Bin ich der einzige Mensch der so etwas macht?

14 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Nein - die Erinnerung an alte Zeiten (Kriege, Seuchen und Wirtschaftskrisen mal ausgenommen) konzentriert sich halt auf die Highlights, die überwiegend positiv sind.

Die Siebziger hatten teilweise recht gute Musik, AIDS wurde gerade erst irgendwo weit weg erfunden und politisch gab es am rechten und linken Rand weniger Zuspruch. Als deutscher Urlauber genoss man den hohen Außenwert der DM und die Einkommen waren etwas gleichmäßiger verteilt als heute.

Man muss sich halt bewusst machen, wie blöd viele Dinge damals auch waren:

  1. In den Siebzigern hatte die deutsche Bundespost das Monopol für Telekommunikation - das ging so weit, dass sie einem Angst vor den furchtbaren Folgen machte, die die Benutzung eines nicht von der Post bereitgestellten Telefons hätte.
  2. Läden machten um 18:30 Uhr zu.
  3. Broccoli und Kiwifrüchte kannten nur Fernreisende; unter Spinat konnte der Deutsche sich nur Rahmspinatziegel vorstellen.
  4. Außer Jugoslawischen und Italienischen Restaurants gab es praktisch keine internationale Küche. Chinesische Restaurants kamen erst in den Achtzigern, indische und japanische noch später auf.
  5. Autos soffen nach heutigen Maßstäben; allmählich begann der erste Golf, die Käfer zu verdrängen. Die meisten begannen nach zwei Jahren, von innen heraus durchzurosten, waren nach 8-10 Jahren hin und sind inzwischen völlig verschwunden.

    Die heutigen Klassiker waren schon damals selten - die meistverkauften Autos waren so erbärmliche Gurken, dass sie heute glücklicherweise vergessen sind. Westdeutschland allein hatte bei weitaus geringerem Verkehrsaufkommen - ein Vielfaches der Verkehrstoten der heutigen Bundesrepublik.
  6. Flugtickets waren, gemessen am Einkommen, sehr teuer.
  7. Deswegen wurden Urlaubsreisen oft genug mit mehrtägigen Backvorgängen in Autos (keine Klimaanlage, natürlich!) eingeleitet und beendet.
  8. Am Urlaubsort selbst wurde dann eine frühe Grundlage für manchen Hautkrebs gelegt (Lichtschutzfaktoren von 2-4 waren üblich, 6 schon ein teurer Luxus...).
  9. Junge Männer (um mal auf Deine Situation einzugehen) hatten 18 Monate Wehrdienst von beachtlicher Sinnlosigkeit (bevorzugt mit Ausbildung an Waffensystemen, die kurz danach abgelöst wurden), ersatzweise 21 Monate Zivildienst vor sich oder steckten mitten drin.

Und das war immerhin die Bundesrepublik; in der DDR sah das alles noch weitaus finsterer aus.

Eigentlich war nur in Bayern mit Franz Josef Strauß die Welt so richtig in Ordnung ;) (ich hoffe, jeder bemerkt das Zwinkern...).

Vieles von dem magst Du selbst auch gewusst haben - aber lass es einfach mal in Deine Bewertung der Siebziger einfließen.... das hilft vielleicht.

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Und wenn ich vielleicht noch ergänzen darf:

Du hättest weder bei deiner Freundin übernachten dürfen noch sie bei dir übernachten lassen. Bis 1974 gab es noch den "Kuppelei"-Paragraphen, und die Eltern hätten sich strafbar gemacht, wenn sie unverheiratete junge Leute unter ihrem Dach hätten zusammen übernachten lassen.

Kondome konnte man als Jugendlicher auch noch nicht überall kaufen, die wurden erst im Zuge der AIDS-Prävention Ende der 80er salonfähig. Man musst in die Apotheke gehen und sie kaufen, und wer weiß, ob du sie als Jugendlicher bekommen hättest.

Ich war selbst in den 1970ern ein Teenager. Man verabredete sich irgendwo und war dann nicht mehr zu erreichen. Man konnte nicht anrufen und sagen "du, eine  U-Bahn ist ausgefallen, ich verpäte mich" oder sowas. Man war wie ein Marschflugkörper: Blind auf dem Weg zum Ziel. Einmal habe ich über zwei Stunden in der Stadt auf jemanden gewartet, der mit Migräne im Bett lag und kein Telefon hatte. Sie konnte nicht absagen (wie hätte sie mich auch erreichen sollen, ich war ja in der Stadt) und ich konnte nicht anrufen und traute mich nicht hinzufahren, weil ich sie sonst vielleicht verpasst hätte ....

