Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich mir gewünscht habe, dass mein Vater nie wieder kommt / Wie kann ich mit der Situation besser umgehen?

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5 Antworten

Nein, Du bist weiß Gott kein schlechter Mensch. Für seine Gedanken kann man nichts, gar nichts. Sie kommen und bleiben oder sie kommen und gehen. Du hast versucht, mit einer Situation klarzukommen, die Dich überfordert hat.

Doch auch Dein Vater war in einer Situation, die ihn überfordert hat. Es ist schwer für sehr viele Menschen, wenn sie plötzlich an ihr Ende stossen. Wenn man sich nie damit beschäftigt hat, kommt das wie ein Schock über einen. Das war seine Art, mit der schlimmen Situation fertig zu werden. Auch er kann nichts für seine Gedanken und Gefühle. 

Wir geben alle unser Bestes, Du und er. Du wirst ihn nicht mehr lange haben. Du kannst ihm nicht verzeihen, wenn Du ihn nicht verstehst. Rede mit ihm, frage ihn, frag ihn nach seinem Leben, wie er als Junge war, was ihn angetrieben hat, womit hat er gespielt, was hat er für Träume gehabt, alles solche Sachen. Lerne ihn noch kennen, das kriegst Du nie wieder aus erster Hand. Und Du wirst ihn dann verstehen. Dir fehlt Nähe zu Deinem Vater, verstehst Du ihn, hast Du ihm schon verziehen. Ganz leicht.

 Du willst allein sein, das kann ich verstehen, aber eben auch, weil Du mit der Situation nicht klar kommst. Glaub mir, Dein Vater leidet auch darunter. Mach den ersten Schritt, denn Du wirst weiterleben mit Deinen Gefühlen und Gedanken, er geht in eine bessere Welt. 

Liebe Grüße

Danke für deine Antwort..

Es fällt mir so schwer mit ihm zu reden. Ich gehe ihm eigentlich nur noch aus dem Weg.

Früher als ich noch klein und er noch gesund war, war er eigentlich ein guter Vater. Wir waren oft zusammen unterwegs, er hat mir mit meinen Schulsachen geholfen und wir haben auch oft über seine Kindheit und anderem geredet.. 

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@MusikFan21

Ja, ich glaub das gern. Das fällt unheimlich schwer. Ist auch irgendwie peinlich. Ich versteh das. Aber es wäre unendlich hilfreich für Dich, glaube mir. 

Vielleicht kommst Du über ein belangloses Thema an ihn ran. Ein Buch, Musik, ein Film. Wie gefällt Dir das? Hast Du das mal gelesen? Denn ihm geht es ganz genauso, glaub mir. Du sagst, er war kein schlechter Vater früher. Ja, eine Krankheit, die Konfrontation mit dem Tod, macht den allermeisten Menschen sehr stark zu schaffen, sie sind erst mal mit sich selbst beschäftigt, müssen das verarbeiten. Das ginge Dir auch so, denke ich. 

Die Zeit kommt nur eben nie wieder. Versuch Dir vorzustellen, dass er einmal ein kleiner Junge war, mit Träumen und Sehnsüchten und nun liegt er da und geht dem Ende entgegen. Wie kam er dahin, wie ist er zu dem Menschen geworden, den Du kennst oder kanntest? Es ist so wahnsinnig interessant, einen Menschen kennenzulernen. Denn er lebt ja auch in Dir weiter. 

Es gibt da auch die verschiedenen Stadien mit so etwas umzugehen, was bei den meisten Menschen gleich ist. Vom Ignorieren bis hin letztlich zur Akzeptanz. Ich weiß die jetzt nicht aus dem Kopf, aber die hat auch Dein Vater durchlaufen und sein Türen knallen etc. gehörte da wohl zur Verarbeitung dazu. Die Frage Warum gerade ich? wird da gestellt.

Wie geht Deine Mutter denn damit um? 

Liebe Grüße

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@2012infrage

Für meine Mutter ist die Sache sehr schwer. Weil mein Vater in der schlimmsten Zeit  meinte sich in einer jüngeren Frau verliebt zu haben (die Frau ist jünger wie meine älteste Schwester). Er ist da ständig hingefahren und hat ihr Liebesbriefe geschrieben etc.

Meine Mutter ist immer wegen uns Kinder bei ihm geblieben. Und jetzt pflegt sie ihn... Ich rede darüber eigentlich nicht viel  mit meiner Mutter

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@MusikFan21

Ich vermute mal, dass es vorher anders war mit Euch als Familie? Weil Du schriebst, "in der schlimmen Zeit". Und es ist schön, wie Du das ausdrückst: 'er meinte, sich in eine jüngere Frau verliebt zu haben'. Er meinte, ja, das war wohl die Midlifecrisis, die Deinen Vater gleich noch miterwischt hat. Er ist ja, trotzdem er Vater ist, auch noch ein Mann. 

Wir machen alle Fehler, auch ich, auch Dein Vater und Du. Dein Vater hat damit sicher Deine Mutter sehr verletzt, das ist voll verständlich. Und es ist grossartig, dass Deine Mutter ihn pflegt. Weiß Du, das Leben an sich ist sehr oft eine beschi... Sache. Eine Beziehung, eine Liebe zu pflegen, ist sehr schwer oft. Dann kommt noch extra das Frau-sein und Mann-sein dazu, das hat auch seine Ecken und Kanten. Wünsche und Sehnsüchte zuhauf und immer glaubt man, andere habe es viel besser getroffen. 

