auf der Grundlage persönlicher Überzeugungen, charakterlicher Befähigung und gesellschaftlicher Stellung von seiner Sache überzeugen." (Emanuele Narducci, Cicero, Stuttgart: Reclam, 2009, S. 89--90)

Wieso sollte ein Redner vor Gericht im Unterschied zu allen Anderen das Wahre und Gute alleine wissen und ebenso im Gegensatz zur Welt die gleichen Ansichten sein ganzes Leben lang vertreten?

Zudem ist Cicero in De provinciis consularibus zu den Cäsarianern übergelaufen: Es galt zu verhindern, dass Caesar aus Gallien abberufen wird.

Pro Cluentio ist so ein Fall. Das Zitat fand ich, als ich die anderen Antworten schon geschrieben hatte.

"Im Senat hat Cicero zunächst alles vermieden, was seine Wahlchancen hätte mindern können. Nee Wähler aber musste er dadurch gewinnen, dass er einer möglichst großen Zahl von einflussreichen Leuten seinen Beistand vor Gericht lieh. Gleich im ersten Jahr nach seiner Rückkehr erschien in seinem Haus in Rom [...] die Prominenz von Aletrium [...], um ihn zu bitten, den Freigelassenen eines ihrer Mitbürger, des dem Ritterstand angehörenden Gaius Fabricius, in einem Giftmordprozess zu verteidigen. In Ciceros Augen ging es nicht in erster Linie um den Freigelassenen Skamander, sondern um diejenigen, die hinter dem Angeklagten standen. Wie heutzutage Abgeordnete Lobbyisten und Petenten zu fragen pflegen, in wessen Namen sie sprechen, so war Cicero bei der Übernahme des Falles wichtig, dass Scamander von prominenter Seite unterstützt wurde. Indem er sich die Leute verpflichtete, die in Aletrium Rang und Namen hatten, gewann er zukünftige Wähler und Fürsprecher. Dies alles ist für das Verständnis der römisch italischen Gesellschaft und ihrer Verknüpfung mit dem politischen System typisch, und es lohnt sich, Ciceros eigene Schilderung zu zitieren. [es folgt Pro Cluentio 197f., was es sich zu googeln lohn!]" (Klaus Brinkmann, Cicero, Darmstadt: WBG, 2010, S. 62)

Cicero verlor den Prozess gegen den Ankläger Aulus Cluentius Habitus. Acht Jahre später verteidigte er eben diesen Aulus Cluentius Habitus -- gegen eine ganz ähnliche Anklage. "wechselte Cicero die Seite und verteidigte den Angeklagten [Aulus Cluentius Habitus]. Auch dieses Mal waren wohl der Hauptgrund für die Übernahme des Falles de Freundschaften und Patronatsverhältnisse, über die Cluentius verfügte. Der regionale Umkreis, aus dem sich die Fürsprecher rekrutierten, war größer, und der gesellschaftlicher Rang, den sie einnahmen, bedeutender als bei dem Vorgängerprozess. [in Pro Cluentio 197 führt Cicero das selbst aus]" (Brinkmann a.a.O., S. 63)

http://en.wikipedia.org/wiki/Aulus_Cluentius_Habitus

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Mein Lieblingszitat über Cicero ist von Theodor Mommsen. Aus Contes History of Latin Literature (Seite 206 unten, falls das nicht richtig angezeigt wird: http://books.google.de/books?id=NJGp_dkXnuUC&lpg=PA206&ots=Y0At9I_uEi&dq=mommsen%20on%20cicero%20flabby%20journalist%20political%20opportunist%20shifty%20lawyer&pg=PA206#v=onepage&q=mommsen%20on%20cicero%20flabby%20journalist%20political%20opportunist%20shifty%20lawyer&f=false):

"Theodor Mommsen's stinging attack upon Cicero as an unprincipled opportunist, a mere rhetorician, in his treatises a flabby journalist and in his speeches a shifty lawyer." "shifty lawyer" ist genau das, was Du meinst: Einer der die Seiten schnell wechselt. Mommsen hat zwar nicht notwendigerweise recht, aber die Meinung lässt sich vertreten (auch wenn das nicht alle Latinisten gerne hören -- das Zitat hat bei Prof. Vasaly eine lautstarke Reaktion hervorgerufen, die dann als "Mommsen outrage" die Runde machte und eine Reihe von Entschuldigungsmails für ihr Verhalten nach sich zog :-) ).

Welche Gründe hatte Cicero überhaupt, eine Verteidigung zu übernehmen? Ob normales Honorar für Anwälte üblich war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich einigte man sich unter der Hand. Aber Anwalt war eine der wenigen Möglichkeiten, in Rom überhaupt Verbindungen zu knüpfen und bekannt zu werden, außerdem sich für seine Fähigkeiten zu empfehlen. Das heißt, Cicero war gerade am Anfang seiner Karriere eher froh, überhaupt was machen zu dürfen. Stadtrömer aus alten Familien hatten natürlich andere Möglichkeiten und besaßen über ihren Vater, ihres Vaters Vater und ihres Vaters Vaters Vater ... "Freundschaften" mit anderesn Vaterssöhnen und Opas Enkeln.

In jedem Fall konnte der Anwalt darauf bauen, später vom Mandanten etwa bei Wahlen unterstützt zu werden. "Cicero erreichte [für Cluentius] einen Freispruch und verpflichtete sich nicht nur den Angeklagten, sondern auch seine Fürsprecher aus der ehrenwerten Gesellschaft in Samnium und Apulien. Nach den gesellschaftlichen Konventionen, nach der eine Hand die andere wusch, konnte er als Gegenleistung erwarten, dass sie bei Wahlen seinen Aufstieg auf den beiden letzten Stufen der Ämterlaufbahn untertstützten. Wahlen fanden in Rom statt, wer daran teilnehmen wollte, hatte sich vor Ort einzufinden, und das bedeutete, dass Jahr für Jahr, gemessen an der Gesamtzahl potentieller Wähler [=Stadtrömer und Landrömer] eine Minderheit die aktuelle Wählerschaft stellte." (Klaus Bringmann, Cicero, Darmstadt: WBG, 2010, S. 63)

Was ich nicht weiterverfolgen kann, was aber bedenkenswert ist: War ein patronus verpflichtet, seine clientes auch vor Gericht zu vertreten?

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