Carnap: Sätze auf ihren Sinn prüfen

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2 Antworten

Ich halte die Lösungen für eine richtige Angabe, wie die Beurteilung nach der Auffassung des Rudolf Carnap vertretenen logischen Empirismus mit einem Grundsatz der Verifikation ist.

Inhaltlich gehaltvolle Sätze über die Wirklichkeit unterliegen danach der Anforderung, empirisch (durch Erfahrung) überprüfbar zu sein. Als sinnvoll gelten nur Sätze, zu denen es Wahrheitsbedingungen gibt, nach denen sie sich grundsätzlich als wahr oder falsch nachweisen lassen. Die Wörter müssen so definiert werden können, daß sie sie auf etwas verweisen, das sich durch Beobachtung/Sinneswahrnehmung überprüfen läßt. Nur dann haben sie eine echte Bedeutung. In einer antimetaphysischen Einstellung gelten alle inhaltlichen Sätze über die Wirklichkeit (daneben gibt es analytische Sätzen, die formale Wahrheitskriterien haben, in der Logik und der Mathematik), bei denen eine empirische Verifikation nicht möglich ist, als sinnlos und Scheinsätze.

Bei den Beispielsätzen sind vom diesem Standpunkt her die al sinnlos zu markieren, die metaphysische Begriffe enthalten und so nicht überprüfbar sind.

1) Die Erde ist eine Scheibe.

Der Satz ist als sinnvoll zu markieren weil seine Wahrheit oder Falschheit empirisch überprüfbar ist (die Erde ist durch Sinneswahrnehmung bemerkbar, eine Scheibe hat eine bestimmte Form, dazu ist Wahrnehmung möglich).

2) Die Idee der Gleichheit liegt aller Gleichheit zugrunde.

«Idee» ist kein Begriff, der auf etwas rein empirisch Überprüfbares verweist.

3) Im Weltall gibt es intelligente Lebewesen.

Dies ist empirisch überprüfbar, wenn zu den Begriffen «Intelligenz», «intelligent» und «Lebewesen» Merkmale angegeben werden, deren Vorliegen beobachtet werden kann (z. B. an Menschen, ihrem Verhalten und ihren Fähigkeiten). Bei der Intelligenz könnt dies ein Verfahren sein, das testet.

4) Auf dem Berg Olymp wohnen die Götter

Der Ausdruck «Götter» ist nicht unverdächtig. In diesem Fall ist es aber möglich, ihn als nicht metaphysische Sprache (als einen überempirischen Begriff, nicht Gegenstand möglicher Erfahrung), sondern mythologische Sprache zu deuten. Die Götter haben demnach eine Gestalt, eine menschenförmige (Anthropomorphismus) oder ein andere, in der sie sich zeigen. So etwas kann beobachtet werden. Dann ist es möglich, den Berg Olymp hochzugehen und nachzusuchen, ob sich solche auf ihm wohnenden Wesen empirisch feststellen lassen.

5) Die Seele ist unsterblich.

Dazu, was eine Seele ist, sind viele Auffassungen möglich. Unter «Seele» ist Verschiedenes verstanden worden, was die Aufgabe schwieriger macht. Nur wenn die Seele etwas Materielles ist, kann sie selbst (und nicht nur Phänomene, die als seelisch gedeutet werden) empirisch beobachtet werden. Auch in diesem Fall ist dann aber die Eigenschaft der Unsterblichkeit eine, für die ein eindeutiges Vorgehen fehlt, ihr Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein durch Beobachtung nachzuprüfen. Es müßte empirisch untersucht werden können, ob die Materieteilchen ein Gebilde sind, das seiner Beschaffenheit nur lebendig sein kann und ewig existiert und auch nach einem körperlichen Ableben an einem bestimmten Ort festellbar ist.

Die Verbindung «unsterbliche Seele» ist für Rudolf Carnap ein zu metaphysisches Konzept. Er vertrat die Auffassung (Rudolf Carnap, Psychologie in physikalischer Sprache. In: Erkenntnis 3 (1932/1933), S. 107 – 142), jeder Satz der Psychologie sei in physikalische Sprache übersetzbar. Zu jedem psychologischen Satz gebe es einen entsprechenden bedeutungsgleichen Satz der physikalischen Sprache. Psychologische Eigenschaften seien Dispositionen, die unter bestimmten Bedingungen (Reize) ein bestimmte Reaktion (Verhalten) zeigen. Psychologische Begriffe ließen sich auf physikalische Zustände zurückführen.

6) Der Mensch stammt vom Affen ab.

Der Satz ist empirisch durch biologische Forschung überprüfbar.

