Bin ich linksradikal, wenn ich die Parteiendemokratie durch Basisdemokratie ersetzen will?

...komplette Frage anzeigen

8 Antworten

Links oder Rechts oder von mir aus noch Mitte: Diese Po-Klassifizierung ist nicht sehr aussagekräftig. "Parteiendemokratie" und "Basisdemokratie" sind doch zunächst einmal nur schwammige Begriffe. Auf die praktische Ausgestaltung kommt es an. Daran entscheidet sich dann auch, wie viel von der Idee in der Praxis übrigbleibt. Da alle praktischen "linken" Realisierungen mit Stalin, Mao-Tse-Tung, Fidel Castro oder Kim Jong Un und anderen verkommen sind, sprich eher erbdiktatorischen Verhältnissen, bin ich nicht sicher, ob "links" viel mit "Basisdemokratie" zu tun hat. "Links" bedeutet fast immer, wenn man genauer hinschaut, dass die "klare IDEE" den Vorrang vor einer "verworrenen PRAXIS" hat. Und rechts sind angeblich die, die dem Führerprinzip huldigen. Nun: Was hat Stalin von Hitler unterschieden?

Ich denke, dass sich die Frage von mehr Demokratie daran entscheidet, wie mündig die Bürger sind und wie bereit, private Zeit für öffentliche Angelegenheiten einzusetzen. Das kann man aber nicht befehlen. Eine "erklärte Basisdemokratie" der Wenigen wird sich in Kürze von der jetzigen Parteiendemokratie nicht sehr unterscheiden. Schau Dir die Grünen an, die ja auch mit basisdemokratischen Ideen angetreten sind. In Mecklenburg-Pommern und Niedersachsen "schwitzen" sie gerade die Opportunisten aus, die auch nur große grüne Töne gespuckt haben und bei jeder Möglichkeit auf ihren Vorteil aus waren. Unter Menschen musst Du halt mit Menschen rechnen. Und die sind nie ein Abstraktum, eine Klasse, eine Schicht, eine Konfession, die idealtypische Realisation einer Idee. Rechne immer mit dem Faktor Bequemlichkeit! Den naheliegenden Vorteil erhaschen und wenig über die Folgen nachdenken. Nein, der mühsame Weg, die Menschen für mehr Nachdenken und Engagement zu begeistern, lässt sich nicht mit einer Idee "Basisdemokratie" abkürzen. Da besteht eher die Gefahr, dass sich hinter der Maske "Basisdemokratie" die blanke Diktatur breitmacht.

HerrDeWorde 01.09.2013, 14:42

Da besteht eher die Gefahr, dass sich hinter der Maske "Basisdemokratie" die blanke Diktatur breitmacht.

Das ist in dieser Form aber unwahrscheinlicher als bei jeder anderen.

Unter Menschen musst Du halt mit Menschen rechnen.

Genau. Das war der Fehler der Linken, zu sagen: Alle Menschen sind gleich und alle wollen immerfort so gleich(berechtigt) wie der Nachbar sein. Aber kann man denn alle Menschen in Schubkästen namens Partei sortieren? Grobsortierung in zwei Blöcke?

0

Du wärst Demokrat.

Aber ich empfehle dir einfach mal, die Studien von Alexis de Toqueville zu lesen. Diese schrieb er zwar während der frz. Revolution (er verglich die Regierungssysteme in Europa mit dem in den USA) und daher ist in keiner Weise von Basisdemokratie die Rede, aber er schildert ein riesen Problem:

Die Tyrannei der Mehrheit. Wenn immer der Wille der Mehrheit durchgesetzt wird, heißt das dann nämlich auch, dass es keinen Minderheitenschutz gibt! Die Mehrheit könnte dann nämlich ALLES durchsetzen und die Minderheit total unterwerfen. Das ist eine sehr große Gefahr, weshalb wir in unserer Demokratie auch einen Minderheitenschutz haben. Den gäbe es bei einer Basisdemokratie nicht mehr.

Ganz davon abgesehen WILL ich gar nicht, dass die meisten Menschen bei allem mitsprechen können. Dafür haben sie zu wenig Ahnung von der Materie, fast niemand sit bereit, sich tief einzuarbeiten. Entscheidungen im Bundestag dauern nicht so lange, weil Politiker faul sind, sondern weil sie sich lange und intensiv einarbeiten müssen. Oder traust du dir aus dem Stand heraus eine Abstimmung über eine Bürgerversicherung zu? Ich mir nicht, trotz Politikwissenschaftsstudium. Dafür würdest du dich wochenlang einarbeiten müssen. Wer ist dazu bereit? Und das zigmal? Du würdest nur noch für das Abstimmen leben oder willkürlich deine Stimme verschenken.

