Betreff: die "toteste" Sprache der Welt

...komplette Frage anzeigen

8 Antworten

Die Frage wird von den Linguisten und Philologen (Lateinlehrer) sehr unterschidlich beantwortet.

Linguisten unterscheiden Latein als Sprache des Volkes, der Redner und als Schriftsprache. Als Volkssprache hat Latein möglicherweise nie existiert oder war zur Zeit Cesars tot. Als Sprache der Redner war sie eine Art Weltsprache und diente wohl auch der Abgrenzung zu den unteren Schichten was wohl auch für die Schriftsprache gilt.

Außerdem ist für Linguisten eine komplexe Grammatik ein Zeichen für sehr alte Sprachen, die noch keine Personalpronomen kannten. Die Vereinfachung der Grammatik bei höherentwickelten Sprachen kann man im Deutschen beobachten und hat heute Englisch zur Weltsprache gemacht.

Da es aber mehr Philologen und Lateinlehrer gibt als Linguisten ist diese Ansicht in Wissenschaft und Internet weniger verbreitet.

http://books.google.de/books?id=S41VDT9pTzcC&pg=PA151&lpg=PA151&dq=latein+linguistik+schriftsprache&source=bl&ots=WqN8Ltf0C0&sig=foxw_mg6PpEYgj65-IboiV6CtiM&hl=de&ei=taweTpWFGIaMswb94u2hAg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=10&ved=0CFUQ6AEwCTgK#v=onepage&q=latein%20linguistik%20schriftsprache&f=false

Es ist vermutlich so, daß das sogenannte klassische Latein nur kurze Zeit vom Volk gesprochen worden ist. Und das wahrscheinlich nur innerhalb von Italien, dem Herkunftsland der Römer, früher Latiner genannt. Es gab wohl die meiste Zeit im Römischen Reich den Unterschied zwischen klassischem Latein und Umgangssprache. Während sich die Umgangssprache stetig verändert hat, ist das klassische Latein die in Grammatiken und Wörterbüchern festgehaltene Sprachform eines kurzen Zeitabschnittes. Das klassische Latein war im Römischen Reich die Sprachform, an der sich Gebildete und die Verwaltung weitgehend ausgerichtet hatten.

In den vom Römischen Reich eroberten Gebieten war Lateinisch anfangs eine vom Volk dort gelernte Sprache, weshalb es dort immer unter Einfluß der ursprünglichen Sprachen stand. Ein Gallier hat im Lateinischen einen gallischen Tonfall behalten oder zu weniger förmlichen Anlässen auch gallische Wörter einfließen lassen. Weil Lateinisch die reichsweite Verwaltungssprache war, ist sie in den eroberten Gebieten mehr und mehr gelernt worden und hat schließlich die einheimischen Sprachen verdrängt.

Die Veränderung der Umgangssprache hat sich noch verstärkt, als das Weströmische Reich 476 zerfiel und auch Rom als Zentrum der lateinischen Sprache wegfiel. Statt auf Rom war man nun eher auf Städte im näheren Umfeld ausgerichtet. Die sprachliche Ausstrahlungskraft von Rom hat aber schon vor dem endgültigen Zerfall immer weiter nachgelassen. So kommt es, daß ab einem gewissen Zeitpunkt das einfache Volk das klassische Latein kaum noch verstanden hat. Die Völkerwanderung hat ihr Übriges getan, um die Verbindung der ehemals römischen Gebiete untereinander abreißen zu lassen.

In der gehobenen Schicht hat man am klassischen Latein mehr oder weniger festgehalten. Aber auch die Kirche pflegt das Lateinische bis heute. Ab dem Zerfall des Weströmsichen Reiches und der Völkerwanderung waren vor allem die Klöster Orte der Gelehrsamkeit, wo man sich um das Bewahren von Wissen bemüht hat und auch das Lateinische weiter gepflegt hat. Aber auch das Lateinische hat sich dort, wo es weitergepflegt worden ist, im Laufe der Zeit verändert, und zwar meist durch Einfluß der Landessprachen. Das im Mitttelalter geschriebene und gesprochene Latein unterscheidet sich vom klassischen Latein antiker Schriftsteller, auch wenn man beides als Lateinkundiger verstehen kann.

Ab dem frühen Mittelalter war dann ein Zeitpunkt erreicht, wo es eindeutig war, daß die gesprochene Sprache etwas anderes als Latein ist. Durch das Eigenbewußtsein vor Ort hat man begonnen, auch die Volkssprachen neben dem Lateinischen schriftlich zu benutzen. Die gehobene Schicht konnte sich der Volkssprache schließlich auch nicht mehr entziehen, weil sie im Umgang mit dem einfachen Volk diese verwenden mußte. Wahrscheinlich sind auch Leute der gehobenen Schicht nach und nach im täglichen Umgang (teilweise) zur Volkssprache übergegangen, nachdem Rom als Zentrum weggefallen war.

