Bezug zwei Typen des Seins und Freiheit?

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2 Antworten

Der Mensch gehört nach Jean-Paul Sartre beiden Typen des Seins/beiden Seinsbereichen an, sowohl dem An-sich-sein (Ding-Sein) als auch dem Für-sich-sein (Bewußtsein). Es gibt nur einen Unterschied der Hinsichten bzw. der Art und Weise.

Das An-sich-sein ist einfach nur genau das, was es ist, ist also reine Positivität (Gegebensein), Identität mit sich selbst.

Das Für-sich –sein enthält Negativität, die Nicht-Identität, die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Veränderung, zur Vermeidung: das Nein.

Freiheit entsteht nach Sartres Ansatz durch das Für-sich –sein. Insofern ist etwas am Bezug in der Fragebeschreibung richtig. Allerdings ist dies dort mit „Freiheiten, welche über unsere Körperlichen Möglichkeiten hinaus gehen“ seltsam, unklar und verwirrend ausgedrückt (es ist kaum zu verstehen, was gemeint ist).

Das nur An-sich-sein, das positive Sein, kann nur positives Sein erzeugen. Das Nichts (le néant) ist die Struktur, nicht mit seinem Objekt identisch zu sein und sich deshalb aus der Kausalität des positiven Seins lösen zu können.

Das Nichts kommt in das Sein, indem der Mensch im Zustand des Fragens Abstand gegenüber seinem Objekt einnimmt und sich in einen gleichsam neutralen Zustand des Ergebnisses versetzt: Etwas kann eintreten oder nicht eintreten. Das gegebene Objekt wird zu einer Vorstellung, die zwischen dem Sein und dem Nichts hin und her schwingt. Der Mensch reißt sich vom Sein los, um die Möglichkeit eines Nicht-Seins aus sich hervorgehen lassen zu können. Der Mensch löst sich aus dem Griff des Gegebenen, entgeht insofern der Kausalordnung der Welt, löst sich von Kausalreihen einer deterministischen Ursache-Wirkungs-Kette (löst sich vom Leim des Seins).

Dieses Nichts ist eine Leistung des Für-sich –seins. Das Bewußtsein bietet die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen und dadurch aus einer völligen Identität mit sich herauszugleiten. Der Mensch ist im Denken frei.

Die Verwandlung des Gegebenen in Vorstellungen, die Menschen sich in Entwürfen machen, kann nach Sartre nicht nach dem deterministischen Ursache-Wirkungs-Schema verstanden werden. Den nichtenden Schritt nach rückwärts muß das Bewußtsein von sich aus tun; es ist Ursache seiner selbst. Auch das Fortwälzen des Bewußtseinstroms ist nicht nach dem deterministischen Ursache-Wirkungs-Schema zu begreifen. Jeder neue Gedanke ist eine neue Entscheidung darüber, woran er anknüpft. Der vorhergegangene Zustand kann zwar motivieren, aber der Mensch muß sich entscheiden, ob er ihn als Motiv auffassen will oder nicht.

Die menschliche Realität ist ein Losreißen von sich selbst, von seinem vergangenen Sein. Im Fragen, das ein zeitliches Verhalten ist, gibt es ein Abrücken des Bewußtseins, das Bewußtsein ist ein Bruch in der Abfolge der Bewußtseinsinhalte, ein ununterbrochenes Ablösen der Wirkung von der Ursache. Durch einen Spalt kann einen Negation eindringen: Das bewußte Sein löst sich durch einen Gegenwart und Vergangenheit trennenden Schnitt und sondert sein vergangenes Sein als Nichts ab.

Das Leben hat nach Meinung Sartres an sich keinen Sinn und die Menschen sind äußeren Zufällen ausgeliefert. Aber sie tragen eine totale Verantwortung für ihre Existenz. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt („L'homme est condamné à être libre.“). Sie besteht darin, das Gegebene (Faktizität) auf sich zu nehmen und gleichzeitig zu überschreiten (Transzendenz). Menschen können sich über ihre jeweilige Lage hinaus entwerfen, auch wenn sie dabei scheitern. Freiheit ist die kleine Bewegung in einem selbst ausgedachten Entwurf über die eigenen Bedingtheiten hinaus.