Und davon abgesehen wenn man im Internet in den Foren liest, welche Meinungen da vertreten werden, kann man nur auf die Knie fallen und sich bedanken, dass diese Menschen nicht in der Machtzentrale hocken.

HerrDeWorde 01.09.2013, 14:29

Minderheitenschutz und 5%-Hürde?

Es sind doch mehrere Probleme, die die Leute verärgern:

  • leere Reihen im Bundestag

  • Wie bekomme ich mein Thema überhaupt auf die Agenda

  • Sollten wirklich vornehmlich gelernte Anwälte alles entscheiden?

  • Wenn der "Pöbel" schon zu dumm ist, wie kann ein mündiger Bürger mitwirken? Wer zieht die Grenze?

  • Fehlentscheidungen aus Parteidisziplin

  • Parteiprogramme immer als Gesamtpaket, Mischungen zwischen Parteien unmöglich

  • Selbstbedienungsmentalität und Lobbyismus usw.

DAS zementieren? Eine Alternative bekommt man nicht fertig vorgesetzt, man muss dran feilen - z.B. in welcher Aufbereitung Probleme zur Entscheidung vorgelegt werden und welches Gewicht die Stimmen haben ...

Außerdem haben sich die Regierenden infolge ihres hohen Einkommens von der Masse zu weit entfernt, als dass sie empathisch reagieren könnten. Man bekommt das immer wieder in Talkshows zu spüren.

0
MaxPower89 01.09.2013, 19:55
@HerrDeWorde

Die leeren Reihen im Bundestag erklären sich von selber. Wir haben ein Arbeitsparlament. Die meiste Arbeit findet nicht im Plenum, sondern in Ausschüssen statt. Davon sind nur die wenigsten in dem bekannten Sitzungssaal. Und die Ausschüsse, die dort stattfinden, sind dann nur von einigen der gewählten Abgeordneten besetzt. Jeder ist praktisch einem oder mehrerer "Expertengebiete" zugewiesen, die den MInisterien entsprechen.

Bürgerinitiative, öffentliches Interesse wecken, engagieren,...

Im Bundestag sind mehr Beamte als Juristen.

Jeder kann mitwirken, wenn er es will und sich engagiert. Nur für eine Stimme abzugeben, muss man sich nicht einmal engagieren, sondern kann frei nach Willkür abstimmen, ohne sich vorher zu informieren.

Fraktionsdisziplin ist ein Problem, gleichzeitig bietet es aber auch Orientierung und Verlässlichkeit. Genauso sieht es mit Parteiprogrammen aus.

Ich sehe keine Selbstbedienungsmentalität und sehe auch den Lobbyismus in erster Linie nicht negativ an.

Ohne 5 % Hürde hätten wir schnell Weimarer Verhältnisse. Das ist nicht mit Minderheitenschutz gemeint.

1

Du bist in jeder Hinsicht tendenziell links eingestellt. Von der Praktikabilität einer Basisdemokratie lässt sich streiten (siehe: Piraten) aber generell ist das natürlich immer ein guter Einfall. Einziges Problem daran ist, dass es halt etwas schwieriger ist in unserer kapitalistischen und egoistischen Gesellschaft. An sich ist der Kommunismus ja auch nicht so verkehrt, aber nicht umsetzbar oder sinnvoll. Der Mensch scheint dafür nicht geschaffen oder nicht bereit.

Und Demokrat bleibst du selbstverständlich wenn du zwei demokratische Formen tauschen willst. Tatsächlich ist, wenn man das so sagen kann, die Basisdemokratie "demokratischer" als die repräsentative.

Das kannst du nennen wie du willst. Solche Bezeichnungen sind kein offizieller Maßstab. Ich persönlich würde dich nicht links nennen wenn du wirtschaftsliberal wärst, aber das hängt nur von dir ab.

Radikaldemokratisch wäre der passendere Begriff, meiner Meinung nach.

Eher rechtsradikal als links. Gerade bei NPD, Republikanern, AfD etc. werden doch "Volksabstimmungen" den Themen EU, Euro, Ausländer, Zuwanderung, Minarettverbot, Asylanten etc. gefordert, weil angenommen wird, dass so Forderungen vom rechten Rand durchgesetzt werden können.

HerrDeWorde 03.09.2013, 10:04

Da hat wohl jemand seine Bildung aus der Bild. Aufklärung:

Rechts zu sein, bedeutet, eine Gruppe von Menschen als besser bzw. auserwählt anzusehen und den Rest minderwertig. Kann keine Parallele zu einer gleichberechtigten Abstimmung aller Einwohner mit Ausweis entdecken ...