Man kann sagen, daß die Entwicklung vom Nebeneinander von gesprochenem und klassischen Latein zum Nebeneinander von Landessprache und Latein etwa um das Jahr 800 abgeschlossen war. Weil gehobene Schichten und die Kirche am Lateinischen festgehalten haben, nicht zuletzt zum Lesen von für sie wichtigen Schriften, ist es bis heute nicht in Vergessenheit geraten.

Als Bildungssprache hat sich Lateinisch sogar über das einstige römische Reich hinaus verbreitet, nämlich dorthin, wo sich auch die römisch-katholische Kirche durch Mission verbreitet hat. Das Fränkische Reich hat das Lateinische als Bildungssprache frühzeitig in Teile Deutschlands, die nie zum Römischen Reich gehört haben, getragen.

Was das oströmische/byzantinische Reich angeht, so muß man bedenken, daß neben dem Lateinischen dort das Griechische immer als Bildungssprache erhalten geblieben ist. Außerdem sind in späterer Zeit in die meisten Gebiete von römischer Kultur unbeeinflußte Völker eingewandert und haben romanische Sprachen dort verdrängt. Eine wichtige Ausnahme ist das heutige Rumänien und die Aromunen, die verstreut über den Balkan und Griechenland leben.

Latein ist noch gar nicht so lange tot. Noch im 19. Jahrhundert wurde es an vielen Universitäten auch noch gesprochen, was viele Vorteile hatte: so ist der Nationalitätenstreit zwischen Deutschen und Tschechen an der Prager Uni erst so richtig ausgebrochen, als Latein als Umgangssprache abgeschafft wurde! Allerdings gibt es schon sehr lange keine Latein-Muttersprachler mehr.

Das Römische Reich ist nicht mit einem Schlag untergegangen. Die Sprache "verwahrloste" aber mit der Zeit, weil in vielen Regionen des ehemaligen Reiches das Bildungssystem zusammenbrach. Besonders deutlich war dies z. B. in Frankreich, wo zumindest das geschriebene Latein im 7. Jahrhundert - gemessen am antiken Vorbild- ziemlich erbärmlich war. Der amtliche Schriftbetrieb wurde dann von englischen Einwanderern wieder auf Vordermann gebracht, die Latein ohnehin als Fremdsprache erlernen mussten und deshalb auch die Grammatikregeln beherrschten. Das war der Zeitpunkt, an dem aus schlechtem Latein legitimes Altfranzösisch wurde und ordentliches Latein den Gelehrten vorbehalten blieb.

In Italien verlief der Zerfallsprozess sehr viel langsamer, weil staatliche und Bildungsstrukturen länger intakt blieben. So ist Dantes "Göttliche Komödie" aus dem 13. Jh., das erste Werk der italienischen Literatur, immer noch sehr viel näher am klassischen Latein als am heutigen Italienisch.

Es gibt übrigens auch heute noch Menschen, die in Konversationszirkeln mit Gleichgesinnten Latein sprechen. Ich habe das auch mal versucht, es wurde mir dann aber doch zu nerdy.

@WhiteZebra: Sprachen werden nicht erfunden, sie entwickeln sich und verwandeln sich. So hat sich das römische Latein in die italienische Sprache verändert und unser Althochdeutsch in unser jetziges Deutsch. Man sprach in der von Römern eroberten Welt Latein so wie man heute als Weltsprache Englisch benutzt. Man benötigte die Sprache der Eroberer, um sich zu verständigen; denn man trieb ja auch Handel und Wandel mit ihnen.

Gruß

Elke

Sonnengesang Latein - (Sprache, Geschichte, Latein)

Latein war die Allgemeinsprache im römischen Reich. Sie ist nicht untergangen, sondern hat sich weiterentwickelt ... in Italienisch, Französich, Spanisch ... halt alle romänischen Sprachen, je nach Region, so wie Altdeutsch heute zu Hochdeutsch geworden ist. Da das römische Reich weit entwickelt war, relativ zumindest, hat sich die Sprache gerade in der Wissenschaft etabliert. Die römische Sprache wurde wahrscheinlich deshalb im römischen Reich benutzt, da es ein stolzes Volk war, und natürlich wollten sie ihre Sprache als Hauptsprache haben. Überall waren römische Vertreter, in jeder Provinz, diese haben wohl dafür gesorgt, dass die Sprache weit verbreitet wurde. Ich bin natürlich kein Experte, wenn ich mich irre darf man mich also korrigieren.

WhiteZebra 14.07.2011, 01:02

Danke. Das war schon hilfreicher als diverse andere Kommentare. xD

0
PaSan 14.07.2011, 01:13

Stimmt alles so, nur sind es romanische Sprachen, nicht romänische ;)

0
riara 14.07.2011, 14:00

Geht in die richtige Richtung, dann füge noch den Umstand hinzu, dass es sich - auch heute noch - als Gelehrtensprache versteht. Wenn man Latein und griechisch konnte, dann war es nicht nur möglich die alten Dokumente nebst Bibel zu verstehen, sondern man konnte sich auch über grosse Entfernungen per Briefwechsel austauschen...