Sartre vertritt die Auffassung einer Selbstwahl, die in Handlungen vorgenommen wird. Sie besteht darin, daß der Mensch einen Entwurf von sich selbst in eine offene Zukunft hat. Da nach Sartres Auffassung der Mensch kein festes Wesen hat, gibt es kein vorgegebenes Selbst. Grundbedingung des menschlichen Daseins ist, mit einem Entwurf eine Wahl zu treffen. Dieser Freiheit kann sich ein Mensch nicht entziehen.

Der Mensch ist nach seiner Auffassung in einer Situation nicht durch das Gegebene abschließend bestimmt. Er kann eine Stellungnahme dazu vollziehen und dem Faktischen auch ein Nein entgegensetzen. Dieses Freisein bedeutet nicht, seine Wünsche und Pläne einfach verwirklichen zu können. Denn äußere Widerstände schränken die Freiheit dabei ein. Dies ändert aber nichts an der Freiheit, einen Lebenswurf zu haben, wobei immer wieder neu eine Wahl getroffen wird.

Beim An-sich-sein gibt es einen Bezug zur Freiheit, da die Verwirklichung von etwas von sie ermöglichenden realen Gegebenheiten bedingt ist. Auch die Bewußtseinsstruktur muß es ja geben, damit Freiheit ins Spiel kommt.

Albrecht 09.12.2013, 05:18

Bücher zu Sartre können vielleicht zusätzliche Klärung bringen, wenn Inhalt und Text der Werke sehr schwierig sind, z. B. (für Erklärungen von mir herangezogen): Martin Suhr, Jean-Paul Sartre zur Einführung. 3. Auflage. Hamburg : Junius, 2007 (Zur Einführung ; 294), S. 87 – 91, S. 104 – 127 und S. 156 – 159

S. 157 – 158 (zu Anlässen und Antrieben beginnend, die erst einmal empfunden werden müssen):
„Sie sind es nicht an sich, sondern nur für ein Bewßtsein, das sie als Anlässe und Antriebe im Rahmen eines Entwurfs setzt, in dem es sich auf Zwecke hin entwirft. Das Für-Sich ist überhaupt erst das sein, durch das es eine Welt gibt. Erst in der Wahl seiner selbst tauchen die Anlässe und Antriebe auf, erst die Handlung entscheidet über sie.

So ergibt sich eine gänzlich andere Struktur der Handlung. Antrieb, Intention, Handlung und Zweck sind ein integriertes Ganzes; sie bilden keine lineare Reihe, sondern eine in sich zurückgehenden Kreis: […].“

S. 158 – 159: „Ich muß mich zunächst auf einen Zweck hin entworfen haben, um den gegebenen Zustand als mangelhaft, als einen zu ändernden zu empfinden. Nur dann treten Anlässe und Antriebe überhaupt auf. Aber worauf hin ich mich entwerfe enthüllt sich mir erst in den Akten selbst. Antrieb, Handlung und Zweck sind ein integriertes Ganzes, »die Handlung entscheidet über ihre Zwecke und ihre Antriebe, und die Handlung ist der Ausdruck der Freiheit« (SN 760 f.).

Die Umorientierung auf ein nichtlineares Handlungsmodell verlagert die Frage nach der Freiheit der Handlung auf die Ebene der Wahl seiner selbst; die Freiheit einer einheitlichen Handlung kann nur im Rahmen dieses ursprünglichen Entwurfs seiner selbst beurteilt werden. der grundlegende Akt »ist Wahl meiner selbst in der Welt und gleichzeitig Entdeckung der Welt« (SN 800). Erst von hier aus gewinnen alle einzelnen oder besonderen Akte ihren Sinn.“

S. 159: „Sartre betont dagegen, dass die Wahl, die wir sind, Ausdruck unserer Freiheit ist. Um Allgemeinen betätigen zwar unsere einzelnen Handlungen unseren Gesamtentwurf. Aber es gibt die Möglichkeit, sogar diesen zu ändern; wir können andere werden, als wir sind. Wir können unseren ursprünglichen Entwurf in dem Maße ändern, wie wir durch unsere Akte über das belehren lassen, was wir gewählt haben. Wir können und müssen uns stets von neuem erfinden.“

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Der Existentialismus ist ein Humanismus,geht man von Satre aus,beschreibt die Freiheit.Dem steht gegenüber die Philosophische Anthropologie. Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe gibt es nach Satre keine Begründung.Nach der Philosophischen Anthropologie gibt es eine Begründung bzw mehrere Begründungen. Lg

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