0

Klar bleibst du damit demokrat-allerdings wirst dudadurch natürlich zum regierungsgegner-weil du ja praktisch gegen sie[Die regierenden] kämpfst.

Ob du damit linksradikal wirst weiss ich nicht-da kenne ich mich nicht so gut aus. ich weiss nur, dass die Linken partei/en diese Form der regierung eher unterstützen als andere.

Ob sich diese Regierungsform überhaupt durchsetzen können wird ist schwer zu sagen in einem Staat wie Deutschland, in dem soviele menschen leben, und in dem es soviele nichtwähler gibt.

Trotzdem kann man sich ja z.B. mal die Schweiz anschaun, die eher in die Richtung geht.

MFG

HerrDeWorde 01.09.2013, 13:56

Per Definition bin ich radikal, wenn ich die Regierungsordnung an der Radix ändern will.

0
ScaniaMF 01.09.2013, 14:04
@HerrDeWorde

Logisch- Als Radikal kann man dich bezeichnen.

Ich weiss nicht, ob man das einer Politischen richtung zuordnen kann [Links/Rechts] wenn soweit ich meine sind Politische richtungen zwar richtungen die die Politik ,deren meinung und deren Tun verändern wollen, aber nicht die Regierung an sich abändern.

Ka ob man das versteht wass ich sagen will^^

0

Linksradikal heisst auch nicht unbedingt antidemokratisch. Das Problem der Basisdemokratie ist aber in der Verwirklichung. Sollen jetzt über jede Kleinigkeit 80 Mio. Menschen abstimmen?

HerrDeWorde 01.09.2013, 13:58

Sollen jetzt über jede Kleinigkeit 80 Mio. Menschen abstimmen?

Mit dem Internet wäre das möglicher als in allen Zeiten zuvor. Man könnte die Telefonzellen umrüsten oder Abstimmungszellen aufbauen - wer nicht mitmacht, hat sein Recht verschenkt. Stimmenthaltung ist auch eine Meinung.

0
aptem 01.09.2013, 14:07
@HerrDeWorde

Da wäre aber Missbrauch wohl recht einfach... Ausserdem ist Dein Vertrauen in die Vernunft der Massen(gerade im Zeitalter der modernen Medien) sehr gefährlich IMHO.

1
HerrDeWorde 01.09.2013, 14:16
@aptem

Es gab bislang für alles ein Gegenmittel. Es könnte ja ein Chip im Personalausweis stecken ...

Über Masseträgheit weiß ich Bescheid, aber was willst du tun in einer Demokratie?

Im übrigen denke ich, dass eine Art Evolution einsetzen würde, da man tatsächlich nicht alle Fragen im Auge behalten kann. Es würden sich also Interessengruppen bilden, die sich anders als die jetzigen Parteien auf bestimmte Themen konzentrieren würden und konzentriert abstimmen. Der Bürger muss nicht einem bestimmten Bund angehören und jeden Unsinn mit absegnen, sondern kann mehreren und verschiedenen "Parteien" angehören. Des weiteren wird es viele Gadgets geben, so wie man auch auf GF zu bestimmten Fragen benachrichtigt wird, so bekommt man Erinnerungen und Informationen ...

Ein neuer Impuls könnte jedenfalls nicht schaden, denn unser System ist so angestaubt wie Kaufhof und Karstadt ;-)

0
aptem 01.09.2013, 20:59
@HerrDeWorde

Über Masseträgheit weiß ich Bescheid, aber was willst du tun in einer Demokratie?

Es ist eher die Massenbeeinflussbarkeit, die mir Sorgen macht. Und zur Demokratie... die würde ich entstauben und ins Museum stecken. Es gab sie niecht und es gibt sie nicht. Das Wort immer wieder auf die Fahnen zu schreiben ist recht absurd.

1
barfussjim 02.09.2013, 21:20
@aptem

Ausnahmsweise DH! Bild ("Steuern runter, macht Deutschland munter!), RTL, facebook, google & Co. sowie politische Werbeagenturen im Auftrag von Banken und Großkonzernen würden dann die Macht ausüben.

Ausserdem ist Dein Vertrauen in die Vernunft der Massen(gerade im Zeitalter der modernen Medien) sehr gefährlich IMHO.

0

Nach sozialwissenschaftlicher Definition bist du linksradikal, nach offizieller Herrschaftsdoktrin bist du linksextremistisch. Was soll daraus jetzt folgen?

Kümmer dich nicht um Begrifflichkeiten, beschäftige dich lieber weiter mit Inhalten, so, wie du das ja offenbar auch tust.

Was möchtest Du wissen?