Das Leben ist nicht leicht, keinesfalls. Du merkst es ja selbst gerade. Aber wenn ich Dir jetzt eine Frage stelle und Du darfst nur mit Ja oder Nein antworten. Was sagst Du? Die Frage lautet: Liebst Du Deinen Vater oder nicht? Kein Wenn und Aber. Ja oder Nein? Ich glaub, ich weiß die Antwort und Du auch. Auch wenn sie vielleicht zur Zeit etwas verschüttet ist.

Hör auf Dein Herz. Die Zeit kann nur eines, vergehen. Und wir können so vieles nicht mehr zurückholen. Versuch das Beste draus zu machen, versuche es, wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht. Aber Du hast es versucht. Viel schlimmer ist, im nachhinein sagen zu müssen: Ich habe es nie versucht. Du bist noch jung, und genau durch solche schlimmen Erfahrungen reift man, kann manchmal sogar über sich hinauswachsen. 

Alles alles Liebe für Dich und Deine Mutter und Deinen Vater!

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@2012infrage

Danke für deine Hilfe

Und auf deine Frage "Liebst Du Deinen Vater oder nicht?"

Die Antworte wäre glaub ich ja.. aber es ist irgendwie schwer für mich im Moment mit der Situation klar zu kommen.

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@MusikFan21

Ja, das glaube ich Dir gerne, dass das sehr sehr schwer ist. Es ist schon merkwürdig, wie schwer wir uns ausserdem tun, mit den Menschen, die wir lieben, in Kontakt zu treten, wie schwer es ist, über den eigenen Schatten zu springen, wie schwer es ist, tiefer zu gehen. Nicht nur in Deiner Situation, sondern ganz allgemein. Eigentlich kennen wir die anderen nicht wirklich. So wie Dich keiner wirklich kennt. Wir öffnen uns nicht gern, weil wir Angst vor Verletzungen haben. Und das geht allen Menschen so. Deshalb lernen wir uns nicht richtig kennen. Denn eigentlich sind alle Menschen ziemlich gleich. Jeder hat seine Träume, Wünsche, Sehnsüchte und Sorgen und Ärgernisse und seine kleinen Peinlichkeiten, die gar nicht mehr so peinlich wären, wüssten wir, dass jeder sie hat.

Alles, alles Liebe für Dich und Deine Familie!

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Es ist nicht schlimm, wenn man Groll gegen etwas hegt, das einen extrem belastet, ohne dass man Rückzugsmöglichkeiten hat, ausser nach draußen zu flüchten. Es ist doch verständlich, dass man zu solchen Gedanken gelangt, weil man auch nur begrenzt Kräfte hat, um solche Situation verkraften zu können. Du bist deswegen kein schlechter Mensch. Es wäre schön, wenn du jemanden hättest, mit dem du unbeschwerte Momente teilen könntest, damit das derzeitige Leben nicht nur weh, sondern auch wohl tut. Alles Gute & Viel Glück 

Liebe MusikFan21, ich kann nachvollziehen, dass Du Dir Vorwürfe machst, wegen deines damaligen Wunsches. Ganz realistisch gesehen ist es aber vollkommen unnötig, denn die Situation hat Dich belastet und Du hast lediglich in Deinen Gedanken einen Wunsch gehabt, der die Situation für Dich vermeintlich entzerrt hätte. Du hast Deinen Vater ja dadurch nicht schlechter behandelt, sondern ihn weiter ertragen. Gedanken verselbstständigen sich manchmal. Was mich an der ganzen Sache mehr alarmiert, ist, dass Du mit der Situation jetzt, bzw. mit Deinen Gefühlen jetzt, nicht zurecht kommst. Ich denke ganz eindeutig, dass es sich hier um ein großes Problem handelt, welches auf Deiner Seele lastet. Ich würde mir für Dich wünschen, dass Du Dir hierzu Hilfe suchst, das ganze zu verarbeiten und Dir die Schuldgefühle zu nehmen, denn die helfen Dir ja nicht weiter und Deinem Vater auch nicht. Du bist mit diesem Problem auch nicht allein, es gibt sehr viele Angehörige Schwerstkranker, die genau wissen, wovon Du sprichst. Man ist oft zu schnell mit dem Rat zur Hand, einen Psychologen aufzusuchen. In Deinem Fall fände ich das aber wirklich sehr sehr sinnvoll, denn ich habe den Eindruck, Du drehst Dich etwas im Kreis. Ich bin sicher, dass Du bei diesem Probem sehr gut Hilfe finden könntest.

Danke für deine Antwort.

Ein Psychologe wurde mir schon von anderen geraten, aber ich weiß nicht. Irgendwie trau ich mich auch nicht wirklich.

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@MusikFan21

Dann vielleicht eine Selbsthilfegruppe für Angehöriger krebskranker Menschen ?

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Hallo,

Die Bestrahlungen haben oft böse Nebenwirkungen, wodurch die Wesensveränderung entstanden sein kann. Wenn man die Diagnose "Krebs" von einem Arzt gesagt bekommt, ist man zunächst geschockt. In der Folgezeit kommen auch noch die nahesten Verwandten mit einem Gesicht der Trauer, Mitleid und Besorgnis. Wenn man nur noch solche Gesichter sieht, mach das Leben keinen Spaß mehr. Was dein Vater braucht ist Lebensmut und freundliche Gesichter, die mit ihm wieder lachen. Lachen ist gesund, sagt man und viele sind durch Freude und Lachen und dem Glauben an Heilung wie beim Placebo. Effekt vom eigenen Körper geheilt worden. Gute Ernährung, viel Obst und Gemüse und Bewegung in frischer Luft und Freude ist das Beste für deinen Vater.

LG

Du scheinst kein schlechter Mensch zu sein, sonst würdest du es jetzt wohl auch nicht bereuen.

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