Noch heute sind rechtliche Begriffe und Wissenschaftliche Bezeichnungen in Latein gehalten, also das universellste, was es unter Wissenschaftlern gibt. Man stelle sich eine Welt vor, wo die Tierarten und Grundsatzentscheidungen in mundartlichen Texten gehalten sind, das ist sicher nicht zielführend...:-)

0

Latein wird noch gesprochen im Vatikan, wo es auch Amtssprache ist.

Das Weströmische Reich ist untergegangen im Jahre 476, womit auch gleichzeitig ganze Kulurräume erloschen.

Latein war eine Lingua franca. Sozusagen das Englisch von der Antike bis in die Neuzeit.

Es gibt ein wunderbares Buch von Guy Deutscher, "The Unfolding of Language", voll mit Beispielen über die Evulotion der Sprachen, und vor allem wie schnell diese passiert.

Darin gehts zwar nicht um Latein, aber es wird damit noch klarer, dass das Latein wie wir es kennen lernen ein Kunstprodukt sein muss, das unnatürlich konstant gehalten wurde und wird.

War Latein schon immer nur eine Schriftsprache?

Ja klar. Die Römer sprachen nämlich damals in wirklichkeit Suaheli und das Latein wurde nur erfunden, damit deutsche Schüler in der Schule das Latinum nicht schaffen und bei GF dermaßen unsinnige Fragen stellen, dass man sich über die PISA-Studie nicht zu wundern braucht.

WhiteZebra 14.07.2011, 01:00

Du bist glaube ich der unhöflichste Mensch den ich zum Glück nicht kenn. ^-^

Spaß bei Seite.

Im Übrigen WEIß ich, dass es nicht bewiesen ist, dass Latein schon immer eine Schriftsprache war, das sagen nur Lateinlehrer, weil sie keine Lust haben ihre Schulstunde mit solchem "Geplänkel" zu vergeuden.

PS: Es ist nicht wirklich klug andere als dumm hinzustellen...

0
SebKar 14.07.2011, 01:13
@WhiteZebra

So wie du schreibst, schätze ich, würdest du dein Posting substantiell einem Dritten beantworten können. Sogar richtig schön und mit Begründung. Das traurige ist: Leider stellst du diese Fragen, die du zu 100% selbst beantworten kannst. Davon ist sogar ein Teil sinnfrei.

Ist galt etwas enttäuschend, daher: Verzeih meine Unhöflichkeit. Mea culpa!

0
WhiteZebra 14.07.2011, 13:06
@SebKar

Nein, die Frage kann ich nicht selbst beantworten, weils darauf im Grunde keine wissenschaftlich korrekte Antwort gibt. Letztens führte ich bloß ein Gespräch über genau das Thema und mich interessieren einfach nur die verschiedenen Meinungen bzw. Denkansätze anderer Leute. Mehr nicht.

Aber erklär mir das mt dem sinnfrei bitte nochma, an der Stelle bin ich nicht mitgekommen. ^^
Ich habe nur die Fragen gestellt, die für mich innerhalb der Diskussion nicht ganz stimmig waren.

Und vegibt du mir, ignotis insons, meine für dich nicht so ganz sinnige Frage, wenn du der Meinung warst ich wolle mich nur wichtig machen.

Diskutiern & Hinterfragen ist wohl das, was den Menschen im Leben weiterbringt.

In diesem Sinne: Pax, sororis! ^-^

0
SebKar 14.07.2011, 13:15
@WhiteZebra

Ich bin sehr angenehm überrascht. Aus einer anfangs sinnfreien Diskussion ergibt sich scheinbar doch ein interessanter Ansatz :)

Dass du dich wichtig machen wolltest, war niemals meine Denke. Sei es drum - hier meine Versuche von Antworten:

Aber wie kam es überhaupt dazu? Das Reich Rom wurde als solches ja nicht ausgelöscht...

Ich glaube, die Entwicklung der anderen Sprachen war "schneller" und individueller. Die "Römer" waren relativ starr und unflexibel, was Einflüsse aus anderen Sprachen anging.

Wurde diese Sprache durchgehen gelehrt?

Soweit ich weiß ja, irgendwie schon. Altgriechisch wird ja heute auch noch gelehrt, obwohl man es nicht mehr spricht.

Und wenn nur als Schriftsprache des Adels und der Wissenschaft & der Kirche?

Nach der Römerzeit mag das wohl zutreffen. Ob es Dialekte im Römischen gab, weiß ich leider nicht. Würde mich aber wundern, wenn dem nicht so wäre.

War Latein schon immer nur eine Schriftsprache?

Nein - geht doch gar nicht.

Und wenn, warum sollte sich wer die mühe machen eine sprache zu erfinden, die man nicht spricht & durch die man beim schreiben auch noch umdenken muss?

Siehe oben.

Oder ist die Theorie, das eine allgemeine Sprache benötigt wurde um sich im römischen Reich zu verständigen gar nicht so abwegig?

Dient Sprache nicht immer dazu? :)

0
WhiteZebra 15.07.2011, 02:05
@SebKar

Angenehme Überraschungen sind doch immer die schönsten. =p

0

Was möchtest Du wissen?