Unterschätze die Errungenschaften der Gegenwart nicht.

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2.Die Läden machten um 18:30 zu.... na und deswegen ist auch niemand verhungert, und keine Verkäuferin brauchte bis 22:00 für Mindestlohn arbeiten um dann 5 Teebeutel mehr zu verkaufen.

3. Spinat wurde auf dem Wochenmarkt gekauft.

5. Um eine Scheinwerferbirne zu wechseln brauchte man keine Werkstatt aufsuchen und für 500 DM die gesammte vorderfront ausbauen zu lassen.

6. Flugpreise waren hoch, stimmt. Aber dafür war die Luft auch nicht sauberer.

7. Klimaanlage... kokklous, einer Fährt der Rest trinkt kaltes Bier aus der Kühltasche.

8. Hautkrebs gibt es, aber ist etwa die hälfte der Leute die nach Rimini gefahren sind deswegen tot?

9. Da fällt mir nun nichts ein.

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@Grautvornix

2. Man muss nicht verhungern, sondern nur nach dem eigenen Feierabend ein paar mal vor verschlossenen Geschäften gestanden haben, um die zwangsweise Schließung von Läden gegen den Willen ihrer Betreiber blöd zu finden.

5. Das mit den Scheinwerferbirnen ist wieder besser geworden. Seit 2007 oder 8 müssen bei neuen Modellen Scheinwerferbirnen wieder durch einen Laien mit Bordwerkzeug montierbar sein. Ich hatte das Problem zum Glück auch mit Autos aus der Zeit dazwischen nicht (Mercedes, Saab).

6. Hey, Übereinstimmung! Ich finde weder hohe Flugpreise noch schlechte Luft toll. Also 2:0 für die Gegenwart!

7. Aha - hätten meine Schwester (6) und ich (10) Deiner Ansicht nach eher fahren oder Bier trinken sollen?

8. Die Hälfte nicht. Hautkrebs ist trotzdem kein Spaß; einer meiner Bekannten ist vor acht Jahren an einem großzügig metastasierenden Hautkrebs gestorben. Und da diese Krebsarten zum Teil sehr lange schlummern, kann das noch einige aus unserer Generation  erwischen.

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1) Ist Hammerwahr. Ich hatte Tatsache noch Mitte der 80er eine Hausdurchsuchung!!! vom Richter angeordnet!!! von zwei Kripobeamten die ein nicht "PTB"-Zugelassenes schnurloses Telefon suchten. Zum Glück hatte ich das ein paar Tage vorher verkauft, wer weiss wie lange ich dafür gesessen hätte. ;-)

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Hallo :)

Ich (25) kann das Selbe von mir berichten.. wobei ich den 80ern/90ern nicht hinterhertrauere, sondern ihre Musik & ihren Zeitgeist einfach so - ohne Wehmut - schätze! Exakt aus dem Grund fahre ich auch 'nen 20 Jahre alten Mercedes mit Kassettenradio & Kurbelfenstern ;) 

Dein Gefühl nennt man Nostalgie --------> geht vielen so; die Freundin meines Kumpels ist z.B. total auf die 50er/60er aus obwohl sie da noch lang nicht lebte ;) Ist doch schön, so 'nen Hobby!

Wenn es dir gut tut, dann mache es so & freue dich dran.. ist doch schön :) In Geschichte war ich übrigens auch immer sehr gut, allerdings war das mMn auch das interessanteste Fach in der Realschule neben Gemeinschaftskunde!

Viele Leute spielen das Mittelalter oder die Antike nach. Andere gehen in 50er-Jahre-Kleidern zu Swing-Tanzabenden oder spielen Rock'n'Roll. Wieder andere pflegen historische Gegenstände wie Möbel oder Autos. 

Retro-Stil als Hobby ist weit verbreitet. Es ist insofern völlig okay, sich für eine Epoche zu interessieren. Besonders, wenn es sich um eine so wichtige Ära wie die 70er bis 90er handelt. Viele Rechte und kulturelle Errungenschaften, die wir heute für normal halten, wurden in dieser Zeit "erfunden" - von Frauenrechten über Umweltschutz bis Internet.

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