"Bestseller" von früher (17. und 18. Jahrhundert)

4 Antworten

Der "Werther" ist ja schon ein sehr gutes Beispiel. Keinesfalls vergessen darfst du jedenfalls auch, dass "früher" nur gebildete Schichten lesen konnten (wobei es hier natürlich mit der Zeit Fortschritte gab und so die Situation sich im 17./18. Jahrhundert im Gegensatz zum zb dem 16. Jahrhundert schon sehr gewandelt hatte) und der Buchmarkt überhaupt ganz anders aussah.

"Bestseller" - also Bücher die sehr bekannt oder von vielen Menschen der höheren Schichten gelesen wurden fanden sich also nicht nur unbedingt im Bereich der Belletristik (mir würden da neben dem Werther zb noch Madame Bovary, Stolz und Vorurteil, Grimms Märchen, Candide, Gullivers Reisen, ... einfallen) oder - sehr weit verbreitet - sog. "Erbauungsliteratur" (oft "Biographien von Heiligen oder MärtyrerInnen, Zusammenstellungen von Gebeten/Katechismen u.ä.), es gab auch zahlreiche (natur)wissenschaftliche Bücher die vielgelesen und diskutiert wurden (siehe zb Darwins "Entstehung der Arten"). Ideen daraus sind dann wiederrum in Theaterstücke, Romane o.ä. eingeflossen. Auch Reiseberichte (ob nun authentisch, abgeschrieben oder halb erfunden) haben vielen Menschen die Möglichkeit gegeben fremde, damals noch ganz neue Welten zu entdecken und hatten tw. einen großen Anteil auf dem Buchmarkt.

Hinzu kommt das auch das Theater (zb Moliere) und die Lyrik (siehe zb Des Knaben Wunderhorn) einen ungemein grösseren Einfluss hatten, gerade das Theater konnte auch von Leuten, die nicht lesen konnten rezipiert werden, in manchen Epochen diente es ebenfalls dazu Ideen auch dem "einfachen Volk" näherzubringen, oder bestimmte Moralvorstellungen aurechtzuerhalten (oder eben auch zu erschüttern).

Ich denke, auch schon damals musste ein Buch etwas "Besonderes" haben, einem gewissen Zeitgeist ent- oder auch entschieden widersprechen und bestimmte Bedürfnisse des Lesepublikums erfüllen - und rückblickend kann man sagen, dass nicht alles was damals ein "Bestseller" war heute noch unbedingt einen großen Platz in der Literaturgeschichte einnimmt.

Die absolute Bestseller-Autorin des 18. Jahrhunderts war Ann Radcliffe mit ihren Schauerromanen. Ihr bekanntestes Werk: "The mysteries of Udolpho".

Nun, der Geschmack der Menge war früher auch nicht besser: Da soll z.B. Goethes Schwager Christian Vulpius mit seiner grausigen Räuberpistole "Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann" mehr Geld gemacht haben als der berühmte und verehrte Herr Geheimrat mit seinen gesamten literarischen Wunderwerken zusammen, und von denen war wieder der größte Schlager ja eine ergreifende, jammervolle Selbstmörderstory.

Und der großartige "Don Quixote" entstand ja als eine Parodie auf die zahllosen spanischen Schmachtfetzen von Rittern und zu rettenden schönen Fräulein, die zur Zeit von Cervantes von den "gebildeten" Leser(inne)n verschlungen wurden und die auch bei uns als vielbändige "Amadis"-Romane zuerst übersetzt und dann in großer Zahl nachgeahmt wurden.

Lies nach in der WIKIPEDIA unter "Rinaldo Rinaldini" und "Amadis de Gaula".

https://de.wikipedia.org/wiki/Amadis_de_Gaula

Vor 200 jahren, war die Aufklärung wie du sicherlich weist. Der erste Bestseller (Europaweiter Verkauf) War (neben der Bibel natürlich) Goethes "Die leiden des jungen Werther". Er schlug ein weil er erstmals den Leser speziell ansprach und die gesellschaftlichen Themen aufgiff.

Das ging sogar soweit dass sich alle anzogen wie werther (Gelbe Hose, Blauer Manter oder andersrum?) und es zu einer kleinen Selbstmordwelle kam bei leuten mit gleicher unglücklicher Liebe. (Werther brachte sich auh um).

Zumindest war das der erste Weltbestseller den es gab.

"Weltbestseller" ist vielleicht ein bisschen übertrieben, der Werther wurde v.a. in Deutschland (hier aber ungemein stark) rezipiert. Und es gab auch schon davor sehr erfolgreiche Werke :)

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