7) Das Ich muss die Ansprüche des Es und des Über-Ich berücksichtigen.

«Ich», «Es» und «Über-Ich» sind nicht als solche beobachtbar. Nach Carnaps Standpunkt zur Psychologie wäre der Satz, um sinnvoll zu sein, in Aussagen über Physikalisches zu verändern (später hat Carpap sein Sinnkriterium etwa gelockert, nur noch eine Beobachtungsprache, dann in der Wissenschaftssprache sowohl Beobachtungsbegriffe als auch theoretische Begriffe zugelassen, ist von einem strengen Verifikationismus zu Bestätigungsgraden abgerückt). 

8) Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.In diesem Satz ist «Bewußtsein» der Begriff, der nicht eindeutig empirisch durch Beobachtung überprüfbar ist.

Rudolf Carnap, Scheinprobleme in der Philosophie und andere metaphysikkritische Schriften. Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Thomas Mormann. Hamburg : Meiner, 2004 (Philosophische Bibliothek ; Band 560), S. 60 (Von Gott und Seele. Scheinfragen in Metaphysik und Theologie (1929)):  

„Wenn hier mit «Seele» nicht ein bestimmtes, empirisch beobachtbares Verhalten gemeint ist, sondern etwas anderes, nicht Beobachtbares, das außer dem Verhalten noch da ist oder «hinter» ihm liegt, so erfüllt ein solcher Begriff die aufgestellte Forderung nicht. Er besitzt keine Definition, die auf Wahrnehmbares verweist und ist daher ein ungedecktes Papier, ein Wort ohne Bedeutung. Und allgemein gilt: Jeder Satz über Seelisches und über Seelen, ob von Tieren oder Menschen, von Lebenden oder Verstorbenen, muß umtauschbar sein in einen Satz über mögliche Wahrnehmungen.

Und nun wenden wir die gleiche Forderung auch auf den Gottesbegriff an. Wenn jemand Aussagen mach, in denen das Wort «Gott» vorkommt, also insbesondere, wenn ein Metaphysiker oder ein Theologe die Existenz Gottes behauptet, so verlangen wir die Zurückführung auf Sinneseindrücke, also die Angabe einer Definition des Wortes «Gott», in der wahrnehmbare Kennzeichen genannt werden.“

S. 90 (Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache (1932)):  

„Ebenso wie die betrachteten Beispiele «Prinzip» und «Gott» sind auch die meisten spezifisch metaphysischen Begriffe ohne Bedeutung, z. B. «Idee», «das Absolute», «das Unbedingte», das «Unendliche », «das Sein des Seienden», «das Nicht-Seiende», «Ding an sich», «absoluter Geist», «objektiver Geist», «Wesen», «Ansichsein», «Anundfürsichsein» «Emanation», «Manifestation», «Ausgliederung», «das Ich», «das Nicht-Ich» usw. Mit diesen Ausdrücken verhält es sich nicht anders als mit dem Wort «babig» in dem früher erdachten Beispiel. Der Metaphysiker sagt uns, daß sich empirische Wahrheitsbedingungen nicht angeben lassen; wenn er hinzufügt, daß er mit einem solchen Wort trotzdem etwas «meine», so wissen wir, daß damit nur begleitende Vorstellung und Gefühle angedeutet sind, durch die das Wort aber keine Bedeutung erhält. Die metaphysischen angeblichen Sätze, die solche Wörter enthalten, haben keinen Sinn, besagen nichts, sind bloße Scheinsätze.“

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Im Weltall gibt es intelligente Lebewesen.

Schließt das Menschen mit ein? Falls nein, wie kann man das denn dann verifizieren?


Auf dem Berg Olymp wohnen die Götter. 

Wie verifizierbar?


intelligente Lebewesen schliesst Menschen mit ein. Auch wenn man bei manchen daran zweifeln könnte ;)

Das mit den Göttern ist so eine Sache, aber ich würde es so verifizieren: Es werden in der Mythologie meist körperliche Wesen damit bezeichnet, die zwar von göttlicher Natur sind, aber doch eine Gestalt annehmen, die wir erkennen könnten. Es wäre also theoretisch gesehen möglich, dass ein Beobachter diese Wesen sieht. Sie sind empirisch feststellbar. "Gott" wäre etwas anderes, da es sich dabei um einen überempirischen Begriff der Metaphysik handelt.

Danke für deine Fragen! =)

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@fluffiknuffi

Eine ähnliche Begründung (einfach in anderen Worten) steht in den Schriften von Carnap und Reichenbach: "Erkenntnis"

Ich denke also, dass Carnap dem zugestimmt hätte, wobei ICH IHM nicht zustimmen würde ;) 

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